{"id":3887,"date":"2010-08-08T07:08:36","date_gmt":"2010-08-08T06:08:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3887"},"modified":"2010-08-08T07:56:06","modified_gmt":"2010-08-08T06:56:06","slug":"vertrauensfoerderndes-geschaeftsmodell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3887","title":{"rendered":"Vertrauensf\u00f6rderndes Gesch\u00e4ftsmodell"},"content":{"rendered":"<p>Im Nachgang der Finanzmarktkrise hat sich herausgestellt, dass die Genossenschaftsbanken in den vergangenen Monaten Marktanteile in allen wichtigen Segmenten gewonnen haben und gute Gesch\u00e4ftsergebnisse vorlegen konnten. Wie die Sparkassen auch bekommen sie von den Bankkunden beste Vertrauenswerte attestiert. Diese Entwicklung legt es nahe, das Gesch\u00e4ftsmodell der Genossenschaftsbanken n\u00e4her zu beleuchten und nach den Ursachen seiner Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu fragen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Kooperatives Gesch\u00e4ftsmodell<\/strong><\/p>\n<p>Genossenschaftsbanken \u2013 Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparda-Banken, PSD Banken und einige andere \u2013 sind Teil des genossenschaftlichen FinanzVerbundes, eines Unternehmensnetzwerkes. Zwei Zentralbanken, Anbieter und Produzenten f\u00fcr Finanzprodukte wie Wertpapiere, Versicherungen, Ratenkredite und Bausparprodukte, zahlreiche Dienstleister f\u00fcr IT und andere Services  sowie weitere Unternehmen und Verb\u00e4nde arbeiten in diesem Finanznetzwerk zusammen. Auf diese Weise entsteht eine besondere Struktur der Wertsch\u00f6pfungskette, an deren Ende die Genossenschaftsbanken ihren Kunden Finanzdienstleistungen anbieten, die von Verbundpartnern entwickelt und produziert wurden. Von Spezialunternehmen  entwickelte Prozesse und Dienstleistungen erm\u00f6glichen effiziente Strukturen der Leistungserstellung. Im Laufe der Jahrzehnte (die Wurzeln dieses Finanzverbundes liegen \u00fcber 150 Jahre zur\u00fcck) hat sich eine komplexe und differenzierte Arbeitsteilung herausgebildet, deren Intensivierung weiter fortschreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Effizienzvorteile<\/strong><\/p>\n<p>Der genossenschaftliche Finanzverbund ist ein  Wertsch\u00f6pfungsnetzwerk mit einer besonderen Governance, auf die im Weiteren noch einzugehen ist. Zuerst stellt sich die Frage, auf welche Weise die Kooperationsrente \u2013 der Mehrwert durch die Zusammenarbeit \u2013 geschaffen wird. Verk\u00fcrzt entsteht die Kooperationsrente durch die Kombination von Effizienzvorteilen in statischer und dynamischer Auspr\u00e4gung und den Anreizvorteilen einer dezentralen kundennahen Verankerung. Das genossenschaftliche Finanznetzwerk ist \u201evon unten nach oben\u201c entstanden, also dezentral organisiert. Die Genossenschaftsbanken haben sich ihre Spezialunternehmen geschaffen, sind bez\u00fcglich Verf\u00fcgungsrechten, Finanzierungsverpflichtungen und Gewinnaneignungsrechten ihre M\u00fctter. Bei den Effizienzvorteilen treten die Nutzung von economies of scale und scope in der Produktion und Produktentwicklung in den Vordergrund. Zahlreiche Outsourcingaktivit\u00e4ten von Backoffice-Transaktionen sind ebenso zu nennen wie eine kostenorientierte Entwicklung von unternehmensgrenzen\u00fcberschreitenden Prozessen in Produktion und Vertrieb, Clearingleistungen im Zahlungsverkehr und Auslandstransaktionen. In qualitativer Hinsicht ist die Pr\u00e4ferenzgerechtigkeit durch diversifizierte Produkt- und Leistungskombinationen zu nennen. Seit jeher waren die Risikovorteile von Bedeutung, die durch eine netzwerkeigene und gemeinsam finanzierte Sicherungseinrichtung gew\u00e4hrleistet werden. Die Genossenschaftsbanken tragen sie mit risikodifferenzierten Beitr\u00e4gen. Im Gegenzug wird ihre Existenz gesichert (Institutssicherung). Einlagen und Inhaberschuldverschreibungen bei Genossenschaftsbanken sind also vollst\u00e4ndig (ohne Obergrenze) gesch\u00fctzt. Es ist ein markantes Element der Governance des genossenschaftlichen Finanznetzwerkes, dass Genossenschaftsbanken insolvenzgesch\u00fctzt sind. Im Zuge der Finanzmarktkrise wurde in keiner Phase staatliche Finanzhilfe in Anspruch genommen. Es ist evident, dass auch diese Art der Risikovorsorge durch die Nutzung von Gr\u00f6\u00dfenvorteilen m\u00f6glich wird, eine besondere Risikogovernance.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Anreizvorteile<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die bisher skizzierten \u00f6konomischen Mechanismen, die die Entstehung einer Kooperationsrente erm\u00f6glichen, vorwiegend durch Zentral- und Spezialunternehmen sichergestellt werden, tritt nun die Kombination mit den dezentral agierenden Genossenschaftsbanken in den Vordergrund. Die 1156 Genossenschaftsbanken weisen tendenziell kleine bis mittlere Gesch\u00e4ftsgr\u00f6\u00dfen auf, sind also mittelst\u00e4ndische Organisationen, die jedoch Zugriff auf die Gr\u00f6\u00dfe des Netzwerkes haben. An ihnen liegt es, dezentrale Informationen \u00fcber die Pr\u00e4ferenzen der Kunden zu nutzen und \u00fcberwiegend Transaktionen mit mittelst\u00e4ndischen Gesch\u00e4ftskunden durchzuf\u00fchren.  Dies f\u00fchrt dazu, dass die lokale und regionale Dimension der Transaktionen im Vordergrund steht. Es ist damit verbunden, dass die involvierten Risiken besser eingesch\u00e4tzt werden k\u00f6nnen. Nicht nur die Informationsasymmetrien zwischen Bank und Kunden sind weniger stark ausgepr\u00e4gt als bei vielen Banktransaktionen der gr\u00f6\u00dferen Privatbanken und Sparkassen, sondern es ist einfacher Bindung aufzubauen und die Kommunikation zu pflegen, wenn die Transaktionspartner in der Lage sind sich pers\u00f6nlich einzusch\u00e4tzen. Aus diesen Gegebenheiten einer dezentralen Netzwerkstruktur folgen Anreizvorteile, die in Kombination mit den Effizienzvorteilen, die genossenschaftliche Kooperationsrente entstehen lassen. Wird  jeder der beiden Vorteile isoliert betrachtet, w\u00e4re zu seiner Schaffung kein Netzwerk erforderlich. Das Gesch\u00e4ftsmodell besteht also in den skizzierten Netzwerkstrukturen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Genossenschaftliche Governance<\/strong><\/p>\n<p>Dezentral organisierte Netzwerke m\u00fcssen keine genossenschaftlichen Verb\u00fcnde sein. Also stellt sich nun allm\u00e4hlich die Frage, worin die Besonderheiten einer genossenschaftlichen Governance bestehen, die diesen Finanzverbund auszeichnen. Sie beruht auf der \u00f6konomischen Kooperationslogik, sprich Unternehmen oder Personen arbeiten zusammen, wenn sie auf diese Weise ihre einzelwirtschaftlichen Ziele besser erreichen k\u00f6nnen als bei autonomen Aktivit\u00e4ten. Genossenschaften sind also keine paternalistischen Modelle der Fremdhilfe oder Transfer\u00f6konomik, sondern privatwirtschaftliche Organisationen mit Gewinnzielsetzung. Eine manchmal festzustellende \u201eGenossenschaftsromantik\u201c in der Analyse ist v\u00f6llig unangebracht.  Genossenschaftsbanken, die dezentralen Partner im genossenschaftlichen FinanzVerbund, sind  seinerzeit als Institutionen der Selbsthilfe entstanden. Auch sie sind Netzwerke, gegr\u00fcndet von ihren Eigent\u00fcmern. Hier ist nicht der Raum, um im Detail auf diese institutionellen Innovationen des 19. Jahrhunderts einzugehen. Die konstituierenden Merkmale der genossenschaftlichen Governance sind jedoch seither unver\u00e4ndert. Im Kern wirkt eine Akteursidentit\u00e4t. Die Eigent\u00fcmer der Genossenschaftsbanken sind ihre Kunden und treffen in ihrer Gesamtheit die grundlegenden Entscheidungen, die die strategischen Weichenstellungen der Banken beinhalten. Von diesen eigenen Entscheidungen werden sie als Bankkunden direkt betroffen, haben also daf\u00fcr Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Es liegt also Anreizkonsistenz vor. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass nicht alle Kunden von Genossenschaftsbanken heute auch Mitglieder, also Eigent\u00fcmer, sein m\u00fcssen. Eine Besonderheit besteht darin, dass jedes Mitglied unabh\u00e4ngig von Kapitalanteilen eine Stimme hat. Daher werden Genossenschaften h\u00e4ufig auch als demokratische Kooperationsmodelle bezeichnet. Dies sollte jedoch nicht mit gelebter Basisdemokratie verwechselt werden: Demokratische Entscheidungsfindung muss effizient sein. Dies ist mit gro\u00dfen Herausforderungen f\u00fcr die entscheidungsvorbereitenden Gremien verbunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>MemberValue<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufgabe von Genossenschaftsbaken besteht darin, ihre Eigent\u00fcmer zu f\u00f6rdern, sie also wirtschaftlich zu unterst\u00fctzen. Dieser \u201eF\u00f6rderauftrag\u201c der in \u00c2\u00a71 des Genossenschaftsgesetztes niedergeschrieben ist, ist eine Vokabel, die nicht selbsterkl\u00e4rend ist und einen gr\u00f6\u00dferen Kommunikationsaufwand beinhaltet. Ich spreche daher vom genossenschaftlichen MemberValue, der Kooperationsrente, die den Mitgliedern durch die Zusammenarbeit entsteht. Dieser MemberValue kommt den Eigent\u00fcmern auf dreifache Art und Weise zugute: Der unmittelbare MemberValue entsteht aus der Leistungsbeziehung, Bankdienstlistungen mit definierter Qualit\u00e4t und Konditionen. Er korrespondiert also mit der Kundeneigenschaft. Der mittelbare MemberValue entspricht der ausgesch\u00fctteten Verzinsung des eingebrachten Kapitals, der Dividende. Er korrespondiert mit der Eigent\u00fcmereigenschaft. Der nachhaltige MemberValue entspricht einem Optionsnutzen der Kooperation und korrespondiert mit Investitionen in Kooperationsinfrastrukturen, z. B. in die Sicherungseinrichtung des genossenschaftlichen FinanzVerbundes. Die Orientierung am MemberValue entspricht der Orientierung am ShareholderValue einer b\u00f6rsennotierten Aktiengesellschaft. Die strategische Orientierung an wertschaffenden Aktivit\u00e4ten bildet die gemeinsame Klammer. Hingegen zeichnet sich der MemberValue dadurch aus, dass die starken kurzfristigen Finanzmarkteffekte des ShareholderValues keine Bedeutung haben, da f\u00fcr Genossenschaftsanteile kein Markt besteht. Zus\u00e4tzlich verhindert die genossenschaftliche Akteursidentit\u00e4t die einseitige Konzentration auf die Eigent\u00fcmer. Die Disziplinierung des Vorsatndes erfolgt durch die Eigent\u00fcmer direkt. Somit sind das genossenschaftliche Gesch\u00e4ftsmodell und seine spezielle Governance identifiziert: Ein dezentral organisiertes Netzwerk, dessen Kooperationsrente den Eigent\u00fcmern aus drei Quellen zuflie\u00dft. Weshalb soll dies vertrauensf\u00f6rdernd sein, wie sich in der Finanzmarktkrise herausgestellt hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Vertrauensanker<\/strong><\/p>\n<p>Alle Befragungen von Bankkunden zeigen, dass sie nach der Krise bestimmten Merkmalen, manchmal sogar bestimmten Werte, mehr Bedeutung schenken wollen als in der Vergangenheit. Zwar kann nicht selbstverst\u00e4ndlich davon ausgegangen werden, dass dies einen permanenten Wandel darstellt. Dennoch sollte festgehalten werden, dass es sich dabei um Sicherheit und Stabilit\u00e4t, Langfristigkeit, Verl\u00e4sslichkeit, N\u00e4he und M\u00f6glichkeit zur Kontrolle handelt. Zusammengefasst wird Vertrauensw\u00fcrdigkeit gefordert. Nun ist Vertrauen in \u00f6konomischen Kategorien eine kostensenkende und sicherheitsf\u00f6rdernde Institution. Beides ist f\u00fcr Bankbeziehungen, in Banken und im Banksystem sowie f\u00fcr das gesamte Finanzsystem von gro\u00dfer Bedeutung, Nun wird vielfach beklagt, dass durch und in der Finanzmarktkrise das Vertrauen in die Banken verloren gegangen w\u00e4re, mit allen negativen Folgen. Wie kann sich Vertrauen bilden, wie kann es gef\u00f6rdert werden? Grunds\u00e4tzlich sind zwei Wege m\u00f6glich. Der erste besteht darin, die Handelnden und ihr Tun pers\u00f6nlich einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, Erfahrung mit ihnen gemacht zu haben, also ihre Vertrauensw\u00fcrdigkeit. Dies erfordert N\u00e4he. Also wird es h\u00e4ufig nicht m\u00f6glich sein, Vertrauen kurzfristig aufzubauen. Menschen suchen daher in Angelegenheiten, die ihnen wichtig sind, einen Ersatz f\u00fcr die eigene Einsch\u00e4tzung der Vertrauensw\u00fcrdigkeit. Einen solchen Ersatz bezeichne ich als Vertrauensanker. Vertrauensanker k\u00f6nnen anonymisiertes Vertrauen erm\u00f6glichen, das losgel\u00f6st von einzelnen Menschen entstehen und bestehen kann, eine Art Organisations- oder Systemvertrauen. Ein konsistentes Gesch\u00e4ftsmodell, das auf Langfristigkeit, Selbsthilfe und Eigenverantwortung aufgebaut ist, kann ein solcher Vertrauensanker sein. Es entspricht dem genossenschaftlichen Gesch\u00e4ftsmodell und es entspricht den aktuell als wichtig eingesch\u00e4tzten Werten. Zus\u00e4tzlich kommen die N\u00e4he vorwiegend lokal und regional orientierter Bankaktivit\u00e4ten sowie pers\u00f6nliche Erfahrungen mit den Entscheidungstr\u00e4gern hinzu. Sie verhindern es, dass sich Informationsasymmetrien gro\u00dfen Ausmasses aufbauen, wie sie im Kern der Finanzmarktkrise wirkten. Vor diesem Hintergrund ist es also nicht \u00fcberraschend, dass Genossenschaftsbanken mit ihrem FinanzVerbund sich in der Finanzmarktkrise als sehr wettbewerbsf\u00e4hig herausgestellt haben. Nun gilt es, an ihren komparativen Vorteilen festzuhalten, sie zu sch\u00e4rfen und sie entsprechend selbstbewusst zu kommunizieren.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Nachgang der Finanzmarktkrise hat sich herausgestellt, dass die Genossenschaftsbanken in den vergangenen Monaten Marktanteile in allen wichtigen Segmenten gewonnen haben und gute Gesch\u00e4ftsergebnisse vorlegen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3887\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVertrauensf\u00f6rderndes Gesch\u00e4ftsmodell\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,12],"tags":[287,284,293,292,285],"class_list":["post-3887","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-monetares","tag-finanzmarkteffekte","tag-genossenschaftsbank","tag-kooperationsrente","tag-netzwerk","tag-wertschoepfungskette"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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