{"id":44495,"date":"2026-07-23T05:39:36","date_gmt":"2026-07-23T04:39:36","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44495"},"modified":"2026-07-23T05:39:37","modified_gmt":"2026-07-23T04:39:37","slug":"ueber-das-mitleid-mit-den-schoenen-und-den-haesslichen-geschoepfen-der-natur-eine-ordnungspolitische-betrachtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44495","title":{"rendered":"\u00dcber das Mitleid mit den sch\u00f6nen und den h\u00e4\u00dflichen Gesch\u00f6pfen der Natur <br><b>Eine ordnungspolitische Betrachtung <\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Natur bevorzugt keine Sch\u00f6nheit \u2013 doch der Mensch schon. Diese Verzerrung lenkt Schutz, Geld und Aufmerksamkeit auf s\u00fc\u00dfe Arten, w\u00e4hrend \u00f6kologisch zentrale, aber \u201eh\u00e4\u00dfliche\u201c Tiere systematisch \u00fcbersehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine sonderbare, und, je l\u00e4nger man sie betrachtet, desto unerquicklichere Erscheinung des menschlichen Gem\u00fcts, da\u00df es nicht sowohl das Elend selbst ist, welches sein Mitleid erregt, als vielmehr die Gestalt, in welcher ihm dieses Elend entgegentritt. Denn dieselbe Natur, welche mit verschwenderischer Hand das Leben \u00fcber die Erde ausgebreitet hat, hat zugleich eine Mannigfaltigkeit der Formen hervorgebracht, deren einige das Wohlgefallen des Menschen gewinnen, indes andere, ohne da\u00df ihnen darum ein geringerer Anteil an der Ordnung der Sch\u00f6pfung zuk\u00e4me, ihm unerquicklich bis zum Widerwillen erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man bemerkt also, da\u00df die \u00f6ffentliche Anteilnahme sich mit Vorliebe jenen Gesch\u00f6pfen zuwendet, deren Blick Sanftmut verhei\u00dft, deren Leib gef\u00e4llig erscheint oder deren Verhalten sich leicht vermenschlichen l\u00e4\u00dft. Solche Tiere werden zu Sinnbildern ganzer Naturschutzbewegungen erhoben; ihre Bilder schm\u00fccken Plakate, Spendenaufrufe und Lehrb\u00fccher, und nicht selten scheint es, als ruhe auf ihrem Dasein allein das Schicksal der Natur. Andere Wesen hingegen \u2013 Kr\u00f6ten, Flederm\u00e4use, Geier, Insekten wie etwa die Tsetse-Fliege oder die zahllosen unscheinbaren Bewohner der W\u00e4lder und Gew\u00e4sser \u2013 verbleiben im Schatten der allgemeinen Aufmerksamkeit, obgleich gerade sie oftmals die stillen Tr\u00e4ger jenes empfindlichen Gleichgewichts sind, ohne welches das Leben in seiner Gesamtheit nicht bestehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurzum: Daraus entspringt jene eigent\u00fcmliche Verkehrung des Urteils, kraft deren ein Tier, das man s\u00fc\u00df nennt, auf zahllose Verteidiger rechnen darf, w\u00e4hrend ein anderes, dessen Antlitz weder Anmut noch Lieblichkeit verr\u00e4t, seinem Schicksal nahezu lautlos \u00fcberlassen bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Erscheinung ist indessen nicht blo\u00df eine Eigent\u00fcmlichkeit der menschlichen Empfindung, sondern sie gewinnt, sobald sie auf das \u00f6ffentliche Handeln \u00fcbergreift, eine ordnungspolitische Bedeutung von erheblichem Gewicht. Denn wo die Einrichtung des Gemeinwesens den Schutz der Natur gew\u00e4hrleisten soll, darf sie sich nicht durch Neigungen bestimmen lassen, die ebenso wandelbar sind wie die Einbildungskraft dessen, der sie hegt. Das Recht einer Tierart auf ihren Fortbestand kann unm\u00f6glich davon abh\u00e4ngen, ob ihre Z\u00fcge den Menschen anr\u00fchren oder ob ihre Erscheinung ihn mit Mi\u00dffallen erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier offenbart sich der eigentliche Gegenstand ordnungspolitischer Erw\u00e4gung. Denn die Ordnung eines Gemeinwesens besteht gerade darin, da\u00df sie das Besondere dem Allgemeinen unterordnet und nicht gestattet, da\u00df augenblickliche Neigungen an die Stelle vern\u00fcnftiger Ma\u00dfst\u00e4be treten. Wenn aber finanzielle Mittel, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Unterst\u00fctzung danach verteilt werden, welche Tierarten das Gem\u00fct des Menschen erfreuen, so ist die Ordnung bereits verlassen und dem Zufall der Empfindung \u00fcberantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es verh\u00e4lt sich hierbei \u00e4hnlich wie auf jedem anderen Gebiet, auf welchem das Gemeinwohl mit den Einzelinteressen in Streit ger\u00e4t. Der Mensch spendet lieber f\u00fcr das Sichtbare als f\u00fcr das Unsichtbare, lieber f\u00fcr das R\u00fchrende als f\u00fcr das Notwendige. Allein die Natur kennt solche Unterscheidungen nicht. Sie mi\u00dft weder Sch\u00f6nheit noch H\u00e4\u00dflichkeit, sondern allein Funktion. Das Tier, welches der Mensch mit Ekel betrachtet, mag der W\u00e4chter eines ganzen Lebensraumes sein; jenes hingegen, das allgemeine Bewunderung genie\u00dft, mag \u00f6kologisch weit geringere Bedeutung besitzen. Die Natur urteilt nicht nach dem Ansehen ihrer Gesch\u00f6pfe, sondern nach ihrem Zusammenwirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade hierin liegt das Versagen eines blo\u00df von spontanen Pr\u00e4ferenzen geleiteten Systems. Denn die biologische Vielfalt besitzt den Charakter eines Gutes, dessen Nutzen sich nicht auf den Einzelnen beschr\u00e4nkt. Wer saubere Gew\u00e4sser, fruchtbare B\u00f6den oder stabile \u00d6kosysteme vorfindet, genie\u00dft deren Vorz\u00fcge, ohne notwendig selbst zu ihrem Erhalt beigetragen zu haben. Daraus ergibt sich jene Verpflichtung des Staates, die Ordnung so einzurichten, da\u00df das gemeinsame Interesse gegen\u00fcber den wechselnden Vorlieben Einzelner Bestand gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch der Staat bleibt nicht immer frei von denselben Leidenschaften, die das Publikum bewegen. Denn wo \u00f6ffentliche Zustimmung gewonnen werden soll, dort folgt die Politik bisweilen der Lautst\u00e4rke der Aufmerksamkeit. Es ist leichter, den Schutz eines Tieres zu verk\u00fcnden, dessen Bild Sympathie hervorruft, als f\u00fcr ein Gesch\u00f6pf einzutreten, dessen blo\u00dfer Anblick vielfach Abscheu erzeugt. So kann auch die staatliche Entscheidung von denselben Vorurteilen beeinflu\u00dft werden, die sie eigentlich \u00fcberwinden sollte. Das Gemeinwohl verliert dadurch seine Unabh\u00e4ngigkeit und wird dem wechselhaften Urteil der Menge unterworfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht minder bedeutend ist der Umstand, da\u00df die \u00f6ffentliche Meinung h\u00e4ufig auf unvollst\u00e4ndigem Wissen beruht. Die meisten Menschen kennen jene Tiere, deren Bilder t\u00e4glich verbreitet werden; von den \u00fcbrigen wissen sie wenig oder nichts. Wo aber Erkenntnis fehlt, nimmt das Vorurteil ihren Platz ein. Die Aufgabe einer vern\u00fcnftigen Ordnungspolitik besteht deshalb nicht allein darin, Gesetze zu schaffen, sondern ebenso darin, Wissen zu verbreiten, damit die Urteile der B\u00fcrger weniger von blo\u00dfen Eindr\u00fccken als vielmehr von Einsicht geleitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hieraus ergeben sich die Grundz\u00fcge einer ordnungspolitisch angemessenen Naturschutzpolitik. Nicht Sch\u00f6nheit darf das Ma\u00df des Schutzes sein, sondern Gef\u00e4hrdung, \u00f6kologische Funktion und die Bedeutung einer Art f\u00fcr das Ganze. Der Staat hat die Rahmenbedingungen so zu gestalten, da\u00df wissenschaftliche Erkenntnisse den Ausschlag geben und nicht jene fl\u00fcchtigen Regungen des Gem\u00fcts, die heute das eine, morgen das andere Gesch\u00f6pf beg\u00fcnstigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn wo das Gemeinwesen zul\u00e4\u00dft, da\u00df das Antlitz eines Tieres \u00fcber sein Recht auf Fortbestand entscheidet, dort ist die Ordnung bereits in ihrem innersten Grunde ersch\u00fcttert. Die Natur fordert keine Bewunderung; sie verlangt allein, da\u00df ihre Zusammenh\u00e4nge erkannt werden. Und vielleicht besteht gerade hierin die h\u00f6chste Aufgabe einer vern\u00fcnftigen Politik: den Menschen zu lehren, da\u00df der Wert eines Lebewesens nicht aus der Sch\u00f6nheit seiner Erscheinung hervorgeht, sondern aus dem unersetzlichen Platz, den es im Gef\u00fcge der Sch\u00f6pfung einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bowen?Jones, E., &amp; Entwistle, A. (2002). Identifying appropriate flagship species: The importance of culture and local contexts. <em>Oryx, 36<\/em>(2), 189\u2013195. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/S0030605302000261\">https:\/\/doi.org\/10.1017\/S0030605302000261<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eucken, W. (2004). <em>Grunds\u00e4tze der Wirtschaftspolitik<\/em> (7. Aufl.). Mohr Siebeck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Home, R., et al. (2009). Selection criteria for flagship species by conservation organizations. <em>Environmental Conservation, 36<\/em>(2), 139\u2013148. https:\/\/doi.org\/10.1017\/S0376892909990051<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">McGowan, J., et al. (2020). Conservation prioritization can resolve the flagship species conundrum. <em>Nature Communications, 11(1)<\/em>: 994. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41467-020-14554-z?utm_source=chatgpt.com\">https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41467-020-14554-z<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ostrom, E. (1990). <em>Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action<\/em>. Cambridge University Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Simberloff, D. (1998). Flagships, umbrellas, and keystones: Is single-species management pass\u00e9 in the landscape era? <em>Biological Conservation, 83<\/em>(3), 247\u2013257.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Natur bevorzugt keine Sch\u00f6nheit \u2013 doch der Mensch schon. 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