{"id":40116,"date":"2025-05-02T00:10:00","date_gmt":"2025-05-01T23:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40116"},"modified":"2025-05-02T07:26:31","modified_gmt":"2025-05-02T06:26:31","slug":"rechnungslegung-gesellschaftsrecht-und-makrooekonomische-bedingungen-die-deutsche-gruenderkrise-von-1873-im-lichte-der-oesterreichischen-konjunkturtheorie1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40116","title":{"rendered":"Rechnungslegung, Gesellschaftsrecht und makro\u00f6konomische Bedingungen <br><b>Die deutsche Gr\u00fcnderkrise von 1873 im Lichte der \u00f6sterreichischen Konjunkturtheorie[1] <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die wirtschaftshistorische Analyse der Gr\u00fcnderkrise von 1873 zeigt, wie tiefgreifend institutionelle Regelungen in Rechnungslegung, Gesellschaftsrecht und Geldpolitik miteinander verwoben sein k\u00f6nnen. Ein besonders anschauliches Beispiel bietet die Entwicklung in Deutschland zwischen 1870 und 1873. Die \u00f6sterreichische Konjunkturtheorie bietet einen Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr das Entstehen einer spekulativen \u00dcberhitzung, ausgel\u00f6st durch monet\u00e4re Impulse und verst\u00e4rkt durch bilanzielle und rechtliche Rahmenbedingungen. Ein Verst\u00e4ndnis der Interdependenzen zwischen Unternehmens- und Bilanzrecht sowie der makro\u00f6konomischen Einflussfaktoren kann dazu beitragen, k\u00fcnftige Krisen zu begrenzen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Entwicklung im \u00dcberblick<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6sterreichische Konjunkturtheorie argumentiert, dass durch expansive Geldpolitik gesenkte Zinss\u00e4tze ihre Steuerungswirkung verlieren und zu Fehlallokationen von Kapital f\u00fchren. Unternehmer t\u00e4tigen vermehrt Investitionen in langfristige, kapitalintensive Projekte, deren \u00f6konomische Vorteilhaftigkeit bei unverzerrten Zinsen nicht gegeben w\u00e4re. Genau das passierte nach dem Franz\u00f6sisch-Preu\u00dfischen Krieg von 1870\/71. Die von Frankreich an Deutschland zu leistenden Reparationszahlungen f\u00fchrten zu einem starken Anstieg der Geldmenge und fallenden Zinss\u00e4tzen. Die daraus resultierende Kreditexpansion erm\u00f6glichte die Finanzierung zahlreicher, oft unvorteilhafter Investitionen (sog. Fehlinvestitionen oder \u201eMalinvestments\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung \u00fcberschnitt sich mit der Abschaffung des Konzessionszwangs. Seit dem Jahr 1870 konnten Aktiengesellschaften in Deutschland ohne staatliche Genehmigung gegr\u00fcndet werden (vgl. Martin 1969; Hoffmann &amp; Detzen 2013). Diese Deregulierung f\u00fchrte in einem Umfeld k\u00fcnstlich gesenkter Zinsen zu einer stark ansteigenden Zahl von Neugr\u00fcndungen, darunter viele spekulative und substanziell schwache Unternehmen (vgl. Burhop 2009).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Reform des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches (ADHGB) wurde 1870 au\u00dferdem gesetzlich normiert, Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nde in Unternehmensbilanzen zu ihrem \u201ebeizulegenden Wert\u201c anzusetzen. Damit wandte sich der deutsche Gesetzgeber vom Realisationsprinzip und einer vorsichtigen Bewertung ab (vgl. hierzu Leffon 1987; Haaker &amp; Velte 2013; Hoffmann &amp; Detzen 2013; Schmitz 2016). Wertsteigerungen \u00fcber die fortgef\u00fchrten Buchwerte hinaus konnten an die Aktion\u00e4re ausgesch\u00fcttet werden und so das Schuldendeckungspotential schm\u00e4lern, was die Unternehmen in der darauffolgenden Krise anf\u00e4lliger machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig entstand durch das niedrige Zinsniveau und die Aussicht auf hohe Aussch\u00fcttungen eine erh\u00f6hte Nachfrage nach Aktien. Dies beg\u00fcnstigte wiederum die Gr\u00fcndung neuer Gesellschaften, oft mit dem prim\u00e4ren Ziel, Gr\u00fcndergewinne zu realisieren. Die Aktienemission wurde somit zum selbsttragenden Spekulationsmechanismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rolle der Bilanzierung: Katalysator f\u00fcr Instabilit\u00e4t im Konjunkturzyklus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die im Zuge der Reform des ADHGB von 1870 eingef\u00fchrten Bilanzierungsvorschriften f\u00fcr Aktiengesellschaften verpflichteten zur Bewertung von Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nden nach dem \u201ebeizulegenden Wert\u201c. Unternehmen waren mehr oder weniger dazu angehalten, ihre Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nde nicht mit ihren Anschaffungskosten, sondern mit h\u00f6heren Marktpreisen zu bewerten. Damit wurde es rechtlich zul\u00e4ssig, nicht realisierte Wertsteigerungen als Gewinne auszuweisen und diese als Dividenden auszusch\u00fctten (vgl. L\u00f6wenfeld 1879; Spindler 2005). In einem Umfeld stark steigender Verm\u00f6genspreise \u2013 ausgel\u00f6st durch massive Geldzufl\u00fcsse aus franz\u00f6sischen Reparationen und ein fallendes Zinsniveau \u2013 f\u00fchrte diese Praxis zum Ausweis nicht realisierter Gewinne. Unternehmen konnten Dividenden auf Basis von Wertsteigerungen in ihren Bilanzen aussch\u00fctten, ohne dass sie durch Transaktionen realisiert wurden. Die Konsequenz war ein Abfluss von Kapital aus den Unternehmen, wodurch deren Haftungsmasse geschw\u00e4cht wurde. In der Folge war insbesondere bei jungen Unternehmen mit geringem Schuldendeckungspotential ein deutlich erh\u00f6htes Insolvenzrisiko festzustellen (vgl. Spindler 2005).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Gr\u00fcnderkrise ab 1873 wirkten diese Bilanzierungsregeln aufgrund der Fallh\u00f6he dann krisenversch\u00e4rfend: Sinkende Marktpreise mussten bilanziell nachvollzogen werden, was zu Wertberichtigungen f\u00fchrte und das Eigenkapital vieler Gesellschaften zus\u00e4tzlich schw\u00e4chte. Die Folge war eine hohe Zahl an Liquidationen und Insolvenzen, insbesondere unter den zwischen 1871 und 1873 gegr\u00fcndeten Gesellschaften (vgl. Spindler 2005).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lehren aus der Gr\u00fcnderkrise?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, aus der Gr\u00fcnderkrise seien Lehren gezogen worden. Tats\u00e4chlich wurde bereits in den 1880er-Jahren offenkundig, dass die bilanzielle Erfassung nicht realisierter Gewinne und die darauf basierende Aussch\u00fcttungspraxis einen krisenverst\u00e4rkenden Faktor darstellt. Die Gesetzesreform von 1884 mit der Einf\u00fchrung des Realisations- und Niederstwertprinzips war eine direkte Reaktion auf die in der Krise offenbarten Schw\u00e4chen der Zeitwertbilanzierung (vgl. Schildbach 2012; Haaker &amp; Velte 2013). Das deutsche Bilanzrecht entwickelte sich seither im Zeichen der Kapitalerhaltung \u2013 vorsichtig, substanzorientiert und gl\u00e4ubigersch\u00fctzend.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem historischen Hintergrund wirkt die Entwicklung in der Finanzkrise 2008 beinahe paradox. Auch sie war gepr\u00e4gt von einem exzessiven Kreditzyklus, niedrigem Zinsniveau und einer Bilanzierung zum beizulegenden Zeitwert, der sog. Fair Value-Bilanzierung \u2013 insbesondere bei Finanzinstrumenten. Im Unterschied zur Reaktion nach 1873 wurde die Fair Value-Bilanzierung nach 2008 jedoch nicht grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt (vgl. Haaker &amp; Velte 2013). Im Gegenteil: In Deutschland wurde sie im Zuge des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) im Jahr 2009 f\u00fcr von Banken zu Handelszwecken gehaltenen Finanzinstrumenten gesetzlich im Handelsgesetzbuch verankert (\u00a7?340e Abs.?3 HGB).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung unterstreicht die zentrale These des historischen Vergleichs: Bilanzielle Bewertungsregeln entfalten keine neutrale Wirkung. Sie sind eingebettet in ein makro\u00f6konomisches und institutionelles Gef\u00fcge, in dem sie unter bestimmten Bedingungen destabilisierend wirken k\u00f6nnen. In der Gr\u00fcnderzeit war es die Kombination aus Zeitwertbilanzierung, liberalisiertem Gesellschaftsrecht und kreditgetriebener Euphorie, die zum Gr\u00fcnderkrach f\u00fchrte. Auch in der Finanzkrise 2008 kann die expansive Geldpolitik und die dadurch verzerrte Kapitalallokation als Ausgangspunkt einer Entwicklung interpretiert werden, die durch die Bilanzierung zu Fair Values verst\u00e4rkt wurde (vgl. etwa Hering, Olbrich &amp; Rollberg 2010; Br\u00f6sel, Toll &amp; Zimmermann 2012).<\/p>\n\n\n\n<p>Der historische Blick verdeutlicht: Die Zeitwertbilanzierung ist kein rein bilanzierungstechnisches Konstrukt, kann im Zusammenspiel mit makro\u00f6konomischen und gesellschaftsrechtlichen Rahmenbedingungen aber ein wirkm\u00e4chtiger Verst\u00e4rker in einem bereits fragilen System sein. Bilanzierungsregeln sind insofern als Teil des institutionellen Ordnungsrahmens der Marktwirtschaft zu interpretieren \u2013 mit unmittelbaren R\u00fcckwirkungen auf Stabilit\u00e4t, Risikoallokation und Krisenanf\u00e4lligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnderkrise von 1873 zeigt eindr\u00fccklich, wie geldpolitische Impulse, gesellschaftsrechtliche Normen und bilanzielle Bewertungsregeln zusammenwirken k\u00f6nnen, um spekulative \u00dcbertreibungen zu erzeugen. Die Einf\u00fchrung der Zeitwertbilanzierung unter Bedingungen einer expansiven Geldpolitik und schwacher Governance kann Fehlanreize erzeugen, die zu Verm\u00f6genspreisblasen und Kapitalfehlallokationen f\u00fchren k\u00f6nnen. Im historischen R\u00fcckblick erscheint die Zeitwertbilanzierung nicht als isolierte Ursache, wohl aber als verst\u00e4rkender Mechanismus innerhalb eines ung\u00fcnstigen institutionellen Gesamtgef\u00fcges.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die wirtschaftspolitische Diskussion bedeutet dies: Fragen der Bilanzierung d\u00fcrfen nicht unabh\u00e4ngig von makro\u00f6konomischen Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen betrachtet werden. Reformen in der Rechnungslegung sollten stets auf ihre prozyklische Wirkung hin gepr\u00fcft und in den Kontext der Geldpolitik und Unternehmensregulierung eingebettet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Braun, E., Follert, F. (2025). Fair value accounting and Austrian business cycle theory: what can we learn from the German crisis of 1873?, Accounting History Review, doi: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/21552851.2025.2487258\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/21552851.2025.2487258<\/a>. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Br\u00f6sel, G., Toll, M., Zimmermann, M. (2013). Lessons Learned from Financial Crisis \u2013 Unveiling Alternative Approaches within Valuation and Accounting Theory. Financial Reporting 4 (4): 87\u2013107.<\/p>\n\n\n\n<p>Burhop, C. (2009). No Need for Governance? The Impact of Corporate Governance on Valuation, Performance and Survival of German Banks during the 1870s. Business History 51 (4), 569-601.<\/p>\n\n\n\n<p>Haaker, A., Velte, P. (2013). Zur Geschichte der Zeitwertbilanzierung in Deutschland. Zeitschrift f\u00fcr Unternehmensgeschichte 58 (1), 73-104.<\/p>\n\n\n\n<p>Hering, T., Olbrich, M., Rollberg, R. (2010). Zur angels\u00e4chsischen Bewertungstheorie als Mitursache der Finanzkrise. In Keuper, F., Neumann, F. (Hrsg.), Governance, Risk Management und Compliance. Wiesbaden: Gabler, 29-43.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffmann, S., Detzen, D. (2013). The Regulation of Asset Valuation in Germany. Accounting History 18 (3), 367-389.<\/p>\n\n\n\n<p>Leffson, U. (1987). Die Grunds\u00e4tze ordnungsm\u00e4\u00dfiger Buchf\u00fchrung. 7. Aufl. D\u00fcsseldorf: IDW.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00f6wenfeld, H. (1879). Das Recht der Actien-Gesellschaften. Kritik und Reformvorschl\u00e4ge. Berlin: Guttentag.<\/p>\n\n\n\n<p>Schildbach, T. (2012). Fair Value, Subprime-Krise und Destabilisierung der Wirtschaft. Deutsches Steuerrecht 50 (9), 474-480.<\/p>\n\n\n\n<p>Spindler, D.( 2005). Zeitwertbilanzierung nach dem ADHGB von 1861 und nach dem IAS\/IFRS \u2013 eine empirische Analyse aus Kapitalgebersicht. Sternenfels: Verlag Wissenschaft und Praxis.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. zu diesen Ausf\u00fchrungen Braun &amp; Follert (2025).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wirtschaftshistorische Analyse der Gr\u00fcnderkrise von 1873 zeigt, wie tiefgreifend institutionelle Regelungen in Rechnungslegung, Gesellschaftsrecht und Geldpolitik miteinander verwoben sein k\u00f6nnen. Ein besonders anschauliches Beispiel bietet die Entwicklung in Deutschland zwischen 1870 und 1873. 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