{"id":37209,"date":"2024-06-28T00:03:00","date_gmt":"2024-06-27T23:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37209"},"modified":"2024-06-28T05:57:06","modified_gmt":"2024-06-28T04:57:06","slug":"gruene-transformation-2-der-6-punkte-plan-des-iwh-kritisch-kommentiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37209","title":{"rendered":"<b>&#8222;Gr\u00fcne&#8220; Transformation (2) <\/b><br>Der 6 Punkte Plan des IWH kritisch kommentiert"},"content":{"rendered":"\n<p>Reint Gropp und Oliver Holtem\u00f6ller (im Folgenden GH) haben einen 6 Punkte Plan f\u00fcr eine &#8222;effiziente gr\u00fcne Transformation&#8220; vorgelegt (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37157\">hier<\/a>). Es ist nat\u00fcrlich sehr zu begr\u00fc\u00dfen, dass damit auch das IWH in der klimapolitischen Diskussion eine klare Position bezieht und vielem von dem, was der Plan vorsieht, ist unbedingt zuzustimmen. Allerdings treffen die Autoren nicht immer den Nagel auf den Kopf. Manchmal geht es knapp daneben und manchmal ziemlich weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr erster Punkt betrifft die Klimaziele Deutschlands und der EU. V\u00f6llig zurecht kritisieren GH, dass die Bundesregierung noch ehrgeizigere Ziele definiert hat als die EU. Das macht wirklich keinen Sinn und geh\u00f6rt so bald wie m\u00f6glich korrigiert. Deutschland ist Teil der EU und sollte sich auch so benehmen. Der einzige Effekt dieses \u00dcberehrgeizes ist, dass bei der Realisierung des EU Ziels Deutschland h\u00f6here Lasten tragen muss als der Rest der EU. Bis dahin ist GH uneingeschr\u00e4nkt zuzustimmen. Leider unterlassen sie es aber, die EU Ziele auf ihre Sinnhaftigkeit zu untersuchen. Ist das Ziel, in den n\u00e4chsten rund 25 Jahren klimaneutral zu werden, wirklich sinnvoll? Und ist die EU wirklich die &#8222;relevante Instanz&#8220; f\u00fcr den Klimaschutz? Die letzte Frage ist leicht zu beantworten. F\u00fcr den Klimawandel relevant ist ausschlie\u00dflich die Entwicklung der globalen Emissionen. Und da gilt leider, dass sich weder die Anstrengungen Deutschlands (Stichwort Energiewende) noch die der EU abbilden, wie die folgende Graphik deutlich zeigt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/ghabb-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-37211\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/ghabb-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/ghabb-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/ghabb-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/ghabb.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die EU hat gegen\u00fcber 1990 ihre CO<sub>2<\/sub>-Emissionen um mehr als ein Viertel gesenkt \u2013 ohne dass sich das in den globalen Daten niederschl\u00e4gt. Die Abbildung zeigt Episoden, in denen die CO<sub>2<\/sub>-Emission tats\u00e4chlich zur\u00fcckging \u2013 aber das waren allesamt weltweite Krisenepisoden: Die zweite \u00d6lkrise, die Finanzkrise und die Corona Pandemie. Die EU zur einzigen relevanten Instanz zu erkl\u00e4ren hat zur Folge, dass die Wirkungslosigkeit nicht global wirksamer Nachfragereduktionen nicht erkannt werden kann. Spart Europa fossile Brennstoffe ein, sinkt deren Weltmarktpreis und andere Regionen steigern ihre Nachfrage. Die EU verschiebt die Emission nur, ohne einen Einspareffekt zu erzielen. Das gilt f\u00fcr die deutschen Einsparungen gleich zweimal: Erstens sind diese innerhalb Europas redundant, weil die durch Einsparungen im Energiesektor nicht mehr ben\u00f6tigten Emissionszertifikate verkauft werden und die in Deutschland eingesparten Emissionen dann in anderen EU L\u00e4ndern stattfinden. Zweitens sind die durch den EU Emissionshandel eingesparten Mengen einem globalen Substitutionsprozess ausgesetzt, der sie wirkungslos werden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie steht es um das Ziel der Klimaneutralit\u00e4t bis 2050? Das bedeutet nicht weniger, dass wir <em>alle<\/em> fossilen Brennstoffe konsequent vermeiden, also alle Heizungen, Autos und industriellen Prozesse, die Energie ben\u00f6tigen, dekarbonisieren. GH schreiben an anderer Stelle, dass der Strombedarf bis 2030 um 50% steigt. Das ist aber bestenfalls die Spitze des Eisbergs, wenn man mit der Klimaneutralit\u00e4t Ernst machen will. Allein die Elektrifizierung der Chemischen Industrie w\u00fcrde den Strombedarf Deutschlands verdoppeln. Weltweit w\u00fcrde die Dekarbonisierung der Chemischen Industrie 55 Prozent der f\u00fcr 2030 erwarteten Stromproduktion ben\u00f6tigen <a href=\"https:\/\/www.pnas.org\/doi\/full\/10.1073\/pnas.1821029116\">https:\/\/www.pnas.org\/doi\/full\/10.1073\/pnas.1821029116<\/a> &nbsp;.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher decken wir nur 20% des Energiebedarfs mit Strom. Der Rest wird fossil abgedeckt und m\u00fcsste komplett durch nicht fossile Energie ersetzt werden. Wie das gehen soll, angesichts der nicht Speicherbarkeit der volatilen Erneuerbaren, ist nicht zu erkennen. Absehbar ist aber, dass es unglaublich teuer w\u00fcrde. Wenn man eine grobe Absch\u00e4tzung macht und unterstellt, dass das Pareto Prinzip auch bei der Herstellung von Klimaneutralit\u00e4t gilt (80% der Kosten f\u00fcr die letzte 20%), dann landet man bei mehreren Billionen Euro nur f\u00fcr Deutschland \u2013 ohne die privaten Investitionen in W\u00e4rmepumpen etc. zu ber\u00fccksichtigen. Es ist ziemlich klar, dass die nationalen Haushalte und die Kapitalm\u00e4rkte das nicht mitmachen werden. Zum Gl\u00fcck muss man sagen, denn die enormen Kosten f\u00fcr die Klimaneutralit\u00e4t Europas zu tragen w\u00e4re im h\u00f6chsten Ma\u00dfe ineffizient und eine pure Verschwendung, wenn die anderen Teile der Welt nicht mitziehen. Europa muss sich auf den Weg machen und zu einer reziproken Klimapolitik \u00fcbergehen, die weitere eigene Anstrengungen unter den Vorbehalt stellt, dass der Rest der Welt mitzieht. Daf\u00fcr gilt es die richtigen Instrumente bereitzustellen und die hat die EU bereits. Das EU ETS (Emission Trading System) funktioniert im Ansatz und k\u00f6nnte als Vorbild f\u00fcr eine globale Klimapolitik dienen, die effizient CO<sub>2<\/sub> einspart und die Menschen dabei nicht \u00fcberfordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen ist die Forderung nach Klimaneutralit\u00e4t und die nach Kosteneffizienz ein Widerspruch. Kosteneffizienz l\u00e4sst sich dadurch erreichen, dass immer dort CO<sub>2<\/sub> eingespart wird, wo es die geringsten Kosten verursacht dies zu tun. Klimaneutralit\u00e4t fordert, dass \u00fcberall CO<sub>2<\/sub> beseitigt wird, v\u00f6llig egal, was es kostet. \u00dcbernimmt man dieses Ziel, kann man sich alle Gedanken zur Kosteneffizienz eigentlich schenken.<\/p>\n\n\n\n<p>GH schreiben in ihrem ersten Punkt zum Emissionshandel: <em>\u201eDie Anzahl der handelbaren CO2-Zertifikate sollte diesen Obergrenzen entsprechen. Das hei\u00dft, die Anzahl der im Umlauf befindlichen Zertifikate sollte j\u00e4hrlich abnehmen, m\u00f6glicherweise durch Aufk\u00e4ufe von Zertifikaten durch die Staaten. Der Pfad f\u00fcr die Anzahl der Zertifikate sollte langfristig vorgegeben sein, sodass die Unternehmen und die Haushalte planen k\u00f6nnen.\u201c<\/em> Das ist ein bisschen befremdlich, denn genau so ist das EU ETS schon lange organisiert. Nur dass die Absenkung nicht durch Aufk\u00e4ufe erfolgt, sondern durch eine j\u00e4hrlich reduzierte Vergabe von Emissionsrechten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Strategiepunkt pl\u00e4dieren GH daf\u00fcr, den Emissionshandel Sektor \u00fcbergreifend in ganz Europa einzuf\u00fchren. Ein guter Punkt, der schon lange auf der Forderungsliste von \u00d6konomen steht. GH weisen zurecht darauf hin, dass Verkehr und Haushaltssektor (gemeint ist vermutlich der W\u00e4rmemarkt, weil der Haushaltsstromverbrauch ist je durch den ETS bereits erfasst) nicht vom ETS abgedeckt werden. Aber dann schreiben sie weiter: <em>Das EU-ETS II wird ab dem Jahr 2027 auch Haushalte und Verkehr abdecken. Dies sollte ausdr\u00fccklich von der Bundesregierung unterst\u00fctzt und kommuniziert werden.<\/em> Das klingt so, als ersetze das ETS II das ETS I und umfasse danach alle Sektoren. Das ist aber nicht der Fall. Wir werden ab 2027 zwei voneinander unabh\u00e4ngige ETS haben und dann wird genau das eintreten, wovor GH zurecht warnen: wir werden unterschiedliche CO<sub>2<\/sub>-Preise in den Sektoren haben und damit die Ineffizienz der CO<sub>2<\/sub>-Vermeidung weiter zementieren. Genau das sollte die Bundesregierung besser nicht kommentieren. Vielmehr sollte sie sich daf\u00fcr einsetzen, endlich einen einheitlichen europ\u00e4ischen CO<sub>2<\/sub>-Preis zu schaffen. Das geht nur, wenn Verkehrs- und W\u00e4rmesektor in das bestehenden EU ETS integriert werden. Das fordern GH leider nicht. Offen lassen sie auch die Frage, was mit dem sogenannten nationalen Emissionshandel geschieht, wenn das ETS II kommt. Ein europ\u00e4ischer Emissionshandel f\u00fcr Kraftstoffe, Heiz\u00f6l und Gas macht die diversen CO<sub>2<\/sub>-Steuern auf diese Produkte eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig. Werden die dann abgeschafft? Eine spannende Frage, auf die GH leider nicht eingehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Strategiepunkt fordert die Einf\u00fchrung von Klimaz\u00f6llen. Von ihnen erhoffen sich GH, dass sie dazu f\u00fchren, dass die EU \u201eeine effektive Wirkung auf den globalen Aussto\u00df von Klimagasen haben kann.\u201c Dass dies auch mit der Einf\u00fchrung von Klimaz\u00f6llen kaum zu erreichen sein wird, haben wir eingangs bereits thematisiert. Allerdings wird es sehr schwierig sein, Klimaz\u00f6lle \u00fcberhaupt zu erheben. Dazu muss man wissen, wie viel CO<sub>2<\/sub>-Emissionen in den Produkten stecken. Der unl\u00e4ngst aufgedeckte Skandal um die Kompensationsgesch\u00e4fte, die die Automobilindustrie mit chinesischen \u201ePartnern\u201c abgewickelt hat, zeigt, dass es kaum m\u00f6glich sein wird von China auch nur halbwegs verl\u00e4ssliche Angaben dazu zu bekommen. Im Zweifel werden dann eben CO<sub>2<\/sub>-Vermeidungen in China durchgef\u00fchrt, die genau wie die Kompensationsleistungen nur auf dem Papier existieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Strategiepunkt ist ein bisschen mysteri\u00f6s. Dort hei\u00dft es, man solle die klimaneutrale Energieproduktion erh\u00f6hen. Welche damit gemeint ist, wird aber nicht ganz klar. Die Erneuerbaren sind es explizit nicht, denn im Text hei\u00dft es: <em>Der Anstieg in der Nachfrage nach Elektrizit\u00e4t ist durch den Ausbau von Windr\u00e4dern und Solarzellen allein nicht zu stemmen. Daher muss h\u00f6chstwahrscheinlich auch auf andere Energiequellen zur\u00fcckgegriffen werden. Aus Klimaperspektive sollte dabei auch Atomkraft nicht grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen werden.<\/em> Ist das jetzt ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, neue Atomkraftwerke zu bauen? Wenn nicht, welche anderen klimaneutralen Elektrizit\u00e4tsproduktionen k\u00f6nnten gemein sein? Und warum brauchen wir die? Zur Erinnerung, der Energiesektor wird bereits durch den ETS reguliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem f\u00fcnften Strategiepunkt von GH ist uneingeschr\u00e4nkt zuzustimmen, denn dort fordern sie, die Forschung und Entwicklung zu f\u00f6rdern. Bei Licht besehen liegt hier die eigentliche Aufgabe Europas und ganz besonders Deutschlands. Man stelle sich einmal vor, wir h\u00e4tten die vielen Milliarden Euro, die wir in den Ausbau der Erneuerbaren gesteckt haben (ohne damit CO<sub>2<\/sub>-Emissionen in Europa zu reduzieren) in die Grundlagenforschung investiert. Wahrscheinlich h\u00e4tten wir dann heute bereits deutlich bessere Technologien f\u00fcr die CO<sub>2<\/sub> arme Energieproduktion zur Verf\u00fcgung, die weltweit eingesetzt werden k\u00f6nnten. Den gr\u00f6\u00dften Hebel bei der Bek\u00e4mpfung des Klimawandels k\u00f6nnen wahrscheinlich die Ingenieure ansetzen. Man muss sie nur lassen und ihnen die notwendigen Freiheiten und Mittel geben \u2013 vor allem in Deutschland, dessen komparativer Vorteil schon immer die hohe Kunst der Ingenieure war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der letzte Strategiepunkt ist unkritisch, denn dort wird die soziale Abfederung der Klimakosten gefordert. Erg\u00e4nzend kann dem noch hinzugef\u00fcgt werden, dass die beste Sozialpolitik darin besteht, die Kosten der Klimapolitik durch effiziente Instrumente einzufangen. Aber, auch da haben GH recht, selbst, wenn das geschieht, wird es nicht kostenlos gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss noch eine Anmerkung zu einem Strategiepunkt, der mir bei GH fehlt: Die Beibehaltung der Schuldenbremse. Sollte sie gel\u00f6st werden, h\u00e4tte das zur Folge, dass die Regierung nahezu unbegrenzt weitere Subventionsprogramme zur Dekarbonisierung wovon auch immer auflegen k\u00f6nnte. Ohne dabei die Frage zu stellen, was es kostet, was es bringt und ob es klimapolitisch Sinn macht. So geschieht es zurzeit in der Stahlindustrie. Die ist zwar im ETS erfasst, aber das hindert die Regierung nicht daran, Milliarden in die Umstellung auf Wasserstoff zu investieren. Wohl wissend, dass damit kein CO<sub>2<\/sub> eingespart wird (wegen des ETS) und ohne zu wissen, woher der Wasserstoff kommen soll, den man sp\u00e4ter f\u00fcr die Werke braucht, um den Stahl sehr teuer zu produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zu &#8222;Gr\u00fcne Transformation&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Reint E. Gropp und Oliver Holtem\u00f6ller: <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37157\">Sechs Punkte f\u00fcr mehr Effizienz<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reint Gropp und Oliver Holtem\u00f6ller vom Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung Halle haben einen 6 Punkte Plan f\u00fcr eine kosteneffiziente gr\u00fcne Transformation vorgelegt. Vieles davon ist richtig, manches ist diskussionsw\u00fcrdig. 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