{"id":4491,"date":"2010-10-30T06:01:43","date_gmt":"2010-10-30T05:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4491"},"modified":"2010-10-30T06:46:19","modified_gmt":"2010-10-30T05:46:19","slug":"deutschland-im-aufschwung-risiken-und-handlungsbedarf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4491","title":{"rendered":"Deutschland im Aufschwung \u2013 Risiken und Handlungsbedarf"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Wirtschaft expandierte im ersten Halbjahr 2010 unerwartet stark. Dieses Wachstumstempo wird sich nicht fortsetzen. Der Konjunkturverlauf zeigt aber weiterhin stetig nach oben. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2010 um gut 3 \u00c2\u00bc Prozent \u00fcber dem Vorjahresniveau liegen. Das Wirtschaftsleben hierzulande befindet sich noch im Erholungsprozess. Mit dem Auslaufen der Normalisierungseffekte nach dem starken Wirtschaftseinbruch wird sich das konjunkturelle Tempo etwas abschw\u00e4chen. Im Jahr 2011 wird das reale BIP um gut 2 Prozent wachsen und es wird dann bereits das Durchschnittsniveau der Jahre 2007 und 2008 \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Weg aus der Krise lief zun\u00e4chst ausschlie\u00dflich \u00fcber die Erholung der Ausfuhrt\u00e4tigkeit und in sektoraler Hinsicht \u00fcber die Industrie. Dabei wurde der deutsche Au\u00dfenhandel in starkem Ma\u00df durch die kr\u00e4ftig anziehende Nachfrage aus den aufstrebenden Volkswirtschaften angetrieben. Dort erholte sich die Investitionst\u00e4tigkeit nach einem im Vergleich mit den fortgeschrittenen L\u00e4ndern nur moderaten Einbruch schnell. Der \u00fcber den internationalen Industrieg\u00fcterhandel laufende Aufschwung kann durchaus als ein Vorteil der Wirtschaftsstruktur Deutschlands verstanden werden. Die Ausfuhrt\u00e4tigkeit der deutschen Industrie wird auch im gesamten Prognosezeitraum das gesamtwirtschaftliche Wachstum pr\u00e4gen. Gleichwohl ist bereits in diesem Jahr ein Wechsel der Auftriebskr\u00e4fte hin zu einer st\u00e4rkeren Bedeutung der Binnennachfrage zu beobachten. Der Exportfunke ist fr\u00fcher als erwartet auf die Investitionst\u00e4tigkeit der Unternehmen \u00fcbergesprungen. Mit der weiteren Verstetigung der Arbeitsmarkt- und Einkommensentwicklung wird auch der private Konsum immer st\u00e4rkere Wachstumsbeitr\u00e4ge liefern. \u00dcber diese Kan\u00e4le kommt es schlie\u00dflich auch zu einer Anpassung \u2013 wenngleich nicht zum Ausgleich \u2013 der globalen Nachfrage- und Produktionsdifferenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Potenzielle Risiken<\/strong><\/p>\n<p>Trotz dieser schnellen und breiten Erholung ist das gesamtwirtschaftliche Umfeld nicht ohne Risiken:<\/p>\n<p>1. In den USA und in einigen westeurop\u00e4ischen Volkswirtschaften wie dem Vereinigten K\u00f6nigreich oder Spanien gibt es offensichtlich strukturelle Schieflagen, die noch Anpassungen nach sich ziehen und sich m\u00f6glicherweise zun\u00e4chst d\u00e4mpfend auf die wirtschaftliche Entwicklung dieser Volkswirtschaften auswirken. Vieles spricht f\u00fcr eine fortgesetzte Dynamik der chinesischen Wirtschaft \u2013 frei von Risiken etwa durch Korrekturen im Immobilienbereich ist diese Entwicklung aber nicht.<\/p>\n<p>2. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dem Thema Staatsschulden und ihren realwirtschaftlichen Implikationen erheblich an Bedeutung verliehen. Das allm\u00e4hliche Auslaufen von Konjunkturprogrammen in Verbindung mit ersten Konsolidierungsschritten kann einerseits d\u00e4mpfend wirken. In diesem Zusammenhang werden auch deflation\u00e4re Tendenzen genannt. Andererseits besteht das Risiko, dass sich infolge der Staatsschulden und der Versuche, ihre Auswirkungen \u00fcber eine monet\u00e4re Expansion zu vermindern, die Geldentwertung beschleunigt. Dies kann h\u00f6here Volatilit\u00e4ten bei den Wechselkursen nach sich ziehen.<\/p>\n<p>3. Eine Beschleunigung der Inflation kann auch aus wieder anziehenden Rohstoffpreisen entstehen. Vor allem bei Industrierohstoffen war bereits ein deutlich st\u00e4rkerer Auftrieb zu beobachten.<\/p>\n<p>4. Es w\u00e4re zu fr\u00fch, ein Ende der Bankenkrise zu diagnostizieren. Vielmehr befindet sich der Finanzsektor noch in der Orientierungsphase, sodass neue Wertberichtigungsschocks schnell zu neuen Risikoaufschl\u00e4gen und zu Rationierungen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Unterschiede zur New Economy Krise<\/strong><\/p>\n<p>Im gegenw\u00e4rtigen Aufschwung \u2013 vor allem in seiner Schnelligkeit und Breite \u2013 werden Unterschiede zur New-Economy-Krise zur Jahrtausendwende und der anschlie\u00dfenden langen Stagnationsphase bis zum Jahr 2004 deutlich:<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tDas Platzen der New-Economy-Blase in Verbindung mit anderen Belastungen \u2013 erstmaliger Rohstoffpreisanstieg nach einer langen Phase stabiler Notierungen und der Unsicherheit infolge von Terroranschl\u00e4gen \u2013 betonte besonders in Deutschland bereits bestehende Probleme auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft. Hohe Steuern, hohe Arbeitskosten und inflexible Arbeitsbeziehungen lassen sich hier nennen. Diese Angebotsprobleme koppelten damals zum Beispiel die Investitionst\u00e4tigkeit von der Exporterholung ab.<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tDie im Jahr 2007 startende Finanzmarkt- und sp\u00e4tere Weltwirtschaftskrise schlug sich in Deutschland in erster Linie als ein negativer Nachfrageschock nieder. Der vergleichsweise kurze Konjunktureinbruch zog offensichtlich keine strukturellen Verwerfungen nach sich, die einer l\u00e4ngeren Neuausrichtung bed\u00fcrfen. Vielmehr l\u00f6ste die schnell wieder anziehende Nachfrage aus den aufstrebenden M\u00e4rkten die konjunkturelle Trendwende aus. Auf den negativen Nachfrageschock folgte ein relativ rasches Wiederanspringen der ausl\u00e4ndischen Nachfrage.<\/p>\n<p>Diese Unterschiede zur New-Economy-Krise und die bereits im vergangenen Jahr einsetzende Erholung akzentuieren auch die guten mittelfristigen Perspektiven der deutschen Wirtschaft:<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tIndustrieprodukte \u201eMade in Germany\u201c erfreuen sich offensichtlich einer hohen Nachfrage, die durch die Krise zwar heftig, aber nur kurz beeintr\u00e4chtigt wurde. Dieser Auslandserfolg deutscher Unternehmen liegt in hohem Ma\u00df an ihren Produkten.<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tDas schnelle Anspringen der inl\u00e4ndischen Investitionst\u00e4tigkeit signalisiert die Zuversicht der Unternehmen in ihre Produkte und deren k\u00fcnftige Chancen auf den Inlands- und Auslandsm\u00e4rkten.<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tAngebotsprobleme spielen derzeit keine dominierende Rolle, sie sind aber vorhanden und k\u00f6nnen die Expansion des Wachstumspotenzials bremsen. Die Anzahl der offenen Stellen steigt bereits wieder an. Dies kann als Vorbote f\u00fcr Kapazit\u00e4tsbeschr\u00e4nkungen und einer zu geringen Ausweitung des Wachstumspotenzials in mittlerer Frist gesehen werden. Der Mangel an Fachkr\u00e4ften begrenzt m\u00f6glicherweise auch schon in der kurzen Frist das Erholungspotenzial der deutschen Wirtschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wirtschaftspolitik f\u00fcr das Produktionspotenzial<\/strong><\/p>\n<p>Die schnelle und breite Erholung, die mittelfristig guten Perspektiven sowie die Unterschiede zur New-Economy-Krise k\u00f6nnen die wirtschaftspolitischen Entscheidungstr\u00e4ger verleiten, zun\u00e4chst einmal abzuwarten, was denn so kommt. Jedenfalls muss mit dem Wechsel der konjunkturellen Auftriebskr\u00e4fte auch ein Wechsel der wirtschaftspolitischen Priorit\u00e4ten erfolgen: Der Blick und die Ma\u00dfnahmen m\u00fcssen weg von der kurzfristigen Konjunkturfixierung und hin zum langfristigen Wachstumspfad. Die wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik in Deutschland sind die Konsolidierung der \u00f6ffentlichen Haushalte sowie die St\u00e4rkung des Produktionspotenzials. Beides bedingt sich wechselseitig:<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tEin h\u00f6heres Potenzialwachstum f\u00fchrt zu h\u00f6heren Steuereinnahmen infolge einer h\u00f6heren wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t bei gleich hohen oder sogar niedrigeren Steuers\u00e4tzen. Dies erleichtert die Konsolidierung.<\/p>\n<p>\u201c\u00a2\tEine glaubw\u00fcrdige Konsolidierungsstrategie, die nicht \u00fcber h\u00f6here Steuers\u00e4tze, sondern vielmehr \u00fcber eine Neuausrichtung der Staatsausgaben l\u00e4uft, st\u00e4rkt die Investitionsanreize und f\u00fchrt dann zu einer vermehrten Kapitalbildung mit entsprechenden positiven Potenzialeffekten.<\/p>\n<p>Die Wachstumschancen der deutschen Wirtschaft k\u00f6nnen nur genutzt werden, wenn sich die Wirtschaftspolitik auf die St\u00e4rkung des Wachstumspotenzials konzentriert. Die Boomjahre 2006 bis 2008 haben bereits der deutschen Wirtschaft ihre Kapazit\u00e4tsgrenzen aufgezeigt. Um dies k\u00fcnftig zu vermeiden \u2013 letztlich auch mit Blick auf die Besch\u00e4ftigungs- und Konsumm\u00f6glichkeiten hierzulande \u2013, m\u00fcssen die Investitionsbedingungen verbessert werden. Denn bei den Investitionen besteht trotz der raschen konjunkturellen Erholungstendenz nach wie vor dringender Handlungsbedarf. Der Anteil der Nettoinvestitionen \u2013 also der Bruttoanlageinvestitionen abz\u00fcglich der Abschreibungen \u2013 am BIP war seit 1991 deutlich r\u00fcckl\u00e4ufig. Das gilt sowohl f\u00fcr die Nettoinvestitionen der Unternehmen als auch f\u00fcr die des Staates. Vor allem der Staat investierte selbst im Aufschwung von 2004 bis 2008 mit entsprechend schnell wachsenden Steuereinnahmen weniger als es der Kapitalverschlei\u00df erforderte. Die Nettoinvestitionen der Unternehmen sind nach einer langen Schrumpfungsphase endlich im vergangenen Aufschwung wieder angestiegen.<\/p>\n<p>Der Staat selbst muss in den n\u00e4chsten Jahren der Versuchung widerstehen, den vermeintlich leichten Weg der Konsolidierung seiner Haushalte \u00fcber eine Reduktion der Investitionen zu gehen. Dies gilt in besonderem Ma\u00df auch f\u00fcr die Kommunen, auf die mehr als die H\u00e4lfte aller staatlichen Bruttoinvestitionen entfallen. Will der Staat das Wachstum st\u00e4rken, muss er st\u00e4rker seine eigenen Investitionsbudgets ausweiten. Zu einer besseren Ausbalancierung der globalen Produktions- und Nachfragekr\u00e4fte kann Deutschland besonders dann einen Beitrag leisten, wenn hierzulande mehr investiert wird.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Wirtschaft expandierte im ersten Halbjahr 2010 unerwartet stark. Dieses Wachstumstempo wird sich nicht fortsetzen. Der Konjunkturverlauf zeigt aber weiterhin stetig nach oben. 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