{"id":34490,"date":"2023-09-01T00:10:00","date_gmt":"2023-08-31T23:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=34490"},"modified":"2023-09-01T05:57:04","modified_gmt":"2023-09-01T04:57:04","slug":"gastbeitragfunktionierende-lieferketten-brauchen-keinen-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=34490","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag<\/b><br>Lieferketten funktionieren ohne Staat"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist wohl eine Untertreibung, zu sagen, dass die Welthandelsordnung zurzeit auf dem Pr\u00fcfstand steht. Die Corona-Pandemie und die entstandenen Lieferkettenengp\u00e4sse haben die Verwundbarkeit der internationalen Arbeitsteilung ins Blickfeld ger\u00fcckt. Weitere Turbulenzen f\u00fcr den internationalen Handel entstanden aufgrund des zunehmenden Antagonismus zwischen den USA und China, der in Strafz\u00f6llen m\u00fcndete, und der Sanktionen, die aufgrund des russischen Einmarsches in die Ukraine implementiert wurden. Diese Entwicklungen wecken die Bef\u00fcrchtung, dass sich die Handelsbeziehungen zwischen den L\u00e4ndern und dadurch auch die wirtschaftliche Weiterentwicklung zunehmend entkoppeln.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Im Mai 2023 haben zwar die G-7-L\u00e4nder auf ihrem Gipfel in Japan beschlossen, kein solches \u00abDecoupling\u00bb, sondern nur ein \u00abkluges Derisking\u00bb anzustreben \u2013 wie EU-Kommissions-Pr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen und der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz betonten. Decoupling bedeutet, dass man die Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen M\u00e4rkten und Technologien verringern m\u00f6chte, um die nationale Sicherheit zu erh\u00f6hen. Um die heimische Industrie zu sch\u00fctzen, m\u00fcndet das Decoupling dann oft in ein Re-, Near- oder Friendshoring. Beim Derisking zielt man prim\u00e4r darauf, die Risiken einer zu einseitigen Ausrichtung der Zulieferkette zu verringern, um sich beispielsweise nicht von wenigen Anbietern abh\u00e4ngig zu machen. Damit wird die Zulieferkette stabiler und resilienter gegen negative Schocks wie Unterbr\u00fcche auf den Lieferwegen oder Missernten, aber auch gegen regulatorische \u00c4nderungen. Eine Umfrage unter Industrieunternehmen zeigt, dass lokaler und diversifizierter beschafft wird (Abb.1).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/foell-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-34519\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/foell-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/foell-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/foell-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/foell.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Gute Gr\u00fcnde f\u00fcr das Abstandhalten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In milit\u00e4risch relevanten Industrien etwa sind sicherheitspolitische Bedenken durchaus angebracht, gerade wenn wir uns vor Augen f\u00fchren, dass im Konflikt zwischen China, Russland und dem Westen Autokratien und Demokratien aufeinanderprallen. Da Erstere oft einer zentral gef\u00fchrten Wirtschaft zuneigen, macht es dar\u00fcber hinaus Sinn, aus wettbewerblichen Gr\u00fcnden die Lieferketten zu diversifizieren: Kritische Rohstoffe wie seltene Erden oder andere zentrale Ressourcen sollten nicht in der Hand weniger Akteure liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber bei der grossen Mehrheit der \u00fcbrigen G\u00fcter und Dienstleistungen m\u00fcssen die Firmen selbst \u00fcber ihr optimales Derisking entscheiden \u2013 nicht L\u00e4nder. Vielleicht haben die Unternehmer in den letzten Jahren zu stark auf die Kostenvorteile der internationalen Lieferketten mit wenig diversifizierten Lieferanten gesetzt. Viele Firmen sind deshalb nun bereit, aus eigener Markteinsch\u00e4tzung vermehrt eine Versicherungspr\u00e4mie f\u00fcr stabilere Lieferketten zu zahlen (siehe Abbildung).<\/p>\n\n\n\n<p>Forderungen der Politik bergen hingegen die Gefahr, dass Derisking oder gar Decoupling staatlich gewollt sind und alle Branchen erfassen \u2013 nicht nur sicherheitspolitische Schl\u00fcsselindustrien. Das w\u00e4re kontraproduktiv. Denn verschiedene aktuelle Studien<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/07\/funktionierende-lieferketten-brauchen-keinen-staat\/#footnote_1\">[1]<\/a> zeigen, dass \u00f6konomische Desintegration und Reshoring die Stabilit\u00e4t der heimischen Wirtschaft nicht verbessern, sondern eher noch verringern, weil mit dem Handel eine wichtige Versicherungsfunktion wegf\u00e4llt. In der Nahrungsmittelproduktion etwa k\u00f6nnen Rekordernten in der einen Weltregion Missernten anderswo ausgleichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Moderner Merkantilismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So betrachtet \u00e4hneln das moderne Decoupling oder exzessives Derisking einer altert\u00fcmlichen Vorstellung des Wettbewerbs zwischen Nationen, wie sie vom 16. bis ins 19. Jahrhundert verbreitet war: dem Merkantilismus. Dieser strebte viele Exporte, insbesondere in Fertigprodukten, an. Getreu dem Motto \u00abGeld bleibt hier\u00bb will der Merkantilismus m\u00f6glichst wenig importieren und wenn schon importieren, dann vorwiegend in den Zulieferindustrien. Als Resultat wird ein m\u00f6glichst hoher Leistungsbilanz\u00fcberschuss angestrebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch erstens kann Merkantilismus nicht funktionieren, wenn alle L\u00e4nder dies anstreben. Denn jedes Land w\u00fcrde die f\u00fcr sich strategisch wichtigen G\u00fcter horten, was letztlich zu einem Teufelskreis f\u00fchrt: Die Beschaffung von Produkten w\u00fcrde schwieriger, und in der Konsequenz w\u00fcrden die L\u00e4nder die Vorratshaltung nochmals erh\u00f6hen. Dies m\u00fcndet schliesslich in einer Negativspirale mit gegenseitigem Vertrauensverlust und weiter r\u00fcckl\u00e4ufigem Handel. Der Balanceakt des weltweit wichtigen Mikrochipproduzenten S\u00fcdkorea, der sowohl aus den USA als auch aus China unter Druck steht, keine Chips an die jeweils andere Grossmacht zu liefern, ist nur ein aktuelles Beispiel daf\u00fcr. Nehmen solche F\u00e4lle weiter zu, verliert der internationale Handel seine zentrale Diversifikationsfunktion, die es erlaubt, bei Lieferengp\u00e4ssen in einem Land aus einem anderen zu importieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens verkennt der Merkantilismus fr\u00fcher wie heute, dass die Handelsgewinne oftmals in den Importen liegen. Dank Importen k\u00f6nnen wir Produkte g\u00fcnstiger kaufen, als wir sie selbst produzieren k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen also eine \u00abMake or buy\u00bb-Entscheidung treffen: importieren oder selbst produzieren. Wer nur die eigenen Exporte maximieren will, setzt die eigenen kostbaren Ressourcen m\u00f6glicherweise am falschen Ort ein. Die Schweiz beispielsweise ist nicht nur im Pharmabereich auf wissensintensive Produkte spezialisiert und belegt in Innovationsrankings regelm\u00e4ssig die vordersten Pl\u00e4tze. Dieser beispiellose und breit abgest\u00fctzte Erfolg ist ein Beleg daf\u00fcr, dass die Schweizer Volkswirtschaft im Ganzen ihre \u00abMake or buy\u00bb-Entscheidung gut trifft. Solange wir nicht durch Handelsbarrieren abgeschottet sind, produzieren und exportieren wir dort, wo wir stark sind, und importieren, was wir nur teuer in Eigenregie herstellen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Globalisierung ist nicht tot<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie soll sich also die Schweiz inmitten dieser Entwicklungen positionieren? Es steht ausser Frage, dass eine kleine offene Volkswirtschaft auf eine multilaterale Handelsarchitektur angewiesen ist, die allen Firmen m\u00f6glichst gleich lange Spiesse erm\u00f6glicht. In Zeiten des Fachkr\u00e4ftemangels k\u00f6nnen wir unm\u00f6glich alle G\u00fcter und Dienstleistungen selbst produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In der (Aussen-)Wirtschaftspolitik muss die Schweiz deshalb zentralen Grunds\u00e4tzen folgen. Die Standortattraktivit\u00e4t h\u00e4ngt nicht von schwacher W\u00e4hrung oder der Verf\u00fcgbarkeit seltener Erden vor Ort ab, sondern vom Wachstums- und Innovationspotenzial. Gerade f\u00fcr ein kleines Land geht es nicht um den Wettbewerb zwischen Nationen, sondern um den Wettbewerb der Firmen im Weltmarkt. Will heissen: Die Schweiz ist keine Firma und muss sich deshalb nicht mit Lieferkettenstrategien besch\u00e4ftigen oder mit einer Industriepolitik eine national f\u00fchrende Branche k\u00fcren. Vielmehr muss sie f\u00fcr innovative K\u00f6pfe und Firmen attraktiv sein. Voraussetzung daf\u00fcr sind ein flexibler Arbeitsmarkt, attraktive Steuern, ein gutes Bildungssystem f\u00fcr Arbeitskr\u00e4fte sowie optimale Rahmenbedingungen in Forschung, Rechtssicherheit und Marktzugang f\u00fcr Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine in vielen Branchen entkoppelte Welt ist weder f\u00fcr den Westen noch f\u00fcr China eine attraktive Option. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen: Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Globalisierung weiterhin sehr lebendig. Zwar w\u00e4chst der G\u00fcterhandel nicht mehr so dynamisch wie vor 15 Jahren, als Chinas Integration in den Weltmarkt volle Fahrt aufgenommen hat. Aber oft wird vergessen, dass der Dienstleistungssektor den gr\u00f6ssten Teil der Volkswirtschaften ausmacht. Hier sind die Handelsbarrieren noch am h\u00f6chsten, weshalb hier noch viel Potenzial f\u00fcr Liberalisierungen liegt. Stichwort Telearbeit und selbstlernende Software: Das grosse Wachstum des Dienstleistungshandels steht uns noch bevor.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/07\/funktionierende-lieferketten-brauchen-keinen-staat\/#footnote_1\">[1]<\/a> Siehe etwa D\u2019Aguanno et al. (2021) und Felbermayr et al. (2023).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>D\u2019Aguanno L, O. Davies, A. Dogan, R. Freeman, S. Lloyd, D. Reinhardt, R. Sajedi und R. Zymek (2021). Global Value Chains, Volatility and Safe Openness: Is Trade a Double-edged Sword? Financial Stability Paper 46.<\/li>\n\n\n\n<li>Felbermayr, G., H. Mahlkow und A. Sandkamp (2023). Cutting Through the Value Chain: The Long-run Effects of Decoupling the East from the West. Empirica 50, 75\u2013108.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien zuerst in: <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2023\/07\/industriepolitik-ist-letztlich-planwirtschaft\/\"><em>Die Volkswirtschaft<\/em>, 18. Juli<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wohl eine Untertreibung, zu sagen, dass die Welthandelsordnung zurzeit auf dem Pr\u00fcfstand steht. 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