{"id":36243,"date":"2024-03-26T06:47:36","date_gmt":"2024-03-26T05:47:36","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=36243"},"modified":"2025-02-27T10:07:48","modified_gmt":"2025-02-27T09:07:48","slug":"gastbeitrag-oekonomen-und-schuldenbremse-warum-sind-die-sichtweisen-so-geteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=36243","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>\u00d6konomen und Schuldenbremse <br><b>Warum sind die Sichtweisen so geteilt?<\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Deutschlands \u00d6konomen sind zerstritten. Die einen wollen an den strengen Obergrenzen f\u00fcr staatliche Defizite festhalten, die anderen wollen h\u00f6here Defizite f\u00fcr h\u00f6here Investitionen erlauben.<\/em> <em>Warum?<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nach dem Karlsruher Urteil zur Schuldenbremse ist eine heftige Debatte um die Zukunft dieser Regel entbrannt. Das Bundesverfassungsgericht hatte im letzten November die Umgehung der Schuldenbremse durch Sonderverm\u00f6gen untersagt. In dieser Diskussion zeigen sich deutsche \u00d6konomen zerstritten. W\u00e4hrend die einen an den strengen Obergrenzen f\u00fcr Defizite von Bund und L\u00e4ndern unver\u00e4ndert festhalten wollen, k\u00f6nnen sich die anderen eine Reform vorstellen, bei der h\u00f6here Defizite f\u00fcr h\u00f6here Investitionen erlaubt w\u00fcrden. Aktuelle Umfragen zeigen, dass beide Lager in etwa gleich gro\u00df sind (ifo, 2023; ZEW, 2024). Wie l\u00e4sst sich diese in etwa h\u00e4lftige Spaltung erkl\u00e4ren? Hier kommen die folgenden drei verschiedenen Erkl\u00e4rungen in Betracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein erster Erkl\u00e4rungsansatz ergibt sich aus unterschiedlichen pers\u00f6nlichen Interessen. Auch \u00d6konomen verfolgen individuelle Ziele, die in der Regel mit denen der eigenen Institutionen eng verbunden sind. So k\u00f6nnten \u00d6konomen in \u00f6ffentlich finanzierten Einrichtungen im Unterschied zu Kollegen in der Privatwirtschaft Sorgen um einen Sparkurs des Staates haben. Sparma\u00dfnahmen zur Einhaltung der Schuldenbremse machen m\u00f6glicherweise auch vor den Budgets von Universit\u00e4ten und Instituten keinen Halt. \u00d6konomen in der Industrie oder der Finanzbranche d\u00fcrften dies entspannter sehen. Allerdings k\u00f6nnen auch Volkswirte in privatwirtschaftlich finanzierten Positionen ein Interesse an eine Lockerung der Schuldenbremse haben, wenn diese Lockerung h\u00f6here Subventionen f\u00fcr die Unternehmen erwarten l\u00e4sst, die den eigenen Arbeitsplatz finanzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweiter Erkl\u00e4rungsansatz ergibt sich aus einer unterschiedlichen politischen Orientierung. \u00d6konomen sind genauso wie andere Menschen durch politische \u00dcberzeugungen gepr\u00e4gt. Auch hier gibt es somit Personen, die grunds\u00e4tzlich eine eher staats- oder eher marktgl\u00e4ubige Positionierung haben. Staatsgl\u00e4ubige Forscher, die erwarten, dass die Zukunftsaufgaben nur mit einem finanziell reich ausgestatteten \u00f6ffentlichen Haushalt l\u00f6sbar sind, sind eher f\u00fcr eine Lockerung der Schuldenbremse als diejenigen, die glauben, dass Marktprozesse die notwendigen Anpassungen ansto\u00dfen sollten. Dies l\u00e4sst sich f\u00fcr die Klimapolitik verdeutlichen. Marktorientierte \u00d6konomen sehen wenig Gr\u00fcnde f\u00fcr gro\u00dfe Transformationsbudgets beim Staat. Sie pl\u00e4dieren stattdessen daf\u00fcr, CO2-Emissionen umfassender als bisher mit einem Preis zu versehen und dann die Transformation privaten Investitionen zu \u00fcberlassen. Hingegen haben staatsfreundliche Forscher in der Regel eine gro\u00dfe Skepsis, dass die Transformation ohne eine auch finanziell stark gestaltende Rolle des Staates funktionieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein dritter Erkl\u00e4rungsansatz betrifft die fachliche Ausrichtung der Experten. Hier unterscheiden sich Forscher in ihrer Denkweise erkennbar, je nachdem, ob sie durch eine polit\u00f6konomische Analyse gepr\u00e4gt sind oder nicht. Mikro- und Makro\u00f6konomen, die davon ausgehen, dass politische Akteure gemeinwohlorientiert sind und langfristig denken, sind eher offen f\u00fcr eine Lockerung. Solche Volkswirte gehen davon aus, dass die Parlamente und Regierungen von Bund und L\u00e4ndern h\u00f6here Defizite verantwortlich nutzen werden, um in erster Linie h\u00f6here Investitionen oder andere Zukunftsaufgaben zu finanzieren. Aus dieser Perspektive ist es gut zu vertreten, die Schuldenbremse zu lockern, um damit Zukunftsherausforderungen zu bew\u00e4ltigen. Anders die Sicht von Forschern, die polit\u00f6konomisch denken. Die politische \u00d6konomie (oder auch \u201ePublic Choice\u201c) betrachtet politische Entscheidungen aus der Perspektive der Eigeninteressen der Akteure. Staatsdefizite werden aus diesem Blickwinkel nicht in erster Linie genutzt, um Investitionen zu finanzieren, sondern um die n\u00e4chste Wahl zu gewinnen. Und f\u00fcr die Wiederwahlchancen sind sind Transfers wie Renten oder Kindergeld wichtiger als Ausgaben f\u00fcr Grundlagenforschung oder den Klimaschutz, die sich erst nach Jahrzenten auszahlen. Aus dieser Perspektive heraus besteht eine gro\u00dfe Skepsis, ob h\u00f6here Defizite wirklich f\u00fcr h\u00f6here Investitionen genutzt werden. Polit\u00f6konomen bef\u00fcrchten, dass die Investitionsorientierung neuer Schulden nur eine Art von falschem Alibi ist. Die Erwartung dieser Denkschule ist daher, dass der Investitionsbezug zwar rhetorisch genutzt wird, um die Lockerung der Schuldenregel zu begr\u00fcnden, dies in der haushaltspolitischen Praxis aber nicht gelebt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ifo (2023): Die deutsche Schuldenbremse \u2013 Stabilit\u00e4tsanker oder Investitionsblocker?, \u00d6konomenpanel von ifo und FAZ, www.ifo.de\/fakten\/2023-12-08\/die-deutsche-schuldenbremse-stabilitaetsanker-oder-investitionsblocker<\/p>\n\n\n\n<p>ZEW (2024): Finanzmarktexperten nehmen B\u00fcrokratie statt Schuldenbremse als Investitionsh\u00fcrde wahr, Sonderfrage im ZEW-Finanzmarkttest, www.zew.de\/presse\/pressearchiv\/finanzmarktexperten-nehmen-buerokratie-statt-schuldenbremse-als-investitionshuerde-wahr<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Kommentar erscheint in modifizierter Form als Leitartikel in Heft 4 (2024) der Fachzeitschrift <a href=\"https:\/\/rsw.beck.de\/zeitschriften\/wist\">WiSt<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Podcast zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=36029\">Wie geht es weiter mit der Schuldenbremse? Fiskalregeln auf dem Pr\u00fcfstand<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gespr\u00e4ch zwischen Prof. Dr. <strong>Friedrich Heinemann<\/strong> (ZEW) und Dr. <strong>J\u00f6rn Quitzau<\/strong> (Berenberg)<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschlands \u00d6konomen sind zerstritten. Die einen wollen an den strengen Obergrenzen f\u00fcr staatliche Defizite festhalten, die anderen wollen h\u00f6here Defizite f\u00fcr h\u00f6here Investitionen erlauben. 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