{"id":5544,"date":"2011-03-25T06:51:30","date_gmt":"2011-03-25T05:51:30","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5544"},"modified":"2011-03-25T07:21:27","modified_gmt":"2011-03-25T06:21:27","slug":"die-chefoekonomenmaschinen-und-anlagenbau-im-konjunkturzyklus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5544","title":{"rendered":"<small>Der Chefvolkswirt<\/small><br\/>Maschinen- und Anlagenbau im Konjunkturzyklus"},"content":{"rendered":"<p>In Konjunkturgespr\u00e4chen rund um den Maschinen- und Anlagenbau kommen regelm\u00e4\u00dfig zwei Fragen hoch: Erstens, in welcher Phase der Konjunktur befindet sich die Branche aktuell? Zweitens, welche Teilbranchen sind Vorreiter, welche Nachz\u00fcgler im Zyklus? Mit dem VDMA Konjunkturmonitor wird im Folgenden ein Ansatz vorgestellt, mit dem wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig praxisnah Antworten auf diese beiden Fragen gegeben werden k\u00f6nnen. Die Grundlagen sind dabei der klassische Zyklus und der Wachstumszyklus.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1. Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Die kollektive Tal- und Bergfahrt der deutschen Wirtschaft in den Jahren 2009 und 2010 darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass wohl kaum eine andere Branche regelm\u00e4\u00dfig so ausgepr\u00e4gten konjunkturellen Ausschl\u00e4gen unterworfen ist wie der Maschinen- und Anlagenbau. Der Takt f\u00fcr die reinrassige Investitionsg\u00fcterindustrie wird vorgegeben von den weltweiten Ausr\u00fcstungsinvestitionen, deren K\u00e4ufer sehr sensibel auf \u00c4nderungen des wirtschaftlichen und politischen Umfeldes oder auch nur Stimmungseintr\u00fcbungen und -aufhellungen reagieren. Als au\u00dferordentlich heterogener, mit allen Wirtschaftsbereichen lieferm\u00e4\u00dfig verflochtener Ausr\u00fcster m\u00fcssen die einzelnen Teilbranchen zudem h\u00f6chst unterschiedlichen nachfrage- und angebotsseitigen Ver\u00e4nderungen Rechnung tragen, und das auf Grund der \u00fcberdurchschnittlich hohen Exportabh\u00e4ngigkeit nicht nur national, sondern weltweit. Die Verortung des Maschinen- und Anlagenbaus im Allgemeinen in den Konjunkturzyklus sowie die Gruppierung der unterschiedlichen Teilbranchen in Fr\u00fch- und Sp\u00e4tzykliker hat folgerichtig in den Unternehmen, bei Branchengespr\u00e4chen und im Verband einen hohen Stellenwert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2. Zur Messung von Konjunkturschwankungen<\/strong><\/p>\n<p>In Ermangelung einer einheitlichen Definition von Konjunktur gibt es unterschiedliche Ans\u00e4tze, diese zu messen. Im Folgenden werden zwei Konjunktur-Konzepte aufgegriffen: der klassische Konjunkturzyklus und der Wachstumszyklus. Beim klassischen Zyklus werden Schwankungen der Wirtschaftst\u00e4tigkeit in Ver\u00e4nderungen von absoluten Niveaugr\u00f6\u00dfen betrachtet: Im Aufschwung sind die Wachstumsraten positiv, im Abschwung negativ. Wenn die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t im Trend zunimmt, dauern Aufschwungphasen typischerweise l\u00e4nger als Abschwungphasen (vgl. <em>Nierhaus\/Sturm<\/em>, 2003, S. 8). Eine Verlangsamung der Konjunktur wird nicht als konjunktureller R\u00fcckgang gewertet, solange (aufgrund eines stark ansteigenden Trends) die Wachstumsrate noch positiv ist. Bei diesem Konzept erfolgt eine konjunkturelle Einteilung typischerweise in die Phasen \u201eRezession\u201c (negative Wachstumsrate) und \u201ekeine Rezession\u201c (vgl. <em>van Ruth<\/em>, 2010, S. 8).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Abbildung 1: Klassischer Konjunkturzyklus und Wachstumszyklus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/maschinenbau.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Maschinenbau\" src=\"\/wordpress\/bilder\/maschinenbau.jpg\" alt=\"Maschinenbau\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Beim Wachstumszyklus werden hingegen Abweichungen der Wirtschaftst\u00e4tigkeit vom \u201ePotenzialoutput\u201c betrachtet: Im Aufschwung ist die Wachstumsrate gr\u00f6\u00dfer als die des Potenzials, im Abschwung ist sie geringer. Ma\u00dfstab ist beim Wachstumszyklus also letztendlich die Kapazit\u00e4tsauslastung. Befindet sich der Output unter dem Produktionspotenzial, liegt Unterauslastung vor, liegt er \u00fcber dem Potenzial herrscht \u00dcberauslastung. Das Konzept des Wachstumszyklus unterstellt implizit, dass sich der Trend von der Konjunktur trennen l\u00e4sst. Die Trennung dieser nicht beobachtbaren Komponenten kann jedoch mit unterschiedlichen Ans\u00e4tzen erfolgen. Je nach Wahl des Verfahrens kann somit eine andere Konjunktur resultieren. Mit dem Wachstumszyklus l\u00e4sst sich eine Einteilung in die Phasen Aufschwung, Boom, Rezession und Abschwung vornehmen.<\/p>\n<p>Auch die Datierung der Wendepunkte unterscheidet sich je nach Konzept: Wird die Konjunktur idealtypisch als Sinusschwingung um einen linearen Trend dargestellt, liegen die oberen Wendepunkte von Wachstumszyklen vor denen der klassischen Zyklen. Die unteren Wendepunkte von Wachstumszyklen laufen hingegen denen des klassischen Zyklus nach (vgl. Abb. 1) (vgl. <em>Nierhaus\/Sturm<\/em>, 2003, S. 8). Hat man sich f\u00fcr ein Zykluskonzept entschieden, besteht noch die Schwierigkeit, die konjunkturellen Wendepunkte zu ermitteln. Im idealtypischen Fall einer Sinusschwingung w\u00e4re dies kein Problem. De facto ist man jedoch mit teils starken Volatilit\u00e4ten konfrontiert, und weder Zyklusl\u00e4nge noch Amplitude sind in aufeinanderfolgenden Zyklen identisch. Auch deshalb findet man in der Praxis sehr unterschiedliche Vorgehensweisen zur Bestimmung von Konjunkturphasen.<\/p>\n<p>Eine sehr einfache Methode ist die sog. \u201etechnische Rezession\u201c. Von ihr spricht man, wenn in einer Volkswirtschaft das (preis- und saisonbereinigte) Bruttoinlandsprodukt in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Quartalen zur\u00fcckgeht. Ber\u00fccksichtigt wird hier jedoch nicht die St\u00e4rke des R\u00fcckgangs, und eine Deklaration kann naturgem\u00e4\u00df erst erfolgen, wenn die zweimal in Folge zur\u00fcckgegangenen Quartalsdaten vorliegen (vgl. <em>Oltmanns<\/em>, 2009, S. 963f.). In den USA ermittelt das Business Cycle Dating Committee am National Bureau of Economic Research (NBER) die konjunkturellen Wendepunkte der Wirtschaft. Die involvierten Wissenschaftler deklarieren eine Rezession, wenn die Aktivit\u00e4t \u00fcber die gesamte Wirtschaft deutlich und f\u00fcr mehr als nur einige Monate zur\u00fcckgeht. Die Datierung erfolgt hier mit einer gro\u00dfen zeitlichen Verz\u00f6gerung von bis zu zwei Jahren.<\/p>\n<p>Basierend auf der NBER-Methodologie wurde von Bry und Boschan eine Prozedur entwickelt, die in einem mehrstufigen Verfahren anhand von festgelegten Kriterien konjunkturelle Wendepunkte datiert. So muss ein Konjunkturzyklus mindestens 15 Monate lang sein, damit er als ein solcher anerkannt wird, und Aufschwung sowie Abschwung m\u00fcssen jeweils mindestens f\u00fcnf Monate andauern. Auch mit diesem Verfahren kann am aktuellen Rand keine Aussage \u00fcber die konjunkturelle Phase getroffen werden. (vgl. <em>Lucke<\/em>, 1996, S. 7f.). W\u00e4hrend die genannten Methoden auf dem klassischen Konjunkturzyklus basieren, st\u00fctzt sich das Konzept des Sachverst\u00e4ndigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auf den Wachstumszyklus. Der Sachverst\u00e4ndigenrat sch\u00e4tzt mit Hilfe einer gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion das Produktionspotenzial bzw. die Output-L\u00fccke. Nach diesem Konzept setzt eine ausgepr\u00e4gte konjunkturelle Schw\u00e4chephase ein, wenn die relative Output-L\u00fccke (also die prozentuale Abweichung des Bruttoinlandsprodukts vom Produktionspotenzial) um mindestens zwei Drittel der jeweiligen Potenzialwachstumsrate zur\u00fcckgeht und gleichzeitig die aktuelle Output-L\u00fccke negativ ist. Dieses Kriterium bezieht sich jedoch auf Jahresdaten, eignet sich also ebenfalls nicht f\u00fcr eine Analyse der konjunkturellen Lage am aktuellen Rand (vgl. <em>Oltmanns<\/em>, S. 964).<\/p>\n<p>Mit Hilfe des sog. Konjunkturmonitors wird hingegen mit relativ einfachen Mitteln versucht, auch am aktuellen Rand eine Aussage \u00fcber die konjunkturelle Lage und Entwicklung zu treffen. Wir haben uns deshalb dieses Konzeptes angenommen und m\u00f6chten es im Folgenden etwas detaillierter erl\u00e4utern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>3. Das Konstrukt des VDMA Konjunkturmonitors<\/strong><\/p>\n<p>Der VDMA nutzt das Konstrukt des Konjunkturmonitors in Anlehnung an das Vorgehen des Statistischen Bundesamtes (vgl. <em>Statistisches Bundesamt<\/em>, 2008), um f\u00fcr den deutschen Maschinenbau eine zumindest ungef\u00e4hre Einsch\u00e4tzung zu geben, in welcher konjunkturellen Phase sich der Maschinenbau insgesamt sowie die einzelnen Fachzweige, gemessen am Auftragseingang, befinden. Der Konjunkturmonitor wurde urspr\u00fcnglich vom Statistischen Zentralamt der Niederlande entwickelt. Er wird regelm\u00e4\u00dfig unter der Bezeichnung \u201eBusiness Cycle Tracer\u201c bzw. \u201eConjunktuurklok\u201c ver\u00f6ffentlicht. Zielsetzung ist, eine zeitnahe Indikation der wirtschaftlichen Lage zu geben und \u00f6konomische Beziehungen aufzuzeigen. Hierf\u00fcr werden verschiedene makro\u00f6konomische Indikatoren in einem Streudiagramm abgebildet. Die Verteilung der Indikatoren gibt dabei eine Indikation von Lage und Richtung der Konjunktur.<\/p>\n<p>Der Konjunkturmonitor verwendet als Konzept den Wachstumszyklus. Die Abweichungen der Trend-Konjunktur-Komponente vom langfristigen Trend werden somit als Konjunkturschwankungen interpretiert. Zur Ermittlung der Trend-Konjunktur-Komponente (auch \u201eglatte Komponente\u201c) wird die Originalreihe, hier der Auftragseingang des deutschen Maschinenbaus (vgl. Abb. 2), von Saison- und Kalendereinfl\u00fcssen sowie von irregul\u00e4ren Schwankungen bereinigt. Dies geschieht nach dem Vorgehen des niederl\u00e4ndischen Amtes mittels des Saisonbereinigungsverfahrens Census X-12-ARIMA des U.S. Bureau of the Census (das Statistische Bundesamt verwendet hierf\u00fcr abweichend das Verfahren BV4.1).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Abbildung 2: Auftragseingang im deutschen Maschinenbau<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/maschinenbau2.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Maschinenbau2\" src=\"\/wordpress\/bilder\/maschinenbau2.jpg\" alt=\"Maschinenbau2\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die resultierende Trend-Konjunktur-Komponente ist wiederum Basis f\u00fcr die Berechnung des langfristigen Trends. Dieser wird mit Hilfe eines Hodrick-Prescott-Filters ermittelt. In Anlehnung an das Statistische Bundesamt und das Statistische Zentralamt der Niederlande wird hierf\u00fcr ein sehr hoher Gl\u00e4ttungsparameter von \u00ce\u00bb=1.000.000 verwendet (\u00fcblich ist f\u00fcr Monatsdaten ein Wert von \u00ce\u00bb=14.400). Dieser hohe Wert basiert auf einer Studie der Niederl\u00e4ndischen Zentralbank, wonach ein starrer Trend realistischer ist bzw. bessere Eigenschaften aufweist. Er bewirkt weniger \u201eMini-Zyklen\u201c und reagiert relativ unempfindlich auf neu hinzukommende Beobachtungswerte (reduziertes Endpunkt-Problem) (vgl. <em>van Ruth\/Schouten\/Wekker<\/em>, 2005, S. 22 u. S. 26). W\u00e4re im Beispiel der langfristige Trend des Auftragseingangs des Maschinenbaus mittels eines Standard-Hodrick-Prescott-Filters berechnet worden, w\u00fcrde er am aktuellen Rand auf dem Niveau vom Herbst 2003 liegen. Dies w\u00e4re kein realistisches Abbild der Entwicklung des Produktionspotenzials. Durch die starre Variante verh\u00e4lt sich die Anpassung deutlich tr\u00e4ger. Der Trend ist hierdurch nur leicht zur\u00fcckgegangen und liegt aktuell auf dem Niveau vom Fr\u00fchjahr 2008.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Die Langfassung dieses Beitrages k\u00f6nnen Sie in der aktuellen Ausgabe der <a href=\"http:\/\/vahlen.becksche.de\/zneu\/vahlen\/zeitschriften.asp?SessionKey=&amp;zheft=2&amp;zeitschrift=WiSt&amp;ebene=4&amp;jahr_ausgewaehlt=2011\">WiSt (02\/2011)<\/a> nachlesen.<\/p>\n<p><strong>Michael Werner<\/strong> arbeitet als Referent in der Abteilung Volkswirtschaft und Statistik des VDMA in Frankfurt\/Main. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind \u00f6konometrische Analysen und Prognosen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Konjunkturgespr\u00e4chen rund um den Maschinen- und Anlagenbau kommen regelm\u00e4\u00dfig zwei Fragen hoch: Erstens, in welcher Phase der Konjunktur befindet sich die Branche aktuell? 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