{"id":41299,"date":"2025-09-02T06:05:09","date_gmt":"2025-09-02T05:05:09","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=41299"},"modified":"2025-09-02T06:05:10","modified_gmt":"2025-09-02T05:05:10","slug":"gastbeitrag-rueckkehr-der-staatsschuldenkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=41299","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>R\u00fcckkehr der Staatsschuldenkrise?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Staatsschulden sind verglichen mit der Wirtschaftsleistung in den meisten gro\u00dfen Mitgliedsl\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion bereits h\u00f6her als vor Ausbruch der Staatsschuldenkrise im Jahr 2010. Nicht wenige Anleger bef\u00fcrchten, dass es irgendwann zu einer neuen Staatsschuldenkrise kommt. Aber das naheliegende Szenario muss nicht das wahrscheinlichste sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rasant steigende Staatsschulden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Staatsschulden weiter rasch zulegen. So m\u00fcssen f\u00e4llig werdende Anleihen mit sehr niedrigen Zinsen zunehmend durch Anleihen mit h\u00f6heren Zinsen ersetzt werden. Hinzu kommen steigende Ausgaben wegen der Alterung der Gesellschaft und h\u00f6here Verteidigungsausgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem d\u00fcrften die Staatsschulden beispielsweise Italiens in zehn Jahren fast 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Die Staatsschuldenquote Frankreichs w\u00e4chst schneller als die aller anderen gro\u00dfen L\u00e4nder der W\u00e4hrungsunion und d\u00fcrfte in zehn Jahren wohl nur wenig unter der Italiens liegen. Beim einstigen Mustersch\u00fcler Deutschland d\u00fcrfte die Quote von zuletzt gut 60 Prozent auf 90 Prozent steigen (Abb. 1).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-2-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-41304\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-2-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-2-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-2-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-2-1536x1127.png 1536w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-2-2048x1502.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die hohen Schulden k\u00f6nnen irgendwann zu ernsthaften Problemen am Rentenmarkt f\u00fchren. Aber gegen eine neue Staatsschuldenkrise spricht die ver\u00e4nderte Rolle der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die EZB w\u00fcrde diesmal rascher eingreifen, &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So hat die EZB in den Jahren 2010 bis 2012 erfahren, wie schmerzhaft und vor allem gef\u00e4hrlich eine Staatsschuldenkrise ist. Die W\u00e4hrungsunion war phasenweise in ihrer Existenz bedroht. Die EZB w\u00fcrde bei einer sich abzeichnenden Krise nicht noch einmal lange auf das Eingreifen der eigentlich verantwortlichen Staats- und Regierungschefs warten, sondern rasch selbst handeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8230; zumal sie \u00fcber wirksamere Instrumente verf\u00fcgt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgt die EZB mittlerweile \u00fcber schnell wirkende Instrumente. So war es beim 2012 beschlossenen OMT-Programm f\u00fcr breitangelegte Anleihek\u00e4ufe noch notwendig, dass ein in Not geratenes Land vorher einen Hilfsantrag beim ESM-Rettungsfonds der Finanzminister stellt und gewisse Reformauflagen erf\u00fcllt. Dagegen darf die EZB im Rahmen des 2022 beschlossenen TPI-Programms faktisch in eigenem Ermessen Anleihen eines in Not geratenen Mitgliedslandes kaufen, ohne dass das Land Reformauflagen zu erf\u00fcllen hat und die anderen Mitgliedsl\u00e4nder zustimmen m\u00fcssen. Es reicht am Ende aus, dass die EZB die Renditeaufschl\u00e4ge eines Landes mit Blick auf Fundamentaldaten als zu hoch betrachtet. Staatsanleihenk\u00e4ufe sind schon lange kein Tabu mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber massive Nebenwirkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich d\u00fcrfte es der EZB gelingen, bei einem sich anbahnenden K\u00e4uferstreik am Rentenmarkt eine Staatsschuldenkrise recht schnell einzud\u00e4mmen. Aber das Einspannen der EZB als finanzpolitischer Ausputzer geht mit massiven Nebenwirkungen einher.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Erstens ger\u00e4t die EZB in einen Zielkonflikt. Sie kann auf Dauer nicht gleichzeitig f\u00fcr stabile Preise und f\u00fcr eine reibungslose Finanzierung eigentlich zu hoher Staatsschulden sorgen. Massive Anleihek\u00e4ufe erh\u00f6hen nicht nur die Guthaben der Banken bei der EZB, sondern irgendwann auch die Geldmenge in der Hand der B\u00fcrger und Unternehmen und damit die Inflation. Das konnte man w\u00e4hrend der Corona-Krise sehen.<\/li>\n\n\n\n<li>Zweitens animiert die EZB die Finanzminister durch ihre faktische Finanzierungsgarantie dazu, mehr Schulden aufzunehmen. Aber h\u00f6here Staatsschulden entziehen letztlich dem privaten Sektor Ressourcen und schw\u00e4chen das Wachstumspotential der Volkswirtschaften.<\/li>\n\n\n\n<li>Drittens droht eine Interventionsspirale. Sollte sich das Instrument der Staatsanleihenk\u00e4ufe abnutzen, k\u00f6nnten die Finanzminister im Extrem weitere Ma\u00dfnahmen ergreifen, um k\u00fcnstlich Nachfrage nach ihren Anleihen zu schaffen. So k\u00f6nnten sie Versicherungen oder Banken dazu zwingen, mehr Staatsanleihen zu halten. Nicht undenkbar w\u00e4re auch das Verbot, Kapital ins Ausland zu transferieren oder Gold zu halten. Diese Formen der finanziellen Repression gab es in vielen westlichen L\u00e4ndern in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, um die damals hohen Staatsschulden leichter tragen zu k\u00f6nnen. Letztlich ging das zu Lasten der privaten Anleger.<\/li>\n\n\n\n<li>Viertens k\u00f6nnte ein Einspannen der EZB zur Staatsfinanzierung den politischen Zusammenhalt in der W\u00e4hrungsunion gef\u00e4hrden. Durch Staatsanleihenk\u00e4ufe in gro\u00dfem Stil verteilt die EZB n\u00e4mlich Risiken von hoch verschuldeten zu niedrig verschuldeten Staaten um. K\u00e4me es dann noch zu einer Inflation, k\u00f6nnte die Bev\u00f6lkerung eines ehemaligen Hartw\u00e4hrungslandes irgendwann das zweifelslos hohe Risiko eines Austritts aus der W\u00e4hrungsunion in Kauf nehmen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Alles in allem verf\u00fcgt die EZB \u00fcber das Instrumentarium, um trotz massiv steigender Staatsschulden das Risiko einer neuen Krise einzud\u00e4mmen. Aber das ginge mit einer Deformation der W\u00e4hrungsunion einher, die in letzter Konsequenz das politische Fundament des Euroraums gef\u00e4hrdet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rn Quitzau (Bergos, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40292\">U.S.-Kreditw\u00fcrdigkeit. AAA-Rating ist Vergangenheit<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Vincent Stamer (CBK, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40724\">Wie stark steigen die Staatsschulden im Euroraum?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rn Quitzau (Bergos, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=39558\">Schulden-Inferno. Konjunktureller Stimulus, langfristige Risiken<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Astrid Rosenschon (ex IfW, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=39721\">Der \u201eMega-Schulden-Deal\u201c. Programmierte Talfahrt? Oder Chance f\u00fcr einen s\u00e4kularen Aufschwung?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bernd Weidensteiner und Christoph Balz (CBK, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40123\">US-Staatsschulden<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=39547\">Schwarz-roter Murks. Anschlag auf die Schuldenbremse<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Staatsschulden sind verglichen mit der Wirtschaftsleistung in den meisten gro\u00dfen Mitgliedsl\u00e4ndern der W\u00e4hrungsunion bereits h\u00f6her als vor Ausbruch der Staatsschuldenkrise im Jahr 2010. Nicht wenige Anleger bef\u00fcrchten, dass es irgendwann zu einer neuen Staatsschuldenkrise kommt. 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