{"id":44912,"date":"2026-08-30T00:07:00","date_gmt":"2026-08-29T23:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44912"},"modified":"2026-08-31T11:23:33","modified_gmt":"2026-08-31T10:23:33","slug":"gastbeitrag-die-ordnungsoekonomie-des-waldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44912","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag <\/b><br>Die Ordnungs\u00f6konomie des Waldes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>I.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer \u00fcber den deutschen Wald schreiben will, muss zuerst den Alarm abstellen. Seit den fr\u00fchen achtziger Jahren wird sein Zustand in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden als existenzielle Krise beschrieben \u2013 damals unter dem Schlagwort des Waldsterbens, heute vor allem im Zeichen des Klimawandels. Das seinerzeit erwartete gro\u00dffl\u00e4chige Absterben des deutschen Waldes ist ausgeblieben. Das hei\u00dft nicht, dass es dem Wald gutgeht. Es hei\u00dft zun\u00e4chst nur, genauer hinzusehen. Waldfl\u00e4che, Holzzuwachs, Kronenzustand und das Absterben einzelner Baumarten messen verschiedene Dinge und ergeben kein einheitliches Bild. Die j\u00fcngste Bundeswaldinventur zeigt einen weiterhin gro\u00dfen und insgesamt vielf\u00e4ltiger gewordenen Wald, zugleich aber einen deutlich gesunkenen Holzzuwachs und erhebliche regionale Verluste, vor allem bei der Fichte. Auch die vielzitierte Kronenverlichtung ist kein einfacher Indikator f\u00fcr ein \u201eSterben\u201c des Waldes: Sie bildet bestimmte Sch\u00e4den nur unvollst\u00e4ndig ab und kann unterschiedliche Ursachen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist keine Entwarnung, sondern eine Pr\u00e4zisierung. Nach mehreren D\u00fcrrejahren seit 2018 sind ganze Fichtenbest\u00e4nde Trockenheit und Borkenk\u00e4fer zum Opfer gefallen; in einigen Regionen hat sich das Waldbild erheblich ver\u00e4ndert. Der entscheidende Punkt f\u00fcr die folgende Betrachtung ist jedoch ein anderer: Besonders verwundbar erwies sich die Fichte dort, wo sie \u00fcber Generationen in gro\u00dffl\u00e4chigen, gleichf\u00f6rmigen Best\u00e4nden und au\u00dferhalb ihres nat\u00fcrlichen Verbreitungsschwerpunkts angebaut wurde. Der Schaden ist deshalb nicht nur ein Naturereignis, das \u00fcber einen unschuldigen Wald hereinbricht. Er ist auch die verz\u00f6gerte Rechnung fr\u00fcherer Bewirtschaftungs- und Ordnungsentscheidungen. Und genau deshalb ist der Wald ein Gegenstand f\u00fcr die Ordnungs\u00f6konomie und nicht nur f\u00fcr die Forstbiologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Norbert Berthold hat mich auf dieses Feld gesto\u00dfen, und seine Fragen umrei\u00dfen es pr\u00e4zise: Was kann die Ordnungstheorie zur Entwicklung des Waldes sagen? Wer sollte eingreifen, und wie: prozess- oder ordnungspolitisch? Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Sch\u00e4den und der forstlichen Ausrichtung auf Monokulturen? Warum haben die privaten Waldbauern sich diesem Muster angeschlossen? Und was l\u00e4sst sich aus dem Vergleich der Waldbr\u00e4nde in Kanada und Europa lernen? Ich will versuchen, diese Fragen entlang eines einzigen Leitgedankens zu beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>II. Der Wald als Ordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wald ist ein \u00d6kosystem in einem beweglichen Gleichgewicht. Alles greift ineinander: Boden, Wasser, Licht, Baumarten, Wild, Insekten, Pilze. Jeder Eingriff hat Folgen, oft an unerwarteter Stelle und mit langer Verz\u00f6gerung. Das ist der erste Grund, warum die Ordnungstheorie hier etwas zu sagen hat, denn es beschreibt exakt die Konstellation, f\u00fcr die Hayek den Begriff des verteilten Wissens gepr\u00e4gt hat. Es kommt eine zweite Wissensgrenze hinzu: Jeder Eingriff hat Folgen, die sich nicht vollst\u00e4ndig vorhersehen lassen, weil das n\u00f6tige Wissen systemimmanent gar nicht immer vorhanden ist \u2013 es entsteht erst im Vollzug, durch Erfahrung und R\u00fcckkopplung \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume. Deshalb gibt es keinen \u201eoptimalen\u201c Wald, den man am Rei\u00dfbrett entwerfen k\u00f6nnte. Das daf\u00fcr n\u00f6tige Wissen, welcher Baum auf welchem Boden, in welcher H\u00f6henlage, bei welchem Wasserhaushalt, in welcher Mischung, ist teils kleinr\u00e4umig verteilt, teils noch gar nicht erschlossen, und es \u00e4ndert sich fortlaufend. Und diese Grenze gilt nicht nur f\u00fcr den Planer mit sachfremden Zielen: Auch der wohlmeinende Gestalter, der nichts als einen gesunden, tragf\u00e4higen Wald anstrebt, unterliegt ihr. Wer einen Sollzustand \u00fcber die Fl\u00e4che verordnet, ma\u00dft sich deshalb ein Wissen an, das niemand zentral besitzt und das zum Teil \u00fcberhaupt erst durch Erfahrung zu gewinnen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch ver\u00e4ndert dieses System mit eigenen Zielen. Der Wald soll Holz liefern, zugleich aber Naturhaushalt, Wasser, Boden und Klima sch\u00fctzen und der Erholung dienen. Das Bundeswaldgesetz b\u00fcndelt diese Anspr\u00fcche in Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion. Entscheidend ist: Der wirtschaftliche Ertrag ist nur einer von mehreren Zwecken, und diese konkurrieren miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraus folgt das Zweite. Wer in den Wald eingreift, schafft nicht einfach Natur ab, sondern ersetzt ein gewachsenes System durch ein neues, das er tragf\u00e4hig halten muss, und zwar unter den Spielregeln der Natur, die sich nicht suspendieren lassen. Das verlangt zweierlei Wissen: Fachwissen \u00fcber den einzelnen Standort und Systemwissen \u00fcber das Ganze: Bodenkunde, Wasserhaushalt, \u00d6kologie, Jagd. Beides sitzt nicht in der Zentrale, sondern vor Ort. Damit ist die ordnungstheoretische Grundfigur gesetzt: Der Wald ist kein Feld f\u00fcr zentrale Sollpl\u00e4ne, sondern f\u00fcr dezentrale, standortnahe Urteilskraft. Der Klimawandel ver\u00e4ndert das nur, weil er die Standortkarte verschiebt und einen starren Plan von gestern zur Kalamit\u00e4tsfl\u00e4che von morgen macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>III. Von Langen, oder: die zwei Gesichter des Ordnens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie produktiv ordnendes Eingreifen sein kann, zeigt eine Figur des 18. Jahrhunderts, an der sich zugleich die ganze Ambivalenz des Themas studieren l\u00e4sst: der braunschweigische Forstmann Johann Georg von Langen. Als er 1745 die Forsten im Weserdistrikt \u00fcbernahm, war der Solling in schlechtem Zustand \u2013 heruntergewirtschaftet durch Waldweide, Kahlschl\u00e4ge f\u00fcr Brennholz und den enormen Holzhunger der Glash\u00fctten und Verh\u00fcttung. Es war, in heutigen Begriffen, ordnungsloser Raubbau bei kurzer Zeitpr\u00e4ferenz: Jeder nahm, was er brauchte, und niemand trug Verantwortung f\u00fcr den Bestand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Langen brachte Ordnung hinein, und zwar mit den Mitteln seiner Zeit. Er verma\u00df die Forsten, teilte sie in Abteilungen, legte ein Wegenetz an und s\u00e4umte es mit Eichenalleen, die als Wegemarken dienten und noch heute erkennbar sind. Er schr\u00e4nkte die Waldweide ein, f\u00fchrte geregelte Umtriebszeiten ein und richtete die Nutzung auf den Wiederaufbau der \u00fcberbeanspruchten W\u00e4lder aus. Darin lag seine gro\u00dfe Leistung: Er setzte der kurzfristigen Ausbeutung eine Ordnung entgegen, die den Bestand selbst und damit die Nutzung durch kommende Generationen in Rechnung stellte. Wilhelm Gottfried von Moser, der von Langen pers\u00f6nlich kennenlernte und forstlich wesentlich von ihm gepr\u00e4gt wurde, nannte ihn sp\u00e4ter den \u201eVater der regelm\u00e4\u00dfigen Forstwirtschaft\u201c. Die Idee der Nachhaltigkeit, die dann Karriere machte, hat hier eine ihrer praktischen Wurzeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch von Langen war kein liberaler Rahmensetzer avant la lettre. Er ordnete nicht nur die Bedingungen der Waldnutzung, sondern plante auch deren Ergebnisse: Fl\u00e4chen, Umtriebszeiten, Wiederaufforstung und Baumarten. Gerade deshalb ist er f\u00fcr die Ordnungs\u00f6konomie so interessant. In seiner Arbeit liegen zwei Formen des Ordnens dicht beieinander. Die eine schafft verl\u00e4ssliche Regeln, begrenzt den Zugriff auf eine knappe Ressource und verl\u00e4ngert den Zeithorizont der Nutzer. Die andere legt fest, wie der Wald selbst auszusehen und was auf ihm zu wachsen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese zweite Seite zeigt sich in einer Denkschrift von 1755. Von Langen sprach sich darin zwar f\u00fcr gemischte Best\u00e4nde aus, empfahl zugleich aber die Fichte als haupts\u00e4chlich anzubauende Baumart. Die anschlie\u00dfende Aufforstung vieler heruntergewirtschafteter Fl\u00e4chen mit Fichte geht wesentlich auf ihn zur\u00fcck. Die Ironie l\u00e4sst sich bis heute im Solling besichtigen: Derselbe Mann, der den \u00fcbernutzten Wald wieder einer langfristigen Bewirtschaftung unterwarf, wurde zu einem fr\u00fchen F\u00f6rderer jener Baumart, deren sp\u00e4tere Vorherrschaft einen Teil der heutigen Probleme mitbegr\u00fcndete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist keine Anklage, und es f\u00fchrt keine gerade Linie von von Langen zu den Fichtenforsten des 20. Jahrhunderts. Dazwischen liegen fast zwei Jahrhunderte wechselnder Lehren und wirtschaftlicher Bedingungen. Interessant ist die wiederkehrende Denkfigur: Eine Baumart wird nicht allein nach dem Standort beurteilt, sondern auch danach, wie gut sie ein wirtschaftliches Problem l\u00f6st, rasch Holz zu erzeugen und Fl\u00e4chen produktiv zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 19. Jahrhundert erhielt diese Denkfigur mit der Bodenreinertragslehre eine ausdr\u00fccklich \u00f6konomische Begr\u00fcndung. Baumart und Umtriebszeit wurden zunehmend unter dem Gesichtspunkt des Bodenertrags betrachtet; schnellwachsende Nadelh\u00f6lzer gewannen dadurch an Attraktivit\u00e4t. Die Fichte war nicht das Ergebnis einer einzigen Doktrin. Aber sie passte zu einer Forstwirtschaft, die Berechenbarkeit, Zuwachs und Ertrag hoch gewichtete. Eine stand\u00f6rtlich sinnvolle L\u00f6sung konnte so zur generalisierten L\u00f6sung werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>IV. Der Lehrfall Fichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum steht die Fichte heute auf einem so gro\u00dfen Teil der deutschen Waldfl\u00e4che, auch dort, wo die Standortbedingungen f\u00fcr sie ung\u00fcnstig sind? Die Antwort verlangt eine Unterscheidung, ohne die man entweder in Anklage oder in Verharmlosung verf\u00e4llt: die Unterscheidung zwischen Entstehung, Persistenz und Lenkung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entstehung der Fichtendominanz hat nicht eine Ursache. Ertrags\u00fcberlegungen und forstwissenschaftliche Leitbilder beg\u00fcnstigten den Nadelholzanbau bereits im 19. Jahrhundert; die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gaben ihm zus\u00e4tzlichen Schub. Nach beiden Weltkriegen entstanden durch Reparationshiebe, Brennstoffbedarf und Wiederaufbau gro\u00dfe Kahlfl\u00e4chen. Sie mussten rasch bestockt werden, und die Fichte lag nahe: schnellw\u00fcchsig, leicht zu pflanzen, vielseitig verwendbar. Nadelholz wurde gezielt als Gruben- und Bauholz erzeugt. Die Fichte war keine Mode, sondern Teil einer produktionsorientierten Nachkriegsstrategie. Angesichts leerer Fl\u00e4chen und knappen Holzes war das eine rationale Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Persistenz ist eine andere Geschichte. Denn die Fichte blieb dominant und wurde weiter gepflanzt, lange nachdem die Notlage vor\u00fcber war. Unter dem Einfluss der Reinertragslehre wurde der Laubholzanteil noch fast drei Jahrzehnte lang systematisch zur\u00fcckgedr\u00e4ngt; wo man lokal \u00fcber die Beimischung von Laubholz nachdachte, blieb es meist, aber nicht immer beim Vorsatz. Das war kein Sachzwang mehr, sondern eine forstwissenschaftliche Norm, die sich selbst reproduzierte \u2013 in der Ausbildung, in den Ertragstafeln und in j\u00fcngerer Zeit in einer hochmechanisierten Ernte, die auf gleichf\u00f6rmige Nadelholzbest\u00e4nde zugeschnitten ist. Hier beginnt, was man einen institutionellen Lock-in nennen kann: Eine eingespielte Ordnung besteht fort, weil Erwartungen, Ausbildung, Beratung, Technik und wirtschaftliche Kalk\u00fcle aufeinander abgestimmt sind. Keine einzelne Entscheidung h\u00e4lt sie aufrecht; gerade das Zusammenwirken vieler jeweils plausibler Entscheidungen macht sie dauerhaft. Wie dieser Mechanismus funktionierte, zeigt besonders deutlich der Privatwald.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am aufschlussreichsten aber ist die Lenkung des Privatwaldes, denn hier stellt sich die eigentlich interessante Frage: Warum zog der private Waldbesitzer mit? Bei ihm entfiel das fiskalische Motiv des Staates als Waldeigent\u00fcmer. Sein eigenes Ertragsinteresse wies jedoch zun\u00e4chst in dieselbe Richtung. Die Fichte wuchs rasch, ihr Holz war gut verk\u00e4uflich, und eine gleichf\u00f6rmige Bewirtschaftung versprach vergleichsweise gut kalkulierbare Ertr\u00e4ge. Man k\u00f6nnte die Fichtenwahl des Privatwaldes deshalb zun\u00e4chst f\u00fcr ein Marktergebnis halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Markt wirkte nicht allein. Besonders deutlich l\u00e4sst sich das in Nordrhein-Westfalen beobachten. Dort bestanden 1950 rund 125.000 Hektar Kahlfl\u00e4chen. Die Landesregierung stellte erhebliche F\u00f6rdermittel f\u00fcr Wiederaufforstung und \u00d6dlandaufforstung bereit \u2013 und ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr die Umwandlung von Niederwald in Fichte. Vor allem im Siegerland und Sauerland verlor die traditionelle Nieder- und Haubergswirtschaft ihre \u00f6konomische Grundlage; an ihre Stelle sollte ertragreicher Hochwald treten. Diese Umwandlung wurde bis in die siebziger Jahre hinein \u00f6ffentlich gef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kam die Beratung. Die Forstabteilungen der Landwirtschaftskammern betreuten den Privatwald \u00fcber ein dichtes Netz forstlicher Dienststellen und Reviere. Damit begegnete dem Waldbesitzer die damals herrschende forstliche Lehrmeinung nicht nur in B\u00fcchern oder Verordnungen, sondern in Gestalt des F\u00f6rsters vor Ort. F\u00f6rderung und Beratung griffen ineinander: Der eine Mechanismus ver\u00e4nderte die relativen Kosten einer Entscheidung, der andere vermittelte das Wissen dar\u00fcber, welche Entscheidung als fachlich vern\u00fcnftig galt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade darin liegt der ordnungs\u00f6konomisch interessante Befund. Der private Waldbesitzer wurde nicht gezwungen, Fichten zu pflanzen; vieles sprach aus seiner Sicht ohnehin daf\u00fcr. Aber Holzmarkt und Ertragsinteresse, \u00f6ffentliche F\u00f6rderung und forstliche Beratung wiesen in dieselbe Richtung. Private Verf\u00fcgung und staatliche Lenkung bilden eben keinen einfachen Gegensatz. Eigentum kann privat bleiben, w\u00e4hrend F\u00f6rderregeln, Beratung und Expertenwissen den Korridor plausibler Entscheidungen verengen. Dazu braucht es keinen Befehl. Gerade das Zusammenwirken mehrerer gleichgerichteter Signale kann eine einmal plausible Entscheidung dauerhaft verfestigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass dieser Fall gerade am Weserdistrikt ansetzt, ist kein Zufall: Nur durch die Weser vom Solling getrennt, liegt er in derselben Landschaft, in der von Langen zwei Jahrhunderte zuvor die Fichte empfahl. Die st\u00e4rksten Belege f\u00fcr die staatliche Lenkung des Privatwalds stammen freilich aus Nordrhein-Westfalen; in Bayern, Baden-W\u00fcrttemberg und den sp\u00e4teren neuen L\u00e4ndern verlief die Geschichte in Nuancen anders. Das Muster ist robust, aber regional zu differenzieren \u2013 ein exemplarischer Fall, keine fl\u00e4chendeckende Behauptung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcgt man die drei Ebenen zusammen, ergibt sich ein n\u00fcchternes Bild. Die Sch\u00e4den der letzten Jahre sind nicht die Rechnung der Planung schlechthin; von Langens Planung hat dem Solling gutgetan. Sie sind die Rechnung einer anma\u00dfenden Planung, die stand\u00f6rtliches Wissen \u00fcberschrieb und lange Zeithorizonte gegen kurze Ertragslogik eintauschte. Man muss es zugespitzt sagen: Ein gro\u00dfer Teil der heute beklagten Waldstruktur entstand nicht trotz, sondern wegen der damaligen fachlich-administrativen Modernisierung; sie war, unter den Zielen ihrer Zeit, durchaus rational. Und man sollte die Katastrophe nicht gr\u00f6\u00dfer zeichnen, als sie ist. K\u00e4ferkalamit\u00e4ten sind kein Novum. Schon die \u201eGro\u00dfe Wurmtrocknis\u201c der Jahre um 1780 lie\u00df im Harz gewaltige Mengen Fichten absterben. Allein f\u00fcr 1783 nennen die Quellen \u00fcber zwei Millionen St\u00e4mme. Vieles spricht daf\u00fcr, dass solche Massenvermehrungen ein wiederkehrendes Ph\u00e4nomen sind, das die Fichte seit je begleitet. Zudem ist die Trockenheit real und bedeutet Wasserstress, der andere Baumarten verlangt, aber sie ist ein Grund zur Umstellung, keine Apokalypse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>V. Kanada und Europa, oder: die menschliche Ungeduld<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blick \u00fcber den Atlantik sch\u00e4rft das Bild. Der gem\u00e4\u00dfigte K\u00fcstenregenwald British Columbias, ein naturw\u00fcchsiger Altwald, ist seinerseits auf dem R\u00fcckzug, nicht durch Feuer, sondern durch industriellen Kahlschlag. Im Unterschied zu Europa gilt: Im borealen Nadelwald Nordkanadas ist Feuer ein endogener Teil des \u00d6kosystems, weit \u00fcberwiegend durch Blitzschlag ausgel\u00f6st. Manche Arten sind daran angepasst. Wer dort weite Fl\u00e4chen verkohlter oder abgestorbener St\u00e4mme sieht, h\u00e4lt sie leicht f\u00fcr zerst\u00f6rten Wald. Doch dem Wald ist unsere Ungeduld gleichg\u00fcltig. Er folgt seinen eigenen Zeitgesetzen, und was aus menschlicher Perspektive wie Verw\u00fcstung aussieht, kann Teil eines langfristigen Erneuerungsprozesses sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bayerische Wald ist daf\u00fcr ein Lehrst\u00fcck. Als dort ab Mitte der achtziger Jahre der Borkenk\u00e4fer um sich griff und die Nationalparkverwaltung in der Kernzone bewusst auf Bek\u00e4mpfung verzichtete, starben vor allem ab 1993 in den Hochlagen zwischen Lusen und Rachel gut siebentausend Hektar Fichtenwald ab. Und dann wuchs aus dem toten Holz ein neuer Wald heran, vielf\u00e4ltiger und strukturreicher als der Wirtschaftsforst zuvor. Die Baumarten kehrten von selbst zur\u00fcck, die von jeher an diesen Standort geh\u00f6ren. \u201eNatur Natur sein lassen\u201c war hier eine Entscheidung, kein Unterlassen: die bewusste Wahl, an dieser Stelle die nat\u00fcrliche Ordnung wirken zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>VI. Der G\u00e4rtner und der Planer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit ist Norbert Bertholds Kernfrage erreicht: Wer soll eingreifen, und wie? Ordnungspolitisch oder prozesspolitisch? Die Antwort ergibt sich aus allem Vorangegangenen, und sie liegt zwischen zwei Versuchungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Versuchung ist der \u00d6kologismus: den Wald sich selbst zu \u00fcberlassen, weil jeder menschliche Eingriff als St\u00f6rung gilt. Das verkennt zweierlei. Zum einen ist der bestehende Fichtenacker kein Naturzustand, den man nur laufen lassen m\u00fcsste; er ist ein doktrin\u00e4r erzeugtes Artefakt, und ihn ohne weiteres sich selbst zu \u00fcberlassen hie\u00dfe, den Fehler zu konservieren und den fl\u00e4chigen Zusammenbruch in Kauf zu nehmen. Zum anderen bleibt die Holzproduktion ein legitimer und notwendiger Zweck \u2013 die Nutzfunktion, an die das Bundeswaldgesetz zuerst erinnert. Holz wird gebraucht, und es w\u00e4chst auf daf\u00fcr vorgesehenen Wirtschaftsfl\u00e4chen weit ergiebiger als im vielschichtigen Naturwald, der seine St\u00e4rke gerade nicht im raschen, gleichm\u00e4\u00dfigen Ertrag hat. Genau darin liegt der Zielkonflikt, den kein \u00d6kologismus wegdefinieren kann: Wer den ganzen Wald der Natur zur\u00fcckgibt, verzichtet auf eine Leistung, die anderswo erbracht werden m\u00fcsste, oft unter schlechteren \u00f6kologischen Bedingungen. Und wo bei uns nicht nachhaltig produziert wird, w\u00e4chst der Druck auf die W\u00e4lder anderswo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Versuchung ist der Konstruktivismus: den Wald umzuplanen, diesmal mit den richtigen Baumarten, in einem zentralen Umbauprogramm mit verbindlichen Sollvorgaben. Das aber wiederholte den Ursprungsfehler auf neuer Ebene: Es ersetzte eine anma\u00dfende Ordnung durch eine andere und vertraute erneut dem zentralen Wissen mehr als dem standortnahen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen beiden liegt die ordnungspolitische Antwort, und sie ist die des G\u00e4rtners. Auch der G\u00e4rtner plant, aber er plant im Wissen um die Grenzen seines Wissens. Er schafft Bedingungen, beobachtet die Reaktion und korrigiert, statt einen Zielzustand \u00fcber die Fl\u00e4che zu verordnen. F\u00fcr die Forstpolitik hei\u00dft das vor allem: unterschiedliche L\u00f6sungen und dezentrales Experimentieren zuzulassen, stand\u00f6rtliches Wissen verf\u00fcgbar zu machen und den Eigent\u00fcmer die Folgen seiner Entscheidungen m\u00f6glichst selbst tragen zu lassen. Beratung kann dabei Wissen erschlie\u00dfen; F\u00f6rderung sollte dagegen nicht die n\u00e4chste vermeintlich richtige Baumart oder Bestandsform zur neuen Doktrin machen. Ordnungspolitik hei\u00dft auch angesichts eines Klimawandels nicht, den Wald von morgen zu kennen, sondern eine Ordnung zu schaffen, in der auf neues Wissen reagiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schl\u00fcssel liegt beim Wissen und bei den Personen, die es tragen. Deshalb sind die forstliche Ausbildung an den Hochschulen und die praktische Erfahrung vor Ort so wichtig, und deshalb ist der einzelne Forstmann die eigentliche Schl\u00fcsselfigur. Wo er Verantwortung tr\u00e4gt und Urteilskraft besitzt, entsteht gute Ordnung; wo Moden, schlechte Landesvorgaben oder fehlender Sinn walten, entsteht Unfug \u2013 etwa die kahlen Streifen, die mancherorts ohne Not entlang von Stra\u00dfen und Ortseing\u00e4ngen geschlagen werden. Dass es anders geht, habe ich aus der N\u00e4he gesehen. Mein Vater, Forstmann, hat unter einer breiten Stromtrasse, einer Fl\u00e4che, die forstlich als verloren gilt, ein neues Biotop angelegt: Teiche mit Fischen, an denen sich Reiher und andere Tiere ansiedelten, so dass die Artenvielfalt sp\u00fcrbar zunahm. Das ist kein Sich-Heraushalten und kein Durchplanen, sondern gestaltendes Ordnen: dem Standort eine Ordnung geben, in der Leben von selbst gedeiht. Auch die Renaturierung von B\u00e4chen, die regional vielerorts \u00fcber Wasserverb\u00e4nde betrieben wird, geh\u00f6rt in diese Kategorie \u2013 teils gesichertes Wissen, teils Experiment, immer aber rahmensetzend statt ergebnisfixiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>VII. Der Wald als Spiegel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende ist der Wald ein Spiegel der Ordnungsfrage \u00fcberhaupt. Gelingen entsteht dort, wo Ordnung verteiltes Wissen und Zeit aufnimmt; Misslingen dort, wo sie beides \u00fcberschreibt. Von Langens Rahmen nahm Wissen und Zeit auf \u2013 er tr\u00e4gt seit dreihundert Jahren. Die Fichtendoktrin \u00fcberschrieb beides, und ihre Rechnung wird jetzt f\u00e4llig. Zwischen dem \u00d6kologismus, der den Menschen aus dem Wald hinausdefinieren will, und dem Konstruktivismus, der ihn zum Herrn \u00fcber den Wald erkl\u00e4rt, steht der G\u00e4rtner, der wei\u00df, dass er die Spielregeln der Natur nicht macht, sondern nutzt. Er ist keine Metapher, sondern eine Praxis \u2013 die meines Vaters unter der Stromtrasse und andernorts, die der Forstleute, die ihren Standort kennen und danach handeln, die der Wasserverb\u00e4nde an den B\u00e4chen. Die Ordnungs\u00f6konomie kann zeigen, warum dieser Weg der richtige ist. Gehen m\u00fcssen ihn die Menschen im Wald.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundeswaldgesetz (BWaldG) vom 2. Mai 1975, zuletzt ge\u00e4ndert 2021, \u00a7 1. gesetze-im-internet.de\/bwaldg<\/li>\n\n\n\n<li>Bundesministerium f\u00fcr Landwirtschaft, Ern\u00e4hrung und Heimat: Referentenentwurf zur Novellierung des Bundeswaldgesetzes, 2024.<\/li>\n\n\n\n<li>Bundesministerium f\u00fcr Landwirtschaft, Ern\u00e4hrung und Heimat (Hrsg.): Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2025.<\/li>\n\n\n\n<li>Roderich von Detten (Hg.), Das Waldsterben. R\u00fcckblick auf einen Ausnahmezustand, oekom, M\u00fcnchen 2013.<\/li>\n\n\n\n<li>Bernhard J. Heukamp, Die Geschichte der Arbeitsgemeinschaft Naturgem\u00e4\u00dfe Waldwirtschaft [ANW] in Nordrhein-Westfalen, o.J. Link: <a href=\"https:\/\/www.anw-nrw.de\/eip\/media\/dokumentationen\/dokumentation_22_1.pdf\">https:\/\/www.anw-nrw.de\/eip\/media\/dokumentationen\/dokumentation_22_1.pdf<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Joachim Chr. Heyder, Waldbau im Wandel. Zur Geschichte des Waldbaus von 1870 bis 1950, dargestellt unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Bestandesbegr\u00fcndung und der forstlichen Verh\u00e4ltnisse Norddeutschlands, Frankfurt\/M. 1986<\/li>\n\n\n\n<li>Johann Georg von Langen, Denkschrift zur Erziehung gemischter Baumbest\u00e4nde, 1755. \u2013 Zu Leben und Werk: Deutsche Biographie, Bd. 13 (1982), s. v. \u201eLangen, Johann Georg von\u201c.<\/li>\n\n\n\n<li>Nieders\u00e4chsische Landesforsten: Langfristige \u00d6kologische Waldentwicklung (L\u00d6WE). landesforsten.de<\/li>\n\n\n\n<li>Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt!, Berlin 1878. 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