{"id":3762,"date":"2010-07-14T07:16:59","date_gmt":"2010-07-14T06:16:59","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3762"},"modified":"2010-07-14T07:16:59","modified_gmt":"2010-07-14T06:16:59","slug":"die-schuldenmechanik-des-euro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3762","title":{"rendered":"Die Schuldenmechanik des Euro"},"content":{"rendered":"<p>So nachvollziehbar und berechtigt die Kritik an der mangelhaften finanziellen Disziplin der sogenannten PIGS-L\u00e4nder auch ist &#8211; die W\u00e4hrungsunion ist mitverantwortlich f\u00fcr die derzeitige Schuldenkrise. Sie hat einen Prozess in Gang gesetzt, der als \u201eSchuldenmechanik\u201c bezeichnet werden kann, da durch ihn die Neuverschuldung Griechenlands und einiger anderer L\u00e4nder der Euro-Zone im vergangenen Jahrzehnt fast zwangsl\u00e4ufig erh\u00f6ht wurde. Fehleinsch\u00e4tzung dieser Mechanik und kurzfristige Klientelpolitik haben diese Staaten in der Folge in eine \u201eSchuldenfalle\u201c gef\u00fchrt. Sie \u00e4u\u00dfert sich in kontinuierlich steigenden Staatsschulden und nachlassender internationaler Wettbewerbsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Mechanik liegt darin, dass \u00e4rmere L\u00e4nder mit Eintritt in die W\u00e4hrungsunion eine l\u00e4ngere Phase durchlaufen, in der sie durch negative Realzinsen zum Schuldenmachen animiert werden. Wenn die Kredite vorrangig in den Konsum flie\u00dfen, geraten diese L\u00e4nder nahezu zwangsl\u00e4ufig in eine Schuldenkrise. Das Hauptproblem liegt dabei nicht beim Niveau der Schulden, wie es die \u00f6ffentliche Diskussion suggeriert, sondern bei den \u00fcberzogenen Einkommenserwartungen der B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Die Schuldenmechanik weist eine klare Struktur und Ablauffolge auf:<\/p>\n<p>(1)\tBeim Start in die W\u00e4hrungsunion<\/p>\n<p>&#8211; besitzen die \u00e4rmeren Beitrittsl\u00e4nder typischerweise ein relativ hohes Zinsniveau, und zwar nicht nur nominal, sondern auch real. Eine Ursache daf\u00fcr ist das geringere Vertrauen, das Finanzinvestoren in die Bonit\u00e4t \u00e4rmerer L\u00e4nder setzen. Der Zins, den diese L\u00e4nder zahlen m\u00fcssen, enth\u00e4lt also eine Risikopr\u00e4mie.<\/p>\n<p>&#8211; besitzen die \u00e4rmeren Beitrittsl\u00e4nder typischerweise ein relativ niedriges Preisniveau.  Die Erkl\u00e4rung liegt beim sogenannten Balassa-Samuelson-Effekt: Der internationale Preiszusammenhang sorgt f\u00fcr einen Ausgleich der Preise bei handelbaren G\u00fctern (Industrie), w\u00e4hrend bei nicht-handelbaren G\u00fctern (Dienstleistungen) kein Preisausgleich \u00fcber die au\u00dfenwirtschaftliche Verflechtung stattfindet. Da \u00e4rmere L\u00e4nder ein niedrigeres Produktivit\u00e4tsniveau als reichere L\u00e4nder aufweisen und da dieser R\u00fcckstand im Bereich handelbarer G\u00fcter ausgepr\u00e4gter ist als bei nicht-handelbaren G\u00fctern, sind nicht-handelbare G\u00fcter in \u00e4rmeren L\u00e4ndern billiger als in reicheren L\u00e4ndern. Daraus ergibt sich auch f\u00fcr den gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt eine Abh\u00e4ngigkeit des Preisniveaus vom relativen Entwicklungsstand eines Landes.<\/p>\n<p>(2)\tNach dem Beitritt zur W\u00e4hrungsunion<\/p>\n<p>&#8211; f\u00fchrt die Integration der Kapitalm\u00e4rkte zu einer relativ raschen Absenkung der Zinss\u00e4tze in den \u00e4rmeren Mitgliedsl\u00e4ndern, da diese von dem Vertrauen profitieren, das der Gemeinschaftsw\u00e4hrung insgesamt entgegengebracht wird.<\/p>\n<p>&#8211; f\u00fchrt die Intensivierung der Wirtschaftsverflechtungen zu einer allm\u00e4hlichen Angleichung der internationalen Produktivit\u00e4tsunterschiede bei handelbaren G\u00fctern, wodurch sich die L\u00f6hne in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern allm\u00e4hlich an das Niveau in den reicheren L\u00e4ndern anpassen. Durch den intersektoralen Lohnverbund werden damit auch die L\u00f6hne im Bereich nicht-handelbarer G\u00fcter nach oben gezogen. Da es hier aber an entsprechenden Produktivit\u00e4tssteigerungen fehlt, steigen die Preise f\u00fcr nicht-handelbare G\u00fcter in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern st\u00e4rker als in den reichen L\u00e4ndern. Diese Phase der \u00fcberdurchschnittlichen Preissteigerungen reflektiert letztlich die Integration der G\u00fcterm\u00e4rkte, die erheblich l\u00e4nger dauert als die Integration der Kapitalm\u00e4rkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Starke Anreize zum Schuldenmachen<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00e4rmeren L\u00e4nder bringt der Beitritt zu einer W\u00e4hrungsunion also rasch sinkende Zinsen und \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg steigende Preise mit sich. Die Realzinsen sinken also drastisch und k\u00f6nnen im Extremfall sogar negativ werden. Das gibt starke Anreize zum Schuldenmachen.<\/p>\n<p>Wie stark die Anreize zum Schuldenmachen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand steigen, l\u00e4sst sich mit einer einfachen Rechen\u00fcbung nachvollziehen, bei der es um den sogenannten Prim\u00e4r\u00fcberschuss geht. Er ist definiert als Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben des Staates abz\u00fcglich der Zinsausgaben. Es l\u00e4sst sich zeigen, dass die Prim\u00e4r\u00fcberschussquote (Prim\u00e4r\u00fcberschuss in Relation zum Bruttoinlandsprodukt), die der Staat zur Stabilisierung der Schuldenquote ben\u00f6tigt, der Differenz zwischen Nominalzins und nominaler Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts multipliziert mit der staatlichen Schuldenquote (Relation von Staatsschulden zu Bruttoinlandsprodukt) entspricht. Nehmen wir an, das Beitrittsland habe eine Schuldenquote von 60% (wie im Maastricht-Vertrag als Obergrenze vereinbart), und es m\u00f6chte diese Quote auf diesem Niveau stabilisieren.  Dann muss es bei einem Zinsniveau von 10% und einer nominalen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 8% eine Prim\u00e4r\u00fcberschussquote von 1,2% realisieren. Sinkt nun das Zinsniveau auf 4%, w\u00e4hrend das nominale Wachstum nur auf 6% sinkt, dann kann sich der Staat einen negativen Prim\u00e4r\u00fcberschuss (bzw. ein Prim\u00e4rdefizit) von 1,2% erlauben, ohne die Stabilit\u00e4t der Schuldenquote zu gef\u00e4hrden. Sollte das nominale Wachstum sogar steigen, kann ein noch h\u00f6heres Prim\u00e4rdefizit gefahren werden.<\/p>\n<p>Analoge Anreizmechanismen gelten f\u00fcr die privaten Haushalte. Auch sie sehen sich nach dem Beitritt zur W\u00e4hrungsunion stark gesunkenen Kreditkosten gegen\u00fcber, w\u00e4hrend ihre Einkommen aufgrund integrationsbedingter Produktivit\u00e4tsgewinne und inflation\u00e4rer Aufholprozesse gegen\u00fcber den anderen Mitgliedsl\u00e4ndern rascher als fr\u00fcher steigen. Das erleichtert auch f\u00fcr sie den Schuldendienst, und es werden Konsumw\u00fcnsche realisierbar, die fr\u00fcher unerreichbar schienen. Beide Entwicklungen zusammengenommen schlagen sich letztlich in der Leistungsbilanz nieder, da die erh\u00f6hten Einkommensanspr\u00fcche von Staat und Privathaushalten zunehmend aus Importen befriedigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Aus Schuldenmechanik wird Schuldenfalle<\/strong><\/p>\n<p>Das Schuldenmachen findet erst ein Ende, wenn die internationalen Finanzinvestoren bei der Bonit\u00e4tsbewertung der verschiedenen Mitgliedsl\u00e4nder der W\u00e4hrungsunion differenzieren \u2013 wenn sie also nicht mehr blind darauf vertrauen, dass die steigenden Schulden auch tats\u00e4chlich zur\u00fcckgezahlt werden. Haben die betroffenen L\u00e4nder die Schulden nicht f\u00fcr eine St\u00e4rkung ihrer internationalen Wettbewerbsposition genutzt, m\u00fcssen sie einen Risikoaufschlag auf ihre Kredite zahlen, und zwar sowohl im staatlichen als auch im privaten Bereich. So wird aus der Schuldenmechanik schlie\u00dflich eine Schuldenfalle.<\/p>\n<p>Aus der Schuldenmechanik der W\u00e4hrungsunion gibt es kaum ein Entkommen. Weder das Absinken des Zinsniveaus noch der Anstieg des inl\u00e4ndischen Preisniveaus k\u00f6nnen von den betroffenen L\u00e4ndern beeinflusst werden, da sie die dazu ben\u00f6tigten geld- und w\u00e4hrungspolitischen Kompetenzen an die Zentralbank der Gemeinschaftsw\u00e4hrung abgegeben haben. Auch die EZB kann wenig ausrichten, da eine an den Defizitl\u00e4ndern orientierte Geldpolitik \u00fcberm\u00e4\u00dfig restriktiv f\u00fcr die \u00fcbrigen L\u00e4nder wirken w\u00fcrde. Nur wenn die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen in den \u00e4rmeren Beitrittsl\u00e4ndern die Schuldenmechanik vollst\u00e4ndig durchschauen, aufs Schuldenmachen verzichten oder die erh\u00f6hten Staatsschulden ausschlie\u00dflich in produktivit\u00e4tssteigernde Investitionen lenken w\u00fcrden, w\u00e4ren sie f\u00fcr die Zeiten nach erfolgter Integration der G\u00fcterm\u00e4rkte gewappnet. Zus\u00e4tzlich m\u00fcssten sie allerdings auch noch die privaten Haushalte davon \u00fcberzeugen, auf schuldenfinanzierte Konsumausgaben zu verzichten. Der f\u00fcr solch einen Kurswechsel n\u00f6tige politische Kraftaufwand ist erheblich.<\/p>\n<p>Am Beispiel Griechenlands l\u00e4sst sich zeigen, dass sich die Parabel der Schuldenmechanik durchaus in der Realit\u00e4t wiederfindet: W\u00e4hrend sich das Land 1998 noch zu 8,5% Zinsen am Kapitalmarkt refinanzieren musste, sank dieser Wert 2001 mit dem Beitritt in die W\u00e4hrungsunion auf 5,3% und weiter auf 4,5% in 2007. Das inflationsbeg\u00fcnstigte nominale Wirtschaftswachstum \u00fcbertraf in jedem Jahr die Kapitalmarktzinsen, die Voraussetzungen f\u00fcr die Schuldenmechanik waren somit gegeben. Auch die B\u00fcrger konnten von fallenden Zinsen f\u00fcr Konsumentenkredite profitieren, die von 21% in 1999 auf 12% in 2001 und schlie\u00dflich auf 9% in 2007 sanken. In dieser Integrationsphase legten die L\u00f6hne mit 16% (Deutschland: -1,2%) st\u00e4rker als die Produktivit\u00e4t mit 15% (Deutschland: 6%) zu, die Konsumentenpreise stiegen um 21% (Deutschland: 10%).<\/p>\n<p>Dass aus der Schuldenmechanik eine Schuldenfalle wurde, lag nicht zuletzt an der vorwiegend konsumtiven Verwendung der Gelder. So stiegen die Ausgaben des griechischen Staates f\u00fcr Soziale Sicherung pro Kopf zwischen 2001 und 2007 um 70% (Deutschland: 7%), die Sparquote der Haushalte lag in dieser Periode unter -5%. Der erh\u00f6hte Konsum lie\u00df das bereits 2001 betr\u00e4chtliche griechische Leistungsdefizit von -7% vom BIP bis 2007 auf -14% absinken.<\/p>\n<p>Mit Beginn der W\u00e4hrungsunion kam es auch in anderen damals \u00e4rmeren Beitrittsl\u00e4ndern zu einem Absinken der Realzinsen in den negativen Bereich und in der Folge zu einem ausgepr\u00e4gten Schuldenanstieg. Besonders in Portugal ging dies \u00e4hnlich wie in Griechenland mit einer konsumtiven Ausgabenpolitik einher. In Spanien und Irland verlief die Entwicklung g\u00fcnstiger, so dass diese L\u00e4nder weitaus weniger tief in die Schuldenfalle geraten sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Wenn die von uns in diesem Beitrag vertretene Argumentation zutreffend ist, dann werden auch die neuen Beitrittsl\u00e4nder zur W\u00e4hrungsunion die Phasen der Schuldenmechanik durchlaufen. So weisen Estland (6,8%), Bulgarien (5,9%) und Polen (5,6%) im April 2010 Refinanzierungszinss\u00e4tze auf, die deutlich oberhalb des Euroraum-Durchschnitts (4,0%) liegen, und somit im Beitrittsfall potentiell sinken. Werden die aktuellen Wachstumsraten von 2,5% (Estland), 3,0%  (Bulgarien) und 5,8% (Polen) nach dem Beitritt integrations- und inflationsbedingt weiter gest\u00fctzt, sind alle Bedingungen f\u00fcr die Schuldenmechanik erf\u00fcllt. Hier bleibt zu hoffen, dass die wirtschaftspolitischen Akteure dieser L\u00e4nder die Defizitstaaten als lehrreiches Beispiel verstehen und eine zukunftsgerichtete Investitionspolitik einer kurzfristigen Wohlfahrtserh\u00f6hung vorziehen. Um es mit Warren Buffets Worten zu sagen: &#8222;Profit from folly, don\u2019t participate in it.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Dipl.-Wirtschaftsinformatiker Matthias Baumgarten ist beim <a href=\"http:\/\/www.ifw-kiel.de\/\" target=\"blank\">IfW<\/a> in Kiel am <a href=\"http:\/\/www.ifw-kiel.de\/wirtschaftspolitik\/politikberatung\" target=\"blank\">Zentrum Wirtschaftspolitik<\/a> besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So nachvollziehbar und berechtigt die Kritik an der mangelhaften finanziellen Disziplin der sogenannten PIGS-L\u00e4nder auch ist &#8211; die W\u00e4hrungsunion ist mitverantwortlich f\u00fcr die derzeitige Schuldenkrise. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3762\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Schuldenmechanik des Euro\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":77,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,8,33,12,35],"tags":[270,269,268,267,59,45],"class_list":["post-3762","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-europaisches","category-makrooekonomisches","category-monetares","category-staatliches","tag-primaerueberschuss","tag-produktivitaetsunterschiede","tag-risikopraemie","tag-schuldenmechanik","tag-staatsverschuldung","tag-waehrungsunion"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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