{"id":4407,"date":"2010-10-23T00:01:28","date_gmt":"2010-10-22T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4407"},"modified":"2023-08-08T14:58:48","modified_gmt":"2023-08-08T13:58:48","slug":"blogdialoghenkel-ueber-krisen-und-geschaeftsmodelleder-fruehere-bdi-praesident-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4407","title":{"rendered":"<small>BlogDialog<\/small><br\/>Henkel \u00fcber Krisen und Gesch\u00e4ftsmodelle<br\/><small>Der fr\u00fchere BDI-Pr\u00e4sident im Interview<\/small>"},"content":{"rendered":"<p><em>Herr Henkel, welches Datum wird \u2013 unabh\u00e4ngig von der Chronologie \u2013 weiter vorne in den Geschichtsb\u00fcchern stehen: Der 15. September 2008 oder der 20. Oktober 2009?<\/em><\/p>\n<p><strong>Hans-Olaf Henkel:<\/strong> Sie meinen die Pleite von Lehman Brothers und&#8230;<\/p>\n<p><em>\u2026den Tag des Gest\u00e4ndnisses der Griechen, dass das laufende Defizit nicht f\u00fcnf, sondern 12,7 Prozent des BIP betr\u00e4gt. Mittlerweile wurde es sogar auf 13,6 Prozent heraufgesetzt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Ich halte ein anderes Datum f\u00fcr viel entscheidender: Den Tag, an dem der ehemalige franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Jacques Chirac und unser Ex-Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der beschlossen haben, der Europ\u00e4ischen Union die disziplinarischen Ma\u00dfnahmen gegen ein Budgetdefizit in ihren eigenen L\u00e4ndern aus der Hand zu schlagen. So konnten beide die Neuverschuldungsgrenze von drei Prozent brechen, \u00fcbrigens ohne jede Finanz- und Wirtschaftskrise. Das war das erste entscheidende Datum, an dem der Euro aufgeweicht wurde. Das zweite ist die ebenfalls von Chirac und Schr\u00f6der zu verantwortende Aufnahme Griechenlands in die Eurogruppe, wohlgemerkt gegen die Empfehlung der Europ\u00e4ischen Zentralbank. Kurz nach der Jahrtausendwende wurden also die ersten Grundlagen f\u00fcr die jetzige Krise gelegt.<\/p>\n<p><em>Anfang dieses Jahres ist fast keine Woche vergangen, in der Griechenland die Kapitalm\u00e4rkte nicht in Atem gehalten hat. Ab welchem Zeitpunkt war Ihnen der Ernst der Lage bewusst?<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Ich habe mich immer f\u00fcr den Euro eingesetzt, auch gegen die Mehrheit der Mitgliedsunternehmen des BDI (Anm. der Red.: Bundesverband der Deutschen Industrie). Zudem war ich f\u00fcr die Aufnahme Italiens und Spaniens in den Euroraum. Nerv\u00f6s wurde ich mit dem Bruch der Defizitkriterien. Als Griechenland gegen den EZB-Rat hinzukam, wurde ich kribbelig. Und nach dem Rettungspaket f\u00fcr die Griechen war mir klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die Politiker haben eklatant gegen die selbst gesteckten Vorgaben versto\u00dfen.<\/p>\n<p><em>Tats\u00e4chlich ist Griechenland \u00fcberall. Die Schuldenberge sind in Europa in fast jedem Land rapide angestiegen. War es im Nachhinein die richtige Entscheidung, den Euro einzuf\u00fchren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Ich bekenne mich schuldig. Ich war bei der Konzipierung des Euro dabei. Ich habe tats\u00e4chlich geglaubt, dass sich die Politik an die Gesetze und disziplinarischen Ma\u00dfnahmen h\u00e4lt. Heute stelle ich fest, dass ich mich geirrt habe.<\/p>\n<p><em>Sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, zwei unterschiedliche W\u00e4hrungsbl\u00f6cke einzuf\u00fchren. Wie soll das funktionieren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> In Europa gibt es zwei Trennungslinien. Die eine liegt in den unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen begr\u00fcndet, die teilweise auch kulturell bedingt sind: Ein n\u00f6rdliches Europa, das auf Stabilit\u00e4t gro\u00dfen Wert legt. Das Inflation nicht toleriert. Das sich schon immer f\u00fcr Produktivit\u00e4tsfortschritte ausgesprochen hat. Demgegen\u00fcber sehe ich ein s\u00fcdliches Europa. Dort spielt die Bek\u00e4mpfung der Inflation keine gro\u00dfe Rolle. Dort ist man nicht versucht, die Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch Reformen, sondern durch die Abwertung der jeweiligen W\u00e4hrung zu sichern. Der Euro muss sich diesen beiden kulturellen Zonen anpassen und deshalb aufgespaltet werden.<\/p>\n<p><em>Was ist mit der zweiten Trennungslinie?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Es gibt noch eine Grenze zwischen West und Ost. Die osteurop\u00e4ischen Staaten wurden erst vor 20 Jahren unabh\u00e4ngig. Deshalb st\u00f6\u00dft die Weiterentwicklung Europas, die Deutschland und Frankreich anstreben, in L\u00e4ndern wie Tschechien, der Slowakai und Polen auf eine gro\u00dfe Ablehnung. Denn man m\u00f6chte die Freiheit, die man sich von Moskau erk\u00e4mpft hat, nicht alsbald wieder in Br\u00fcssel ablegen. Die Zukunft Europas muss auf diese beiden Trennlinien, die teilweise \u00fcberlappen, R\u00fccksicht nehmen. Um den Euro zu retten, brauchen wir eine weitere W\u00e4hrung. Dann h\u00e4tte man eine Trennung des Euro in einen stabilit\u00e4tsorientierten Norden und einen S\u00fcden, der sich nicht an die Kriterien h\u00e4lt. Ich sehe kein Problem darin, dass es statt 13 dann eben 14 W\u00e4hrungen in Europa gibt.<\/p>\n<p><em>Ein Aufbrechen der Eurozone scheint derzeit politisch aber nicht machbar. Stattdessen wird \u00fcber ein Fr\u00fchwarnsystem diskutiert, getreu dem Motto: Wer bei Gelb \u00fcber die Ampel f\u00e4hrt, wird verwarnt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Das halte ich f\u00fcr eine Volksverdummung. Unsere Politiker haben bereits die alten H\u00fcrden gerissen. Jetzt behaupten die gleichen Personen, dass eine Konsequenz der Krise h\u00f6here H\u00fcrden sind. Wieso sollen sie pl\u00f6tzlich dar\u00fcber springen?<\/p>\n<p><em>F\u00fcr die aufget\u00fcrmten Schuldenberge werden solche Sanktionen ohnehin nicht viel bringen. Wie wird man die Verschuldungsblase in den Griff bekommen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Wenn wir tats\u00e4chlich die beiden W\u00e4hrungsbl\u00f6cke bekommen, gibt es zwei unterschiedliche Vorgehensweisen. Die s\u00fcdlichen L\u00e4nder entschulden sich \u00fcber Inflation. Die n\u00f6rdlichen m\u00fcssen es \u00fcber eine Kombination aus Wachstum und R\u00fcckzahlung der Schulden versuchen. Wenn die verbindlichen Kriterien in Nordeuropa tats\u00e4chlich eingehalten werden, ist zumindest die Inflationsgefahr gebannt.<\/p>\n<p><em>Beim Entschulden sieht sich Deutschland auf einem guten Weg. Die Bundesregierung hat im Sommer das gr\u00f6\u00dfte Sparpaket der Geschichte zusammengeschn\u00fcrt\u2026<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Dieser Titel ist falsch. Man h\u00e4tte es besser Schuldenverhinderungspaket nennen k\u00f6nnen. Denn es wird relativ wenig gespart. Stattdessen werden zus\u00e4tzliche Einnahmen wie die Brennelemente-Steuer erhoben.<\/p>\n<p><em>Der Entschuldungspfad wurde schon durch die Rettungsschirme im Zuge der Finanzkrise verlassen. Ist das Pendant zu Griechenland im R\u00fcckblick auf die Immobilienkrise die US-Bank Bear Stearns? Oder h\u00e4tte man die Griechen stattdessen pleitegehen lassen sollen wie Lehman Brothers am 15. September 2008?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Ein eindeutiges Ja. Das ist doch nichts Neues, wenn man sich die Staatspleiten von Russland und Argentinien vor Augen h\u00e4lt. Dann h\u00e4tten die Investoren, die Griechenland unterst\u00fctzt haben, viel Geld verloren. Schlie\u00dflich haben sie auch zu einem \u00fcberwiegenden Teil gezockt. Frau Merkel und Wolfgang Sch\u00e4uble haben zwar recht, dass es erneut deutsche Banken getroffen h\u00e4tte. Aber die Verluste w\u00e4ren diesmal nicht so gro\u00df gewesen. Vor allem w\u00e4ren auch Frankreich und deren Banken in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Rettungspaket f\u00fcr Griechenland ging vor allem zu Lasten Deutschlands.<\/p>\n<p><em>Wie steht es um die Dominoeffekte eines Griechenland-Bankrotts auf den Rest Europas?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Auch die Pleiten von Russland und Argentinien haben nicht andere angesteckt, sondern die L\u00e4nder dazu gebracht, aufzuwachen und sich zu \u00e4ndern. Das Griechenland-Paket ist urs\u00e4chlich daf\u00fcr, dass wir das n\u00e4chste f\u00fcr ganz Europa schn\u00fcren mussten. Zuerst mussten wir den Griechen helfen \u2013 und pl\u00f6tzlich dem Euro.<\/p>\n<p><em>Der \u00d6ffentlichkeit werden ohnehin andere Schuldige pr\u00e4sentiert. Taugen die Spekulanten tats\u00e4chlich zu den S\u00fcndenb\u00f6cken, zu denen sie gemacht werden?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Die Spekulanten waren ja ausgerechnet die Landesbanker. Ein Josef Ackermann (Anm. der Red.: Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank) hat nur an den Zwischengesch\u00e4ften verdient. Aber seine Bank hatte kaum solche Papiere. Dagegen wollten diese die Landesbanken mit allen Mitteln, auch wenn sie sie meistens nicht verstanden haben.<\/p>\n<p><em>Als weiterer S\u00fcndenbock werden die Rating-Agenturen genannt. Vor einiger Zeit wurde publik, dass ein deutscher Lehman-Kunde die amerikanische Gesellschaft Standard &amp; Poor\u201c\u02dcs auf Schadensersatz verklagen will. Konnten oder wollten die Rating-Agenturen nicht besser bewerten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Schwer zu sagen. Zun\u00e4chst finde ich es gut, dass Rating-Agenturen verklagt werden. Denn diese Agenturen verdienen weniger mit dem \u201eRating\u201c als vielmehr mit dem Beraten von Unternehmen, wie man ein gutes Rating bekommt. Das stellt einen gro\u00dfen Interessenkonflikt dar. Es wird immer behauptet, dass zwischen diesen Bereichen eine chinesische Mauer verl\u00e4uft. Aber die chinesische Mauer ist zwar lang, aber nicht hoch.<\/p>\n<p><em>Um k\u00fcnftige Krisen zu vermeiden, wird derzeit unter anderem \u00fcber eine Finanztransaktionssteuer nachgedacht. Was halten Sie von derlei Instrumenten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Das ist Quatsch. Zun\u00e4chst muss man fragen, ob eine solche Finanztransaktionssteuer die alte Krise verhindert h\u00e4tte. Die Antwort ist eindeutig: Nein. Au\u00dferdem zahlt der Bankkunde diese Steuer und nicht die Bank. Die Mineral\u00f6lsteuer zahlt ja auch nicht Aral oder BP, sondern der Autofahrer.<\/p>\n<p><em>Wie stehen Sie zur Bankenabgabe?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Das ist etwas anderes. Wenn man die Banken dazu zwingt, in einen Fonds einzuzahlen, der sozusagen eine Art Versicherung f\u00fcr zuk\u00fcnftige Bail-Outs ist, halte ich das f\u00fcr richtig. Allerdings vermag ich nicht zu sagen, wie hoch eine solche Abgabe sein m\u00fcsste, um solche Krisen zu verhindern. Sie m\u00fcsste wahrscheinlich h\u00f6her als der Betrag sein, der in den letzten 20 Jahren an Gewinnen eingefahren wurde.<\/p>\n<p><em>Was sind dar\u00fcber hinaus Ihre drei wichtigsten Vorschl\u00e4ge zur k\u00fcnftigen Vermeidung solcher spekulativer Blasen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Erstens w\u00fcrde ich diejenigen, die mit solchen Schrottpapieren handeln, dazu zwingen, einen gewissen Anteil der gehandelten Papiere selbst zu behalten. Wenn die Deutsche Bank das gemacht h\u00e4tte, w\u00e4re sie schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Oder aber sie h\u00e4tte diese Papiere gar nicht erst verkauft. Zweitens m\u00fcssen alle ausgelagerten Bereiche in der Bilanz sichtbar sein. Wenn es dieses Gesetz gegeben h\u00e4tte, w\u00e4ren diese Schrottpapiere nicht \u00fcber geheimnisvolle Zweckgesellschaften bei den staatlich kontrollierten Banken gelandet. Als dritten Punkt w\u00fcrde ich die erforderliche Eigenkapitalausstattung auf mindestens zehn Prozent erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><em>Das h\u00f6rt sich alles vern\u00fcnftig an.<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Das Problem ist nur, wenn man diese drei Regeln auf einmal einf\u00fchrt, wird keine Bank mehr einen Kredit vergeben. Deswegen einigen sich die Regierungen auch zur Zeit nicht. Einzige Alternative dazu w\u00e4re den gordischen Knoten zu zerschlagen, indem man den Bankensektor verstaatlicht und die Kredite nach Basel II und III an den Mittelstand vergibt. Dann w\u00e4re auf einen Schlag auch das Boni-Thema vom Tisch, denn der Staat w\u00fcrde sie nie bezahlen. Ich halte eine Verstaatlichung des Bankensektors als bekennender Marktwirtschaftler nicht f\u00fcr gut, aber es w\u00fcrde in der Realwirtschaft trotzdem weitergehen.<\/p>\n<p><em>Offensichtlich haben wir ein gro\u00dfes Verschuldungs- und Bankenproblem. Im Gegensatz dazu ist unsere Wirtschaft besser durch die Krisen gekommen als etwa die USA mit ihren flexiblen Arbeitsm\u00e4rkten. Woran liegt das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Ich bezweifle, dass wir so gut durch die Krise gekommen sind.<\/p>\n<p><em>Will hei\u00dfen: Die Rechnung kommt erst noch?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Sie ist bereits ausgestellt. Nur seltsamerweise sieht das niemand. Die amerikanische Wirtschaft ist im ersten Quartal 2010 dreimal so schnell wie die deutsche gewachsen. Es steht au\u00dfer Frage, dass die Arbeitslosenzahlen in angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern st\u00e4rker schwanken. Im Trend der letzten 20 Jahre sind sie in Amerika aber geringer als unsere, einschlie\u00dflich der jetzigen Zahlen. Daher w\u00e4re ich \u2013 auch ungeachtet der hohen amerikanischen Staatsverschuldung \u2013 vorsichtig mit der Behauptung, dass wir besser sind. Gerade die angels\u00e4chsischen L\u00e4nder werden, was das Wachstum der Volkswirtschaft betrifft, schneller aus der Krise herauskommen als wir. In der Folge wird auch deren Arbeitslosigkeit relativ schnell abgebaut.<\/p>\n<p><em>Warum soll das nicht auch bei uns passieren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Weil wir den wirtschaftlichen Einbruch mit absurden Ma\u00dfnahmen wie der Abwrackpr\u00e4mie kaschiert haben. Im Inland werden in diesem Jahr 35 Prozent weniger Autos verkauft. Dass die deutsche Automobilindustrie trotzdem relativ gut dasteht liegt nicht an der deutschen Regierung, sondern an deutschen Firmen und vor allem am Ausland, das schneller w\u00e4chst. Auch Bayer ist gut durch die Krise gekommen, aber \u00fcber 80 Prozent seines Umsatzes macht der Konzern im Ausland. Man muss also zwischen deutschen Unternehmen und Deutschland unterscheiden.<\/p>\n<p><em>Beides h\u00e4ngt aber trotzdem irgendwie zusammen. Die deutsche Ingenieurskunst hat sich weltweit durchgesetzt, wovon auch der Titel des Vize-Exportweltmeisters zeugt. Die Exportquote ist mittlerweile auf \u00fcber 40 Prozent angestiegen, jeder vierte Arbeitsplatz h\u00e4ngt von den Ausfuhren ab. Worauf beruht dieser Erfolg?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Das sind St\u00e4rken, die teilweise noch aus der Vergangenheit r\u00fchren. Wir haben hervorragende Ingenieure. Wir haben eine funktionierende gewerbliche Wirtschaft, dessen Mitarbeiter auch durch das duale System sehr gut ausgebildet sind. Das Problem ist, dass der Importanteil an den exportierten Waren st\u00e4ndig steigt und inzwischen 44 Prozent betr\u00e4gt. Da stimme ich Hans-Werner Sinn (Anm. der Red.: Ifo-Chef) mit seiner These der Basar\u00f6konomie absolut zu.<br \/>\n<em><br \/>\nWarum werden unsere Exporterfolge dann von anderen Eurol\u00e4ndern so kritisch be\u00e4ugt. Profitieren diese nicht auch von der Nachfrage deutscher Unternehmen nach Vorleistungen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Wenn die liebe Frau Lagarde (Anm. der Red.: franz\u00f6sische Wirtschafts- und Finanzministerin) mal wieder \u00fcber den deutschen Export\u00fcberschuss schimpft, w\u00fcrde ich ihr sagen, dass wir 44 Prozent der ausgef\u00fchrten Wertsch\u00f6pfung vorher eingef\u00fchrt haben. Es kommen sogar 85 Prozent aller Audi-Motoren aus Ungarn. Das wei\u00df kein deutscher Autofahrer. Wenn ein solches Auto etwa nach Frankreich exportiert wird, dann steht sein voller Wert in der Exportstatistik. Niemand zieht den Wert des Motors, den wir aus Gy\u00f6r eingef\u00fchrt haben, ab. Unsere Export-Vizeweltmeisterschaft wird also immer hohler. Das gleiche ist auch Japan vor ein paar Jahrzehnten passiert. Ein weiterer Punkt ist, dass in der Handelsbilanz nur solche Waren stehen, die man auch anfassen und sehen kann, etwa Autos, Motoren, Spielzeuge, aber keine Software und auch keine industriellen Dienstleistungen.<\/p>\n<p><em>Und da sind wir nicht gut?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Solange ich bei der IBM Deutschland war, ist die Software-Sparte in Deutschland immer extrem defizit\u00e4r gewesen. Sie ist es bis heute geblieben. Wir importieren viel mehr, als wir exportieren. Das Einzige, was wir haben, ist die Software AG und SAP. Ansonsten importieren wir unsere Software und Hardware. Wenn man das hinzunimmt, kommt man zur Leistungsbilanz. Das ist der Ma\u00dfstab \u2013 und da ist der \u00dcberschuss nicht hoch, er war auch schon mal defizit\u00e4r. Man macht die Performance eines Landes also besser an der Leistungsbilanz fest. Im \u00dcbrigen sollte man bei diesen \u00dcberlegungen auch den Tourismus nicht vergessen. Wir sind die zweitgr\u00f6\u00dfte Reisenation der Welt. Alles das, was die B\u00fcrger in Frankreich ausgeben, muss die Automobilindustrie etwa durch Export verdienen.<\/p>\n<p><em>Also ist mit unserem Gesch\u00e4ftsmodell alles in Butter, wenn man von den steuerlichen Verg\u00fcnstigungen absieht.<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Nicht alles. Dieser, entgegen des globalen Trends, nicht schrumpfende Anteil des produzierenden Gewerbes kann zu einem Ungleichgewicht f\u00fchren. Denn irgendwann werden die Kunden diese Produkte m\u00f6glicherweise nicht mehr so nachfragen, weil die M\u00e4rkte ges\u00e4ttigt sind. Aber die L\u00f6sung liegt nicht darin, diesen Anteil schrumpfen zu lassen, sondern zwei Bereiche unserer Volkswirtschaft auszubauen, die unterentwickelt sind.<br \/>\n<em><br \/>\nWas genau meinen Sie?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> Der eine Teil ist die gewaltige Schwarzarbeit. Sie betr\u00e4gt inzwischen 17 Prozent des BIP. Dieser Anteil fehlt komplett in der Statistik. Darin ist \u00fcberwiegend einfache Arbeit enthalten. Die Entwicklung eines offiziell gr\u00f6\u00dferen Niedriglohnsektors wird bei uns in Deutschland aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden blockiert. Der zweite Bereich sind die IuK-Technologien. Da m\u00fcssen wir deutlich zulegen. Sogar die Franzosen sind hier besser.<\/p>\n<p><em>Woran liegt das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Henkel:<\/strong> An der fehlenden Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Weil wir zu teuer sind, wurden die Callcenter umgesiedelt, die Softwareentwicklung folgt zunehmend. Bei SAP wird es demn\u00e4chst genauso laufen wie mit Bayer. Sie sitzen zwar immer noch in Walldorf. Aber viele Bereiche werden ins Ausland ausgelagert und fallen in Deutschland weg. Also m\u00fcssen wir diese Bereiche st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <strong>J\u00f6rg Rieger<\/strong>.<\/p>\n<p>Eine Langfassung des Interviews finden Sie in der aktuellen Ausgabe der <a href=\"http:\/\/vahlen.becksche.de\/zneu\/vahlen\/zeitschriften.asp?SessionKey=&amp;zeitschrift=WiSt&amp;ebene=4&amp;jahr_ausgewaehlt=2010\" target=\"blank\" rel=\"noopener\">WiSt (10\/2010)<\/a>.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/627e6baf9d4c4f33aa74f4e0926b388d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Henkel, welches Datum wird \u2013 unabh\u00e4ngig von der Chronologie \u2013 weiter vorne in den Geschichtsb\u00fcchern stehen: Der 15. September 2008 oder der 20. 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