{"id":43237,"date":"2026-03-09T00:24:00","date_gmt":"2026-03-08T23:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=43237"},"modified":"2026-03-11T06:46:20","modified_gmt":"2026-03-11T05:46:20","slug":"gastbeitrag-wenn-der-staat-sich-selbst-bestiehlt-kleptokratie-als-ordnungsproblem-moderner-staatlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=43237","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Wenn der Staat sich selbst bestiehlt <br><b>Kleptokratie als Ordnungsproblem moderner Staatlichkeit <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Kleptokratie gilt als Problem autorit\u00e4rer Regime. Doch sie ist keine Frage von Kultur oder Charakter, sondern von Ordnung. Wo staatliche Macht diskretion\u00e4r wird, Haftung erodiert und Regeln verhandelbar sind, wird der Staat zur Beute \u2013 auch in formalen Demokratien. Der Beitrag zeigt Kleptokratie als Pathologie moderner Staatlichkeit und argumentiert ordnungspolitisch: Nicht mehr Kontrolle, sondern konsequente Regelbindung ist das wirksamste Gegenmittel.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beitrag von Alexander Cooley und Daniel Nexon in <a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/united-states\/age-kleptocracy-cooley-nexon\">Foreign Affairs<\/a> hat j\u00fcngst f\u00fcr Aufmerksamkeit gesorgt, weil er einen bislang ungewohnten Begriff auf westliche Demokratien anwendet: <em>Kleptokratie<\/em>. Was lange als analytische Kategorie f\u00fcr autorit\u00e4re Regime, rohstoffreiche Autokratien oder fragile Staaten galt, wird pl\u00f6tzlich im Zusammenhang mit etablierten rechtsstaatlichen Ordnungen diskutiert. Das ist irritierend \u2013 und zugleich erkenntnisf\u00f6rdernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Reiz des Begriffs liegt darin, dass er pr\u00e4ziser ist als viele g\u00e4ngige Deutungsmuster. Weder \u201ePopulismus\u201c noch \u201eDemokratieabbau\u201c oder \u201eAutoritarismus\u201c erfassen, was Cooley und Nexon eigentlich beschreiben: die systematische Verschiebung staatlicher Macht in Richtung privater Aneignung. Zugleich bleibt ihre Analyse in einem wichtigen Punkt unvollst\u00e4ndig. Sie konzentriert sich stark auf personelle Konstellationen und aktuelle politische Entwicklungen, ohne den zugrunde liegenden institutionellen Mechanismus hinreichend freizulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau hier setzt der vorliegende Beitrag an. Er versteht Kleptokratie nicht als individuelles Fehlverhalten oder zeitgebundene Entgleisung, sondern als <strong>ordnungspolitisches Problem<\/strong> moderner Staatlichkeit. Der Blick richtet sich auf Anreizstrukturen, Ermessensspielr\u00e4ume und institutionelle Arrangements, die es politischen Akteuren erlauben, \u00f6ffentliche Macht systematisch in private Vorteile zu \u00fcberf\u00fchren \u2013 auch dort, wo formale Rechtsstaatlichkeit und demokratische Verfahren fortbestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diagnose l\u00e4sst sich sowohl in der Public-Choice-Tradition als auch in der Institutionen\u00f6konomik und im Ordoliberalismus verankern. Sie kn\u00fcpft an eine lange Linie von Beobachtungen zu Elitenextraktion und Machtverwertung an, die weit vor die aktuelle politische Lage zur\u00fcckreichen, heute jedoch neue Sichtbarkeit erlangen. Kleptokratie erscheint damit weniger als Ausnahme, sondern als strukturelle M\u00f6glichkeit moderner Ordnungen \u2013 und als Pr\u00fcfstein f\u00fcr ihre institutionelle Qualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kleptokratie: Begriffliche Kl\u00e4rung und ordnungspolitische Einordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff <em>Kleptokratie<\/em> wird im \u00f6ffentlichen Diskurs h\u00e4ufig unscharf verwendet. Mal dient er als moralische Anklage, mal als polemische Zuspitzung autorit\u00e4rer Herrschaft, mal schlicht als Synonym f\u00fcr Korruption. F\u00fcr eine ordnungspolitische Analyse ist diese Unsch\u00e4rfe unbrauchbar. Notwendig ist eine begriffliche Abgrenzung, die Kleptokratie nicht an Personen oder Regimetypen bindet, sondern an institutionelle Funktionsweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im engeren Sinne bezeichnet Kleptokratie eine Herrschaftsform, in der politische Macht systematisch zur privaten Aneignung von Renten und Verm\u00f6gen genutzt wird. Charakteristisch ist dabei nicht der blo\u00dfe Regelbruch, sondern der gezielte Umbau staatlicher Regeln und Institutionen, um Kontrolle, Transparenz und Haftung zu schw\u00e4chen und damit weitgehend unbeschr\u00e4nktes eigenes Handeln zu erm\u00f6glichen. Kleptokratie ist somit kein Randph\u00e4nomen staatlicher Dysfunktion, sondern eine spezifische Ordnung staatlicher Machtverwendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Definition grenzt Kleptokratie klar von verwandten Ph\u00e4nomenen ab. <em>Korruption<\/em> beschreibt punktuelle oder auch verbreitete Regelverletzungen innerhalb einer bestehenden Ordnung. Sie kann systemisch sein, bleibt aber analytisch an die Vorstellung gebunden, dass es eine vom Korrupten abweichende Regel gibt. <em>Neopatrimonialismus<\/em> wiederum bezeichnet Herrschaftsformen, in denen formale b\u00fcrokratische Strukturen mit personalen Loyalit\u00e4tsbeziehungen \u00fcberlagert werden. Hier dient Bereicherung h\u00e4ufig als <em>Mittel<\/em> zur Stabilisierung von Herrschaft, nicht notwendigerweise als ihr prim\u00e4rer Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleptokratie geht einen Schritt weiter. Sie verschiebt den Zweck staatlicher Macht selbst. Bereicherung ist hier nicht Nebenprodukt oder Instrument, sondern Ziel der Herrschaftsaus\u00fcbung. Institutionen werden nicht trotz, sondern <em>wegen <\/em>ihrer \u00f6konomischen Verwertbarkeit gestaltet. Der Staat wird zur Beute, nicht zur Ordnungsmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Theoriegeschichtlich l\u00e4sst sich dieses Verst\u00e4ndnis anschlie\u00dfen an klassische Herrschaftstypologien, etwa bei Max Weber, der patrimoniale Herrschaft durch die fehlende Trennung zwischen Amtsgewalt und pers\u00f6nlichem Eigentum kennzeichnete. Sp\u00e4tere Arbeiten, insbesondere von Shmuel Eisenstadt, beschrieben mit dem Konzept des Neopatrimonialismus die Fortexistenz personalisierter Machtformen innerhalb moderner Staatsapparate. Empirische Studien \u2013 etwa zu afrikanischen Staaten bei Bratton und van de Walle \u2013 machten deutlich, dass formale Institutionen allein keine wirksame Ordnung garantieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der analytische Mehrwert des Kleptokratiebegriffs liegt jedoch gerade darin, dass er nicht auf vormoderne oder \u201eunreife\u201c Staaten beschr\u00e4nkt ist. Kleptokratie ist vielmehr eine m\u00f6gliche Pathologie moderner Staatlichkeit. Sie entsteht dort, wo politische Entscheidungsmacht, wirtschaftliche Verwertbarkeit und fehlende Haftung systematisch zusammenfallen. Demokratische Verfahren, Rechtsstaatlichkeit und Marktinstitutionen k\u00f6nnen dabei formal erhalten bleiben \u2013 werden jedoch funktional entleert.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus ordnungspolitischer Sicht ist Kleptokratie daher nicht prim\u00e4r ein moralisches oder kulturelles Problem, sondern ein Ordnungsproblem. Sie markiert die Negation zentraler Prinzipien einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung: des Primats allgemeiner Regeln, der Trennung politischer und wirtschaftlicher Macht sowie des Haftungsprinzips. Wo diese Prinzipien erodieren, wird staatliche Macht zur Ressource privater Aneignung \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob die handelnden Akteure sich ideologisch legitimieren oder demokratisch gew\u00e4hlt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser begrifflichen Kl\u00e4rung l\u00e4sst sich Kleptokratie analytisch von blo\u00dfer Korruption abheben und zugleich als ernstzunehmende Herausforderung auch f\u00fcr entwickelte, formal rechtsstaatliche Ordnungen begreifen. Erst auf dieser Grundlage wird verst\u00e4ndlich, warum das Ph\u00e4nomen nicht als Ausnahme, sondern als strukturelle M\u00f6glichkeit moderner Staatlichkeit diskutiert werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erscheinungsformen kleptokratischer Ordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kleptokratie tritt nicht in einer einheitlichen Gestalt auf. Sie ist kein Regimetyp mit klaren institutionellen Merkmalen, sondern ein Funktionsmodus staatlicher Macht, der sich in unterschiedlichen politischen und \u00f6konomischen Kontexten auspr\u00e4gt. F\u00fcr eine ordnungspolitische Analyse ist es daher sinnvoll, zwischen idealtypischen Erscheinungsformen zu unterscheiden, ohne diese als starre Kategorien zu missverstehen. In der Praxis \u00fcberlagern sie sich h\u00e4ufig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erstens: klassische Ressourcen- und Staatsmonopol-Kleptokratien.<\/strong><br>In dieser Form basiert kleptokratische Herrschaft auf der Kontrolle \u00fcber konzentrierte Rentenquellen \u2013 etwa Rohstoffe, staatliche Monopole oder strategische Infrastrukturen. Politische Macht dient hier prim\u00e4r der Absch\u00f6pfung und Umverteilung dieser Renten innerhalb einer engen F\u00fchrungsgruppe. Institutionen wie Justiz, Verwaltung oder Sicherheitsapparate fungieren vor allem als Absicherungsinstrumente. Eigentumsrechte sind selektiv, Vertr\u00e4ge politisch kontingent, Haftung faktisch suspendiert. Diese Form ist historisch gut dokumentiert und analytisch vergleichsweise klar zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zweitens: kleptokratische Erosion formaler Demokratien.<\/strong><br>Komplexer sind F\u00e4lle, in denen demokratische Verfahren, Rechtsstaatlichkeit und marktwirtschaftliche Institutionen formal bestehen bleiben, funktional jedoch zunehmend unterlaufen werden. Wahlen finden statt, Gerichte existieren, M\u00e4rkte operieren \u2013 doch zentrale Entscheidungen werden informell getroffen, Loyalit\u00e4ten ersetzen Regeln, und der Zugang zu staatlichen Ressourcen wird politisch selektiv gesteuert. Bereicherung dient hier nicht nur der pers\u00f6nlichen Akkumulation, sondern auch der Stabilisierung politischer Macht. Kleptokratie erscheint als gradueller Prozess der Aush\u00f6hlung, nicht als offener Systembruch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drittens: die westliche, postindustrielle Variante.<\/strong><br>Besondere ordnungspolitische Aufmerksamkeit verdient eine Form, die weniger durch offene Bereicherung als durch Entgrenzung zwischen Amt, Markt und Verhandlungspolitik gekennzeichnet ist. Charakteristisch sind Dreht\u00fcrmechanismen, politisch vermittelte Sonderdeals, regulatorische Ausnahmen, B\u00fcndelgesch\u00e4fte und informelle Einflusskan\u00e4le. Die Trennung zwischen \u00f6ffentlichem Mandat und privater Verwertung verschwimmt, ohne notwendigerweise geltendes Recht zu verletzen. Kleptokratie manifestiert sich hier nicht prim\u00e4r als Illegalit\u00e4t, sondern als systematische Verschiebung institutioneller Anreize zugunsten gut vernetzter Akteure.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Typen unterscheiden sich in Sichtbarkeit, rechtlicher Einbettung und \u00f6ffentlicher Wahrnehmung, teilen jedoch einen gemeinsamen Kern: Staatliche Macht wird nicht mehr prim\u00e4r als Ordnungsmacht verstanden, sondern als \u00f6konomisch verwertbare Ressource. Entscheidungsgewalt erh\u00e4lt einen Marktwert, der sich aus Zugangsprivilegien, Informationsvorteilen und der F\u00e4higkeit speist, Regeln zu formen oder auszusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zentraler analytischer Befund lautet daher: Kleptokratie ist nicht an bestimmte kulturelle, regionale oder ideologische Voraussetzungen gebunden. Sie kann sich in autorit\u00e4ren Systemen ebenso entwickeln wie in formalen Demokratien, in Entwicklungs\u00f6konomien ebenso wie in hochregulierten Marktwirtschaften. Entscheidend sind nicht die politischen Etiketten, sondern die institutionellen Schnittstellen, an denen politische Entscheidungsmacht, \u00f6konomische Renten und mangelnde Haftung zusammenfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit verschiebt sich auch der Blick auf die politische Bedeutung von Kleptokratie. Sie ist nicht blo\u00df ein Begleitproblem von Armut, schwacher Staatlichkeit oder autorit\u00e4ren Ambitionen, sondern eine strukturelle Gefahr moderner Ordnungen, insbesondere dort, wo komplexe Regulierung, hohe staatliche Diskretion und enge Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft zusammentreffen. Gerade ihre Anpassungsf\u00e4higkeit macht sie ordnungspolitisch so schwer greifbar \u2013 und analytisch umso relevanter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Mechanismus: Warum Kleptokratie rationales Verhalten sein kann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die analytische St\u00e4rke des Kleptokratiebegriffs zeigt sich dort, wo moralische Emp\u00f6rung endet und institutionelle Erkl\u00e4rung beginnt. Kleptokratisches Handeln ist in aller Regel kein irrationaler Regelbruch, sondern rationales Verhalten innerhalb spezifischer Anreizstrukturen. Genau hier setzt die Public-Choice-Tradition an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt ist die einfache, aber folgenreiche Annahme, dass politische Akteure \u2013 ebenso wie wirtschaftliche \u2013 auf Anreize reagieren. James Buchanan und Gordon Tullock haben gezeigt, dass staatliche Ermessensspielr\u00e4ume \u00f6konomisch verwertbar sind. Wo politische Entscheidungstr\u00e4ger \u00fcber Genehmigungen, Ausnahmen, Subventionen, Regulierungen oder Sanktionen verf\u00fcgen, entstehen potenzielle Renten. Diese Renten ziehen Akteure an, die Ressourcen nicht in produktive T\u00e4tigkeiten, sondern in politischen Einfluss investieren. Rent-Seeking ist in diesem Sinne keine Abweichung vom System, sondern eine logische Folge diskretion\u00e4rer Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleptokratie kann als Extrempunkt dieser Logik verstanden werden. W\u00e4hrend klassisches Rent-Seeking einzelne Vorteile innerhalb einer bestehenden Ordnung anstrebt, richtet sich kleptokratisches Handeln auf die Aneignung der Ordnung selbst. Regeln werden nicht mehr nur genutzt oder umgangen, sondern gezielt so ver\u00e4ndert, dass sie private Aneignung beg\u00fcnstigen und Kontrolle erschweren. Der Staat wird vom Schiedsrichter zum privilegierten Mitspieler \u2013 oder genauer: zum Beutegut.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zweite, komplement\u00e4re Erkl\u00e4rung liefert Mancur Olson. In seinen Arbeiten zur Logik kollektiven Handelns und zum institutionellen Verfall beschreibt Olson, wie sich in stabilen Gesellschaften \u00fcber Zeit organisierte Interessengruppen ansammeln, die politische Prozesse zu ihren Gunsten verzerren. Diese Gruppen investieren in Einfluss, nicht in Innovation. Das Ergebnis ist eine schleichende Erstarrung institutioneller Strukturen. Kleptokratie markiert hier keinen abrupten Bruch, sondern einen Endpunkt kumulativer Verzerrungen, bei dem politische Macht prim\u00e4r der Absicherung bestehender Renten dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen noch grunds\u00e4tzlicheren Rahmen bietet der institutionen\u00f6konomische Ansatz von Douglass North, gemeinsam mit Wallis und Weingast. Ihre Unterscheidung zwischen offenen Ordnungen und sogenannten <em>natural state <\/em>verweist auf eine zentrale ordnungspolitische Gefahr: Gesellschaften k\u00f6nnen institutionell zur\u00fcckfallen. Im <em>natural state<\/em> wird der Zugang zu wirtschaftlichen Chancen politisch kontrolliert; Gewalt, Ressourcen und Privilegien sind in den H\u00e4nden einer begrenzten Elite konzentriert. Stabilit\u00e4t entsteht nicht durch allgemeine Regeln, sondern durch Rententeilung innerhalb dieser Elite. Kleptokratie l\u00e4sst sich als moderner, funktional angepasster R\u00fcckfall in einen solchen <em>natural state<\/em> deuten. Der R\u00fcckfall erfolgt nicht notwendig durch den Abbau formaler Institutionen, sondern durch ihre funktionale Entleerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend ist nicht die formale Verfassung, sondern die tats\u00e4chliche Struktur politischer Anreize. Diese Anreizstrukturen sind empirisch schwer zu fassen \u2013 und das ist kein methodisches Versagen, sondern Teil des Problems selbst. Wo politische Macht systematisch zur privaten Aneignung genutzt wird, bestehen starke Anreize, genau diese Prozesse intransparent zu organisieren. Wahrnehmungsbasierte Indikatoren wie der Corruption Perceptions Index von Transparency International messen Vertrauensverluste in staatliche Integrit\u00e4t, keine institutionellen Mechanismen. Aufschlussreich f\u00fcr entwickelte Rechtsstaaten ist der Financial Secrecy Index des Tax Justice Network: Er erfasst nicht Korruption selbst, sondern die institutionelle Infrastruktur, die kleptokratische Aneignung erst erm\u00f6glicht \u2013 und zeigt damit, dass klassische Korruptionsindikatoren gerade dort blind sind, wo das Problem subtiler, aber nicht geringer ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit wird auch verst\u00e4ndlich, warum Kleptokratie nicht an bestimmte Regimeformen gebunden ist. Sie kann in autorit\u00e4ren Systemen offen auftreten, in demokratischen Ordnungen graduell wachsen und in hochentwickelten Rechtsstaaten subtil institutionalisiert werden. Entscheidend ist der Zusammenfall von diskretion\u00e4rer Macht, \u00f6konomischer Verwertbarkeit und fehlender Haftung. Dieser Befund bildet die Br\u00fccke zur ordnungspolitischen Bewertung: Wenn Kleptokratie rationales Verhalten unter falschen Regeln ist, liegt ihr Gegenmittel nicht in moralischer Appellpolitik oder immer neuen Kontrollinstanzen, sondern in der konsequenten Begrenzung diskretion\u00e4rer Macht. Genau hier setzt das ordnungspolitische Paradox an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><strong> <\/strong><strong>und<\/strong><strong> <\/strong><strong>Ausblick<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kleptokratie ist kein R\u00fcckfall in vormoderne Barbarei und kein Randph\u00e4nomen politischer Extremf\u00e4lle. Sie ist eine m\u00f6gliche Pathologie moderner Staatlichkeit, die dort entsteht, wo politische Macht, \u00f6konomische Verwertbarkeit und fehlende Haftung systematisch zusammenfallen. Ihre besondere Gefahr liegt nicht in offener Gesetzlosigkeit, sondern in der Erosion ordnungspolitischer Prinzipien unter formal intakten Institutionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Analyse zeigt, dass Kleptokratie weder auf individuelle Charakterdefizite noch auf bestimmte Regimeformen reduziert werden kann. Sie folgt rationalen Anreizen innerhalb fehlkonstruierter Ordnungen. Gerade deshalb greifen moralische Appelle und immer neue Kontrollinstanzen zu kurz. Sie verkennen, dass falsch verstandene Regulierung und diskretion\u00e4re Steuerung selbst neue Renten und Zug\u00e4nge zur politischen Macht erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ordnungspolitisch f\u00fchrt dies zu einer klaren, wenn auch unbequemen Konsequenz: Nicht mehr Staat, sondern besser gebundener Staat ist das wirksamste Gegenmittel. Allgemeine Regeln statt Ausnahmen, Transparenz statt Verhandlung, Haftung statt Verantwortungsrhetorik \u2013 diese klassischen Prinzipien verlieren nicht an G\u00fcltigkeit, sondern an Beachtung. Kleptokratie ist damit weniger ein neues Problem als ein alter Befund unter neuen Bedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neu ist, dass die ordoliberale Diagnose nicht mehr nur f\u00fcr Russland oder Nigeria gilt. Wenn kleptokratische Muster in Gesellschaften sichtbar werden, die sich selbst als Ma\u00dfstab guter Ordnung verstanden, dann ist das kein Argument f\u00fcr Kulturpessimismus, sondern f\u00fcr institutionellen Realismus. Ordnung h\u00e4lt nicht von allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Cooley und Nexon haben die richtige Frage gestellt. Die ordnungspolitische Antwort darauf m\u00fcssen andere geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur (Auswahl)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Buchanan, James M.; Tullock, Gordon (1962): The Calculus of Consent. Ann Arbor.<br>Chayes, Sarah (2015): Thieves of State. Why Corruption Threatens Global Security. New York.<br>Chayes, Sarah (2020): On Corruption in America. New York.<br>Cooley, Alexander; Nexon, Daniel (2026): The Age of Kleptocracy. Geopolitical Power, Private Gain, Foreign Affairs March\/April 2026, published on February 17.<\/p>\n\n\n\n<p>Cooley, Alexander; Nexon, Daniel (2022): Exit from Hegemony. The Unraveling of the American Global Order. Oxford.<br>Dawisha, Karen (2014): Putin\u2019s Kleptocracy. Who Owns Russia? New York.<br>Eisenstadt, Shmuel N. (1973): Traditional Patrimonialism and Modern Neopatrimonialism. Beverly Hills.<br>North, Douglass C.; Wallis, John J.; Weingast, Barry R. (2009): Violence and Social Orders. Cambridge.<br>Olson, Mancur (1982): The Rise and Decline of Nations. New Haven.<br>Transparency International: Corruption Perceptions Index.<br>Tax Justice Network: Financial Secrecy Index.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleptokratie gilt als Problem autorit\u00e4rer Regime. Doch sie ist keine Frage von Kultur oder Charakter, sondern von Ordnung. Wo staatliche Macht diskretion\u00e4r wird, Haftung erodiert und Regeln verhandelbar sind, wird der Staat zur Beute \u2013 auch in formalen Demokratien. 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