{"id":399,"date":"2009-01-01T14:15:51","date_gmt":"2009-01-01T13:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=399"},"modified":"2009-01-01T14:15:51","modified_gmt":"2009-01-01T13:15:51","slug":"zehn-jahre-euro-zerbricht-er-an-der-finanzkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=399","title":{"rendered":"Zehn Jahre Euro: Zerbricht er an der Finanzkrise?"},"content":{"rendered":"<p>Am 1. Januar 2009, mitten in der wohl gr\u00f6\u00dften Finanzkrise seit 1929, ist der Euro 10 Jahre alt geworden. Also keineswegs erwachsen, vielmehr noch ein Kind: Nicht mehr ganz so zerbrechlich wie mit 3 Jahren, aber auch noch nicht so robust wie (vielleicht)mit 18 oder 25. Martin Feldstein betont die Zerbrechlichkeit: Die gegenw\u00e4rtige Finanzkrise werde die heterogene Euro-Zone auseinanderdividieren, weil manche L\u00e4nder in Bezug auf die Homogenisierung der Geldpolitik die Exit-Option w\u00e4hlen werden, um in eigener Strategie auf die Krise reagieren zu k\u00f6nnen.\u00c2\u00a0 Zu erwarten sei ein Euro-Kollaps-Szenario. Das Gegenteil sagt Barry Eichengreen: Die Krise st\u00e4rke den Euro, denn die europ\u00e4ischen Euro-Outsider w\u00e4ren froh, ebenso\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 wie die Insider unter das sch\u00fctzende Dach der EZB als lender of last resort kriechen zu k\u00f6nnen. D\u00e4nemark und Schweden sind wohl die markantesten Beispiele.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nWir erinnern uns an die Euphoriker von damals: Der Euro werde die europ\u00e4ische Identit\u00e4t unter den B\u00fcrgern st\u00e4rken, er werde Wachstum und Handel innerhalb Europas stimulieren, er werde mindestens so stabil sein wie die D-Mark, er werde langfristig den US-Dollar verdr\u00e4ngen. Und die Skeptiker von damals: Der Euro als Gemeinschaftsw\u00e4hrung ben\u00f6tige ein bundesstaatlich-analoges Fiskaldach (und da es dieses nicht g\u00e4be, werde der Euro-Integrationsraum \u00e4hnlich scheitern wie viele historische W\u00e4hrungsunionen auch),\u00c2\u00a0 die EZB k\u00f6nne systemisch f\u00fcr kein einzelnes Euro-Land eine optimale Geld- und Zinspolitik verfolgen, deshalb seien Inflationsrate und der Euro-Wechselkurs f\u00fcr kein Land optimal, aufgrund der national heterogenen Inflationsaversionen sei die Stabilit\u00e4t des Euro zudem langfristig nicht gesichert.<\/p>\n<p>Zehn Jahre Euro-Kindheit geben weder den Euphorikern recht, noch den Skeptikern unrecht: Die Europa-Identifizierung der B\u00fcrger hat, wie verschiedene Umfragen zeigen, nicht zugenommen, das Wachstum in der Euro-Zone hat sich Euro-bedingt nicht verst\u00e4rkt, wohl aber der innereurop\u00e4ische Handel, die Euro-Stabilit\u00e4t \u00fcber die Zehnjahresperiode liegt auf (bzw. sogar etwas \u00fcber) dem Niveau der fr\u00fcheren DM, der Euro ist international ein beachtlicher Konkurrent zum USD geworden. Allerdings ist der Versuch, ein gemeinsames Fiskaldach ann\u00e4hernd \u00fcber den \u201eStabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt\u201c zu simulieren, mi\u00dflungen, heterogenit\u00e4tsbedingt ist die Geldpolitik der EZB keineswegs optimal f\u00fcr alle L\u00e4nder, und manche klagen \u00fcber einen f\u00fcr sie zu hohen Euro-Wechselkurs, Opting-out-Szenarien werden (mindestens) theoretisch durchgespielt (Italien).<\/p>\n<p>Also ein gesund-krankes Euro-Kind. Stirbt es in der Finanzkrise mit Feldstein oder bl\u00fcht es auf mit Eichengreen? Die Antwort hei\u00dft: Es kann sterben, wenn die Heterogenit\u00e4ten im Euro-Raum immer gr\u00f6\u00dfer werden, es bl\u00fcht auf, wenn es umgekehrt kommt. Anders gesagt: Sterben oder Bl\u00fchen h\u00e4ngen ab vom zuk\u00fcnftigen \u00c4nderungsbedarf der realen Wechselkurse zwischen den Euro-Mitgliedern. Denn dieser indiziert, wenn er kleiner wird, da\u00df die reale Konvergenz im Euro-Raum und damit die Funktionsf\u00e4higkeit des Euro zunimmt, und wenn er steigt, da\u00df die realen Divergenzen zwischen den Euro-Mitgliedern sich verst\u00e4rken, die die Gemeinschaftsw\u00e4hrung (implizit irreversible nominale Wechselkurse zwischen den Mitgliedern) dann vielf\u00e4ltig unter nationalen Akzeptanzdruck setzen.<\/p>\n<p>Der EZB-Schutzschirm mag den Euro als sicheren Hafen in st\u00fcrmischer See der Finanzkrise erscheinen lassen: Bei Windst\u00e4rke 12 suchen vor allem die kleinen und leckgeschlagenen Schiffe im sicheren Hafen Schutz und Hilfe. Das ist Eichengreens Prognose: Weil Windst\u00e4rke 12 immer wieder droht, wird der Euro-Hafen f\u00fcr die Risikoaversen immer attraktiver. Aber Feldstein schaut auf den Hafenmeister: Der verlangt Hafengeb\u00fchren, stundet diese nur ausnahmsweise und zudem in Abh\u00e4ngigkeit von Gr\u00f6\u00dfe und Zustand der Schiffe allenfalls bis zum Ende des Sturms, dringt auf Schiffsreparaturen, die fit machen f\u00fcr Windst\u00e4rke 12, auf disziplinierte Einhaltung der Hafenordnung. Wer dies alles nicht kann oder will, wird den Hafen verlassen (m\u00fcssen). Und das werden durch die Krise wohl immer mehr sein, prophezeit Feldstein.<\/p>\n<p>Feldstein wird nicht ganz recht haben und Eichengreen auch nicht. Warum nicht? Weil ein realistisches Euro-Szenario wohl wie folgt aussieht: Die Heterogenit\u00e4ten zwischen den Euro-Mitgliedern nehmen zu, nicht zuletzt wegen der EU- und EMU-Erweiterungen.\u00c2\u00a0 So zeitigt die Krise bereits wachsende Differenzen in den Risikopr\u00e4mien der Staatsanleihen im Euro-Raum. Die angedachte Schuldenbremse des Stabilit\u00e4tspakts wird zunehmend ignoriert, die Schleusentore der Verschuldung \u00f6ffnen sich weit. Der Druck auf L\u00f6hne und Besch\u00e4ftigung verteilt sich asymmetrisch im W\u00e4hrungsgebiet, die Arbeitsproduktivit\u00e4ten und Wachstumspotentiale entwickeln sich unterschiedlich, die Zahlungsbilanzsalden divergieren zunehmend, eine allgemein akzeptierte Inflationsaversion wird immer schwieriger durchzusetzen, zumal der Euro-Raum gegenw\u00e4rtig mit Liquidit\u00e4t \u00fcberflutet wird. Das wird \u2013 l\u00e4nderspezifisch unterschiedlich \u2013 in die Preise gehen. Dies alles schl\u00e4gt sich in gr\u00f6\u00dferen realen Wechselkursanpassungen nieder. Zugleich verst\u00e4rkt sich der Trend zu mehr Zentralisierung und Harmonisierung in der EU. Dieser administrative Homogenisierungsdruck kollidiert mit dem zunehmenden Heterogenisierungstrend.<\/p>\n<p>Eine differenziertere Analyse zeigt, da\u00df es im Euro-Raum cum grano salis zwei Regionen gibt, in denen die realen Wechselkursanpassungen unterschiedlich ausfallen: die \u201eNordregion\u201c um Deutschland, Benelux und \u00d6sterreich herum sowie die \u201eS\u00fcdregion\u201c mit u. a. Italien, Spanien und Frankreich. In der Nordregion sind die realen Wechselkursanpassungen wegen gr\u00f6\u00dferer realer Konvergenz zwischen den Mitgliedern signifikant geringer als zwischen den Mitgliedern der S\u00fcdregion. Vieles spricht daf\u00fcr, da\u00df die Finanzkrise die Divergenz zwischen Nord- und S\u00fcdregion im Euro-Raum erh\u00f6ht, wenn man erkennt, da\u00df in der Nordregion die fr\u00fcheren \u201eStarkw\u00e4hrungsl\u00e4nder\u201c und in der S\u00fcdregion die \u201eWeichw\u00e4hrungsl\u00e4nder\u201c sich versammeln. Damit wird auch der reale Wechselkursanpassungsbedarf zwischen beiden Regionen steigen.<\/p>\n<p>Und da sind wir bei Feldstein: Seine Euro-Zerbrechlichkeitsthese\u00c2\u00a0 erscheint nicht ganz unrealistisch in Bezug auf das Auseinanderdriften beider Regionen, das Mitglieder der S\u00fcdregion wom\u00f6glich mit Opting-out-Strategien hantieren l\u00e4\u00dft. Dagegen wird Eichengreen recht behalten, wenn man seine Euro-St\u00e4rkungsthese vor allem auf die relativ homogene Nordregion bezieht mit ihren Mitgliedern, die traditionell zu den Starkw\u00e4hrungsl\u00e4ndern geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>So ist es wahrscheinlich, da\u00df ein erwachsener\u00c2\u00a0 Euro in weiteren 10 Jahren zwar manche neuen Mitglieder einschlie\u00dft, aber nicht mehr alle alten dabei sind.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. Januar 2009, mitten in der wohl gr\u00f6\u00dften Finanzkrise seit 1929, ist der Euro 10 Jahre alt geworden. 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