{"id":4095,"date":"2010-09-12T00:01:02","date_gmt":"2010-09-11T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4095"},"modified":"2011-06-15T14:45:40","modified_gmt":"2011-06-15T13:45:40","slug":"deutsch-griechisch-franzoesische-perspektiven-intertemporalen-sparens-und-optimaler-waehrungsraeume-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4095","title":{"rendered":"Deutsch-griechisch-franz\u00f6sische Perspektiven intertemporalen Sparens und optimaler W\u00e4hrungsr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Die griechische Eurotrag\u00f6die hat die Diskussion um die Vorteile intertemporaler Ersparnisbildung und die Anpassungskan\u00e4le von asymmetrischen Schocks in (mehr oder weniger) optimalen W\u00e4hrungsr\u00e4umen neu entfacht. Die Vorteile der W\u00e4hrungsunion in Form geringer Kosten f\u00fcr innereurop\u00e4ische Transaktionen und makro\u00f6konomischer Stabilit\u00e4t (<em>McKinnon<\/em> 1963) sind hinter die Diskussion um die Anpassungskan\u00e4le asymmetrischer Schocks (<em>Mundell<\/em> 1961) zur\u00fcckgetreten. W\u00e4hrend die einen aus Angst vor der Transferunion l\u00e4nderspezifische Geldpolitiken (sprich Griechenlands Austritt aus der W\u00e4hrungsunion) fordern, dr\u00e4ngen EU und IWF die Hellenen zur Lohnflexibilisierung (sprich Reallohnsenkungen). Um in Zukunft aus Leistungsbilanzungleichgewichten resultierende Krisen zu verhindern, fordert die franz\u00f6sische Wirtschaftsministerin Lagarde den deutschen Konsum durch Lohnerh\u00f6hungen anzuheizen. Wie der Blick auf die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung auf die intra-europ\u00e4ischen Leistungsbilanzen zeigt, d\u00fcrfte die erhoffte Hinwendung Deutschlands zum Konsum nicht ohne schwerwiegende Folgen f\u00fcr die europ\u00e4ischen Partner bleiben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die deutsche Wiedervereinigung ist ein Lehrbuchbeispiel f\u00fcr die Vorteile der intertemporalen Ersparnisbildung in heterogenen W\u00e4hrungsr\u00e4umen. Westdeutschland tendierte traditionell zu Spar- und Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcssen, die bei der Wiedervereinigung f\u00fcr den Aufbau Ost zur Verf\u00fcgung standen. Die deutsche Leistungsbilanz drehte sich abrupt ins Defizit (Abb. 1). Durch die Umlenkung der Kapitalexporte von den europ\u00e4ischen Partnerl\u00e4ndern in den neuen Osten des Landes wurde der Wiedervereinigungsboom finanziert.<\/p>\n<p>Aus supranationaler Sicht \u00fcbertrug sich die deutsche Wiedervereinigung als asymmetrischer Schock \u00fcber die Kapitalm\u00e4rkte auf die europ\u00e4ischen Partnerl\u00e4nder. Das Ausbleiben der deutschen Kapitalzufl\u00fcsse bewirkte einen Zinsanstieg in den Nachbarstaaten, der das Wachstum ausbremste. Die Staaten, die nicht Willens schienen im Rahmen des Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystems dem geldpolitischen Kurs Deutschlands zu folgen, wurden zudem Opfer von spekulativen Attacken und W\u00e4hrungskrisen.<\/p>\n<p>Abbildung 1 \u2013 Leistungsbilanz in Mrd. Euros (1980 \u2013 2000)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl_inter1.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl_inter1.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; Zum Verg\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Quelle: Eurostat und Statistische \u00c4mter der L\u00e4nder und des Bundes.<\/p>\n<p>Die Krise des Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystems wurde wie im Modell von <em>Mundell<\/em> (1961) durch die Anpassung der Wechselkurse gel\u00f6st. Die Schlussfolgerung <em>Mundells<\/em> (1961), dass die Abwertung der W\u00e4hrung des Rezessionslandes auch im Boomland willkommen ist, weil sie dort den Inflationsdruck bremst, triff aber nicht zu.  Denn die starke reale Aufwertung der DM, die aus den nominalen Abwertungen der Krisenw\u00e4hrungen, der Aufwertung der DM gegen\u00fcber Drittw\u00e4hrungen und der realen Aufwertung der DM aufgrund des Preisanstiegs im Wiedervereinigungsboom resultierte, setzte auch dem deutschen Boom ein Ende. Es scheint als wurden im Ergebnis die Kosten der Wiedervereinigung \u00fcber die ganze Europ\u00e4ische Union verteilt. Denn nicht nur in Deutschland, sondern auch in fast allen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern stieg die Staatsverschuldung sprunghaft an (Abb. 2).<\/p>\n<p>Abb. 2 \u2013 Bruttoschuldenstand in Prozent des BIP<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl_inter2.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl_inter2.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; Zum Verg\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Quelle: IWF.<\/p>\n<p>Innerhalb von Deutschland \u00e4u\u00dferte sich die Wiedervereinigung als typischer asymmetrischer Schock nach den Annahmen von <em>Mundell<\/em> (1961), da sich die Nachfrage pl\u00f6tzlich von Ostg\u00fctern zu Westg\u00fctern verschob. Als Anpassungskanal wurde weder der Wechselkurs (Umtauschkurs 1:1 bzw. 1:2) noch produktivit\u00e4tsorientierte Lohnanpassungen gew\u00e4hlt. Stattdessen kam es zu einer Mischl\u00f6sung von Migration der Arbeit (bzw. Pendelbewegungen) und hohen Transfers von West nach Ost. Auch wenn letztere gemessen an einer innerdeutschen Leistungsbilanz kontinuierlich abnehmen, bereitet deren Persistenz westdeutschen B\u00fcrgern Kopfzerbrechen.<\/p>\n<p>Die Anpassung an den deutsch-deutschen Wiedervereinigungsschock auf der Basis von Transfers und einem hohen Lohnniveau in Ostdeutschland ist die Ursache f\u00fcr den Aufbau der Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone, die der j\u00fcngsten Krise vorangegangen sind. Der starke Anstieg der Staatsverschuldung und der Arbeitslosigkeit in Deutschland im Verlauf des Aufbaus Ost war ein Schock hinsichtlich der Verhandlungsmacht der Gewerkschaften. Die angestrebte Konsolidierung der Staatsverschuldung forcierte \u2013 nicht zuletzt aufgrund der Restriktionen des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes \u2013 die Zur\u00fcckhaltung bei \u00f6ffentlichen Lohnabschl\u00fcssen. Im privaten Sektor erh\u00f6hte der deutliche Anstieg der gesamtdeutschen Arbeitslosigkeit die Verhandlungsmacht der Industrie.<\/p>\n<p>Abb. 3 \u2013 Leistungsbilanzen in der EWU<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl_inter3.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl_inter3.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; Zum Verg\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Quelle: IWF.<\/p>\n<p>Die Divergenz der Leistungsbilanzen innerhalb der Europ\u00e4ischen (W\u00e4hrungs-)Union (Abb. 3) wurde durch die Einf\u00fchrung des Euro beg\u00fcnstigt, da nun einer einheitlichen Geldpolitik in zusammenwachsenden Kapitalm\u00e4rkten unterschiedliche Lohnpolitiken entgegenstanden. W\u00e4hrend in Deutschland aufgrund der vereinigungsbedingten St\u00f6rungen im Arbeitsmarkt eine restriktive Lohnpolitik forciert wurde, blieben an der Peripherie \u2013 gespeist von deutschen Ersparnissen \u2013 die Lohnerh\u00f6hungen wie in der Vergangenheit hoch. Die nicht mehr existierende DM wertete gegen\u00fcber den Peripheriew\u00e4hrungen real graduell ab und die Leistungsbilanzensalden begannen zu divergieren.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem sp\u00e4teren Argument von <em>Mundell<\/em> (1973a, 1973b), dass auch in heterogenen W\u00e4hrungsr\u00e4umen integrierte Kapitalm\u00e4rkte asymmetrische Schocks absorbieren, haben diese die Divergenz der Leistungsbilanzsalden erst erm\u00f6glicht. Denn der Euro f\u00fchrte nicht \u2013 wie von <em>Mundell<\/em> (1973a, 1973b) angenommen \u2013 dazu, dass Deutsche mehr griechische Verm\u00f6genswerte und Griechen mehr deutsche Verm\u00f6genswerte hielten. Stattdessen flossen die deutschen Ersparnisse einseitig nach Griechenland.<\/p>\n<p>Offenbar wurde \u2013 im Gegensatz zu den Bekundungen des europ\u00e4ischen Vertragswerks \u2013 die W\u00e4hrungsunion als Haftungsgemeinschaft interpretiert. Da in vergangenen Dekaden <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3725\" target=\"blank\">Zahlungsbilanzkrisen<\/a> immer wieder durch \u00f6ffentliche Kreditvergabe bzw. durch Zinssenkungen in den Kreditgeberl\u00e4ndern monetarisiert wurden, konnten die griechische Regierung und die deutschen Finanzinstitute im Falle einer Krise auf supranationale Hilfe hoffen. Im Gegensatz zu den Annahmen von <em>Mundell<\/em> (1961) war dieser Schock nicht zuf\u00e4llig, sondern durch die kontinuierliche Divergenz der Leistungs- und Kapitalbilanzsalden vorprogrammiert. Zwar bleibt zun\u00e4chst unklar, wer die Kosten der Eurokrise tr\u00e4gt. Doch d\u00fcrften \u00fcberproportional die deutschen Sparer und Steuerzahler beteiligt werden, wenn die europaweit angestiegene Staatsverschuldung \u00fcber Steuern oder Inflation abgetragen wird. Die intertemporale Verteilung wird dann in eine transnationale Umverteilung \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Fazit: Die Zusammenh\u00e4nge asymmetrischer Schocks in einheitlichen W\u00e4hrungsr\u00e4umen sind komplex und gehen weit \u00fcber <em>Mundells<\/em> (1961) Modellwelt hinaus. Insbesondere auch deshalb, weil in Haftungsgemeinschaften die Schockabsorption \u00fcber Transfers wahrscheinlich ist. Sowohl die deutsche Wiedervereinigung als auch die von Griechenland ausgehende Eurokrise hat bzw. wird die gesamteurop\u00e4ische Verschuldung steigen lassen, was eine Entschuldung \u00fcber Inflation wahrscheinlicher macht. Intertemporales Sparen lohnt nicht, wenn im Verlauf von Krisen Kreditausf\u00e4lle im Ausland durch einen Anstieg der Staatsverschuldung finanziert werden. Aus dieser Sicht ist der Vorschlag der franz\u00f6sischen Wirtschaftsministerin Lagarde im Sinne der deutschen Sparer und Steuerzahler, da er mit dem deutschen Leistungsbilanz\u00fcberschuss deren Risiken reduziert. Bleiben aber die deutschen Konsumenten trotz steigender L\u00f6hne ihrer Sparmoral treu, dann m\u00fcsste ein staatliches Investitionsprogramm nach dem Muster der Wiedervereinigung Konsum und Investition ins Inland lenken. Die Grenzleistungsf\u00e4higkeit dieser Investitionen d\u00fcrfte jedoch unter denen privater liegen und \u00fcber die Zeit hinweg abnehmen. Zudem d\u00fcrften die R\u00fcckwirkungen auf Europa, wie sie w\u00e4hrend der deutschen Wiedervereinigung zu beobachten waren, nicht im Sinne der franz\u00f6sischen Ministerin sein.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><em>McKinnon, Ronald<\/em> 1963: Optimum Currency Areas, American Economic Review 53, 717-725.<br \/>\n<em>Mundell, Robert<\/em> 1961: A Theory of Optimum Currency Areas, American Economic Review 51, 657-665.<br \/>\n<em>Mundell, Robert<\/em> 1973a: A Plan for a European Currency, in: <em>Johnson, Harry \/ Swoboda, Alexander<\/em> (eds.): The Economics of Common Currencies, Allen and Unwin: London, 143-172.<br \/>\n<em>Mundell, Robert<\/em> 1973b: Uncommon Arguments for Common Currencies, in: <em>Johnson, Harry \/ Swoboda, Alexander<\/em> (eds.): The Economics of Common Currencies, Allen and Unwin: London, 114-132.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.uni-leipzig.de\/~wipo\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=103&amp;Itemid=115\" target=\"blank\">Holger Zemanek<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am <a href=\"http:\/\/www.uni-leipzig.de\/~wipo\/\" target=\"blank\">Institut f\u00fcr Wirtschaftspolitik<\/a> der <a href=\"http:\/\/www.zv.uni-leipzig.de\/\" target=\"blank\">Universit\u00e4t Leipzig<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die griechische Eurotrag\u00f6die hat die Diskussion um die Vorteile intertemporaler Ersparnisbildung und die Anpassungskan\u00e4le von asymmetrischen Schocks in (mehr oder weniger) optimalen W\u00e4hrungsr\u00e4umen neu entfacht. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4095\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDeutsch-griechisch-franz\u00f6sische Perspektiven intertemporalen Sparens und optimaler W\u00e4hrungsr\u00e4ume\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":82,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,8,7,12],"tags":[117,57,318,319,45],"class_list":["post-4095","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-europaisches","category-globales","category-monetares","tag-europaeische-union","tag-griechenland","tag-reallohn","tag-wechselkurse","tag-waehrungsunion"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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