{"id":39253,"date":"2025-02-05T07:47:17","date_gmt":"2025-02-05T06:47:17","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=39253"},"modified":"2025-02-05T08:53:47","modified_gmt":"2025-02-05T07:53:47","slug":"gastbeitrag-parteiuebergreifender-konsens-fuer-ein-weiter-so-in-der-rentenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=39253","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Partei\u00fcbergreifender Konsens f\u00fcr ein \u201eWeiter so\u201c in der Rentenpolitik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>In den kommenden Legislaturperioden vollzieht sich in Deutschland der demografische Wandel, denn die Babyboomer gehen in Rente. Das setzt die umlagefinanzierte Rente unter massiven Druck. Doch keine Partei bietet L\u00f6sungen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Sachverst\u00e4ndigenrat hat in seinem Jahresgutachten 2023\/24 alarmierende Zahlen vorgelegt. Wenn das heutige Rentensicherungsniveau von 48 Prozent \u2013 also die Rente eines &#8222;Durchschnittsrentners&#8220; mit 45 Beitragsjahren im Verh\u00e4ltnis zum durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen \u2013 gehalten wird, steigt der Rentenbeitragssatz von derzeit 18,6 Prozent auf \u00fcber 24 Prozent bis 2060. \u201eWir stehen zwei, drei Jahre vor einem richtigen Sprung bei den Rentenbeitragss\u00e4tzen,\u201c sagte der Wirtschaftsweise Prof. Martin Werding im April 2024 gegen\u00fcber dem ZDF.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Quadratur des Kreises des Umlagesystems<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt die Dramatik: Seit Ende der 70er-Jahre ist das Rentenniveau von fast 60 Prozent auf heute 48 Prozent gesunken, w\u00e4hrend der Bundeszuschuss von 15 auf \u00fcber 100 Milliarden Euro explodiert ist. Bernd Raffelh\u00fcschen, Professor an der Universit\u00e4t Freiburg, beziffert die implizite Verschuldung aus der gesetzlichen Rente auf 88 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist mehr als unsere Staatsschuldenquote.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das aktuelle Sicherungsniveau zu halten, m\u00fcssten die Beitragss\u00e4tze bis 2060 von derzeit 18,6 auf 24 Prozent ansteigen. Gleichzeitig w\u00fcrde der Bundeszuschuss von derzeit 3,1 Prozent auf 3,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Will man den Beitragssatz begrenzen, um eine Explosion der Lohnnebenkosten zu verhindern, w\u00fcrde der Bundeshaushalt noch st\u00e4rker bluten. Bereits heute flie\u00dft gut ein Viertel des Bundeshaushalts in die Rente \u2013 Geld, das f\u00fcr Br\u00fccken und Schienen fehlt. Sollen Rentenniveau und Beitragss\u00e4tze stabil gehalten werden, m\u00fcssten im Jahr 2060 weitere 20 Prozent des Bundeshaushalts f\u00fcr das Rentendefizit aufgewendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ohne Reform enden wir im steuerfinanzierten Umverteilsystem<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Rentenpolitik, die durch Haltelinien oder \u00e4hnliche Versprechungen ein hohes Rentenniveau bei gleichzeitig niedrigen Beitragss\u00e4tzen sichern will, entfernt sich immer weiter vom urspr\u00fcnglichen \u00c4quivalenzprinzip des Systems. Denn sie hebelt die eingebauten Anpassungsmechanismen aus, die steigende Defizite begrenzen k\u00f6nnten. Implizit verfolgt die Politik damit die Vision eines steuerfinanzierten Umverteilungssystems zugunsten der Alterssicherung der Pflichtversicherten.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend besteht die Gefahr, dass diese Defizite die Handlungsf\u00e4higkeit des Staates in Zukunft stark einschr\u00e4nken. Bei allem L\u00e4rm um den Stabilit\u00e4tsgaranten der Schuldenbremse sollte klar sein: Langfristige Stabilit\u00e4t und Handlungsf\u00e4higkeit des Staates h\u00e4ngen auch vom Mut zu gro\u00dfen Reformen der sozialen Sicherungssysteme ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also sagen die Parteien zu den Reformoptionen? Die Auswertung der aktuellen Wahlprogrammentw\u00fcrfe von Union, AfD, SPD, und Gr\u00fcnen ist einfach, da sie nur rund eine Seite diesem Thema widmen \u2013 die FDP nur eine halbe Seite, das B\u00fcndnis Sahra Wagenknecht zwei kurze Abs\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rentenpolitik der Verhei\u00dfungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist weniger interessant, was die Parteien fordern, sondern was sie nicht tun. Die Koppelung des Renteneintrittsalters an die fernere Lebenserwartung, eine der zentralen Empfehlungen aller Rentenexperten, wird von keiner Partei thematisiert. In vielen anderen L\u00e4ndern ist dies sogar automatisch der Fall &#8211; im oft als vorbildlich bezeichneten Schweden ebenso wie im oft bel\u00e4chelten Italien. Union und SPD sprechen sich ausdr\u00fccklich f\u00fcr die Beibehaltung des heutigen Renteneintrittsalters aus. Union, SPD, AfD und Gr\u00fcne halten sogar an der \u201eRente mit 63\u201c fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Partei thematisiert die Scharfstellung des Nachhaltigkeitsfaktors, der vor der Einf\u00fchrung der Haltelinien eine generationengerechte Verteilung der Alterungslasten zwischen Beitragszahlern und Rentenempf\u00e4ngern regelte. Der vom Sachverst\u00e4ndigenrat angemahnte Reformbedarf bei den Erwerbsminderungs- und Witwenrenten wird in keinem Wahlprogramm erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Warten auf ein Wunder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen w\u00fcnschen sich alle Parteien eine hohe (Vollzeit-)Besch\u00e4ftigung zu guten L\u00f6hnen. Die meisten Parteien wollen Anreize f\u00fcr einen flexiblen Renteneintritt und f\u00fcr das Arbeiten im Rentenalter setzen. Die Gr\u00fcnen und die FDP erw\u00e4hnen den Einstieg in die Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rentenversicherung. Alle Parteien wollen Anreize zur privaten Altersvorsorge und Verm\u00f6gensbildung setzen. Nichts davon ist falsch, nichts davon ist schmerzhaft, aber nichts davon kann &#8211; von einem (Wirtschafts-) Wunder abgesehen \u2013 f\u00fcr sich genommen die Rente langfristig auf eine tragf\u00e4hige Basis stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>SPD, Union und Gr\u00fcne thematisieren die teilweise Einbeziehung der 3,6 Millionen Selbst\u00e4ndigen in die gesetzliche Rentenversicherung. Die Gr\u00fcnen wollen auch die 2,1 Millionen Beamtinnen und Beamten einbeziehen und verfolgen die Vision einer f\u00fcr alle verpflichtenden B\u00fcrgerversicherung &#8211; wie in der Schweiz. Allerdings muss klar sein, dass der Ausweitung des Kreises der Beitragszahler sp\u00e4ter auch Leistungsanspr\u00fcche gegen\u00fcberstehen. Die zus\u00e4tzlichen Beitragseinnahmen m\u00fcssten daher eigentlich zur\u00fcckgelegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zeit f\u00fcr eine Expertenkommission<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Sachverst\u00e4ndigenrat skizziert hat, m\u00fcssen f\u00fcr eine zukunftsfeste Alterssicherung mehrere ineinandergreifende Ma\u00dfnahmen kombiniert werden &#8211; und zwar in einer weit radikaleren Reformkur, als es die Wahlprogramme suggerieren. Im Parteienwettbewerb scheint eine solche umfassende Reforml\u00f6sung nicht zu entstehen. Die n\u00e4chste Bundesregierung sollte daher erneut auf das Instrument einer Expertenkommission zur\u00fcckgreifen, um ein umfassendes und konkretes Reformkonzept zu erarbeiten und die fiskalische \u00dcberforderung des Staates abzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/jg202324\/JG202324_Kapitel_5.pdf\">https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/jg202324\/JG202324_Kapitel_5.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.stiftung-marktwirtschaft.de\/fileadmin\/user_upload\/Argumente\/Argument_176_Update_2024_Ehrbarer_Staat.pdf\">https:\/\/www.stiftung-marktwirtschaft.de\/fileadmin\/user_upload\/Argumente\/Argument_176_Update_2024_Ehrbarer_Staat.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bmwk.de\/Redaktion\/DE\/Publikationen\/Ministerium\/Veroeffentlichung-Wissenschaftlicher-Beirat\/wissenschaftlicher-beirat-vorschlaege-reform-gutachten.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3\">https:\/\/www.bmwk.de\/Redaktion\/DE\/Publikationen\/Ministerium\/Veroeffentlichung-Wissenschaftlicher-Beirat\/wissenschaftlicher-beirat-vorschlaege-reform-gutachten.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU, 2024): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37162\">Rentenpolitische Raub\u00fcberf\u00e4lle. Leben die Boomer auf Kosten der Kinder anderer Leute?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Podcast zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=35162\">Rentenreform \u00e0 la Sachverst\u00e4ndigenrat. Verteilungspolitische Vorschl\u00e4ge f\u00fchren in die Irre<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. <strong>Norbert Berthold<\/strong> (JMU W\u00fcrzburg) im Gespr\u00e4ch mit Prof. Dr. <strong>Bernd Raffelh\u00fcschen<\/strong> (ALU Freiburg)<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den kommenden Legislaturperioden vollzieht sich in Deutschland der demografische Wandel, denn die Babyboomer gehen in Rente. Das setzt die umlagefinanzierte Rente unter massiven Druck. 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