{"id":44983,"date":"2026-10-03T17:05:00","date_gmt":"2026-10-03T16:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44983"},"modified":"2026-10-03T17:17:09","modified_gmt":"2026-10-03T16:17:09","slug":"auf-der-suche-nach-der-adaptiven-verteidigungsarchitektur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=44983","title":{"rendered":"Auf der Suche nach der adaptiven Verteidigungsarchitektur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bundesrepublik Deutschland gibt als Reaktion auf eine verschlechterte Sicherheitslage wieder erheblich mehr Geld f\u00fcr ihre Verteidigung aus. Dabei werden insbesondere neue Waffensysteme beschafft, Munitionsbest\u00e4nde aufgestockt und der Bestand an Personal erh\u00f6ht. Allerdings zeichnet sich die gegenw\u00e4rtige Beschaffungspolitik durch Beh\u00e4bigkeit aus: Oftmals liegen zwischen der Entscheidung f\u00fcr ein komplexes Waffensystem und seinem Einsatz oft zehn bis zwanzig Jahre. Zudem erfolgt die Nutzung der beschafften Plattformen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber mehrere Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob damit durch eine alleinige Ausweitung des Bestands an milit\u00e4rischer Ausr\u00fcstung und die Erweiterung des Personalbestandes die Verteidigungsf\u00e4higkeit des Landes verbessert wird, bleibt fragw\u00fcrdig. So zeigen empirische Belege aus j\u00fcngsten Konflikten, da\u00df Waffensysteme einer Kriegspartei in milit\u00e4rischen Konflikten sehr schnell obsolet werden k\u00f6nnen. Fortschritte bei unbemannten Systemen, der elektronischen Kampff\u00fchrung usw. initiieren routinem\u00e4\u00dfig Gegenma\u00dfnahmen. Diese zwingen wiederum den Gegner zu technologischen und organisatorischen Anpassungen, um eine Niederlage abzuwenden (f\u00fcr das Beispiel der ru\u00dfl\u00e4ndischen Intervention in der Ukraine siehe etwa Bondar, 2025a; 2025b; Bronk &amp; Watling, 2024; Minniti &amp; Pili, 2026; Watling et al., 2024; Watling &amp; Reynolds, 2025). Daher wird in der Literatur zur milit\u00e4rischen Innovation h\u00e4ufig die zeitgen\u00f6ssische Kriegsf\u00fchrung als iterativer Proze\u00df aus Innovation, Anpassung und Gegenanpassung beschrieben (siehe z. B. Hoffman, 2021; Tattar, 2025). Ein moderner Krieg ist damit nicht nur ein Kampf vorhandener Waffenbest\u00e4nde, sondern vor allem ein Wettbewerb der Anpassungsgeschwindigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr eine diesem Sachverhalt angemessene Verteidigungsordnung liefern die \u00dcberlegungen v. Hayeks (1945; 1968) in bezug auf den \u201eWettbewerb als Entdeckungsverfahren\u201c, diejenigen Schumpeters (1942) und Kirzners (1973) in bezug auf die Rolle des Unternehmers als Ausl\u00f6ser der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung\u201c oder als Arbitrageur sowie Williamsons (1975; 1985) transaktionskosten\u00f6konomische Analyse alternativer institutioneller Arrangements wertvolle Ansatzpunkte:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Das f\u00fcr die Realisierung \u00fcberlegener L\u00f6sungen relevante Wissen findet sich verstreut bei vielen einzelnen Akteuren wie etwa bei Soldaten mit praktischer Einsatzerfahrung, R\u00fcstungsunternehmen mit Systemwissen, mittelst\u00e4ndischen Zulieferern, Softwareunternehmen, Universit\u00e4ten und Start-ups, die vorhandene Komponenten neu kombinieren usw.<\/li>\n\n\n\n<li>Bestimmtes Wissen ist bislang \u00fcberhaupt nicht vorhanden: So kann die Bundeswehr die gew\u00fcnschte Wirkung milit\u00e4rischer Technologien wie etwa die Aufkl\u00e4rung eines Raums, die Abwehr einer Drohne, die Aufrechterhaltung einer Kommunikationsverbindung unter St\u00f6rung oder die Bek\u00e4mpfung eines Ziels meist pr\u00e4zise benennen. Ungleich schwieriger ist es, die Frage zu beantworten, welche Kombination aus Plattform, Sensorik, Kommunikation, Software und Effektor diese Aufgaben in f\u00fcnf Jahren am besten erf\u00fcllen wird.<\/li>\n\n\n\n<li>Schumpeters Konzept der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung&#8220; gilt f\u00fcr milit\u00e4risches Kapital in besonders scharfer Form: Ein f\u00fcr drei\u00dfig Jahre ausgelegtes System kann bereits innerhalb eines kurzen Zeitraums einen erheblichen Teil seines milit\u00e4rischen Vorteils dadurch verlieren, da\u00df eine Innovation etwa in Form eines kosteng\u00fcnstigen Gegensystems, neuer Sensorik usw. auf den Markt kommt oder vom milit\u00e4rischen Gegner eingesetzt wird. Wie oben bereits angedeutet wurde, d\u00fcrfte dieser Proze\u00df im Falle einer milit\u00e4rischen Auseinandersetzung im Vergleich zu Friedenzeiten deutlich schneller ablaufen.<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00e4hrend Hayek, Kirzner und Schumpeter insbesondere erkl\u00e4ren, weshalb unter Bedingungen unvollst\u00e4ndigen Wissens konkurrierende Suchprozesse erforderlich sind und bestehende technologische L\u00f6sungen fortw\u00e4hrend durch neue verdr\u00e4ngt werden k\u00f6nnen, lenkt Williamson den Blick auf die institutionellen Voraussetzungen und Grenzen marktlicher Steuerung. Transaktionen unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich Unsicherheit, H\u00e4ufigkeit und Spezifit\u00e4t der erforderlichen Investitionen und verlangen daher unterschiedliche Formen ihrer Koordination. Gerade in der Verteidigungswirtschaft k\u00f6nnen hohe spezifische Investitionen, unvollst\u00e4ndige Vertr\u00e4ge, strategische Abh\u00e4ngigkeiten und Anforderungen an die Versorgungssicherheit l\u00e4ngerfristige vertragliche Bindungen, hybride Organisationsformen oder hierarchische Koordination erforderlich machen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wettbewerb erm\u00f6glicht nun die Nutzung des verstreut vorhandenen und die Schaffung neuen Wissens, indem sich die Anbieter zum einen gegenseitig mit innovativen und imitativen L\u00f6sungen, die sich auf Produkte, Prozesse und Organisationsformen beziehen k\u00f6nnen, in der Gunst der Nachfrager zu \u00fcberbieten versuchen. Im Bereich milit\u00e4rischer Technologien versch\u00e4rft sich dieses Problem erheblich, da sich die Rahmenbedingungen und damit die Bed\u00fcrfnisse der Nachfrager sehr schnell ver\u00e4ndern. Israel und insbesondere die Ukraine zeigen, welche Bedeutung Akteure au\u00dferhalb der etablierten R\u00fcstungsindustrie gewinnen k\u00f6nnen, zumal milit\u00e4rische Innovationen zunehmend auf Ebene einzelner Komponenten wie Kommunikationsmodulen oder Software auftreten (Luttwak &amp; Shamir, 2023).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Verteidigungsarchitektur, die diesen Sachverhalt Rechnung tragen will, mu\u00df somit erheblichen Spielraum zum einen f\u00fcr unternehmerische Innovationen im Sinne Schumpeters und zum anderen f\u00fcr die unternehmerische \u201eAlertness\u201c, also Wachsamkeit gegen\u00fcber bislang \u00fcbersehenen M\u00f6glichkeiten (Kirzner, 1973), gew\u00e4hrleisten. Sie mu\u00df also die M\u00f6glichkeit zum Experimentieren schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich kann eine adaptive Verteidigungsarchitektur aufgrund der Erkenntnisse Williamsons weder ausschlie\u00dflich auf wettbewerbliche Marktprozesse noch auf zentrale staatliche Steuerung setzen. Sie zeichnet sich dadurch aus, da\u00df f\u00fcr unterschiedliche Aufgaben jeweils geeignete institutionelle Arrangements geschaffen werden und dabei die f\u00fcr Innovationen notwendige Offenheit soweit wie m\u00f6glich erhalten bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im einzelnen m\u00fc\u00dfte also eine adaptive Verteidigungsarchitektur die folgenden Anforderungen erf\u00fcllen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Offenheit f\u00fcr neue Anbieter und konkurrierende L\u00f6sungswege:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Komplizierte Vergabeverfahren, hohe Zertifizierungsanforderungen und hohe Mindestauftragsvolumina f\u00fchren dazu, da\u00df kleine und junge Unternehmen vom Markt ferngehalten werden, da sie nicht im ausreichenden Ma\u00dfe von der Fixkostendegression und auch von sonstigen Skalenvorteilen profitieren. Dadurch w\u00fcrden bestimmte Alternativen, die sich u.U. sp\u00e4ter als \u00fcberlegen herausstellen w\u00fcrden, von vorneherein ausgesondert. Das Hayeksche Entdeckungsverfahren w\u00fcrde also erheblich eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das zu vermeiden und um eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Chance f\u00fcr die Erprobung alternativer L\u00f6sungsans\u00e4tze zu erm\u00f6glichen, m\u00fc\u00dfte bei der Beschaffung st\u00e4rker zwischen der Formulierung einer milit\u00e4rischen Wirkung und der Festlegung des technischen Weges zu ihrer Erreichung unterschieden werden. Soweit dies sachlich m\u00f6glich ist, sollte sich also der Auftraggeber darauf beschr\u00e4nken festzulegen, welches Problem zu l\u00f6sen ist, aber keinesfalls bereits im Detail bestimmen, auf welchem technischen Weg dies zu erfolgen hat. F\u00fcr dieselbe milit\u00e4rische Aufgabe k\u00f6nnten dann mehrere L\u00f6sungsans\u00e4tze parallel entwickelt und miteinander verglichen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da zunehmend technische Komponenten bei milit\u00e4rischen L\u00f6sungen eine gro\u00dfe Rolle spielen, die ihre urspr\u00fcngliche Verwendung im zivilen Bereich haben \u2013 wie etwa Software, Elektronik, Sensorik, k\u00fcnstliche Intelligenz und andere kommerziell verf\u00fcgbare technische Apparaturen \u2013, darf der Anbieterkreis nicht auf traditionelle R\u00fcstungsunternehmen beschr\u00e4nkt bleiben. Freilich werden letztere nach wie vor als Anbieter ben\u00f6tigt, da die Entwicklung und Integration komplexer Plattformen erhebliche technologische Kompetenzen und Kapital erfordert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit anderen Worten: Eine adaptive Verteidigungsarchitektur erfordert den Abbau von Marktzutrittsschranken \u00fcberall dort, wo diese nicht durch zwingende milit\u00e4rische oder sicherheitspolitische Gr\u00fcnde gerechtfertigt sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2. Institutionalisierung von Experiment und R\u00fcckkopplung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wettbewerb bringt Inventionen hervor, deren milit\u00e4rischer Wert allerdings unter realit\u00e4tsnahen Bedingungen erprobt werden mu\u00df. Eine wichtige Eigenschaft einer adaptiven Verteidigungsarchitektur besteht daher in der systematischen Organisation von Experimenten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies erfordert eine engere Verbindung zwischen milit\u00e4rischen Anwendern und Entwicklern. So hat der milit\u00e4rische Anwender Wissen \u00fcber Einsatzbedingungen und praktische Probleme, das sich h\u00e4ufig nur unvollst\u00e4ndig in technischen Spezifikationen abbilden l\u00e4\u00dft. Der Entwickler wiederum kann aus dieser Beobachtung eine technische L\u00f6sung ableiten, die dem Anwender selbst nicht bekannt sein mu\u00df. Einen besonderen Stellenwert kommt dabei der Geschwindigkeit zu, mit der diese beiden Wissenskategorien miteinander verbunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Zusammenhang kann eine Betrachtung der Entwicklungen in der Ukraine hilfreich sein: Unter dem Druck des Krieges wurden mit BRAVE1 und BRAVE1 Market institutionalisierte Schnittstellen zwischen milit\u00e4rischen Einheiten und privaten Entwicklern geschaffen und damit die Zulassungs- sowie Erprobungsverfahren in bestimmten Technologiebereichen erheblich verk\u00fcrzt. Hier zeigt sich der Wert kurzer R\u00fcckkopplungsschleifen zwischen Einsatz, Entwicklung, Erprobung und erneuter Anpassung. Daraus folgt nicht, da\u00df die entsprechenden Strukturen ohne Ver\u00e4nderungen auf Deutschland \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Verhaltensroutinen, die unter den Bedingungen eines existentiellen Krieges entstehen, werden durch andere rechtliche und politische Rahmenbedingungen kanalisiert als dies in einer Friedensgesellschaft der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Deutschland stellt sich deshalb die Frage, welche dieser Lernmechanismen bereits vor einem Konflikt institutionalisiert werden k\u00f6nnen. Denkbar w\u00e4ren begrenzte Experimentierbudgets auf Ebene milit\u00e4rischer Einheiten, regelm\u00e4\u00dfig stattfindende offene Erprobungsverfahren oder institutionalisierte Testumgebungen, in denen mehrere Anbieter L\u00f6sungen f\u00fcr dasselbe operative Problem unter vergleichbaren Bedingungen vorf\u00fchren k\u00f6nnen. Das Ergebnis eines solchen Verfahrens w\u00e4re nicht notwendig ein unmittelbar beschaffungsreifes Produkt, sondern best\u00fcnde oft in zus\u00e4tzlichen Erkenntnissen \u00fcber relevante Eigenschaften der verschiedenen L\u00f6sungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3. Modularit\u00e4t und offene Schnittstellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiterhin sind Anforderungen an die technische Architektur der zu beschaffenden Systeme zu stellen. Eine langfristige Beschaffung ist insbesondere dann als problematisch anzusehen, wenn mit der Entscheidung f\u00fcr eine Plattform zugleich die technischen Entscheidungen \u00fcber ihre Komponenten f\u00fcr Jahrzehnte festgeschrieben werden. Sind etwa Sensorik, Software, Kommunikation und andere Komponenten propriet\u00e4r miteinander verbunden, dann endet der Wettbewerb zwischen verschiedenen L\u00f6sungen faktisch mit der Entscheidung f\u00fcr das Gesamtsystem. Der urspr\u00fcngliche Anbieter erh\u00e4lt aufgrund der technischen Abh\u00e4ngigkeiten eine privilegierte Stellung bei Wartung, Ersatzteilen und Modernisierung. Es entseht ein Lock-in-Effekt; ein Wechsel einzelner Komponenten wird schwierig oder wirtschaftlich unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch Modularit\u00e4t l\u00e4\u00dft sich die Wirkung dieses Lock-in-Effekts reduzieren. Soweit milit\u00e4rische und sicherheitstechnische Anforderungen dies zulassen, sollten Plattformen \u00fcber standardisierte und offene Schnittstellen verf\u00fcgen, die den Austausch oder die Weiterentwicklung einzelner Komponenten ohne hohe Kosten erm\u00f6glichen. Ein Panzer, ein Schiff oder ein anderes komplexes System k\u00f6nnte dann eine vergleichsweise langlebige Plattform bilden, w\u00e4hrend Sensoren, Kommunikationsmodule oder Software in erheblich k\u00fcrzeren Zyklen ersetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Modularit\u00e4t w\u00fcrde es erm\u00f6glichen, da\u00df der Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Anbietern zeitlich verl\u00e4ngert w\u00fcrde und nicht allein bei der urspr\u00fcnglichen Auswahl eines Gro\u00dfsystems stattf\u00e4nde, sondern w\u00e4hrend seiner Nutzungsdauer auf der Ebene einzelner Komponenten fortgesetzt werden w\u00fcrde. Gerade unter Bedingungen unterschiedlich langer technologischer Lebenszyklen erscheint eine solche Trennung bedeutsam: Die Nutzungsdauer einer Plattform stimmt nicht zwangsl\u00e4ufig mit der Innovationsgeschwindigkeit ihrer Software oder Sensorik \u00fcberein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>4. Von der R\u00fcstungsreserve zur Produktionsreserve<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der traditionellen Verteidigungsplanung wird Reserve vor allem als Bestand begriffen: So werden Munition, Ersatzteile, Fahrzeuge oder andere G\u00fcter in Friedenszeiten beschafft und eingelagert, um sie im Konfliktfall einsetzen zu k\u00f6nnen. Derartige Best\u00e4nde sind unverzichtbar, da sie zum einen eine Abschreckungswirkung entfalten und da sie zum anderen die Verteidigungsbereitschaft zu Beginn eines milit\u00e4rischen Konflikts gew\u00e4hrleisten. Allerdings weisen sie den Nachteil der schnellen Obsolenz auf, zumal nur milit\u00e4rische Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde beschafft werden k\u00f6nnen, die den gegenw\u00e4rtigen technologischen Stand abbilden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit zunehmender technologischer Unsicherheit gewinnt deshalb neben dem Bestand die F\u00e4higkeit zur sp\u00e4teren Produktion an vornehmlicher Bedeutung. Eine adaptive Verteidigungsarchitektur erfordert somit neben einer R\u00fcstungsreserve eine Produktionsreserve, die neben Fertigungsanlagen und qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften auch belastbare Zulieferketten umfa\u00dft. Ihr Zweck liegt darin, nicht ausschlie\u00dflich ein heute spezifiziertes Gut verf\u00fcgbar zu halten, sondern schnelle und wirkungsvolle M\u00f6glichkeiten zu schaffen, Varianten herstellen zu k\u00f6nnen, die sich erst aufgrund zuk\u00fcnftiger Erfahrungen als \u00fcberlegen erweist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus \u00f6konomischer Sicht handelt es sich dabei um ein Optionsgut, das auf dem Markt allerdings nicht ohne staatliche Initiative entstehen d\u00fcrfte. So ist davon auszugehen, da\u00df Produktionsanlagen, die nur im Krisenfall ben\u00f6tigt werden, im Frieden unrentabel sein w\u00fcrden, es sei denn, sie lie\u00dfen sich ohne gro\u00dfe R\u00fcstkosten umstellen. Aufgrund der zu vermutenden Spezifit\u00e4t der Investitionen, der langfristigen Unsicherheit und der strategischen Abh\u00e4ngigkeiten von einem Nachfrager w\u00fcrden den Anbietern erhebliche Transaktionskosten entstehen (Williamsons 1975, 1985), die staatliche Garantien, l\u00e4ngerfristige Vertr\u00e4ge oder die Finanzierung ungenutzter Kapazit\u00e4ten rechtfertigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Produktion in milit\u00e4risch relevanten Gr\u00f6\u00dfenordnungen verlangt in der Regel zentrale Koordination. Ein im Versuch erfolgreiches Waffensystem erzeugt noch keine relevante milit\u00e4rische F\u00e4higkeit, wenn lediglich einige Prototypen verf\u00fcgbar sind. Vielmehr m\u00fcssen erfolgreiche L\u00f6sungen zertifiziert, standardisiert, finanziert und in gro\u00dfer Zahl hergestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorgehaltenen Produktionskapazit\u00e4ten erm\u00f6glichen eine schnelle Skalierung von milit\u00e4rischen L\u00f6sungen, die sich \u2013 initiiert durch die zuvor geschilderten Eigenschaften einer adaptiven Verteidigungsarchitektur, die dezentrale Inventionsanreize setzt \u2013 zuk\u00fcnftig als \u00fcberlegen herausstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Versorgungssicherheit und Skalierbarkeit werden damit selbst zu Leistungen, die durch den Staat zu finanzieren w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Bundesrepublik bedeuten diese \u00dcberlegungen folgendes: Werden zus\u00e4tzliche Mittel ausschlie\u00dflich in Bestandskapital \u2013 also in die unmittelbar verf\u00fcgbaren Waffen, die Munition usw. gelenkt \u2013, erh\u00f6ht dies zweifellos die gegenw\u00e4rtig verf\u00fcgbare milit\u00e4rische Ausstattung und hat sicherlich eine bestimmte Abschreckungswirkung. Freilich werden diese Ressourcen in Technologien gebunden, deren zuk\u00fcnftiger milit\u00e4rischer Wert unter hoher technologischer Unsicherheit nur begrenzt vorhersehbar ist. Es m\u00fc\u00dfte also ein Teil der verf\u00fcgbaren Ressourcen gerade dazu verwendet werden, zuk\u00fcnftige Handlungsm\u00f6glichkeiten offenzuhalten, indem konkurrierende Entwicklungen erm\u00f6glicht, experimentelle Beschaffungsvorg\u00e4nge umgesetzt, Waffensysteme mit offenen Schnittstellen beschafft, reservierte Produktionskapazit\u00e4ten finanziert, alternative Zulieferer eingebunden und R\u00fcckkopplungsmechanismen zwischen milit\u00e4rischen Anwendern und Entwicklern institutionalisiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine adaptive Verteidigungsarchitektur erm\u00f6glicht es angesichts des beschriebenen Wissensproblems nicht, den technologischen Verlauf des n\u00e4chsten Krieges vorherzusagen, aber sie gew\u00e4hrleistet, da\u00df mit dieser Ungewi\u00dfheit zielf\u00fchrend umgegangen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer adaptiven Verteidigungsordnung w\u00fcrde daher dem Staat die folgende Rolle zukommen: Er mu\u00df dort langfristige Verbindlichkeit schaffen, wo spezifische Investitionen, Versorgungssicherheit und Produktionskapazit\u00e4ten dies erfordern. Zugleich mu\u00df er dort Offenheit bewahren, wo zuk\u00fcnftige technische L\u00f6sungen heute noch nicht bekannt sein k\u00f6nnen. Die institutionelle Herausforderung liegt mithin nicht in der Entscheidung zwischen Markt und staatlicher Planung, sondern in ihrer sachgerechten Zuordnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bento, P. (2014). <em>Competition as a discovery procedure: Schumpeter meets Hayek in a model of innovation<\/em>. <em>American Economic Journal: Macroeconomics, 6<\/em>(3), 124\u2013152. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1257\/mac.6.3.124\">https:\/\/doi.org\/10.1257\/mac.6.3.124<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bondar, K. (2025a). <em>How Ukraine rebuilt its military acquisition system around commercial technology<\/em>. Center for Strategic and International Studies. Abgerufen am 3. September 2026 von https:\/\/csis-website-prod.s3.amazonaws.com\/s3fs-public\/2025-01\/250113_Bondar_Ukraine_Acquisition.pdf?VersionId=O4NwclUMH5YcqZeFA3tPOAPB_wwo2L_Z<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bondar, K. (2025b). <em>Unleashing U.S. military drone dominance: What the United States can learn from Ukraine<\/em>. Center for Strategic and International Studies. Abgerufen am 3. September 2026 von https:\/\/csis-website-prod.s3.amazonaws.com\/s3fs-public\/2025-07\/250718_Bondar_Drone_Dominance.pdf?VersionId=zRHgNNCFtg3X74fJ6MJ256xHimRWiZhR<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bronk, J., &amp; Watling, J. (2024). <em>Mass precision strike: Designing UAV complexes for land forces<\/em>. Royal United Services Institute. Abgerufen am 3. September 2026 von https:\/\/static.rusi.org\/mass-precision-strike-final.pdf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hayek, F. A. v. (1945). The use of knowledge in society. <em>American Economic Review, 35<\/em>(4), 519\u2013530.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hayek, F. A. v. (1968). <em>Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren<\/em>. <em>Kieler Vortr\u00e4ge, Neue Folge, 56<\/em>. Institut f\u00fcr Weltwirtschaft an der Universit\u00e4t Kiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hoffman, F. G. (2021). <em>Mars adapting: Military change during war<\/em>. Naval Institute Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kirzner, I. M. (1973). <em>Competition and entrepreneurship<\/em>. University of Chicago Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luttwak, E. N., &amp; Shamir, E. (2023). <em>The art of military innovation: Lessons from the Israel Defense Forces<\/em>. Harvard University Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Minniti, F., &amp; Pili, G. (2026, July 22). <em>Russia\u2019s selective adaptation: Command, control and the limits of learning in war<\/em>. Royal United Services Institute. Abgerufen am 3. September 2026 von https:\/\/www.rusi.org\/explore-our-research\/publications\/commentary\/russias-selective-adaptation-command-control-and-limits-learning-war<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schumpeter, J. A. (1942). <em>Capitalism, socialism and democracy<\/em>. Harper &amp; Brothers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tattar, M. A. (2025). <em>Innovation and adaptation in war<\/em>. The MIT Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Watling, J., &amp; Reynolds, N. (2025). <em>Tactical developments during the third year of the Russo?Ukrainian War<\/em>. Royal United Services Institute. Abgerufen am 3. September 2026 von https:\/\/static.rusi.org\/tactical-developments-third-year-russo-ukrainian-war-february-2205.pdf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Watling, J., Danylyuk, O. V., &amp; Reynolds, N. (2024). <em>Preliminary lessons from Ukraine\u2019s offensive operations, 2022\u201323<\/em>. Royal United Services Institute. Abgerufen am 3. September 2026 von https:\/\/static.rusi.org\/lessons-learned-ukraine-offensive-2022-23.pdf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Williamson, O. E. (1975). <em>Markets and hierarchies: Analysis and antitrust implications: A study in the economics of internal organization<\/em>. Free Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Williamson, O. E. (1985). <em>The economic institutions of capitalism: Firms, markets, relational contracting<\/em>. Free Press.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesrepublik Deutschland braucht eine adaptive Verteidigungsarchitektur, die milit\u00e4rische Innovations- und Anpassungsf\u00e4higkeit auch unter hoher technologischer Ungewi\u00dfheit erh\u00e4lt.<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":32,"featured_media":44985,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2359],"tags":[1747,4965],"class_list":["post-44983","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-militaerisches","tag-daumann","tag-verteidigungsarchitektur"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - 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