{"id":4109,"date":"2010-09-17T00:01:24","date_gmt":"2010-09-16T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4109"},"modified":"2019-07-24T07:08:02","modified_gmt":"2019-07-24T06:08:02","slug":"lohn-und-tarifpolitik-nach-der-finanzkrisewerden-arbeitgeberverbaende-und-gewerkschaften-ueberfluessig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4109","title":{"rendered":"Lohn- und Tarifpolitik nach der Finanzkrise <br\/><font size=3; color=grey>Werden Gewerkschaften und Arbeitgeberverb\u00e4nde \u00fcberfl\u00fcssig?<\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eEs ist nicht der Unternehmer, der die L\u00f6hne zahlt &#8211; er \u00fcbergibt nur das Geld. Es ist das Produkt, das die L\u00f6hne zahlt.\u201c (Henry Ford)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Finanzkrise hat die Welt an den Rand einer Depression gef\u00fchrt. In vielen Unternehmen drohten 2009 die Lichter auszugehen. Das alles scheint vergessen. Auf den deutschen Arbeitsm\u00e4rkten ist der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts glimpflich verlaufen. Nun nimmt auch das wirtschaftliche Wachstum wieder Fahrt auf. Es scheint also wenig Grund zu geben, Grundlegendes zu \u00e4ndern. Das sagen sich wohl auch die Tarifpartner. In der Lohn- und Tarifpolitik l\u00e4uft alles wie immer. Die Tarifpartner \u00fcben sich in einem medienwirksamen, archaischen Ritual. Gewerkschaften fordern nach den Entbehrungen der letzten Jahre einen kr\u00e4ftigen Schluck aus der Pulle. Bei Widerstand droht Streik. Arbeitgeberverb\u00e4nde sehen die zarte Pflanze des Aufschwungs ernsthaft in Gefahr. Sie drohen mit einem Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen. Beide Seiten bringen ihren Wirtschaftsweisen in Stellung. Es ist wie immer, nur die Realit\u00e4t ist eine andere.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Alte Glaubenss\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der kr\u00e4ftigen Erholung ist der Aufschwung noch labil. Ein \u201edouble dip\u201c ist weiter m\u00f6glich, die Angst vor dem Einbruch geht um. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise sind die Keynesianer \u00fcberall auf der \u00dcberholspur. Allerdings sto\u00dfen die gigantischen staatlichen Ausgabenprogramme an fiskalische Grenzen. Die Angst vor k\u00fcnftig h\u00f6heren Belastungen mit Steuern und Abgaben wirkt konjunkturpolitisch kontraproduktiv. Kr\u00e4ftige Lohnerh\u00f6hungen sollen deshalb an ihre Stelle treten und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage st\u00e4rken. Allerdings hat die Kaufkrafttheorie des Lohnes zwei irreparable Schwachstellen: Unternehmen werden international weniger wettbewerbsf\u00e4hig und rationalisieren st\u00e4rker. Das tut weder der Besch\u00e4ftigung gut noch der gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Kein Wunder, dass <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1069\">Keynes<\/a> wenig davon gehalten hat, die G\u00fcternachfrage in der Rezession durch h\u00f6here L\u00f6hne zu steigern.<\/p>\n<p>Zudem schw\u00e4cht eine expansive Lohn- und Tarifpolitik die Arbeitsnachfrage, wenn sie die Lohnst\u00fcckkosten erh\u00f6ht. Keynesianische Arbeitslosigkeit verwandelt sich in klassische. Probleme auf der Nachfrageseite f\u00fchren zu \u00c4rger auf der Angebotsseite. Nicht mehr ein Mangel an Nachfrage, sondern die mangelnde Rentabilit\u00e4t der Investitionen dominiert. Diese Gefahr ist real. Die gegenw\u00e4rtig relativ g\u00fcnstige Lage auf den Arbeitsm\u00e4rkten wurde durch Einkommensverzicht der Arbeitnehmer und das \u201eHorten\u201c von Arbeitskr\u00e4ften der Unternehmen erkauft. Trotz staatlich subventionierter Kurzarbeit stiegen die Lohnst\u00fcckkosten sprunghaft an. Die Unternehmen konnten die teilweise hohen Verluste nur \u00fcberstehen, weil sie \u00fcber eine im internationalen Vergleich relativ gute Eigenkapitalbasis verf\u00fcgten. Die ist nun abgeschmolzen. Steigen die Lohnst\u00fcckkosten weiter, sind Entlassungen unvermeidlich.<\/p>\n<p>Trotzdem erlebt die derangierte traditionelle Kaufkrafttheorie des Lohnes gegenw\u00e4rtig eine Renaissance in neuem Gewand. Au\u00dfenwirtschaftliche Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz werden als eine sprudelnde Quelle der Krise ausgemacht. Kr\u00e4ftige Lohnsteigerungen hierzulande sollen die Binnennachfrage steigern, die hohen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse eliminieren und das Spielgeld im internationalen Casino k\u00fcrzen. Die Folgen sind klar. International wettbewerbsf\u00e4hige deutsche Unternehmen werden lohn- und tarifpolitisch ausgebremst, der industrielle Sektor wird dezimiert, der international weniger handelbare Dienstleistungen werden gest\u00e4rkt. W\u00e4hrend die traditionelle Kaufkrafttheorie noch bestritt, dass die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit sinkt, wird sie nun Motor eines rabiaten strukturellen Wandels. Die Folgen f\u00fcr den Arbeitsmarkt sind eindeutig: Die strukturelle Arbeitslosigkeit steigt deutlich, auch weil viele Arbeitnehmer diesem Strukturwandel nicht gewachsen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Der medienwirksame Kampf der siamesichen Zwillinge von Arbeitgeberverb\u00e4nden und Gewerkschaften um Lohnprozente f\u00fchrt an der Realit\u00e4t vorbei. Und die Tarifpartner wissen es. Um wie viel die L\u00f6hne steigen k\u00f6nnen, h\u00e4ngt allein von der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Unternehmen ab. Im Gegensatz zu fr\u00fcher streut die allerdings sehr viel st\u00e4rker. Die Welt ist inter- und intra-sektoral heterogener geworden. Im industriellen Sektor werden Arbeitspl\u00e4tze abgebaut, nicht erst seit heute. Das wird sich auch in Zukunft nicht \u00e4ndern. Spannend ist allein die Frage, wie schnell es geht. Den industriellen Sektor in Deutschland wird es besonders hart treffen. Er hat die eigentliche Anpassung noch vor sich. Gleichzeitig werden im Bereich der Dienstleistungen neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Das sind nicht nur solche f\u00fcr einfache Arbeit, ganz im Gegenteil. Die Zukunft hochqualifizierter Arbeit liegt im Dienstleistungssektor.<\/p>\n<p>Aber auch in den Branchen l\u00e4uft die Entwicklung differenzierter. Die Ertr\u00e4ge der einzelnen Unternehmen \u00c2\u00a0entwickeln sich ungleicher als fr\u00fcher. Einige gewinnen, andere verlieren. Die Finanzkrise hat dies noch einmal verdeutlicht. In der stark gebeutelten Automobilindustrie taumelten einige, wie etwa Opel, am Rande des finanziellen Abgrundes. Andere, wie etwa Volkswagen, meisterten die Krise ausgezeichnet. Das war auch im Maschinenbau nicht anders. Unternehmen, wie etwa Heidelberger Druck, h\u00e4tten ohne staatliche Hilfe nicht \u00fcberlebt. Andere, wie etwa Groz-Beckert, schrieben selbst in der schwersten Krise pechschwarze Zahlen. Auch im Finanzsektor zeigte sich, wie heterogen die wirtschaftliche Entwicklung inzwischen verl\u00e4uft. W\u00e4hrend die Commerzbank ohne die Beteiligung des Staates wohl das Zeitliche gesegnet h\u00e4tte, war die Deutsche Bank erfolgreich wie eh und je.<\/p>\n<p>Eine neue Heterogenit\u00e4t l\u00e4sst sich auch bei den Arbeitnehmern in den Unternehmen beobachten. Weltweit offenere G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte und neue IuK-Technologien ver\u00e4ndern die Struktur der Arbeitsnachfrage der Unternehmen. Einfache Arbeit wird weniger, qualifizierte Arbeit verst\u00e4rkt nachgefragt. Das ver\u00e4ndert auch die Arbeitsbeziehungen in den Unternehmen. Vor allem Arbeitnehmer an den Schnittstellen der Betriebe, wie etwa die <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=77\">Lokf\u00fchrer<\/a> bei der Bahn, spielen ihre spezifische Macht aus. Sie wollen immer weniger auf m\u00f6gliche Lohnzuw\u00e4chse verzichten, um einfache Arbeit quer zu subventionieren. Der traditionelle Klassenkampf von Arbeit gegen Kapital tritt in den Hintergrund. Heute dominiert der Kampf unterschiedlicher Gruppen von Arbeitnehmern um die gr\u00f6\u00dften St\u00fccke am Kuchen. Die Lohn- und Tarifpolitik muss diese gr\u00f6\u00dfere Heterogenit\u00e4t unter den Arbeitnehmern ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskussion um gesamtwirtschaftliche Lohnprozente ist vordergr\u00fcndig. Sie lenkt davon ab, dass die Landschaft der Unternehmen und deren Belegschaften heterogener werden. Die alte Art der Lohnfindung, die starren Fl\u00e4chentarife, ist reif f\u00fcr das Museum der Industriegeschichte. Notwendig ist eine betriebsn\u00e4here Lohn- und Tarifpolitik. Viele Betriebsr\u00e4te und Gesch\u00e4ftsleitungen haben in der Krise gezeigt, wie es auf betrieblicher Ebene gelingen kann, Arbeitspl\u00e4tze zu retten. Dem Lohnverzicht in der Krise entspricht allerdings eine Beteiligung der Arbeitnehmer am betrieblichen Erfolg im Aufschwung. Betriebliche B\u00fcndnisse werden beiden Situationen gerecht. St\u00e4rker <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37\">ertragsabh\u00e4ngige Entlohnungen<\/a> spielen eine wichtige Rolle. Betriebliche B\u00fcndnisse f\u00fcr Arbeit sind die Zukunft, da sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie verringern gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit und erh\u00f6hen die Lohnquote, also den Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen.<\/p>\n<p>Die Dezentralisierung in der Lohn- und Tarifpolitik muss allerdings noch weiter gehen. Das haben sp\u00e4testens die Streiks der Lokf\u00fchrer gezeigt. Heterogenere Arbeitnehmer in den Unternehmen erh\u00f6hen die Vielfalt der Interessen. Die Lohn- und Tarifpolitik muss dem Rechnung tragen. Einen ersten Schritt ging das Bundesarbeitsgericht, indem es die Tarifeinheit aufhob. Damit werden unterschiedliche Gruppen in Unternehmen tariff\u00e4hig. Der Wettbewerb der Interessengruppen nimmt zu. Die Arbeitsbeziehungen werden aufgemischt, passgenauere L\u00f6sungen m\u00f6glich. Das gilt f\u00fcr Arbeitszeiten, Einkommen, Qualifizierung aber auch f\u00fcr Mitarbeiterbeteiligungen. Die Politik darf sich nicht zum Handlanger der Tarifpartner machen, indem sie per Verfassungs\u00e4nderung die Tarifeinheit wieder herstellt. Sie muss vielmehr f\u00fcr einen ad\u00e4quaten Ordnungsrahmen sorgen, um einen wirksamen unternehmensinternen Wettbewerb der Interessengruppen zu garantieren.<\/p>\n<p>Allerdings f\u00fchrt auch eine dezentralere Lohn- und Tarifpolitik die Arbeit noch nicht in eine bessere Zukunft. Das wird erst m\u00f6glich, wenn private Unternehmen gen\u00fcgend neue Arbeitspl\u00e4tze schaffen. Ein Feld, auf dem diese entstehen k\u00f6nnen, ist der hierzulande unterentwickelte Dienstleistungssektor. Zwei Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen Bremsen l\u00f6sen: Die Produktion von Dienstleistungen, besonders der freiberuflichen, muss dereguliert werden. Das ist das Ende des Entsendegesetzes, der Dienstleistungsrichtlinie, der gesetzlichen Mindestl\u00f6hne und der Regulierungen bei den freien Berufen. Viel ist auch gewonnen, wenn es gelingt, das Leben der \u201estart ups\u201c von b\u00fcrokratischem Ballast zu befreien. Das gilt f\u00fcr die Phase der Gr\u00fcndung, des laufenden Betriebs und der Schlie\u00dfung. Ein dynamischer Dienstleistungssektor schafft nicht nur die notwendigen zukunftstr\u00e4chtigen Arbeitspl\u00e4tze. Auch der Anteil international nicht-handelbarer G\u00fcter steigt, die au\u00dfenwirtschaftlichen Ungleichgewichte werden kleiner, zumindest tempor\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Tarifpartner interpretieren die Krise nicht als einen Strukturbruch, sondern als eine Wachstumspause. Das ist allerdings kein Freibrief f\u00fcr die Lohn- und Tarifpolitik so weiter zu machen wie bisher. Dazu z\u00e4hlt auch das medienwirksam ausgetragene Gez\u00e4nk um Lohnprozente. Tats\u00e4chlich hat die schwere Krise die l\u00e4ngst eingetretenen tektonischen Verwerfungen in der Tariflandschaft noch einmal in aller Deutlichkeit offengelegt. Nicht nur die Unternehmen sind heterogener geworden, auch die Interessen der Arbeitnehmer sind sehr unterschiedlich. Der Streit um die H\u00f6he <a href=\"http:\/\/www.vwl.uni-wuerzburg.de\/fileadmin\/12010400\/zwischenruf\/OZ_143_WiSt_09_10.pdf\">einheitlicher L\u00f6hne und Tarife <\/a>f\u00fcr ganze Branchen geht deshalb an der Sache vorbei. Die Lohn- und Tarifpolitik muss sich st\u00e4rker an den heterogenen Interessen auf beiden Marktseiten orientieren. Das geschieht am ehesten auf <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=182\">betrieblicher Ebene.<\/a> Die Arbeitgeberverb\u00e4nde und Gewerkschaften von heute werden morgen \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist nicht der Unternehmer, der die L\u00f6hne zahlt &#8211; er \u00fcbergibt nur das Geld. 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