{"id":4981,"date":"2011-01-07T07:41:11","date_gmt":"2011-01-07T06:41:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4981"},"modified":"2011-01-07T08:17:36","modified_gmt":"2011-01-07T07:17:36","slug":"ist-gier-schlechtwarum-egoismus-nicht-unser-groesstes-problem-und-homo-oeconomicus-immer-noch-quicklebendig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4981","title":{"rendered":"Ist Gier schlecht?<br\/><small>Warum Egoismus nicht unser gr\u00f6\u00dftes Problem und homo oeconomicus immer noch quicklebendig ist<\/small>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Homo oeconomicus in der Theorie<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Seit zehn, f\u00fcnfzehn Jahren hat homo oeconomicus es nicht mehr so leicht wie fr\u00fcher. Die Verhaltens\u00f6konomie fordert ihn immer wieder heraus. Sie zeigt, beispielsweise im Experiment, immer wieder da\u00df Menschen sich gar nicht so verhalten wie sie es t\u00e4ten, wenn sie homines oeconomici w\u00e4ren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vieles von dem, was dann alle paar Wochen jeweils montags im Handelsblatt als neuerlicher Todessto\u00df f\u00fcr die \u00f6konomische Verhaltenshypothese berichtet wird, basiert dann aber schlicht auf Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen. Wenn Menschen zum Beispiel nicht vollst\u00e4ndig informiert sind, dann spricht das nicht gegen die \u00f6konomische Verhaltenshypothese, sondern eher f\u00fcr sie, denn Informationsbeschaffung und -verarbeitung sind kostspielig, vollst\u00e4ndige Information also mithin v\u00f6llig irrational. Wenn Menschen komplexe Entscheidungssituationen nicht vollst\u00e4ndig erfassen gilt etwas \u00c4hnliches. Denn auch kognitive Leistungen sind mit Opportunit\u00e4tskosten verbunden, so da\u00df es hier und da v\u00f6llig vern\u00fcnftig ist, sich auf Heuristiken zu verlassen oder von Institutionen leiten zu lassen.<\/p>\n<p>Dann ist da nat\u00fcrlich noch die strikte Eigennutzannahme. Zugegeben, \u00fcber lange Zeit hat die \u00f6konomische Theorie hier fast immer auf die Annahme des gegenseitigen Desinteresses gesetzt \u2013 man maximiert seine eigene Nutzenfunktion, in der die Wohlfahrt des Nachbarn nicht vorkommt. Das mag erstaunen, wenn man bedenkt, da\u00df bereits <em>Adam Smith<\/em> in seiner Theory of Moral Sentiments das menschliche Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen betonte und die damit verbundene F\u00e4higkeit, fremdes Verhalten aus der Perspektive eines unabh\u00e4ngigen Beobachters zu bewerten und damit zu rechnen, da\u00df Andere das eigene Verhalten ebenso beurteilen. Lange vor allen soziologischen Sozialisationstheorien hatten die \u00d6konomen damit eine Idee davon, wie es zur Verinnerlichung sozialer Normen kommt: Homo oeconomicus bringt gerade wegen seiner Eigennutzorientierung auch eine Neigung zur Hilfsbereitschaft und ein Verst\u00e4ndnis von Fairne\u00df mit, denn er hat ein Interesse daran, von seinen Mitmenschen wohlwollend beurteilt zu werden.<\/p>\n<p>Wenn also \u00fcber lange Jahrzehnte beispielsweise Altruismus in \u00f6konomischen Modellen kaum vorkam, so lag das wohl nicht unbedingt am homo oeconomicus an und f\u00fcr sich, sondern eher daran, da\u00df Altruismus f\u00fcr die untersuchten Fragestellungen \u2013 Preistheorie und \u00e4hnliche grunds\u00e4tzliche Dinge \u2013 zun\u00e4chst mal keine Rolle zu spielen schien. Auf der anderen Seite haben zum Beispiel <em>Harold Hochman<\/em> und <em>James Rodgers<\/em> bereits 1969 \u2013 also lange vor dem Aufstieg der modernen Verhaltens\u00f6konomik \u2013 ein theoretisches Modell ver\u00f6ffentlicht, in dem sie Einkommensumverteilung damit erkl\u00e4ren, da\u00df die relativ Reichen ein Interesse am Konsumniveau der relativ Armen haben. Es gibt also bereits eine lange Tradition, homo oeconomicus auch mit Empathie oder zumindest einem wohlbegr\u00fcndeten Interesse f\u00fcr die Wohlfahrt seiner Nachbarn auszustatten. N\u00e4mlich immer dann, wenn Empathie f\u00fcr den theoretisch zu untersuchenden Sachverhalt auch tats\u00e4chlich von Bedeutung sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Angesichts seiner Allgemeinheit und seiner Anwendbarkeit auf unterschiedlichste Fragestellungen erscheinen Nachrichten vom Ende des \u00f6konomischen Verhaltensmodells also als stark \u00fcbertrieben, jedenfalls dann, wenn man sich von der allzu simplen Vorstellung verabschiedet, homo oeconomicus sei der alles wissende, stets alles berechnende, an schwerem Autismus leidende Rationalclown. Denn eigentlich ist er nur jemand, der auf der Grundlage seiner Pr\u00e4ferenzen und seines Wissens \u00fcber die Welt vern\u00fcnftig und damit berechenbar handelt (siehe auch <em>Kirchg\u00e4ssner<\/em> 2008).<\/p>\n<p>Damit soll nicht abgestritten werden, da\u00df etwa in Experimenten oft ein Verhalten nachgewiesen wird, das mit der \u00f6konomischen Verhaltenshypothese kaum zu vereinbaren ist. Man denke beispielsweise an den sogenannten Besitztumseffekt: Menschen bewerten oft ein und dieselbe Sache h\u00f6her, wenn sie diese besitzen als in einer Situation, in der Andere \u00fcber diese Sache verf\u00fcgen. Nur: Oft sind solche Anomalien f\u00fcr die Prognose aggregierter Marktergebnisse nicht wirklich entscheidend. Ist der Besitztumseffekt ein Hindernis auf dem Weg zu einem ohnehin nur theoretisch denkbaren, perfekten Tauschgleichgewicht? Sicher! \u00c4ndert er etwas daran, da\u00df normalerweise die Preise steigen, wenn das Angebot sinkt? Wohl nicht.<\/p>\n<p>Es ist also wohl so, da\u00df das \u00f6konomische Verhaltensmodell, wie <em>Feyerabend<\/em> (1976) so sch\u00f6n schrieb, in einem \u201eMeer von Anomalien\u201c schwimmt. Aber in solchen Meeren schwimmt fast jeder theoretische Erkl\u00e4rungsansatz in den empirischen Wissenschaften, und homo oeconomicus ist bisher nicht ertrunken. Das liegt sicherlich vor allem daran, da\u00df eine erfolgversprechendere Alternative mit der F\u00e4higkeit zu pr\u00e4ziseren Prognosen und mit einem umfangreicheren Anwendungsbereich bisher nicht in Sicht ist. Was nicht ist, kann zwar irgendwann noch werden. Im Moment aber steht ein Nachfolger des \u00f6konomischen Verhaltensmodells sicherlich noch nicht bereit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Homo oeconomicus im richtigen Leben<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es passiert heutzutage tats\u00e4chlich, da\u00df B\u00fccher mit Titeln wie Die Kunst, kein Egoist zu sein zu Verkaufsschlagern werden. Auf der anderen Seite berichtet der Deutsche Spendenrat, da\u00df in Deutschland im Jahr 2009 etwa 2,1 Milliarden Euro f\u00fcr anerkannt gemeinn\u00fctzige Zwecke gespendet wurden. Dazu kommen Aufwendungen, die hier gar nicht erfasst werden, wie etwa ehrenamtlich eingesetzte Zeit oder betr\u00e4chtliche informelle Hilfeleistungen, die in keiner Spendenstatistik auftauchen. Es scheint also, als w\u00e4re Egoismus schon deshalb kein besonders dr\u00e4ngendes Problem, weil die B\u00fcrger hierzulande nicht besonders egoistisch sind. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man das Spendenaufkommen vielleicht noch etwas erh\u00f6hen. In den USA gibt es beispielsweise mehr Philanthropie pro Kopf, aber dort zahlt man ja auch weniger Steuern.<\/p>\n<p>Wieso also glauben so viele Leser dennoch, da\u00df sie gute Ratschl\u00e4ge brauchen, um von ihrem Egoismus loszukommen? Wahrscheinlich gr\u00fcndet schon diese Frage auf einem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, denn die schlechte Eigennutzorientierung ist nat\u00fcrlich immer die Eigennutzorientierung der Anderen. Das Problem ist, da\u00df Eigennutzorientierung, gerne auch versch\u00e4rft als Egoismus oder Gier bezeichnet, im \u00f6ffentlichen Diskurs zu einer residualen Universalerkl\u00e4rung f\u00fcr alle Dinge geworden ist, die in der Gesellschaft nicht funktionieren und f\u00fcr deren Scheitern es keine andere einfache Erkl\u00e4rung gibt. Dabei kommt es manchmal auch zu seltsamen Konstellationen: Die Ursache f\u00fcr die Finanzkrise beispielsweise wird nicht selten von den gleichen Leuten in \u201ehemmungsloser Gier\u201c gesehen, die kurz darauf in methodischen Diskussionen die \u00d6konomen auffordern, doch endlich diesen unrealistischen homo oeconomicus zu beerdigen.<\/p>\n<p>Man sollte in dieser Diskussion jedenfalls nicht vergessen, da\u00df das gleiche Motiv der Gewinnmaximierung, das zur Erfindung von credit default swaps und Ramschhypotheken f\u00fchrte auch der Antrieb war, als es im Elberfeld des ausgehenden 19. Jahrhunderts darum ging, die Reinsynthese von Acetylsalicyls\u00e4ure zu erm\u00f6glichen. Und vor allem sollte man nicht vergessen, da\u00df auch die Instrumente, die zu Krisen f\u00fchren, sinnvolle Anwendungen haben. Die M\u00f6glichkeit zur Versicherung von Kreditrisiken ist schlie\u00dflich zun\u00e4chst einmal sehr hilfreich. Ganz allgemein gilt auf M\u00e4rkten, auf denen alle Transaktionen freiwillig sind, schlie\u00dflich: Man stillt seine Gier nach Gewinnen nur, wenn man Dinge oder Dienste anbietet, die f\u00fcr andere n\u00fctzlich sind. Wenn das aber der Fall ist, dann kann Gier nicht besonders problematisch sein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich: Die Spielregeln m\u00fcssen stimmen. Wenn es den beiden Transaktionspartnern m\u00f6glich ist, die mit ihren Gewinnen verbundenen Kosten auf Dritte zu externalisieren, dann hat man ein Problem. Deshalb bl\u00e4ut man den Studierenden in Vorlesungen zur Wirtschaftsordnung schlie\u00dflich immer wieder ein, da\u00df die Spielregeln so gestaltet werden m\u00fcssen, da\u00df ein solches Externalisieren schwierig bis unm\u00f6glich ist. So weit, so trivial. Jedoch \u2013 wie macht man das im Einzelfall?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Gier, das Wissen und die Spielregeln<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Genau hier, bei den Spielregeln, liegt die eigentliche Schwierigkeit. Nicht Egoismus, nicht Gier ist auf M\u00e4rkten das Problem. In der Politik ist das \u00fcbrigens anders, denn da wo es nicht um freiwillige Transaktionen geht, sondern um die mit der Drohung monopolisierter Gewalt erzwungene Verteilung von Ressourcen, da ist Gier sehr wohl und sehr unmittelbar ein Problem. Auf M\u00e4rkten ist das Problem aber nicht der Egoismus, sondern das begrenzte Wissen.<\/p>\n<p>Man gr\u00fcbelt dar\u00fcber nach, wie man seinen Gewinn maximieren kann. Man \u00fcberlegt sich also, was f\u00fcr andere Marktteilnehmer n\u00fctzlich sein kann und wie hoch wohl deren Zahlungsbereitschaft w\u00e4re. Dann f\u00e4llt einem irgendwann etwas ein, vielleicht ein neues Finanzinstrument, vielleicht auch ein neue, hocheffiziente Solaranlage \u2013 was auch immer. Und dann geht m\u00f6glicherweise etwas schief: das Finanzinstrument verursacht eine Finanzkrise, die Solaranlage verursacht massenhaft brennende Dachst\u00fchle. In beiden F\u00e4llen ist man hinterher kl\u00fcger und \u00e4ndert die Spielregeln, so da\u00df der sinnvolle Einsatz beider Neuerungen weiter m\u00f6glich, der gef\u00e4hrliche Einsatz aber ausgeschlossen ist.<\/p>\n<p>Viel von dem, was in der \u00f6ffentlichen Diskussion in j\u00fcngerer Zeit dem Eigennutzstreben, dem Egoismus oder gar der Gier angelastet wird, hat m\u00f6glicherweise vielmehr etwas mit gesellschaftlichen Lernprozessen zu tun. Gewinnstreben ist zun\u00e4chst einmal vor allem verantwortlich, soweit es etwas Neues hervorbringt. Das wollen und begr\u00fc\u00dfen wir ja \u00fcblicherweise auch, denn Fortschritt w\u00e4re anders kaum zu bekommen. Fortschritt, das Auftreten von Neuerungen, konfrontiert uns aber immer auch mit den Grenzen unseres Wissens \u00fcber Wirkungen und Nebenwirkungen dieser Neuerungen. Der Rest ist dann Lernen aus Fehlern, und idealerweise eine vern\u00fcnftige Anpassung der Spielregeln als Reaktion auf diese Fehler.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><em>Feyerabend, Paul<\/em> (1976). Wider den Methodenzwang, Frankfurt a.M., Suhrkamp.<\/p>\n<p><em>Hochman, Harold &amp; Rodgers, James <\/em>(1969). \u201ePareto optimal redistribution\u201c, American Economic Review 59: 542-557.<\/p>\n<p><em>Kirchg\u00e4ssner, Gebhard<\/em> (2008). Homo Oeconomicus, 3., erw. und erg. Aufl., T\u00fcbingen, Mohr Siebeck.<\/p>\n<p><em>Smith, Adam<\/em> (1790). The Theory of Moral Sentiments, 6th ed., London, Millar, online abrufbar <a href=\"http:\/\/www.econlib.org\/library\/Smith\/smMS.html\" target=\"blank\">unter<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Homo oeconomicus in der Theorie Seit zehn, f\u00fcnfzehn Jahren hat homo oeconomicus es nicht mehr so leicht wie fr\u00fcher. 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