{"id":43619,"date":"2026-04-16T05:12:55","date_gmt":"2026-04-16T04:12:55","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=43619"},"modified":"2026-04-16T05:12:56","modified_gmt":"2026-04-16T04:12:56","slug":"gastbeitrag-deutschland-als-entwicklungsland-wie-eine-reiche-ordnung-ihre-entwicklung-blockiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=43619","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Deutschland als Entwicklungsland <br><b>Wie eine reiche Ordnung ihre Entwicklung blockiert <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Every, Global Strategist der Rabobank, sagte 2023, Deutschland werde \u201ezu einer Entwicklungs\u00f6konomie herabgestuft\u201c. Dieser Essay nimmt die Provokation ernst \u2013 nicht als Polemik, sondern als analytisches Instrument. Anhand von f\u00fcnf strukturellen Vulnerabilit\u00e4tsmustern, wie sie aus Entwicklungs\u00f6konomie, Institutionen\u00f6konomik und Strukturwandeltheorie bekannt sind \u2013 Energieabh\u00e4ngigkeit, Deindustrialisierung ohne produktiven Ersatz, Investitionsverlagerung, au\u00dfenwirtschaftliche Verwundbarkeit und Reformblockade \u2013, wird argumentiert, dass Deutschland in eine Trajektorie relativer struktureller R\u00fcckentwicklung geraten ist, die durch die geo\u00f6konomische Fragmentierung der Weltwirtschaft zus\u00e4tzlich beschleunigt wird. Der ordnungspolitische Kern der Argumentation lautet: Die Erosion von Preissystem, Haftungsprinzip und Reformf\u00e4higkeit verweist nicht nur auf Politikversagen, sondern auf ein tieferes Ordnungsversagen mit selbstverst\u00e4rkender Dynamik. Was not t\u00e4te, w\u00e4re nicht blo\u00df Reformpolitik innerhalb der bestehenden Ordnung, sondern deren schrittweise Erneuerung \u2013 der \u00dcbergang zu einer dezentralen Verantwortungsmarktwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I. Eine Provokation ernst nehmen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeutschland wird ein Entwicklungsland&#8220; \u2013 dieser Satz stammt von Michael Every, Global Strategist der niederl\u00e4ndischen Rabobank, einem pointierten Beobachter der globalen Wirtschaftsordnung. Every sagte dies im Mai 2023 in einem Interview mit der <em>Berliner Zeitung<\/em>. Seither haben mehrere Entwicklungen \u2013 von Investitionsverlagerungen \u00fcber steigende Standortkosten bis zur geo\u00f6konomischen Fragmentierung \u2013 seiner Diagnose zus\u00e4tzliche Plausibilit\u00e4t verliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Reflex, diese These abzulehnen, ist verst\u00e4ndlich. Deutschland ist eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt, verf\u00fcgt \u00fcber stabile Institutionen, einen funktionierenden Rechtsstaat und erhebliches Sozialkapital. Aber Every meinte etwas anderes. Sein Schlagwort beschreibt keine Armut, sondern eine Trajektorie: eine relative strukturelle R\u00fcckentwicklung entlang von Mustern, die man aus Entwicklungs\u00f6konomie, Strukturwandeltheorie und politischer \u00d6konomie kennt \u2013 Energieabh\u00e4ngigkeit, Deindustrialisierung, Investitionsverlagerung und Reformblockaden. Das ist analytisch pr\u00e4ziser als \u201eNiedergang\u201c oder \u201eKrise\u201c, weil es einen vergleichenden Strukturrahmen liefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Essay nimmt Everys Hypothese ernst \u2013 nicht als Polemik, sondern als diagnostisches Instrument.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>II. Was \u201eEntwicklungsland&#8220; analytisch bedeutet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Entwicklungs\u00f6konomie bezeichnet der Begriff klassisch keinen blo\u00dfen Mangel an Wohlstand, sondern ein B\u00fcndel struktureller Verwundbarkeiten. F\u00fcr die vorliegende Analyse lassen sich f\u00fcnf Muster unterscheiden: Input- und Importabh\u00e4ngigkeit; Deindustrialisierung ohne hinreichenden produktiven Ersatz; au\u00dfenwirtschaftliche Verwundbarkeit; Investitionsverlagerung unter institutioneller Unsicherheit; und \u2013 entscheidend \u2013 Reformblockade unter Druck, bei der nicht fehlendes Wissen, sondern eine Anreizstruktur, die Anpassung systematisch verz\u00f6gert oder blockiert, das eigentliche Problem ist. Rodrik hat dieses Muster f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder als \u201epremature deindustrialization\u201c beschrieben; hier wird es nicht identisch, sondern heuristisch auf einen fortgeschrittenen Industriestaat angewendet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Muster werden durch eine strukturelle Verschiebung der Weltwirtschaft versch\u00e4rft. Die freih\u00e4ndlerische Globalisierung, auf der Deutschland sein Exportmodell aufgebaut hat, ist als dominantes Ordnungsprinzip sichtbar geschw\u00e4cht. Geo\u00f6konomische Fragmentierung \u2013 Reshoring, Friendshoring, Industriepolitik als Machtinstrument \u2013 trifft Deutschland als offene, exportabh\u00e4ngige Volkswirtschaft besonders hart. Wer sein Gesch\u00e4ftsmodell auf regelbasierten Welthandel aufgebaut hat, verliert strukturell in einer Welt, in der Regeln zunehmend von Macht- und Sicherheitslogiken \u00fcberlagert werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III. Die deutsche Trajektorie: Muster f\u00fcr Muster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Energieabh\u00e4ngigkeit: Erbe, Fehlentscheidung und Fehlkalkulation.<\/strong> Deutschlands Energieabh\u00e4ngigkeit ist nicht nur historisches Erbe, sondern auch Ergebnis politischer Entscheidungen. Dazu geh\u00f6rt eine strukturelle Konstellation: der Ausstieg aus Kernenergie und Kohle bei gleichzeitig hoher Abh\u00e4ngigkeit von Gas als Br\u00fcckentechnologie. Diese Strategie erwies sich als anf\u00e4llig, weil sie Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz gegen\u00fcber klimapolitischen Zielen teilweise nachrangig behandelte. Hinzu kam ein geopolitischer Fehler: die Fehleinsch\u00e4tzung russischer Absichten. Die Erwartung, wirtschaftliche Interdependenz schaffe politische Stabilit\u00e4t, erwies sich unter Bedingungen asymmetrischer Abh\u00e4ngigkeit als tr\u00fcgerisch. Der Energiepreisschock des Jahres 2022 war daher nicht nur ein externer Schock, sondern die Realisierung eines lange bekannten strukturellen Risikos. Vorsorge f\u00fcr Systemstabilit\u00e4t \u2013 gerade bei unwahrscheinlichen Ereignissen mit hoher Wirkung \u2013 geh\u00f6rt zu den zentralen Aufgaben staatlicher Ordnungspolitik.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche Industriebetriebe zahlen ohne Entlastungen derzeit etwa 15\u201318 ct\/kWh und damit deutlich mehr als Wettbewerber in den USA oder China (rund 8 ct\/kWh). Auch Frankreich liegt im Regelfall unter dem deutschen Niveau. Deutschland z\u00e4hlt zudem zu den L\u00e4ndern mit den h\u00f6chsten Haushaltsstrompreisen weltweit. US-Subventionsprogramme wie der Inflation Reduction Act k\u00f6nnen den Wettbewerbsnachteil weiter verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deindustrialisierung ohne Ersatz.<\/strong> Die deutsche Industrie steht unter simultanem Druck: Energiekosten, Regulierungsdichte, Fachkr\u00e4ftemangel, Infrastrukturverfall und der Verlust des chinesischen Wachstumsmarkts. Das Rodrik&#8217;sche Muster der vorzeitigen Deindustrialisierung trifft hier in seiner deutschen Variante: Ein produktiver, handelsf\u00e4higer Dienstleistungssektor entsteht nicht als Ersatz. Was vor allem w\u00e4chst, sind Pflege, Verwaltung und Teile der Beratung \u2013 keine Bereiche, die den Produktivit\u00e4ts- und Innovationsverlust der Industrie ohne Weiteres kompensieren k\u00f6nnten. Der BDI sch\u00e4tzt den Investitionsbedarf f\u00fcr die Transformation der deutschen Volkswirtschaft bis 2030 auf rund 1,4 Billionen Euro \u2013 ein erheblicher Teil entf\u00e4llt auf die industrielle Dekarbonisierung und energiebezogene Infrastruktur. Gleichzeitig sehen Studien substanzielle Teile der energieintensiven Industrie unter Druck; je nach Szenario k\u00f6nnte ein signifikanter Anteil der industriellen Wertsch\u00f6pfung \u2013 in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von bis zu einem F\u00fcnftel \u2013 standortgef\u00e4hrdet sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Investitionsflucht.<\/strong> Die Verschiebung der Investitionsmotive ist eines der klarsten Warnsignale. W\u00e4hrend Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen lange vor allem mit Markterschlie\u00dfung, Kundenn\u00e4he und Exportunterst\u00fctzung begr\u00fcndet wurden, dominiert inzwischen zunehmend das Motiv der Kostensenkung \u2013 auf einem Niveau wie zuletzt in der Finanzkrise. Zugleich \u00f6ffnet sich die Schere zwischen Investitionen im Inland und im Ausland deutlich: Der DIHK (2024\/25) zufolge liegt der Saldo der Inlandsinvestitionen bei minus 17, der der Auslandsinvestitionen bei plus 9 Punkten \u2013 eine au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00dfe L\u00fccke. Auch in den Direktinvestitionen zeigt sich diese Entwicklung: 2023 verzeichnete Deutschland Netto-Abfl\u00fcsse von rund 94 Milliarden Euro (IW K\u00f6ln, 2024), den dritth\u00f6chsten Wert der Zeitreihe. Hinzu kommt reale Verlagerungsbereitschaft: Laut einer EY-Befragung plant knapp ein Drittel der befragten Industrieunternehmen, bestehende Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland zu verlagern; die USA z\u00e4hlen dabei zu den wichtigsten Zielr\u00e4umen. Das folgt einem bekannten \u00f6konomischen Erosionsmuster: Wenn produktives Kapital ausweicht, verliert ein Standort nicht nur Investitionen, sondern mittelfristig auch Produktivit\u00e4tsdynamik, Steuerbasis und industrielle Kompetenz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Subventionen statt Struktur.<\/strong> Auf den wachsenden Standortdruck hat Deutschland bislang vor allem mit Entlastungen und Sonderregelungen reagiert, nicht mit einer durchgreifenden Reform der strukturellen Kosten- und Investitionsbedingungen. Energiepreisbremsen, staatlich finanzierte Netzentgeltzusch\u00fcsse, steuerliche Entlastungen und der ab 2026 geplante Industriestrompreis wirken kurzfristig entlastend, bleiben aber selektiv, befristet und im Kern symptomorientiert. Sie senken punktuell Kosten, ohne die eigentlichen Ursachen der Standortschw\u00e4che zu beheben: hohe Systemkosten, regulatorische Dichte, lange Verfahren und mangelnde Planbarkeit. Das Muster erinnert an eine rent-seeking-gepr\u00e4gte Krisenpolitik: Unter Druck werden sektorale Kompensationen organisiert, w\u00e4hrend die ordnungspolitische Korrektur ausbleibt. Auch deshalb bleibt die Bereitschaft zur Verlagerung von Investitionen, Kapazit\u00e4ten und Arbeitspl\u00e4tzen hoch. Laut DIHK planen 40 Prozent der Industrieunternehmen Auslandsinvestitionen; wichtigstes Motiv ist inzwischen die Kostensenkung. Das zeigt, dass sich die Standortlogik verschoben hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>IV. Die Ordnung als eigentliche Ursache<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die empirischen <\/strong>Muster<strong> <\/strong>sind<strong> besorgniserregend. Aber sie sind Symptome. Die eigentliche Ursache liegt tiefer: in einer Wirtschaftsordnung, die Selbstkorrektur nicht abschafft, aber systematisch verlangsamt, verzerrt und politisch \u00fcberformt.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Walter Eucken hat die Funktionsf\u00e4higkeit einer Marktwirtschaft an die Qualit\u00e4t ihres Ordnungsrahmens gekn\u00fcpft. Drei seiner konstituierenden Prinzipien sind in Deutschland heute sichtbar geschw\u00e4cht. Das Preissystem ist durch Subventionen, Ausnahmen und administrative Eingriffe so stark \u00fcberlagert, dass es in zentralen Bereichen \u2013 von Energie \u00fcber Wohnraum bis Gesundheit und Bildung \u2013 nur noch eingeschr\u00e4nkt als Knappheitssignal wirkt. Das Haftungsprinzip ist durch wiederkehrende Verlustsozialisierung ausgeh\u00f6hlt: Wer entscheidet, haftet oft nicht mehr im entsprechenden Ma\u00df. Und die Konstanz der Wirtschaftspolitik ist durch Koalitionslogik, Richtungswechsel und kurzfristige Kompromissbildung geschw\u00e4cht. Eucken w\u00fcrde darin keine aufgehobene Marktwirtschaft sehen, wohl aber eine Wettbewerbsordnung, deren Anpassungsmechanismen zunehmend politisch vermittelt statt marktwirtschaftlich erzeugt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander R\u00fcstow und Wilhelm R\u00f6pke w\u00fcrden in der deutschen Gegenwart vermutlich eine kompensatorische Sozialpolitik erkennen, die gesellschaftliche Dysfunktionen abfedert, ohne ihre institutionellen Ursachen zu beheben. Der Sozialstaat stabilisiert. Aber er stabilisiert h\u00e4ufig dort, wo Ordnungspolitik korrigieren m\u00fcsste. Er schafft kurzfristig Legitimit\u00e4t, absorbiert aber zugleich jenen Druck, aus dem strukturelle Reformen entstehen k\u00f6nnten. Das erkl\u00e4rt ein zentrales Paradox der deutschen Gegenwart: Der Problemdruck ist hoch, doch der politische Reformimpuls bleibt schwach.<\/p>\n\n\n\n<p>Douglass North hat gezeigt, dass Institutionen pfadabh\u00e4ngig sind: Einmal eingeschlagen, verst\u00e4rken sich institutionelle Arrangements selbst. Acemoglu und Robinson haben beschrieben, wie privilegierte Akteurskonstellationen Ver\u00e4nderung blockieren k\u00f6nnen, wenn Reformen bestehende Renten- und Einflusspositionen gef\u00e4hrden. Und mit George Tsebelis l\u00e4sst sich zeigen, warum Deutschland besonders reformtr\u00e4ge ist: F\u00f6deralismus, Koalitionszwang, Bundesrat, verfassungsgerichtliche Korrekturm\u00f6glichkeiten sowie informelle Vetopotenziale durch Verb\u00e4nde und europ\u00e4ische Regulierung erzeugen eine hohe Status-quo-Stabilit\u00e4t. Das ist weniger das Versagen einzelner Akteure als eine Systemeigenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der ordnungspolitische Befund verdichtet sich:<\/strong> Deutschland leidet nicht prim\u00e4r an mangelndem Wissen \u00fcber notwendige Reformen. Es leidet an einer Ordnung, die Reformen systematisch erschwert, verz\u00f6gert und verw\u00e4ssert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>V. Gegenargumente \u2013 und was sie tragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Drei Einw\u00e4nde verdienen ernsthafte Auseinandersetzung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der empirische Einwand<\/strong> lautet: Die Deindustrialisierungsthese ist \u00fcbertrieben. Der IWF hat 2024 darauf hingewiesen, dass besonders energieintensive Sektoren zwar unter Druck stehen, ihr direkter Anteil an der Gesamtwirtschaft jedoch begrenzt ist; auch die Automobilindustrie verzeichnete 2023 noch Produktionszuw\u00e4chse. <strong>Replik:<\/strong> Strukturwandel zeigt sich zuerst in Investitions-, Standort- und Kapazit\u00e4tsentscheidungen \u2013 nicht zwingend sofort in Produktions- oder Quartalszahlen. Die Schere zwischen Inlands- und Auslandsinvestitionen ist deshalb das entscheidende Signal: Sie zeigt weniger, was war, als was kommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der institutionelle Einwand<\/strong> lautet: Deutschland ist reformf\u00e4hig \u2013 die Schr\u00f6der-Reformen belegen es, der Rechtsstaat tr\u00e4gt, das Sozialkapital h\u00e4lt. <strong>Replik:<\/strong> Die Schr\u00f6der-Reformen waren ein bedeutender arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Einschnitt, aber keine umfassende ordnungspolitische Neujustierung. Preissystem, Haftungsprinzip und Vetospieler-Struktur blieben im Kern unangetastet. Reformf\u00e4higkeit unter Druck setzt zudem voraus, dass der Druck politisch sichtbar und mobilisierend wirkt. Der heutige Problemdruck ist diffuser und schleichender \u2013 und damit strukturell schwerer zu politisieren als die Massenarbeitslosigkeit der fr\u00fchen 2000er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der konzeptionelle Einwand<\/strong> lautet: \u201eEntwicklungsland\u201c ist eine kategorial unangemessene Bezeichnung f\u00fcr eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt. <strong>Replik:<\/strong> Dieser Einwand ist berechtigt, wenn man den Begriff normativ oder deskriptiv versteht. Die Analogie operiert jedoch auf der Ebene struktureller Vulnerabilit\u00e4ts- und Blockademuster \u2013 als diagnostisches Instrument, nicht als Gleichsetzungsurteil. Ihr analytischer Wert liegt darin, jene Verlaufsmuster sichtbar zu machen, die im Diskurs \u00fcber blo\u00dfe \u201eStandortprobleme\u201c systematisch untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>VI. Die Grenzen der Analogie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Intellektuelle Redlichkeit verlangt, die Grenzen der These zu benennen. Deutschland verf\u00fcgt \u00fcber einen funktionierenden Rechtsstaat, gesicherte Eigentumsrechte und \u2013 trotz Erosion \u2013 substantielles Sozialkapital. Die Eurozonen-Einbettung wirkt als Puffer gegen akute au\u00dfenwirtschaftliche Verwundbarkeit. Die Analogie beschreibt deshalb eine <strong>Trajektorie<\/strong>, keine vollendete Transformation. Deutschland ist kein Entwicklungsland \u2013 aber es bewegt sich strukturell in diese Richtung, wenn die institutionelle Erosion nicht aufgehalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>VII. Schluss: Die Ordnung, die sich selbst blockiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Every&#8217;s Provokation ist keine Prognose \u2013 sie ist eine strukturelle Diagnose. Und diese Diagnose hat eine unbequeme innere Logik: Die Ordnung, die Deutschlands R\u00fcckentwicklung hervorbringt, ist zugleich diejenige, die ihre eigene Erneuerung systematisch erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das folgt aus der Analyse. Verzerrte Preise erzeugen Interessenkoalitionen, die von der Verzerrung profitieren und sie verteidigen. Sozialisierte Haftung schw\u00e4cht den Anreiz zur Korrektur und verschiebt Risiken in den politischen Raum. Soziale An\u00e4sthesie absorbiert den Reformdruck, der aus wachsenden Dysfunktionen entstehen m\u00fcsste. Vetospieler blockieren oder verw\u00e4ssern Richtungs\u00e4nderungen, die ihre Rentenposition gef\u00e4hrden w\u00fcrden. Das ist nicht blo\u00df Politikversagen \u2013 es ist Ordnungsversagen mit selbstverst\u00e4rkender Dynamik.<\/p>\n\n\n\n<p>Was not t\u00e4te, ist nicht blo\u00df Reformpolitik innerhalb der bestehenden Ordnung, sondern eine schrittweise Ordnungserneuerung: der \u00dcbergang von einer zunehmend organisierten, politisch administrierten Wirtschaft zur\u00fcck zu einer st\u00e4rker dezentralen, verantwortungsbasierten Marktwirtschaft \u2013 einer Ordnung, in der Preise wieder Knappheit signalisieren, Haftung Entscheidungen diszipliniert und Verantwortung dort angesiedelt ist, wo Entscheidungen fallen. Das ist kein technisches Problem. Es ist ein politisches \u2013 und ein kulturelles. Und es ist, innerhalb der bestehenden Ordnung, strukturell erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Everys Schlagwort beschreibt nicht, was Deutschland heute ist. Es beschreibt, wohin eine Ordnung f\u00fchrt, die ihre eigene Erneuerung erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Every, Michael: \u201eDeutschland wird ein Entwicklungsland.&#8220; Interview. <em>Berliner Zeitung<\/em>, 15. Mai 2023. \u2013 Ausgangsprovokation.<\/li>\n\n\n\n<li>Tsebelis, George: <em>Veto Players. How Political Institutions Work<\/em>. Princeton: Princeton University Press, 2002. \u2013 Vetospieler-Theorie; Reformblockaden in komplexen politischen Systemen.<\/li>\n\n\n\n<li>Rodrik, Dani: \u201ePremature Deindustrialization.&#8220;<em>Journal of Economic Growth<\/em> 21 (2016), 1\u201333. \u2013 Konzeptionelle Grundlage der Deindustrialisierungsanalyse.<\/li>\n\n\n\n<li>Rabobank: <em>The Economic Impact of European De-industrialization: Geopolitics Takes Center Stage<\/em>. Utrecht: RaboResearch, 2023. \u2013 Modellierung au\u00dfenwirtschaftlicher Verwundbarkeit durch Deindustrialisierung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Empirische Hinweise<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie): <em>Klimapfade 2.0. Ein Wirtschaftsprogramm f\u00fcr Klimaneutralit\u00e4t<\/em>. Berlin, 2021. \u2013 Investitionsl\u00fccke von 1,4 Bio. Euro bis 2030.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>DIHK: <em>Auslandsinvestitionen der Industrie 2024\/2025<\/em>. Berlin: Deutscher Industrie- und Handelskammertag, 2024\/2025. \u2013 Motivwechsel und Schere zwischen In- und Auslandsinvestitionen.<\/li>\n\n\n\n<li>IW K\u00f6ln (Rusche, Christian): <em>Direktinvestitionen: Hohe Abfl\u00fcsse deuten auf Deindustrialisierung hin<\/em>. IW-Kurzbericht Nr. 15. K\u00f6ln, M\u00e4rz 2024. \u2013 Netto-Abfl\u00fcsse bei den Direktinvestitionen in H\u00f6he von 94 Mrd. Euro (2023).<\/li>\n\n\n\n<li>FfE \/ vbw: <em>Internationaler Energiepreisvergleich f\u00fcr die Industrie<\/em>. M\u00fcnchen, November 2025. \u2013 Industriestrompreise im internationalen Vergleich 2024.<\/li>\n\n\n\n<li>EY: <em>Wirtschaftsstandort Deutschland 2024.<\/em> Befragung von 115 Top-Managern deutscher Industrieunternehmen, durchgef\u00fchrt von Ernst &amp; Young im September 2024.<\/li>\n<\/ul>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDeutschland wird ein Entwicklungsland&#8220; \u2013 so lautet das Urteil von Michael Every, Global Strategist der Rabobank, \u00fcber die Bundesrepublik. Eine Polemik? Nein: eine analytisch belastbare Hypothese. 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