{"id":37000,"date":"2024-05-29T00:57:00","date_gmt":"2024-05-28T23:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37000"},"modified":"2025-05-30T07:40:48","modified_gmt":"2025-05-30T06:40:48","slug":"gastbeitrag-staatsschulden-droht-die-naechste-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37000","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Staatsschulden <br><b>Droht die n\u00e4chste Krise? <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie lange k\u00f6nnen sich Staaten verschulden? Die Antwort ist einfach: So lange, wie die Geldgeber auf die R\u00fcckzahlungsf\u00e4higkeit des Staates vertrauen. Diese einfache Antwort hat nur einen Haken \u2013 niemand weiss, wann das Vertrauen der Geldgeber verloren geht. Wenn das Vertrauen an den Finanzm\u00e4rkten kippt, kann es sehr schnell gehen. Ein Land, das eben noch als kreditw\u00fcrdig galt, kann sich pl\u00f6tzlich in einer Schuldenkrise wiederfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der globalen Finanzkrise 2008\/09 wurde die Schuldentragf\u00e4higkeit von Staaten genau hinterfragt. Die Finanzmarktakteure sorgten sich angesichts der sprunghaft gestiegenen Staatsschulden: Werden die Staaten ihre Schulden weiterhin p\u00fcnktlich und vollst\u00e4ndig bedienen k\u00f6nnen? Nach anf\u00e4nglich gr\u00f6sster Nervosit\u00e4t entspannte sich die Situation allm\u00e4hlich, da die Zentralbanken einen Teil der Staatsschulden aufkauften, ihre Geldpolitik lockerten und dadurch die Zinslasten der Staaten reduzierten. Die niedrigeren Zinsen wurden in vielen F\u00e4llen allerdings nicht dazu genutzt, die Schulden abzubauen und die Staatsfinanzen zu sanieren. Vielmehr nutzten viele L\u00e4nder das g\u00fcnstige Finanzierungsumfeld, um sich noch weiter zu verschulden. Insbesondere w\u00e4hrend der Pandemie gab es einen regelrechten Schuldenschub. So stiegen die Schuldenquoten vieler L\u00e4nder sogar \u00fcber die Niveaus w\u00e4hrend der Finanzkrise.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa1-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-37004\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa1-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa1-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa1-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa1.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Da das Zinsniveau anf\u00e4nglich noch niedrig war, wurden die Schulden von vielen Beobachtern immer noch nicht als grosses Problem gesehen. Im Gegenteil: Da mit der Kreditaufnahme viele akute Probleme kurzfristig gel\u00f6st werden konnten und die horrenden Staatsschulden kaum negative Nebenwirkungen zu haben schienen, erkl\u00e4rten einzelne \u00d6konomen, Finanzmarktakteure und Politiker das Schuldenmachen zur Tugend. Laut der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) k\u00f6nnen L\u00e4nder mit eigener Zentralbank quasi unbegrenzt Geld ausgeben, weil das ben\u00f6tigte Geld ja von der Zentralbank bereitgestellt werden k\u00f6nnte. Bevor diese Sicht der Dinge salonf\u00e4hig wurde, kam jedoch der grosse Inflationsschub und r\u00fcckte die Gefahr expansiver Geldpolitik und hoher Staatsschulden wieder in das richtige Licht. Infolge der hohen Inflation kam es auch zum Anstieg der Zinsen: In den USA waren die Zinsen f\u00fcr zehnj\u00e4hrige Staatsanleihen w\u00e4hrend der Pandemie vor\u00fcbergehend auf unter 1% gefallen. Seither sind die Zinsen kr\u00e4ftig gestiegen, zeitweilig sogar bis 5%.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa2-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-37005\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa2-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa2-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa2-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa2.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die OECD hat in ihrem \u201eGlobal Debt Report 2024\u201c darauf hingewiesen, dass in den n\u00e4chsten drei Jahren 40&nbsp;% der globalen Staatsschulden f\u00e4llig werden und eine Anschlussfinanzierung ben\u00f6tigen. Die inzwischen h\u00f6heren Zinsen schlagen dann also auf diese zu refinanzierenden Schulden durch und erh\u00f6hen die Finanzierungslasten f\u00fcr die Finanzminister. Wie schnell sich die h\u00f6heren Zinsen in den \u00f6ffentlichen Budgets niederschlagen, h\u00e4ngt von der Laufzeitstruktur der Staatsschulden des jeweiligen Landes ab. Je k\u00fcrzer die Restlaufzeit der ausstehenden Staatsanleihen, desto schneller machen sich die gestiegenen Zinsen bemerkbar, weil die Staatsanleihen am Ende ihrer Laufzeit zu dem nun erh\u00f6hten Zinssatz anschlussfinanziert werden m\u00fcssen. Die Schweizer Staatsschulden haben eine relativ lange durchschnittliche Restlaufzeit von 10,5 Jahren. Damit ist die Schweiz gegen steigende Zinsen vergleichsweise gut gesch\u00fctzt. Die USA hingegen sind mit einer durchschnittlichen Restlaufzeit von 5,8 Jahren wesentlich anf\u00e4lliger (Abb. 3).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"563\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa3-768x563-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-37539\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa3-768x563-1.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/schuldusa3-768x563-1-300x220.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00dcblicherweise stehen eher Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder vor dem Risiko, durch unsolide Wirtschafts- und Finanzpolitik in Schuldenkrisen zu geraten. Aktuell k\u00f6nnen aber auch grosse Volkswirtschaften nicht mehr sicher sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der weltweit gr\u00f6ssten Volkswirtschaften haben gewaltige Schuldenberge aufget\u00fcrmt. Einsamer Spitzenreiter ist Japan mit einer Schuldenquote von rund 255% des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Auch die USA sind mit einer Schuldenquote von rund 125% und einer fortgesetzt schuldentreibenden Finanzpolitik nicht mehr \u00fcber jeden Zweifel erhaben. Es dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Wie lange werden die Finanzmarktakteure bereit sein, die gewaltigen Schulden zu finanzieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eingangs erw\u00e4hnt, l\u00e4sst sich der Zeitpunkt daf\u00fcr nicht mit mathematischer Pr\u00e4zision berechnen. Es ist eine Frage des Vertrauens. Aber es gibt Fr\u00fchwarnzeichen. Dazu geh\u00f6ren die Zinsen, die ein Land f\u00fcr aufgenommene Kredite zahlen muss. Je h\u00f6her das Risiko eines Zahlungsausfalls eingesch\u00e4tzt wird, desto h\u00f6her sind die Zinsforderungen der Kreditgeber. Mit anderen Worten: Die Risikopr\u00e4mien steigen, sodass h\u00f6here Zinsen ein Indikator f\u00fcr unsolide Staatsfinanzen sein k\u00f6nnen. Einen \u00e4hnlichen Anhaltspunkt liefern die Pr\u00e4mien f\u00fcr Kreditausfallversicherungen (Credit Defaults Swaps, CDS). Auch hier gilt: Je gr\u00f6sser das Risiko, dass ein Land seine Schulden nicht zur\u00fcckzahlen kann, umso h\u00f6her sind die Versicherungspr\u00e4mien. Beide Indikatoren sind jedoch nicht verl\u00e4sslich, weil Zentralbanken und Regierungen in die M\u00e4rkte eingreifen und entstehende Risiken in die Zukunft verschieben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn eine Zentralbank die Bereitschaft verk\u00fcndet, im Notfall die gef\u00e4hrdeten Staatsanleihen aufzukaufen \u2013 wie es einst der ehemalige EZB-Pr\u00e4sident Mario Draghi mit seiner \u201eWhatever it takes\u201c-Rede tat \u2013, entspannen sich die M\u00e4rkte. Die Finanzmarktakteure brauchen nun nicht mehr zu f\u00fcrchten, keine K\u00e4ufer f\u00fcr die Anleihen finanzpolitisch angeschlagener Staaten zu finden \u2013 im Notfall steht ja die Zentralbank als K\u00e4ufer bereit. Damit werden aber die Risikosignale verzerrt bzw. ausgeschaltet. Das ist in Ordnung, wenn die Zentralbank mit ihrem Eingreifen einer irrationalen Marktpanik entgegenwirkt. Wenn die M\u00e4rkte aber zu Recht Zweifel an der R\u00fcckzahlungsf\u00e4higkeit eines Staates haben und deswegen h\u00f6here Risikopr\u00e4mien verlangen, ist ein Eingreifen der Zentralbank nicht sachgerecht. Die grosse Kunst ist, berechtigte Sorgen von irrationaler Marktpanik zu unterscheiden \u2013 in der Praxis keine leichte Aufgabe. Die EZB wird diese Entscheidung m\u00f6glicherweise treffen m\u00fcssen, wenn sie ihr 2022 neu geschaffenes \u201eTransmission Protection Instrument\u201c (TPI) aktiviert, um hoch verschuldete L\u00e4nder vor einem zu starken Zinsanstieg zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Ratingagenturen versuchen, die R\u00fcckzahlungsf\u00e4higkeit der Staaten zu bewerten und entsprechende Kreditratings zu vergeben. Die globale Finanzkrise hat gezeigt, dass auch die Profis der Ratingagenturen mit ihrer Risikoeinsch\u00e4tzung falsch liegen k\u00f6nnen. Sie haben die Risiken zu lange untersch\u00e4tzt und sind ihrer Fr\u00fchwarnfunktion damit nicht nachgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben solchen Fehleinsch\u00e4tzungen gibt es noch ein systemimmanentes Problem: Ratingagenturen bewerten, ob ein Land seinen Verpflichtungen p\u00fcnktlich und vollst\u00e4ndig nachkommen wird. Bewertet wird dabei die R\u00fcckzahlung eines aufgenommenen Kredites in nominalen, nicht in realen Werten. Das heisst: Die Ratingagenturen bewerten lediglich, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Land den aufgenommenen Kreditbetrag zum vereinbarten Zeitpunkt in voller H\u00f6he zur\u00fcckzahlen wird. Wenn dieser Betrag zwischenzeitlich durch Inflation teilentwertet wurde, spielt das f\u00fcr die Ratingagenturen keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt: Die Ratings geben nur relative, aber nicht absolute Ausfallwahrscheinlichkeiten an. Im speziellen Fall der USA gilt zu ber\u00fccksichtigen, dass ein Zahlungsausfall der USA kein isoliertes Ereignis w\u00e4re. Wenn die weltgr\u00f6sste Wirtschaftsnation und der international wichtigste Finanzmarktakteur einen Staatsbankrott erleidet, w\u00fcrde das massive Folgen f\u00fcr die internationalen Finanzm\u00e4rkte haben. Andere L\u00e4nder w\u00fcrden in den Abw\u00e4rtsstrudel hineingezogen. Die USA sind \u201etoo big to fail\u201c und \u201etoo interconnected to fail\u201d. Wenn die Ratingagenturen die USA herabstufen, m\u00fcssten Sie eigentlich konsequenterweise alle anderen L\u00e4nder, die von potenziellen Ansteckungseffekten betroffen sind, mit herabstufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gesamtbild ergibt sich, dass die Fr\u00fchindikatoren f\u00fcr eine Schuldenkrise im speziellen Fall der USA kaum anschlagen d\u00fcrften. Sollten die USA eines Tages in ernsthafte finanzpolitische Schwierigkeiten kommen, d\u00fcrfte die Stimmung an den Finanzm\u00e4rkten vergleichsweise rasch kippen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass an den Finanzm\u00e4rkten sogenannte Multiple Gleichgewichte m\u00f6glich sind. Das heisst: Der gleiche volkswirtschaftliche Datenkranz kann zu unterschiedlichen Marktergebnissen f\u00fchren. Wie besorgt Finanzmarktakteure \u00fcber einen bestimmten Schuldenstand sind und wie hoch die daraus resultierenden Zinsen sind, h\u00e4ngt massgeblich vom Vertrauen der Akteure ab, das wiederum von den am Markt dominierenden Narrativen beeinflusst wird. Insofern ist es wichtig, die US-Finanzpolitik genau zu beobachten und sich ein eigenes Bild von der Schuldentragf\u00e4higkeit zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorerst scheint das Vertrauen in die USA aber noch nicht sonderlich angekratzt zu sein, denn wenn die Welt Krisen erlebt, dann suchen die internationalen Anleger nach wie vor Zuflucht im US-Dollar als sicherem Anlagehafen. Und sollte es doch zu einem Vertrauensverlust oder sogar K\u00e4uferstreik kommen, w\u00fcrde die amerikanische Notenbank notgedrungen wieder einschreiten und Staatsanleihen aufkaufen, um das Zinsniveau zu dr\u00fccken und die Marktakteure zu beruhigen. Das w\u00e4re zwar kein solides und nachhaltiges finanz- und geldpolitisches Vorgehen, weil damit die Inflationsgefahr erneut stiege. Doch mit Inflation l\u00e4sst sich die Last der Staatsschulden reduzieren. Und im Zweifel werden sich die USA eher daf\u00fcr entscheiden, die Staatsschulden weg zu inflationieren, als eine internationale Finanzkrise zu riskieren.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schuldentragf\u00e4higkeit hat viel mit Vertrauen zu tun. F\u00fcr Staatsschuldenkrisen gibt es Fr\u00fchwarnindikatoren, die einen beginnenden Vertrauensverlust anzeigen k\u00f6nnen. Allerdings k\u00f6nnen staatliche und geldpolitische Massnahmen die Fr\u00fchwarnindikatoren ausser Kraft setzen, indem die finanzpolitischen Probleme in die Zukunft verschoben werden. 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