{"id":44265,"date":"2026-06-26T06:05:23","date_gmt":"2026-06-26T05:05:23","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44265"},"modified":"2026-06-26T06:53:29","modified_gmt":"2026-06-26T05:53:29","slug":"krise-welche-krise-wie-uns-uneinloesbare-versprechen-in-die-falle-der-populisten-lockten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44265","title":{"rendered":"Krise? Welche Krise? <br><b>Wie uns uneinl\u00f6sbare Versprechen in die Falle der Populisten lockten <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Generationenvertr\u00e4ge gibt es in der Renten- und Pflegeversicherung, aber auch in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Aus individueller Sicht werden Einzahlungen in diese Systeme als legitim erworbene Leistungsversprechen f\u00fcr Alter, Krankheit oder Pflegebed\u00fcrftigkeit wahrgenommen. Zugleich muss der Staat diese Leistungsversprechen aber genau in dem Ma\u00dfe brechen, in dem die Bev\u00f6lkerung schrumpft. Dieser Widerspruch ruft milde und aggressive Populisten auf den Plan. Beide leugnen den unvermeidlichen Finanzierungskollaps, auf den ein solches System bei schrumpfender Bev\u00f6lkerung zul\u00e4uft. Milde Populisten tun dies, um das System noch eine Weile ohne Reform aufrechterhalten zu k\u00f6nnen. Aggressive Populisten deuten Reformbestrebungen gar als Teil einer Elitenverschw\u00f6rung um, deren alleiniges Ziel es ist, erworbene Leistungsanspr\u00fcche vom \u201ewahren\u201c Volk weg und in die Taschen der Verschw\u00f6rer zu lenken. Unerf\u00fcllbare staatliche Leistungsversprechen erweisen sich so als gefundenes Fressen f\u00fcr alle Populisten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Wo ist das Problem?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen ist wohl bis in die letzte diskursive Ecke der Republik vorgedrungen, dass rund ein Viertel des Bundeshaushalts allein f\u00fcr Zusch\u00fcsse zur Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) verwendet wird. Weniger bekannt ist vermutlich, dass das schon ziemlich lange so ist. So betrug im Jahre 2011 der Anteil der Zusch\u00fcsse zur GRV an den Ausgaben des Bundes 25,4 Prozent. F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter lag er mit 23,9 Prozent sogar etwas darunter. Nicht anders sieht es beim Anteil aller sozialen Sicherungsausgaben \u2013 inklusive der Zusch\u00fcsse zur GRV \u2013 an den Ausgaben des Bundes aus. Sie lagen Anfang der 2010er Jahre bei 50 Prozent und zuletzt mit knapp 47 Prozent ebenfalls leicht darunter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wie ist es mit den staatlichen Investitionen? Bleibt f\u00fcr sie nicht immer weniger Geld \u00fcbrig? Auch nicht, mindestens nicht f\u00fcr die Bruttoinvestitionen des Bundes. Die lagen vor gut 15 Jahren bei 5,5 Prozent der Ausgaben des Bundes, und zuletzt lagen sie bei knapp sieben Prozent. Damit lagen sie zwar sehr niedrig, und das ganze Ausma\u00df davon wird erst klar, wenn man die Nettoinvestitionen betrachtet, die kaum verschieden von null waren. Nur war das schon lange so, und deshalb verrottete die staatliche Infrastruktur auch schon lange. Verschlimmert hatte sich das in der j\u00fcngeren Zeit nicht. Im Gegenteil: Mit dem 500-Mrd. Paket von 2025 steigen die Investitionen erstmals sogar wieder an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also: Alles viel Geschrei um nichts? Genau so stellte es bis zu seiner Abl\u00f6sung im Fr\u00fchjahr 2025 noch der seinerzeitige Arbeitsminister Hubertus Heil dar, und dabei hatte er sicher diese und \u00e4hnlich Zahlen vor Augen. Der Finanzierungskollaps der sozialen Sicherungssysteme \u2013 allen voran Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung \u2013 werde immer wieder an die Wand gemalt, lie\u00df er uns wissen, aber passiert sei er bisher nicht. Ruft man sich jetzt noch die milliardenschweren Ausgaben des Rentensystems in Erinnerung, die vor allem durch die Rente mit 63 und die M\u00fctterrente I das Rentensystem bis heute schon zus\u00e4tzlich belastet haben, dann kann man geradezu beeindruckt sein, dass die Finanzierung bis vor Kurzem so stabil blieb. Hatte Heil also Recht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das zu sehen, hilft ein Blick auf die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen. Die lag 2011 bei rund 41 Mio. und ist bis 2025 recht kontinuierlich auf 46 Mio. angestiegen. Das sind f\u00fcnf Millionen zus\u00e4tzliche Steuer- und Sozialabgabenzahler \u2013 nicht zuletzt ein Produkt der verschm\u00e4hten Hartz-Reformen. Wenngleich nicht jede Stelle ein voll sozialversicherungspflichtiges Vollzeit\u00e4quivalent war, verblieb hier doch eine Menge Potential, und das hat die sozialen Sicherungssysteme trotz zus\u00e4tzlicher Lasten einigerma\u00dfen im Gleichgewicht gehalten. Und Heil hatte durchaus Recht mit seiner Aussage, dass dieser Besch\u00e4ftigungsaufbau von so gut wie niemandem vorhergesagt worden war, dann aber doch stattgefunden und die sozialen Sicherheitssysteme stabilisiert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unrecht hat er dann aber trotzdem mit seiner zumindest impliziten Annahme, dass diese Besch\u00e4ftigungsparty so weitergehen wird. Vielmehr sehen wir, dass sie jetzt schon vorbei ist, und das liegt nicht allein an der kurzfristigen konjunkturellen Lage. Vielmehr ist die Verrentung der Babyboomer gerade dabei, ihre ganze Wucht zu entfalten. Hinzu kommt, dass die Zuwanderung von Arbeitskr\u00e4ften zur\u00fcckgeht. Zuletzt migrierten zum Beispiel mehr polnische Arbeitskr\u00e4fte zur\u00fcck nach Polen, als von dort nach Deutschland kamen. Das wird sich verst\u00e4rken, denn Polen holt mit seinem Einkommensniveau rasant zum deutschen auf, d\u00fcrfte zumindest das ostdeutsche Niveau bereits innerhalb der kommenden zehn Jahre erreicht haben und sich von da an z\u00fcgig das westdeutsche Niveau vorkn\u00f6pfen. Nicht anders sieht es in den meisten anderen mittel- und osteurop\u00e4ischen Nachbarstaaten aus. Was will man da nach Deutschland auswandern?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2. Ende der Party<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles das, was wir also in den vergangenen 15 Jahren an Besch\u00e4ftigungsaufbau gesehen haben, wird nach realistischer Einsch\u00e4tzung schon in wenigen Jahren wieder aufgezehrt sein. Bereits 2030 d\u00fcrfte die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen unter die Grenze von 40 Mio. fallen. Zugleich wird die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger rasant steigen, nicht zuletzt auch wegen der gestiegenen Lebenserwartung. Gegen diesen Trend k\u00f6nnen wir wenig tun, und so kommt gleich ein weiteres Bild ins Ged\u00e4chtnis, das inzwischen in jeder Ecke der Republik bekannt ist: das Bild von dem Menschen, der vom Dach eines Achtzig-Stockwerke-Hauses f\u00e4llt und beim Passieren des vierzigsten Stockwerks voller Optimismus ruft: Bisher ist alles gutgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So k\u00f6nnte es sein, aber damit das f\u00fcr immer so weitergehen kann, m\u00fcsste er von einem unendlich hohen Haus gefallen sein, worauf wir noch zur\u00fcckkommen. Denn mit genau dieser Annahme verspricht der Staat jede Leistung, die er einer Generation zusagt und \u00fcber Beitr\u00e4ge der Folgegeneration finanziert. Stellen wir uns hierzu kurz vor, in einem Land, das bisher keinerlei staatliche Altersvorsorge hatte, w\u00fcrde eine Rentenversicherung eingef\u00fchrt. Die erste Generation, die davon profitiert, ist bei Einf\u00fchrung bereits im Rentenalter. Sie bekommt diese Leistung geschenkt, denn sie hatte schlie\u00dflich nie Beitr\u00e4ge eingezahlt. Muss die Folgegeneration, die die Rente der ersten Generation mit ihren Beitr\u00e4gen finanziert, also daf\u00fcr bluten? Mit Nichten, denn im Gegenzug f\u00fcr ihre Beitr\u00e4ge wird diese Generation in ihrer eigenen Ruhestandsphase auch eine Rente bekommen, die sie demnach im Prinzip nur vorgestreckt hat. Wir finden also: Die erste Rentnergeneration wird beschenkt, aber keine der Folgegenerationen wird damit belastet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zauberei? Solange alle Generationen in einer unendlich langen Generationenfolge gleich gro\u00df bleiben, ist das keine Zauberei, obwohl die Logik schwer nachvollziehbar ist.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Nehmen wir aber mal das andere Extrem: Eine der Folgegenerationen h\u00e4tte \u00fcberhaupt keine Nachkommen. Dann ist, um im Hochhausbeispiel zu bleiben, das Erdgeschoss erreicht, und die letzte Generation schl\u00e4gt unsanft am Boden auf. Denn spiegelbildlich zur ersten Generation, die nichts eingezahlt, aber doch Rente erhalten hat, zahlt diese Generation ein, ohne je eine Rente zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz so schlimm wird es nicht kommen, denn die Generationen werden im Verlaufe der Zeit ja \u201enur\u201c immer kleiner. Aber das Prinzip bleibt erhalten: Bei schrumpfender Bev\u00f6lkerung gibt der Staat mit jeder Einf\u00fchrung generationen\u00fcbergreifender sozialer Leistungen ein Versprechen ab, das er gar nicht halten kann. Dennoch hat er solche Versprechungen bis in die allerj\u00fcngste Zeit abgegeben, als er n\u00e4mlich im Rentenpaket 2025 die M\u00fctterrente II sowie die Haltelinie einf\u00fchrte. Wie gesehen, wird er diese Versprechen auf Dauer nicht halten k\u00f6nnen. Aber ein paar Jahre kann er noch so tun, als ob er das k\u00f6nnte, ganz so, wie der arme Mensch, der gerade das vierzigste Stockwerk passiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil er die demographischen Trends aber nicht aufhalten kann, muss der Staat genau andersherum handeln, wenn er \u2013 wiederum im Hochhausbild \u2013 ein Aufschlagen am Boden verhindern oder zumindest mildern will: Jede Generation muss im Durchschnitt l\u00e4nger arbeiten, jede Generation muss mehr Stunden pro Jahr arbeiten, und jede Generation muss sich im Rentenalter \u2013 auch hier wieder im Durchschnitt \u2013 mit weniger Einkommen begn\u00fcgen. Andere Optionen gibt es nicht, und das ist der Grund, warum der Bundeskanzler bei seinem Besuch des DGB im Mai 2026 zurecht angemerkt hatte, dass es sich beim Reformbedarf schlicht um eine Frage der Mathematik handele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Einsicht wird er auch schon vor seiner Amts\u00fcbernahme gehabt haben. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, sich auf das Rentenpaket 2025 einzulassen und noch dazu ein gr\u00f6\u00dferes Netto vom Brutto in absehbarer Zeit in Aussicht zu stellen \u2013 beides Versprechen, die der Staat gar nicht einhalten kann, wie wir gesehen haben. Ist das Populismus? Wie immer kommt es darauf an, was man darunter versteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3. Milder und aggressiver Populismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine fr\u00fche von \u00d6konomen benutzte Definition des Begriffs \u201ePopulismus\u201c stammt von dem chilenischen \u00d6konomen Sebasti\u00e1n Edwards und dem deutschst\u00e4mmigen US-\u00d6konomen R\u00fcdiger Dornbusch (aus Krefeld). Im Jahre 1990 schrieben sie: Populismus ist \u201eein \u00f6konomischer Ansatz, der [defizitfinanziertes, TA] Wachstum und Umverteilung herausstellt und dabei das Risiko von Inflation und Defizitfinanzierung, externen Restriktionen sowie die Reaktion von Wirtschaftsteilnehmern auf aggressive Nichtmarkt-Politik in den Hintergrund dr\u00e4ngt.\u201c (Dornbusch\/Edwards 1990, S. 247; meine \u00dcbersetzung, TA).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Definition weicht erheblich von den j\u00fcngeren Definitionen ab, die vor dem Hintergrund des politisch aggressiven Populismus an den politischen R\u00e4ndern entwickelt wurden. Aber sie betont etwas, das f\u00fcr unsere Zwecke von Bedeutung ist: Populisten geben der Bev\u00f6lkerung Versprechen, die sie nur \u00fcbergangsweise halten k\u00f6nnen und die von der Bev\u00f6lkerung sp\u00e4ter teuer bezahlt werden muss. Demnach ist ein Populist ein Einfl\u00fcsterer, der dem vom Hochhaus st\u00fcrzenden Menschen beim Passieren des vierzigsten Stockwerks versichert, dass alles so bleiben wird wie bisher und dass es deshalb keinen Grund gibt, den Rettungsfallschirm zu ziehen, der ihn schlie\u00dflich allzu unsanft abbremsen w\u00fcrde. So gesehen, sind alle Politiker Populisten, wenn sie darauf hinweisen, dass bisher alles gut gegangen ist und damit zumindest nahelegen, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird; erst recht sind es jene, die auch noch zus\u00e4tzliche Leistungen versprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man das so definiert, gibt es im Politikbetrieb allerdings fast nur Populisten. Wenn man hinzunimmt, dass Populisten meist als moralisch verkommen gelten, folgt daraus die Frage: Sind alle Politiker moralisch verkommen? Bei aller Kritik, das sind sie nicht. Aber sie alle stehen in Konkurrenz zu solchen, die es doch sind. Hinzu kommt: Neben der beschriebenen milden Variante gibt es eine zunehmend aggressive Variante des Populismus. Die geht einen gro\u00dfen Schritt weiter und behauptet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es kann alles bleiben, wie es immer war, und wir k\u00f6nnen sogar noch weitere Leistungen hinzuf\u00fcgen. Diejenigen, die uns \u2013 dem \u201ewahren\u201c Volk \u2013 erz\u00e4hlen, dass dieses Versprechen nicht einzuhalten sei, tun das, weil sie ein Interesse daran haben. Sie wollen uns nehmen, was uns zusteht, sie haben sich zu diesem Zwecke gegen uns verschworen, und sie wollen Beute bei uns machen, die sie (wahlweise): (1) in die Taschen der Migranten oder (2) in die Taschen der \u201eReichen\u201c lenken (je nach Hintergrund steht anderswo noch mehr zur Auswahl: die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c, die \u201eSchwarzen\u201c, die \u201eFrauen\u201c und wer nicht noch alles).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz so verspricht die Partei Die Linke nicht allein die Einhaltung der Haltelinie von 48 Prozent des Bruttorentenniveaus eines \u201eStandardrentners\u201c (45 Beitragsjahre bei durchschnittlichem Einkommen) bis 2031, sondern sogar eine dauerhafte Anhebung auf 53 Prozent. Das Bundestagswahlprogramm der AfD verspricht gar eine Anhebung von derzeit 48 auf \u201elangfristig\u201c 70 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagegen konkurrieren inzwischen so ziemlich alle anderen Politiker. Selbst schuld, k\u00f6nnte man sagen. Denn wenn sie mit den demographieanf\u00e4lligen Zahlungsversprechen nie angefangen h\u00e4tten, dann k\u00f6nnten die aggressiven Populisten auch nicht daran ankn\u00fcpfen. Wer nie ein Versprechen abgegeben hat, dem kann man auch nicht vorwerfen, es gebrochen zu haben. Aber wenn wir die demographieanf\u00e4lligen Zahlungsversprechen bis zu ihren Anf\u00e4ngen zur\u00fcckverfolgen wollen, dann landen wir (mindestens) in der Fr\u00fchzeit der Bundesrepublik Deutschland, als n\u00e4mlich im Jahre 1957 die dynamische Rente eingef\u00fchrt wurde und Bundeskanzler Adenauer die Bedenken seines Rivalen und Wirtschaftsministers Ludwig Erhard mit dem ber\u00fchmten Satz beiseite wischte: \u201eKinder kriegen die Leute immer\u201c. Auch wenn Adenauer gewiss kein Kind von Traurigkeit war, was populistische Spr\u00fcche anging, so darf man ihm abnehmen, dass er damals, Mitten in der Babyboomer-Zeit, daran geglaubt hatte. So gesehen, hat er sein Versprechen nach bestem Wissen und Gewissen abgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die Bev\u00f6lkerung in den Industrienationen ausgerechnet mit zunehmendem Wohlstand schrumpfen w\u00fcrde, war nichts, was er damals schon h\u00e4tte wissen m\u00fcssen. Und nat\u00fcrlich stehen wir mit dem ganzen Schlamassel nicht allein da, der daraus folgte. Fast alle Industriel\u00e4nder haben im Prinzip den gleichen Schlamassel angerichtet, nur dass wir das mit unserer legend\u00e4ren deutschen Gr\u00fcndlichkeit eben auch besonders gr\u00fcndlich getan haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer besteht der Schlamassel aus Zahlungsversprechen, die der Staat im Laufe der Zeit abgegeben und mit der Einf\u00fchrung in der ersten Generation zun\u00e4chst unmittelbar eingel\u00f6st hat. Genau genommen, sind es ja Zahlungsverpflichtungen. Denn schon die zweite Generation muss zun\u00e4chst ein ganzes Berufsleben Beitr\u00e4ge in die Rentenversicherung leisten, und zwar stets mit der Versicherung, dass ihr genau daraus ein Zahlungsanspruch f\u00fcr die Zeit des Ruhestands zusteht. Das gleiche gilt f\u00fcr die Kranken- und Pflegeversicherung. Mit der Zeit aber zeichnet sich immer deutlicher ab, dass der Staat diesen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann, zumindest nicht in der zun\u00e4chst zugesicherten H\u00f6he. Um im drastischen Hochhausbild zu bleiben: Irgendwann wird sichtbar, dass der Fall vom Hochhaus mit dem Aufprall am Boden enden wird \u2013 und dann schl\u00e4gt die Stunde der aggressiven Populisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn sobald es dann noch jemand wagt, die Wahrheit zu formulieren, dass n\u00e4mlich der harte Aufprall kommen wird und nur \u00fcber Mehrarbeit, l\u00e4ngere Lebensarbeit und geringeres Alterseinkommen abzufedern sein wird, erkl\u00e4ren sie, dass der vom Hochhausdach fallende Mensch nur eine niedertr\u00e4chtige Metapher jener sei, die es auf den Wohlstand des \u201ewahren\u201c Volkes abgesehen haben \u2013 und sie erkl\u00e4ren, dass uns (wahlweise) die \u201eetablierten Kartellparteien\u201c, die \u201eReichen\u201c oder neuerdings gar die \u201eFaschisten\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> nur l\u00e4nger arbeiten und bescheidener Leben lassen wollen, um (wahlweise) \u201eReiche\u201c, \u201eMigranten\u201c oder auch \u201eKopftuchm\u00e4dchen und Nichtsnutzen\u201c (Alice Weidel) mit den Fr\u00fcchten unserer Arbeit vollzustopfen zu k\u00f6nnen, die man uns zu rauben beabsichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer solchen Konkurrenzsituationen fragen sich W\u00e4hler, wer hier eigentlich ihre Interessen vertritt und wer nicht. Wer will es ihnen verdenken, denn ihr Leben lang wurden sie dazu ermuntert, im Vertrauen auf eine sichere Rente, Pflege und Gesundheitsvorsorge ohne Murren ihre Beitr\u00e4ge zu zahlen? Wen soll es da wundern, wenn gerade jene, die im Berufsleben von Lohnarbeit und im Ruhestand auf gesetzliche Altersrente, Gesundheitsversorgung und Pflege angewiesen sind, sich nun ausgerechnet von den Sozialdemokraten verraten f\u00fchlen und in Scharen zur AfD \u00fcberlaufen? Wer will es den jungen Leuten verdenken, wenn sie zu den Linken und inzwischen auch zur AfD \u00fcberlaufen, wo ihnen klar vor Augen steht, dass sie weiterhin \u2013 noch dazu steigende \u2013 Beitr\u00e4ge zahlen, sich um ihre eigene Rente aber zus\u00e4tzlich und privat werden k\u00fcmmern m\u00fcssen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass solche Parteien sie alle nur noch ein wenig l\u00e4nger hinhalten und dann umso heftiger auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen lassen werden, muss man erst einmal jemandem erkl\u00e4ren, dem man selbst \u00fcber Jahrzehnte dieselbe Geschichte, nur in der milderen Form erz\u00e4hlt hatte \u2013 gewisserma\u00dfen w\u00e4hrend des Flugs bis zum vierzigsten Stockwerk, bevor die aggressiven Populisten das Ruder \u00fcbernahmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>4. Wer traut sich, die Rei\u00dfleine zu ziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uneinl\u00f6sbare Versprechen, die der Staat \u00fcber Generationenvertr\u00e4ge bei schrumpfender Bev\u00f6lkerung gemacht hat, d\u00fcrften demnach einen gro\u00dfen Anteil zur Erkl\u00e4rung des zeitgen\u00f6ssischen aggressiven Populismus beitragen. Da hilft es nichts, wenn jene Politiker, die diese Versprechungen abgegeben hatten, selbst an deren unbegrenzte Finanzierbarkeit glaubten und insofern gar nicht b\u00f6sartig handelten. Was kann man ihnen also raten? Weiter machen mit mildem Populismus, um aggressiven Populismus zu verhindern? Das war die bisherige Strategie, und es scheint nach wie vor die Strategie zumindest der Sozialdemokraten zu sein. Aber es ist eine Strategie, die bisher schon in keiner Hinsicht erfolgreich war. Also doch besser dies: Den Leuten erkl\u00e4ren, dass die Populisten unaufrichtig sind und dass es die Wahrheit ist, dass wir, wenn wir den harten Aufschlag vermeiden wollen, mehr und l\u00e4nger arbeiten m\u00fcssen, um zur Belohnung im Ruhestand den G\u00fcrtel enger zu schnallen? Das ist die Wahrheit. Aber wer will damit eine Wahl gewinnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also versucht man es mit einer dritten Variante: Demnach m\u00fcssen wir kurzfristig schmerzhafte Reformen ertragen, damit es uns langfristig umso besser geht. Leider ist aber auch dieses Bild zumindest irref\u00fchrend. Denn, egal, ob es um Klimaschutz oder Nachhaltigkeit der Sozialsysteme geht, hilft immer nur diese eine Einsicht: Wir haben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse gelebt, und nur um noch gr\u00f6\u00dferen Schaden zu vermeiden, m\u00fcssen wir sp\u00e4testens jetzt belastende Reformen auf uns nehmen. Mehr noch: Au\u00dfer der Verh\u00fctung gr\u00f6\u00dferen Schadens, der erst kommt, wenn wir \u2013 um ein letztes Mal das Hochhausbild zu bem\u00fchen \u2013 am Boden aufschlagen, bekommen wir f\u00fcr diese Reformen nichts. So unattraktiv das auch klingt, so wenig gibt es eine Alternative dazu: Wir werden geduldig erkl\u00e4ren m\u00fcssen, wie sich die Dinge verhalten. Und vielleicht hilft der Hinweis darauf, dass wir bei allem noch immer auf h\u00f6chstem Niveau klagen. Nie ging es einer Generation so gut, und so grunds\u00e4tzlich muss sich das auch wieder nicht \u00e4ndern. Der Ruck eines sich \u00f6ffnenden Fallschirms kann gewiss unangenehm sein. Den Fallschirm deshalb aber nicht zu \u00f6ffnen, ist irgendwie auch keine \u00fcberzeugende Strategie. Das aktuell anstehende Rentenpaket gibt immerhin Anlass zur Hoffnung, dass sich diese Einsicht noch rechtzeitig durchsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dornbusch, R\u00fcdiger; Sebasti\u00e1n Edwards <\/em>(1990), Macroeconomic populism, <em>Journal of Development Economics<\/em> <em>32<\/em>, S. 247-277.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Logik entspricht exakt dem vom Mathematiker David Hilbert entworfenen Bild eines unendlich gro\u00dfen Hotels, das voll belegt ist. Ein zus\u00e4tzlicher Gast braucht aber dringend ein Zimmer und schl\u00e4gt vor, den Gast von Zimmer 1 auf Zimmer 2 zu verlegen, jenen von Zimmer 2 auf Zimmer 3 und so weiter. Auf diese Weise wird Zimmer 1 frei, ohne dass ein anderer Gast sein Zimmer verliert. Dieses Beispiel des \u201eHilbert-Hotels\u201c funktioniert tats\u00e4chlich, aber nur, wenn das Hotel unendlich gro\u00df ist. Wenn es nur 1,2,\u2026,N Zimmer gibt und N eine beliebige, aber endlich gro\u00dfe Zahl ist, wird der Gast auf Zimmer N sonst sein Zimmer verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hat dieser neue Ko-Vorsitzende der Linken irgendeinen Begriff davon, in welchem Ma\u00dfe er mit seiner peinlich zu Markte getragenen Ahnungslosigkeit historische und zeitgen\u00f6ssische Faschisten verharmlost und damit alle jene diskreditiert, die mit aufrichtiger Sorge dem Prinzip \u201eWehret den Anf\u00e4ngen\u201c folgen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Apolte (WWU, 2024): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=36609\">Populismus und Verschw\u00f6rungstheorien<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Apolte (WWU, 2021): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28774\">\u00d6ffnungspopulismus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Norbert Berthold (JMU, 2019): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25650\">Schuldenbremsen sind Populismusbremsen. \u201eNeue\u201c Schuldenpolitik ist Wasser auf die M\u00fchlen der Populisten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Norbert Berthold (JMU, 2019): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25541\">Vetternwirtschaft und Populismus. Ein \u00dcbel kommt selten allein<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Norbert Berthold (JMU, 2017): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20332\">Strukturwandel, Migration und Kultur. Was erkl\u00e4rt linken und rechten Populismus?<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Generationenvertr\u00e4ge gibt es in der Renten- und Pflegeversicherung, aber auch in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Aus individueller Sicht werden Einzahlungen in diese Systeme als legitim erworbene Leistungsversprechen f\u00fcr Alter, Krankheit oder Pflegebed\u00fcrftigkeit wahrgenommen. Zugleich muss der Staat diese Leistungsversprechen aber genau in dem Ma\u00dfe brechen, in dem die Bev\u00f6lkerung schrumpft. 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