{"id":42113,"date":"2025-11-29T00:45:00","date_gmt":"2025-11-28T23:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=42113"},"modified":"2025-12-03T11:07:13","modified_gmt":"2025-12-03T10:07:13","slug":"gastbeitrag-ein-vorschlag-zur-unternehmensteuerreform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=42113","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Ein Vorschlag zur Unternehmensteuerreform"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das deutsche Unternehmensteuersystem umfasst seit der Reform 2008\/09 ein Konglomerat schlecht koordinierter Regelungen der Einkommensteuer, K\u00f6rperschaftsteuer und Gewerbesteuer, das elementare steuerliche Effizienz- und Gerechtigkeitsprinzipien verletzt. Hier wird ein pragmatisches Konzept vorgestellt, das die wesentlichen M\u00e4ngel des heutigen Systems beseitigt und Rechtsform- und Wettbewerbsneutralit\u00e4t herstellt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Unternehmensbesteuerung betrifft Gewerbesteuer, K\u00f6rperschaftsteuer, Einkommensteuer und Abgeltungsteuer. Sie unterscheidet sich nach der Rechtsform der Unternehmen, soll aber im Ergebnis alle Unternehmenstypen ann\u00e4hernd gleich behandeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das aktuelle Unternehmensteuersystem<\/h3>\n\n\n\n<p>Gewinne der Kapitalgesellschaften werden auf der Unternehmensebene mit Gewerbesteuer und K\u00f6rperschaftsteuer plus Solidarit\u00e4tszuschlag belastet (S\u00e4ule 1). Bei einem Hebesatz von 400% betr\u00e4gt die Gewerbesteuer 14%. Hinzu kommen 15,83% K\u00f6rperschaftsteuer (inklusive Solidarit\u00e4tszuschlag). Auf der Unternehmensebene liegt die Gesamtbelastung folglich bei 29,83%. Das ist zugleich die Belastung der einbehaltenen Gewinne der Kapitalgesellschaften (S\u00e4ule 3).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"538\" height=\"380\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/USt1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-42170\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/USt1.png 538w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/USt1-300x212.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 538px) 100vw, 538px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Bei Aussch\u00fcttung (S\u00e4ule 1) werden die verbleibenden Gewinne mit 26,38% Abgeltungsteuer (inklusive Solidarit\u00e4tszuschlag) besteuert, was einer zus\u00e4tzlichen Gewinnbelastung von rund 18,51% entspricht. Die sogenannte Tarifbelastung der Unternehmen und Anteilseigner bel\u00e4uft sich daher in der Summe auf ca. 48,33% der Dividenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gewinne der Einzelunternehmen und Personengesellschaften (S\u00e4ule 2) unterliegen der progressiven Einkommensteuer und werden in der Spitze mit 45% belastet. Allerdings darf der 4-fache Gewerbesteuermessbetrag (3,5% des Gewinns) von der Einkommensteuer abgezogen werden. Das reduziert den Steuersatz um 14 Prozentpunkte auf 31% bzw. auf 32,71% inklusive Solidarit\u00e4tszuschlag. Insgesamt werden Gewinnentnahmen mit 46,71% belastet, was ann\u00e4hernd der Tarifbelastung der Kapitalgesellschaften entspricht. Der Abstand vergr\u00f6\u00dfert sich allerdings u.U. erheblich zugunsten der Personenunternehmen, wenn die relevanten Einkommensteuers\u00e4tze den Spitzensteuersatz unterschreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt bedeutet die Besteuerung der einbehaltenen Gewinne mit dem Regelsteuersatz eine krasse Diskriminierung der Personenunternehmen. Diese soll durch die Option einer mit 28,25% besteuerten Thesaurierungsr\u00fccklage vermieden werden. Der Steuersatz sinkt damit auf ca. 29,80% inklusive Solidarit\u00e4tszuschlag, allerdings nur bei Zahlung der Steuer aus Privatverm\u00f6gen (S\u00e4ule 4). Bei Zahlung aus Betriebsverm\u00f6gen unterliegt die Entnahme der Einkommensteuer (S\u00e4ule 5). Die Belastung steigt dann auf 36,20% und liegt damit klar \u00fcber der Belastung der Kapitalgesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wird das Ziel der Rechtsformneutralit\u00e4t derzeit nicht erreicht. Das heutige System sorgt zudem f\u00fcr unterschiedliche Kapitalkosten und verletzt damit die Finanzierungsneutralit\u00e4t. F\u00fcr Investitionen der Kapitalgesellschaften sind Selbst- und Fremdfinanzierung vergleichbar g\u00fcnstig. Wesentlich schlechter schneidet die Beteiligungsfinanzierung ab. Ausgerechnet die f\u00fcr Kapitalgesellschaften typische Finanzierungsform wird also steuerlich benachteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Personenunternehmen ist dagegen die Fremdfinanzierung am g\u00fcnstigsten. Der Kapitalkostensatz f\u00fcr Selbst- und Beteiligungsfinanzierung liegt bei Regelbesteuerung erheblich h\u00f6her. Selbst mit Thesaurierungsr\u00fccklage \u00fcbersteigen die Kapitalkosten die Kosten der Fremdfinanzierung. Die Eigenkapitalbasis der kleinen und mittleren Unternehmen wird durch die klare Beg\u00fcnstigung der Fremdfinanzierung zweifellos nicht gest\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein neues Unternehmensteuersystem<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Defizite der Unternehmensbesteuerung lassen sich durch eine relativ einfache Neuordnung beheben, die wesentliche Elemente des heutigen Systems neu kombiniert und mit dem Anrechnungsverfahren f\u00fcr Dividenden ein bew\u00e4hrtes Element hinzuf\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Der inhaltlich nicht mehr begr\u00fcndbare Solidarit\u00e4tszuschlag wird abgeschafft. Die Abgeltungsteuer auf Gewinne entf\u00e4llt zugunsten des Anrechnungsverfahrens.<\/li>\n\n\n\n<li>Der K\u00f6rperschaftsteuersatz wird auf 30% angehoben. Im Gegenzug d\u00fcrfen auch Kapitalgesellschaften den 4-fachen Gewerbesteuermessbetrag anrechnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Thesaurierungsr\u00fccklage f\u00fcr Personenunternehmen wird um die Steuer auf thesaurierte Gewinne erweitert und mit 30% besteuert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Mit diesen Ma\u00dfnahmen l\u00e4sst sich eine weitgehend aufkommens- und vor allem eine rechtsformneutrale Unternehmensbesteuerung realisieren. Die folgende Abbildung illustriert das Grundmodell f\u00fcr Kapitalgesellschaften und Personenunternehmen differenziert nach Aussch\u00fcttung und Thesaurierung.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"541\" height=\"380\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/USt2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-42171\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/USt2.png 541w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/USt2-300x211.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 541px) 100vw, 541px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Gewinne der Kapitalgesellschaften (S\u00e4ule 1) werden bei einem Hebesatz von 400% mit 14% Gewerbesteuer belastet. Durch den Abzug des 4-fachen Gewerbesteuermessbetrags reduziert sich die zu zahlende K\u00f6rperschaftsteuer entsprechend von 30% auf 16%. Somit liegt die Gesamtbelastung auf Unternehmensebene bei 30%. Sie entspricht der Belastung der einbehaltenen Gewinne, (S\u00e4ule 3).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zum heutigen System soll die Gewerbesteueranrechnung nicht auf die tats\u00e4chlich gezahlte Gewerbesteuer beschr\u00e4nkt sein. Nur dann wirken Abweichungen des kommunalen Hebesatzes vom Anrechnungssatz symmetrisch auf die Unternehmensteuer. Der Vorteil besteht darin, dass Hebesatzdifferenzen nach unten wie nach oben voll sp\u00fcrbar bleiben und ihre Funktion als Standortfaktor behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Gewinnaussch\u00fcttung erfolgt die Besteuerung letztlich zum pers\u00f6nlichen Steuersatz der Anteilseigner. Die auf den Gewinn entfallende pers\u00f6nliche Einkommensteuer wird jedoch um die vom Unternehmen bereits gezahlten Steuern, also um 30% vermindert (bei Erstattung negativer Betr\u00e4ge). Wer dem Spitzensteuersatz unterliegt, hat demnach auf Dividenden 45% Einkommensteuer abz\u00fcglich 30% Gewerbe- und K\u00f6rperschaftsteuer und mithin noch 15% Einkommensteuer zu zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ausgesch\u00fctteten Gewinne der Personenunternehmen (S\u00e4ule 2), werden wie bisher mit der pers\u00f6nlichen Einkommensteuer belastet. Abziehbar ist weiterhin der 4-fache Gewerbesteuermessbetrag, was 14 Prozentpunkte der Einkommensteuer erspart. F\u00fcr einen Spitzenverdiener ergeben sich somit 14% Gewerbesteuer zuz\u00fcglich 31% Einkommensteuer, insgesamt also \u2013 wie bei den Kapitalgesellschaften \u2013 45% des Bruttogewinns.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine entscheidende Neuerung ist die Erweiterung der Thesaurierungsr\u00fccklage f\u00fcr Personenunternehmen um die Steuer auf thesaurierte Gewinne (S\u00e4ule 4). Die Brutto-Thesaurierung inklusive Steuer entspricht dem Gewinn (abz\u00fcglich einer eventuellen Aussch\u00fcttung). Sie unterliegt nun insgesamt dem reduzierten Steuersatz von 30%. Nach Anrechnung der Gewerbesteuer sinkt die Belastung auf effektiv 16%. Die Gesamtbelastung der einbehaltenen Gewinne durch Gewerbe- und Thesaurierungssteuer entspricht mit 30% derjenigen der Kapitalgesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neutralit\u00e4t der Besteuerung<\/h3>\n\n\n\n<p>Das hier vorgeschlagene Reformkonzept dient der Besteuerung nach der Leistungsf\u00e4higkeit und weist unter den realistischen Optionen die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Steuerneutralit\u00e4t auf.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Anrechnungsverfahren behandelt ausgesch\u00fcttete Gewinne wie andere pers\u00f6nlich besteuerte Einkommen und erh\u00f6ht damit die Steuergerechtigkeit. Die volle Abschaffung der Abgeltungsteuer bei Integration der (Real-) Zinsen in die Einkommensteuer w\u00fcrde diesen Effekt verst\u00e4rken, ohne eine erhebliche Mehrbelastung zu erzeugen (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=41521\">hier<\/a>).<\/li>\n\n\n\n<li>Das Anrechnungsverfahren sorgt in Verbindung mit dem einheitlichen Abzug der Gewerbesteuer hinsichtlich der ausgesch\u00fctteten Gewinne f\u00fcr Rechtsformneutralit\u00e4t. Mithilfe der erweiterten Thesaurierungsr\u00fccklage wird dieses Ziel auch f\u00fcr die einbehaltenen Gewinne perfekt erreicht.<\/li>\n\n\n\n<li>Bei Integration der Zinsen in die Einkommensteuer ist das neue System neutral bez\u00fcglich der Beteiligungs- und Fremdfinanzierung. Die Selbstfinanzierung bleibt jedoch f\u00fcr alle Steuerzahler beg\u00fcnstigt, deren Einkommensteuersatz \u00fcber 30% liegt. Daf\u00fcr spricht allerdings das Ziel der Eigenkapitalf\u00f6rderung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Abweichungen der Belastung einbehaltener und ausgesch\u00fctteter Gewinne sind jenseits der theoretischen Option einer Teilhabersteuer unvermeidlich. Immerhin beg\u00fcnstigt der Reformvorschlag die Selbstfinanzierung aller Unternehmen gleicherma\u00dfen. Er tr\u00e4gt damit der Kritik Rechnung, dass eine zu geringe Eigenkapitalausstattung die Krisenanf\u00e4lligkeit der Unternehmen erh\u00f6ht und ihre Investitionsbereitschaft vermindert. Vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen durch den internationalen Steuerwettbewerb sei zudem angemerkt, dass die strukturelle Erneuerung der Unternehmensbesteuerung durchaus mit einer Reduktion der Steuerbelastung verkn\u00fcpft werden kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Das deutsche Unternehmensteuersystem verst\u00f6\u00dft gegen die Steuerneutralit\u00e4t und das Leistungsf\u00e4higkeitsprinzip. Rechtsformneutralit\u00e4t l\u00e4sst sich herstellen durch R\u00fcckkehr zum Anrechnungsverfahren, einheitliche Anrechnung der Gewerbesteuer auf die Einkommen- bzw. K\u00f6rperschaftsteuer und Erweiterung der Thesaurierungsr\u00fccklage f\u00fcr Personenunternehmen. Finanzierungsneutralit\u00e4t ist immerhin zwischen Beteiligungs- und Fremdfinanzierung erreichbar, sofern die Zinsertr\u00e4ge in die Einkommensteuer reintegriert werden. Dieser Schritt w\u00fcrde zudem die Besteuerung nach der Leistungsf\u00e4higkeit st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jan Schnellenbach (BTU, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40378\">Reichen die steuerpolitischen Pl\u00e4ne der neuen Regierung?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Susanne Cassel und Tobias Kohlstruck (Econwatch, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40308\">Mehr Mut bei der Reform der Unternehmensbesteuerung!<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das deutsche Unternehmensteuersystem umfasst seit der Reform 2008\/09 ein Konglomerat schlecht koordinierter Regelungen der Einkommensteuer, K\u00f6rperschaftsteuer und Gewerbesteuer, das elementare steuerliche Effizienz- und Gerechtigkeitsprinzipien verletzt. 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