{"id":43887,"date":"2026-05-22T00:36:00","date_gmt":"2026-05-21T23:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=43887"},"modified":"2026-05-24T08:06:32","modified_gmt":"2026-05-24T07:06:32","slug":"gastbeitrag-ein-wunder-das-keines-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=43887","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Ein Wunder, das keines ist <br><b>Japans Schulden sinken \u00fcber Nacht? <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p>Japan gilt als Weltmeister der Staatsschulden. In der Spitze kam das Land im Jahr 2020 auf eine Staatsschuldenquote von 258% des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Zum Vergleich: Die USA stehen aktuell bei rund 125%, Deutschland bei rund 65%.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Japan bis heute eine so viel h\u00f6here Staatsverschuldung stemmen kann als andere L\u00e4nder, h\u00e4ngt vor allem damit zusammen, dass der Gro\u00dfteil der japanischen Staatsschulden von inl\u00e4ndischen Gl\u00e4ubigern gehalten wird. Darunter befindet sich auch die japanische Zentralbank, die mit umfangreichen Staatsanleihek\u00e4ufen die Zinsen lange Zeit auf 0% gedr\u00fcckt und den Staat damit weitgehend von der Zinslast efreit hat, die hohe Staatsschulden eigentlich mit sich bringen. Trotz dieser Besonderheit stellt sich schon lange die Frage, ob das japanische Schuldenexperiment auf Dauer gut gehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kommen \u2013 zumindest auf den ersten Blick \u2013 gute Nachrichten vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds in Washington. In der neuesten Ausgabe seines \u201eFiscal Monitor\u201c weist der IWF einen R\u00fcckgang der japanischen Staatsschuldenquote in diesem Jahr auf 204% aus. Bis 2030 soll die Schuldenquote sogar auf 194% fallen. Insgesamt w\u00e4re das ein beeindruckender R\u00fcckgang von 64 Prozentpunkten innerhalb eines Jahrzehnts. W\u00fcrde Deutschland ein Schuldenr\u00fcckgang in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung gelingen, w\u00e4re die Bundesrepublik praktisch schuldenfrei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Schein tr\u00fcgt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch ein Blick hinter die japanischen Zahlen zeigt, dass der Schein tr\u00fcgt, denn der R\u00fcckgang der Schuldenquote ist nicht das Ergebnis einer aktiv betriebenen Haushaltskonsolidierung. Etwa die H\u00e4lfte des R\u00fcckgangs l\u00e4sst sich schlicht damit erkl\u00e4ren, dass der IWF neuerdings f\u00fcr Japan \u2013 und nur f\u00fcr Japan \u2013 die Definition beziehungsweise Abgrenzung der Staatsschulden ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher wurden die japanischen Staatsschulden \u201eunkonsolidiert\u201c erfasst, nun \u201ekonsolidiert\u201c. Das bedeutet, dass der \u00f6ffentliche Sektor (Zentralregierung, Kommunen, Sozialversicherungen) jetzt als eine konsolidierte Einheit betrachtet wird. Schulden, die ein Teil des \u00f6ffentlichen Sektors einem anderen Teil schuldet, werden nun verrechnet. Wenn etwa japanische Sozialversicherungstr\u00e4ger Anleihen der Zentralregierung halten, wird das nicht mehr als Staatsschuld ausgewiesen. Als Schulden des Staates gelten somit nur noch Staatsanleihen, die au\u00dferhalb des \u00f6ffentlichen Sektors gehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichbarkeit verbessert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damit wurde nach Aussage des IWF eine Besonderheit beseitigt und die internationale Vergleichbarkeit der Schuldendaten soll sich durch diese Ma\u00dfnahme verbessern. Da der IWF die neue Definition auch r\u00fcckwirkend anwendet, verschiebt sich die historische Schuldenkurve nach unten. Der bisherige H\u00f6chstwert aus dem Jahr 2020 liegt nun nicht mehr bei 258%, sondern nur noch bei 229%. Auch mit den neuen Werten bleibt aber der beachtliche R\u00fcckgang der Schuldenquote auf heute 204% und ein bis zum Jahr 2030 anhaltender Abw\u00e4rtstrend zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/Japanschuldeniwf-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-43888\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/Japanschuldeniwf-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/Japanschuldeniwf-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/Japanschuldeniwf-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/Japanschuldeniwf-1536x1127.png 1536w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/Japanschuldeniwf-2048x1502.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Leider stecken auch hier keine aktive Haushaltskonsolidierung und kein politisches Geheimrezept hinter den Daten. Vielmehr ist der R\u00fcckgang haupts\u00e4chlich mit dem Anstieg der Inflation in Japan zu erkl\u00e4ren. Die Schuldenquote wird am nominalen Bruttoinlandsprodukt gemessen, das auch aufgrund von Preissteigerungen w\u00e4chst. Mit anderen Worten: Inflation pumpt das nominale BIP und damit den Nenner der Schuldenquote auf, sodass diese sinkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H\u00f6here Zinsbelastung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den vom IWF prognostizierten weiteren R\u00fcckgang der Schuldenquote ist wichtig, dass die Zinskosten unterhalb der Wachstumsrate des nominalen BIPs bleiben. Zwar sind die Zinsen auf japanische Staatsanleihen in den letzten Jahren kr\u00e4ftig gestiegen, doch weil der Zinsanstieg immer nur die neu emittierten Anleihen betrifft, steigt die Zinsbelastung f\u00fcr den Staat erst nach und nach. Langfristig wird die h\u00f6here Zinsbelastung jedoch zum Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur Japan hat von der Inflation profitiert. Die gro\u00dfe Teuerungswelle ab dem Jahr 2021 hat die Schuldenquote vieler L\u00e4nder ein St\u00fcck nach unten gedr\u00fcckt. Politiker haben deshalb durchaus Interesse an einer gewissen Inflation. Sie ist ein Ventil, mit dem phasenweise etwas Druck aus dem Schuldenkessel abgelassen werden kann. Das wissen auch die Zentralbanken, die zwar in erster Linie f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t zust\u00e4ndig sind, aber nat\u00fcrlich auch die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems insgesamt im Blick haben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nur zeitweilige Entlastung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine echte L\u00f6sung ist Inflation gleichwohl nicht, denn sie bringt f\u00fcr verschuldete Staaten nur zeitweilig etwas Entlastung. Zeitverz\u00f6gert steigt nicht nur die Zinslast. Der Staat wird auf der Ausgabenseite selbst von steigenden Preisen belastet. Wenn beispielsweise Staatsbedienstete einen Inflationsausgleich durchsetzen und h\u00f6here Geh\u00e4lter erhalten, f\u00e4llt die Inflation auch dem Staat auf die F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachhaltiger Schuldenabbau gelingt nur mit wachstumsfreundlichen Reformen. Auch wenn der Weg steinig ist, wird ihn die Politik gehen m\u00fcssen. Der IWF mahnt aus gutem Grund eine R\u00fcckkehr zu soliden Staatsfinanzen an. Es geht letztlich auch darum, die Unabh\u00e4ngigkeit der Zentralbanken zu bewahren. Deren Unabh\u00e4ngigkeit kann nicht nur durch politischen Druck unterwandert werden, sondern auch durch zu hohe Staatsschulden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag ist am 12. Mai 2026 in der <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/konjunktur-politik\/das-schuldenwunder-von-japan\">B\u00f6rsenzeitung<\/a> erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Japan hat unter den entwickelten Volkswirtschaften den h\u00f6chsten Schuldenstand. Eine neue Definition des IWF greift Tokio jetzt unter die Arme. 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