{"id":42542,"date":"2026-01-05T07:00:57","date_gmt":"2026-01-05T06:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=42542"},"modified":"2026-01-05T07:22:56","modified_gmt":"2026-01-05T06:22:56","slug":"rentenpaket-2025-dachdecker-drohnen-und-demographie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=42542","title":{"rendered":"Rentenpaket 2025 <br><b>Dachdecker, Drohnen und Demographie <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das am 5. Dezember 2025 beschlossene Rentenpaket steht sinnbildlich f\u00fcr eine Politik, die demografischen Druck weniger mit Reformen begegnet als mit dem Verschieben von Lasten in die Zukunft. Der Beitrag zeichnet nach, wie Deutschland seit den 1980er Jahren immer wieder Anl\u00e4ufe zur Stabilisierung der Rentenfinanzen unternommen hat \u2013 und warum dieser Reformgeist zuletzt erkennbar erlahmt ist. Im Zentrum steht die Frage, ob intergenerationelle Tragf\u00e4higkeit ohne mehr Produktivit\u00e4t, Innovation und wirtschaftliche Freiheit \u00fcberhaupt zu sichern ist. Am Ende geht es um eine Grundsatzentscheidung: Anpassung und Dynamik \u2013 oder teuer erkaufte Ruhe auf Kosten kommender Generationen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Dachdecker, der per Drohne ein Dach inspiziert. Und ein Kanzler, der sich im Bundestag eine Mehrheit f\u00fcr ein Rentenpaket sichert \u2013 gegen Widerstand in der eigenen Partei. Zwei Beobachtungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Bei n\u00e4herem Hinsehen markieren sie jedoch zwei gegens\u00e4tzliche Antworten auf dieselbe Herausforderung: Reagieren wir auf den demographischen Druck mit Anpassung, Innovation und Produktivit\u00e4tsfortschritt \u2013 oder versuchen wir, politische Ruhe zu erkaufen, indem wir Lasten in die Zukunft verschieben?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beschluss des sogenannten Rentenpakets am 5. Dezember 2025 \u2013 nach gerade einmal rund einer Stunde Aussprache \u2013 deutet eher auf Letzteres. Deutschland hat sich damit ohne Not fiskalisch f\u00fcr die kommenden Jahrzehnte an die Kette gelegt. Ernsthaft zu st\u00f6ren scheint das aber kaum jemanden. Wie konnte es dazu kommen \u2013 und wie geht es nun weiter?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Von Biedenkopf zum Nachhaltigkeitsfaktor: Reformideen und ihr schwindender R\u00fcckhalt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Rentenpaket hat eine lange Vorgeschichte. Schon in den 1980er Jahren brachten Kurt Biedenkopf und Meinhard Miegel das Thema Demographie in die politische Debatte ein. In den 1990er Jahren folgte eine Enqu\u00eate-Kommission zum demographischen Wandel und dessen Herausforderungen f\u00fcr Gesellschaft und Politik. In den fr\u00fchen 2000er Jahren war es schlie\u00dflich die R\u00fcrup-Kommission zur Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, die zentrale Ideen entwickelte, wie die Alterungslasten zwischen den Generationen verteilt werden k\u00f6nnten. Diese \u00dcberlegungen fanden sich \u2013 vor allem in Form des Nachhaltigkeitsfaktors \u2013 im RV-Nachhaltigkeitsgesetz von 2004 konkret in der Gesetzgebung wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn dieses Gesetz keine Ideall\u00f6sung war, hatte es doch eine potenziell langfristig stabilisierende Wirkung. Vor allem aber war es ein letztes politisches Aufb\u00e4umen gegen die absehbare Wucht des demographischen Wandels. Es gelang nicht zuletzt deshalb, weil Bundeskanzler (und Mittf\u00fcnfziger) Gerhard Schr\u00f6der eine rotgr\u00fcne Koalition anf\u00fchrte, die \u2013 gemessen an heutigen Verh\u00e4ltnissen \u2013 eine blutjunge W\u00e4hlerschaft repr\u00e4sentierte. Selbst wenn CDU und CSU einzelne Elemente nicht mittragen wollten, d\u00fcrften sie mit der Sto\u00dfrichtung einverstanden gewesen sein. In einem <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/wir-wollen-weiterhin-kompromiss-aber-vermeintliches-100.html\">Interview aus dem Jahr 2000<\/a> etwa spricht der damalige Fraktionsvorsitzende (und Mittvierziger) Friedrich Merz von einer \u201eRentenabsenkung, die auch wir f\u00fcr notwendig halten, weil es eben um einen wirklich neuen Generationenvertrag zwischen Jung und Alt geht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieser Kompromiss politisch nicht f\u00fcr die Ewigkeit bestimmt sein w\u00fcrde, lie\u00df sich fr\u00fch erahnen. Hans-Werner Sinn und Silke \u00dcbelmesser, die inzwischen zum Mitglied der neu berufenen Rentenkommission ernannt worden ist, formulierten 2003 nach Simulationsanalysen zur Wirkung der Demographie auf die sozialen Sicherungssysteme n\u00fcchtern: \u201e<a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S0176268002001349\">After 2016, Germany will be a gerontocracy.<\/a>\u201c In der Praxis setzte jedoch schon vor 2016 das <a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/document\/doi\/10.1515\/zfwp-2009-0103\/html\">schrittweise Zur\u00fcckdrehen oder Umgehen von Regeln<\/a> ein, sobald Rentenanpassungen politisch nicht opportun erschienen. Teilweise waren Abweichungen im RV-Nachhaltigkeitsgesetz als M\u00f6glichkeit angelegt, teilweise handelte es sich um rein diskretion\u00e4re Eingriffe; mit der eigentlichen Rentenformel waren sie \u2013 wie etwa das Aussetzen der sogenannten \u201eRiester-Treppe\u201c 2008\/2009 \u2013 nicht vereinbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 2010er Jahre waren von rentenpolitischem \u00dcbermut gepr\u00e4gt \u2013 befeuert durch eine g\u00fcnstige gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Eine stetig steigende Zahl sozialversicherungspflichtiger Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse lie\u00df die Sozialkassen vermeintlich solide wirken und lud zu Wohltaten wie der \u201eM\u00fctterrente I und II\u201c sowie den Altersrenten f\u00fcr langj\u00e4hrig und besonders langj\u00e4hrig Versicherte (Stichwort: \u201eRente mit 63\u201c) ein. Dass diese Ma\u00dfnahmen langfristige Verpflichtungen schufen, die \u2013 so die Warnung praktisch aller Rentenfachleute \u2013 wegen des Renteneintritts der Babyboomer-Generation ab Mitte der 2020er Jahre schwerlich einzuhalten sein w\u00fcrden, sowie starke Anreize f\u00fcr besonders produktive Arbeitskr\u00e4fte setzten, fr\u00fchzeitig ihre T\u00e4tigkeiten aufzugeben, wurde ignoriert. Politisch plausibel war das, weil gerade \u201erentennahe\u201c W\u00e4hlergruppen und Parteimitglieder besonders mobilisierungsf\u00e4hig sind. \u00d6konomisch war es ein riskanter Blindflug.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Rentenpaket 2025: Mehrheitssicherung statt Generationengerechtigkeit<\/em><\/strong><strong><em><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun also das n\u00e4chste Rentenpaket: Seine politische Dimension l\u00e4sst sich vordergr\u00fcndig noch st\u00e4rker durch taktische Erw\u00e4gungen bei der Gewinnung von Mehrheiten unter \u00e4lteren Kohorten erkl\u00e4ren \u2013 innerhalb wie au\u00dferhalb der beteiligten Parteien. Merz ist, stellvertretend f\u00fcr seine Koalition, erkennbar im politischen Rentenalter angekommen. Polit\u00f6konomisch ist das nachvollziehbar: Parteien reagieren auf die Altersstruktur ihrer W\u00e4hlerschaft und \u2013 vermutlich noch st\u00e4rker \u2013 auf die ihrer Mitgliederschaft. Und doch \u00fcberrascht das Paket \u2013 nicht, weil es Reformdruck g\u00e4be, sondern weil es diesen Reformdruck demonstrativ beiseiteschiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als es der Streit mit der Jungen Gruppe innerhalb der Unionsfraktion vermuten l\u00e4sst, gab es kaum Dissens dar\u00fcber, dass die Idee einer einigerma\u00dfen \u201egerechten\u201c Verteilung der Alterungslasten zulasten der jungen Generation verschoben wird. Die jungen Abgeordneten st\u00f6rten sich vor allem daran, dass die Beibehaltung der Haltelinie nicht nur bis 2031 gelten, sondern dar\u00fcber hinaus fortgeschrieben werden sollte \u2013 und damit ab den 2030er Jahren den dann amtsf\u00fchrenden Bundesregierungen erheblichen finanziellen Handlungsspielraum nehmen w\u00fcrde. Das ist ehrenwert. Aber schon die Verl\u00e4ngerung bis 2031 sendet das Signal, dass Deutschland nicht nur in der Gerontokratie angekommen ist, sondern durch sie schneller als gedacht handlungsunf\u00e4hig zu werden droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passt die auff\u00e4llige gesellschaftliche Nichtdiskussion \u00fcber Demographie und Renten. Die entscheidende Debatte im Bundestag spielte in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung vor allem als Machtfrage eine Rolle: W\u00fcrde es Merz gelingen, eine Kanzlermehrheit f\u00fcr das Paket zu organisieren? Um Inhalte ging es kaum. Gleichzeitig wurde in sozialen Medien die M\u00e4r verbreitet, ein Zur\u00fcckfallen des Rentenniveaus bedeute eine absolute Rentenk\u00fcrzung. Au\u00dfer Fachleuten und Mitgliedern der Jungen Gruppe machte sich kaum jemand die M\u00fche, diesen Eindruck zu korrigieren. Am Ende spielte es politisch allerdings auch keine Rolle, weil es vorrangig um Machterhalt und Parteipolitik ging. Welch ein Kontrast zum Verhalten Gerhard Schr\u00f6ders, der in einer Mischung aus Mut und Dreistigkeit seine Agenda-Reformen durchdr\u00fcckte \u2013 ohne sich darauf verlassen zu k\u00f6nnen, dass dies politisch kurzfristig erfolgreich sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Rentenkommission nach dem Beschluss: Umverteilung als Ersatzdebatte<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund wirkt die Einsetzung der neuen Rentenkommission fast wie ein \u00c4rgernis \u2013 nicht, weil die Mitglieder schlecht gew\u00e4hlt w\u00e4ren, im Gegenteil: Sie sind klug ausgew\u00e4hlt und bringen viel Kompetenz ein. \u00c4rgerlich ist die Reihenfolge. Was w\u00e4re m\u00f6glich gewesen, h\u00e4tte man die Kommission zuerst tagen lassen und erst danach ein Rentenpaket beschlossen? Die Zeit w\u00e4re vorhanden gewesen. Nun ist es umgekehrt: Die Bundesregierung hat mit dem Rentenpaket die zentrale Verteilungsfrage zwischen den Generationen politisch vorentschieden. Hinter diese Position wird sie kaum zur\u00fcckgehen, denn mit der Entscheidung haben sich ihre Anreize ver\u00e4ndert: Die Angst, bei einer betagten Klientel massiv an Stimmen zu verlieren, wenn der gerade erst etablierte Status quo erneut angetastet wird, ist zu gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Kommission politisch \u201everarbeitet\u201c werden soll, l\u00e4sst sich schon jetzt beobachten. Kaum war das Paket beschlossen, versuchte vor allem die SPD ein neues Narrativ zu etablieren: Nun gehe es darum, langj\u00e4hrigen Rentenbeziehern mit geringen Anspr\u00fcchen eine ausk\u00f6mmliche Rente zu sichern \u2013 durch Umverteilung von wohlhabenderen zu weniger wohlhabenden Rentnern sowie durch die Einbeziehung weiterer Personengruppen (Beamte, Selbst\u00e4ndige, Politiker) in die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV). Beides kann man diskutieren; beides ist jedoch kein brauchbarer Ansatzpunkt, um den Kern der intergenerativen Herausforderung zu adressieren: die Frage, wie die Lasten des demographischen Wandels \u201egerecht\u201c auf Junge und Alte verteilt werden sollen. W\u00e4hrend die erste Ma\u00dfnahme intragenerative Umverteilung betrifft, w\u00fcrde die zweite \u2013 sofern sie nicht mit einer klaren \u00dcbergangslogik und einer nachhaltigen Anpassung der Leistungszusagen verbunden ist \u2013 vor allem eines tun: das Umlagesystem vergr\u00f6\u00dfern und damit die implizite Staatsverschuldung erh\u00f6hen, weil mit zus\u00e4tzlichen Beitragszahlern auch zus\u00e4tzliche (zumeist \u00fcberdurchschnittlich hohe) Anspr\u00fcche entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Voraussichtlich wird die Rentenkommission Vorschl\u00e4ge zu beidem machen \u2013 zu <em>inter<\/em>&#8211; und <em>intra<\/em>generativer Umverteilung. Doch die Regierung wird am Ende die intergenerativen Vorschl\u00e4ge, darunter vermutlich eine Anpassung des Renteneintrittsalters, nicht weiterverfolgen, sondern selektiv Vorschl\u00e4ge zur intragenerativen Umverteilung aufgreifen. Deren Umsetzung erscheint politisch leichter, weil in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Umverteilungsdiskurse popul\u00e4r sind: In bester Nullsummenspiel-Logik gibt es vermeintlich bei \u201eden anderen\u201c (Reiche, Beamte, Selbst\u00e4ndige) etwas zu holen, das man hofft, hin zu sich selbst umlenken zu k\u00f6nnen. Dass dabei in der GRV am Ende vielfach bereits die gehobene Facharbeiterschicht zahlen muss, d\u00fcrfte den wenigsten klar sein. Hinzu kommt \u2013 etwas allgemeiner formuliert \u2013 das <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=32986\">Aufbrechen des \u00c4quivalenzprinzips in der Rentenberechnung<\/a>: Wenn Beitragszahler realisieren, dass Anwartschaften politisch unterschiedlich bewertet werden, w\u00e4chst der Verdruss. Vertrauen ist aber die zentrale Ressource eines umlagefinanzierten Systems \u2013 und Leistungsbereitschaft ist sein Rohstoff.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tatsache, dass sich die aktuelle Regierungskoalition \u2013 vermutlich nicht ganz zu Unrecht \u2013 zur \u201eletzten Patrone der Demokratie\u201c stilisiert, muss vor diesem Hintergrund gr\u00f6\u00dfte Sorgen bereiten. Die Schr\u00f6der-Regierung war in ihrer ersten Legislaturperiode noch weit von einer echten Reformkoalition entfernt und ben\u00f6tigte eine weitere Amtszeit (und sich weiter verschlechternde Wirtschaftsdaten), ehe sie sich zur Agenda 2010 aufschwang. Eine Wiederwahl einer Merz-Regierung, die in einer zweiten Amtszeit die heute vertagten Reformen angeht, erscheint derzeit nahezu ausgeschlossen. Eine Bev\u00f6lkerung, die sich der Reformnotwendigkeiten teilweise bewusster zu sein scheint als die Regierung, wird die jetzige Z\u00f6gerlichkeit kaum goutieren \u2013 mit m\u00f6glicherweise fatalen Folgen, wenn Parteien an den extremen R\u00e4ndern bei den kommenden Wahlen weiter an St\u00e4rke gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inwieweit sich die Regierungsparteien dieser Problematik bewusst sind, ist schwer auszumachen. Schon die Ampelregierung unter Olaf Scholz war nicht in der Lage zu erkennen, dass das flei\u00dfige Abarbeiten des Koalitionsvertrags an den neuen geopolitischen Realit\u00e4ten in der Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vorbeiging. Die Kraft, den Koalitionsvertrag \u2013 oder allgemeiner die Regierungspolitik \u2013 konsequent neu auszurichten, fehlte. Auch jetzt h\u00f6rt man aus der Bundesregierung, man komme gut mit dem geplanten Arbeitspensum voran \u2013 offenbar ohne wahrzunehmen, dass die Bewertung einer Koalition nicht von der Anzahl an beschlossenen Nice-to-have-Gesetzen abh\u00e4ngt, sondern von wenigen Schl\u00fcsselthemen. Ausgerechnet bei einem dieser Schl\u00fcsselthemen \u2013 der langfristigen Tragf\u00e4higkeit der sozialen Sicherung \u2013 kommt man aber nicht voran.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Produktivit\u00e4t als Schl\u00fcssel: Warum wirtschaftliche Freiheit soziale Sicherung erm\u00f6glicht<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Begleitmusik zu dieser Entwicklung gibt unterdessen noch mehr zu denken: die weitverbreitete Angst vor Marktwirtschaft und Wettbewerb in den Parteien, die aber auch einen Nerv in der breiten Bev\u00f6lkerung trifft. Umlagefinanzierte Rentensysteme haben zwar eine \u201ebiologische\u201c Verzinsung, die gerade immer weiter sinkt; eine kleiner werdende Anzahl von Beitragszahlern kann jedoch teilweise kompensiert werden, wenn die Produktivit\u00e4t steigt \u2013 und damit Wertsch\u00f6pfung, L\u00f6hne und Sozialbeitr\u00e4ge. Genau an dieser Stelle wird wirtschaftliche Freiheit zur Voraussetzung sozialer Sicherung. Wer eine h\u00f6here Produktivit\u00e4t will, muss Innovation, Investitionen, Gr\u00fcndungen, technologischen Wandel und die schnelle Diffusion neuer Verfahren erm\u00f6glichen \u2013 und das gelingt nur, wenn Regeln und B\u00fcrokratie nicht erdr\u00fccken, M\u00e4rkte funktionieren und die Gesellschaft Unternehmern und Betrieben mit einem Mindestma\u00df an Zutrauen begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt alles daran zu setzen, die Produktivit\u00e4t zu erh\u00f6hen und die Marktkr\u00e4fte zu entfesseln, bleibt Deutschland jedoch verzagt. Man kann sich nicht einmal dazu durchringen, das Bildungssystem energisch nach vorne zu bringen, obwohl dies mittel- bis l\u00e4ngerfristig der beste Garant f\u00fcr wirtschaftlichen Erfolg ist. Wachstum sah man zuletzt oft eher im Verwaltungsapparat und beim Erf\u00fcllungsaufwand \u2013 also dort, wo man deutlich lieber Schrumpfung s\u00e4he. Wer aber Wachstum in der Realwirtschaft bremst, verengt zwangsl\u00e4ufig den Spielraum zur Finanzierung des Sozialstaats \u2013 und macht Verteilungskonflikte wahrscheinlicher, nicht unwahrscheinlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dahinterliegende \u201eGerman Angst\u201c korrespondiert dabei mit einem eigent\u00fcmlich statischen Denken, das so gar nicht in unsere dynamische Welt passt. Von Adenauers \u201eKinder kriegen die Leute immer\u201c bis zu \u201edie Haltelinie heute sichert meine Rente in 40 Jahren\u201c der Jusos ist das Muster \u00e4hnlich: Wenn wir heute ein Gesetz erlassen, das einen Tatbestand festschreibt, dann glauben wir, dessen Folgen lie\u00dfen sich in eine beliebig ferne Zukunft extrapolieren \u2013 weil Menschen und Unternehmen sich vorhersehbar immer genau gleich verhalten werden (und zwar so wie vor der Einf\u00fchrung des Gesetzes). Dass die Zahl eigener Kinder, die Arbeitsstunden oder die Wohnortwahl, ebenso aber die Mitarbeiterzahl, der Produktionsstandort oder das Investitionsvolumen eines Unternehmens unver\u00e4nderliche, exogene Variablen sind, kann nur ein Ignorant ernsthaft annehmen. Anders gewendet: Wenn ein Unternehmen eine Investition f\u00fcr die kommenden 15 Jahre \u2013 einschlie\u00dflich der in der Diskussion um das Rentenpaket so betonten, fiskalisch kritischen 2030er Jahre, die absehbar von Steuererh\u00f6hungen begleitet sein werden \u2013 plant, wie attraktiv ist dann der Standort Deutschland am heutigen Tage?<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr politisches und gesellschaftliches Zutrauen in Unternehmen und Marktwirtschaft w\u00fcrde die fiskalische Lage deutlich entspannen: wirtschaftlicher Erfolg k\u00e4me dann nicht \u201etrotz der\u201c, sondern idealerweise im Zusammenspiel \u201emit einer\u201c angebotsseitig orientierten Politik zustande. Gerade der mehr als ungl\u00fcckliche Zusammensto\u00df von Arbeitsministerin B\u00e4rbel Bas und den Unternehmensverb\u00e4nden im Dezember ist eine Erinnerung daran, wie schnell Misstrauen in Lagerdenken kippt \u2013 und wie teuer dieser Reflex am Ende wird. Es bleibt zu hoffen, dass beide Seiten sich zusammenraffen, ohne dass zuvor die deutsche Wirtschaft noch mehr in die Krise geraten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn, dann k\u00f6nnte ausgerechnet der Dachdecker zum Symbol f\u00fcr eine neue wirtschaftliche Dynamik werden, der \u2013 in Nachfolge der Tr\u00fcmmerfrau \u2013 seit Jahren durch Deutschlands Rentendebatten geistert, weil er ein allzu sch\u00f6nes Sinnbild f\u00fcr die vermeintliche Unm\u00f6glichkeit darstellt, im h\u00f6heren Alter noch handwerkliche Berufe auszu\u00fcben. Dieses Bild verstellt, wie modern der Dachdeckerberuf ist und wie sehr sich die Betriebe den Herausforderungen der Nachwuchsgewinnung, der Arbeitssicherheit und der Produktivit\u00e4tssteigerung angepasst haben. Dachdecker-Innungen pr\u00e4sentieren sich auf Berufsmessen beispielsweise mit dem \u201e<a href=\"https:\/\/obenistdasneuevorn.de\/dasdachmobil.html\">Dachmobil<\/a>\u201c \u2013 mit einem Drohnenflugsimulator als Highlight.<\/p>\n\n\n\n<p>Dachdecker fliegen heute Drohnen, weil man damit schnell und kosteng\u00fcnstig Dachinspektionen vornehmen kann, ohne zun\u00e4chst selbst auf das Dach steigen zu m\u00fcssen. Drohnenfliegen mag noch nicht die ultimative L\u00f6sung f\u00fcr die beruflichen Herausforderungen \u00e4lterer Dachdecker sein. Aber es ist ein Zeichen daf\u00fcr, was unter dem Druck von Marktkr\u00e4ften geschieht: Anpassung in Richtung Innovation und h\u00f6herer Produktivit\u00e4t \u2013 und nebenbei auch mehr Arbeitnehmerfreundlichkeit. Genau dieser Mechanismus wird in der Rentendebatte regelm\u00e4\u00dfig untersch\u00e4tzt: Ein h\u00f6heres Renteneintrittsalter bedeutet nicht, dass ein 67-J\u00e4hriger zwangsl\u00e4ufig \u201eso arbeitet wie fr\u00fcher\u201c. Es bedeutet, dass ein Arbeitsmarkt und eine Wirtschaft, die frei genug sind, sich zu ver\u00e4ndern, T\u00e4tigkeiten, Technologien und Erwerbsbiographien so verschieben k\u00f6nnen, dass l\u00e4ngeres Arbeiten realistisch und w\u00fcrdevoll wird \u2013 f\u00fcr das Handwerk genauso wie f\u00fcr die B\u00fcroarbeit. Wie schnell Ver\u00e4nderungen kommen k\u00f6nnen, zeigt der rasant zunehmende Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz eindr\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sinnbildlich steht Entwicklung bei den Dachdeckern f\u00fcr das Potenzial, das die deutsche Wirtschaft haben kann, um Wohlstand zu schaffen und soziale Sicherung zu wahren \u2013 ganz im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft. Dazu muss allerdings die \u2013 mit dem Alter tendenziell auch noch zunehmende \u2013 Verzagtheit und Mutlosigkeit in Deutschland \u00fcberwunden werden. Auch wenn manche ihn auf ihre politische Agenda gesetzt haben und kr\u00e4ftig befeuern, ist ein harter Verteilungskampf keinesfalls unausweichlich. Die Entscheidung f\u00fcr das Rentenpaket hat die Aussichten f\u00fcr Deutschlands Volkswirtschaft und sein Gesellschaftsmodell verschlechtert. Noch lie\u00dfe sich jedoch mit einer konsequenten und mutigen Wachstumsagenda das Schlimmste verhindern \u2013 und damit auch der Spielraum f\u00fcr tragf\u00e4hige, generationengerechte Reformen zur\u00fcckgewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das setzt politischen Mut voraus. Die Junge Gruppe in der Unionsfraktion hat gezeigt, dass Zukunftsorientierung in der deutschen Politik auch in demographisch schwierigen Zeiten m\u00f6glich ist (auch wenn es mit der Standfestigkeit am Ende nicht ganz gereicht hat). Gerne d\u00fcrfen sich die jungen Abgeordneten anderer Parteien, insbesondere auch der SPD, dem anschlie\u00dfen. Wer, wenn nicht die Jungen, sollte das Land nach vorn bringen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=42121\">Aufstand der 18. Inter-generative Verteilungskonflikte ante portas?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bernd Raffelh\u00fcschen (ALU, 2025): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=39058\">Rentenversicherung generationengerecht reformieren<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU, 2024): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=37162\">Rentenpolitische Raub\u00fcberf\u00e4lle. Leben die Boomer auf Kosten der Kinder anderer Leute?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU, 2021): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29832\">Demographie, Klimawandel und Generationenkonflikte. Hat die Demokratie eine inter-generative Schlagseite?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU, 2016): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20180\">22-43-67-4. Der \u201eDa Vinci-Code\u201c der Alterssicherung<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Podcasts zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=40975\">Sanierungsfall Sozialversicherungen?! Reformans\u00e4tze f\u00fcr Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Prof. (em.) Dr. <strong>Norbert Berthold<\/strong> (JMU) im Gespr\u00e4ch mit Prof. (em.) Dr. <strong>Bernd Raffelh\u00fcschen <\/strong>(ALU).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das am 5. 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