{"id":58,"date":"2007-07-12T06:02:00","date_gmt":"2007-07-12T05:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=58"},"modified":"2007-07-12T06:04:46","modified_gmt":"2007-07-12T05:04:46","slug":"die-sakulare-tauschunganmerkungen-zur-theorie-religioser-markte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=58","title":{"rendered":"Die s\u00e4kulare T\u00e4uschung: Anmerkungen zur Theorie religi\u00f6ser M\u00e4rkte."},"content":{"rendered":"<p>Die Religion lebt. Und S\u00e4kularisierung ist eine Illusion. Es ist genau umgekehrt gekommen, wie es Marx, Nietzsche, Freud und die Religionskritik der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung erwartet haben: Die Annahme, wonach Modernisierungsprozesse mit Notwendigkeit zu einer Schw\u00e4chung der Religion und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu ihrem Verschwinden f\u00fchren m\u00fcssen, hat sich als falsch erwiesen. Der Prozess beschleunigter Globalisierung in vielen L\u00e4ndern Asiens liefert daf\u00fcr den Beweis. Satte Wohlstandsgewinne und robustes Wachstum seit Jahren haben mitnichten zu einem R\u00fcckgang religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen und Praktiken gef\u00fchrt. Im Gegenteil. Heute bekennen sich \u00fcber 80 Prozent der Inder zum hinduistischen Glauben. In Russland hat das Ende des Kommunismus nicht nur zu Wachstum, sondern auch zum Erstarken des orthodoxen Christentums gef\u00fchrt. Und in China wird der Konfuzianismus sogar von der \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c KP-F\u00fchrung selbst gest\u00e4rkt: Denn er steht f\u00fcr die Tugenden der Rechtschaffenheit, Sparsamkeit und Arbeitsmoral und verspricht eine Belohnung hierarchischer Unterordnung. In S\u00fcdamerika ist zwar das katholische Christentum im Niedergang begriffen. Dagegen finden Methodisten und Evangelikale (das so genannte \u201eHealth- und Wealth Gospel\u201c) immer mehr Anh\u00e4nger. \u00dcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen, dass zugleich weltweit der Islam einen nicht geahnten Aufschwung erlebt hat. Religion, so scheint es, ist ein Bed\u00fcrfnis der Armen und der Reichen, der Globalisierungsgegner und der Globalisierungsgewinner. Religion, die Bindung der Menschen an \u201edas Heilige\u201c, galt immer schon als ein anthropologisches Grundbed\u00fcrfnis. Das hat sich bis heute nicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nur Europa macht eine gro\u00dfe Ausnahme. Ausweislich der European Values Study ist der Prozess der Entkirchlichung (und auch der \u201eEntgl\u00e4ubigung\u201c) in vielen Staaten Europas bereits sehr weit fortgeschritten. Der Glaube an Gott geht dramatisch zur\u00fcck. Am hinteren Ende der Gl\u00e4ubigkeitsskala liegt Ostdeutschland: Dort ist religi\u00f6se W\u00fcste. Nur noch 25 Prozent der Ostdeutschen glauben an Gott (verglichen mit 94 Prozent der Polen, 92 Prozent der Iren, 73 Prozent der Schweizer und 65 Prozent der Westdeutschen); die H\u00e4ufigkeit des Kirchenbesuchs in Ostdeutschland tritt statistisch nicht mehr in Erscheinung (1991 lag sie bei 4 Prozent) . <small>[Vgl. Jos\u00c3\u00a9 Casanova: Die religi\u00f6se Lage in Europa. In: Hans Joas (Hg.): S\u00e4kularisierung und die Weltreligionen. Frankfurt 2007. Das Buch von Joas liefert einen vorz\u00fcglichen \u00dcberblick und die besten empirischen Daten \u00fcber die religi\u00f6se Praxis und die religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen der Menschen.]<\/small> Es ist insgesamt weit gekommen: Selbst von den Katholiken Europas geht weniger als die H\u00e4lfte regelm\u00e4\u00dfig sonntags zur Messe. Bei den Protestanten ist es nur noch ein Viertel.<\/p>\n<p>Der Vergleich Europas mit den eindrucksvollen Zahlen des Kirchenbesuchs in den Vereinigten Staaten, wo sich quer durch die Bekenntnisse \u2013 protestantisch, j\u00fcdisch, katholisch, moslemisch, hinduistisch, buddhistisch &#8211; eine erstaunliche Vitalit\u00e4t zeigt, verlangt nach einer neuen Erkl\u00e4rung. Denn der Verweis auf die \u00fcberkommene Theorie (und Entschuldigung) der S\u00e4kularisierung l\u00e4uft hohl, nachdem es sich zeigt, dass Europa die Ausnahme, Amerika aber der Normalfall ist. Lange hat man sich eingebildet, es sei umgekehrt: Zum \u201eamerican exceptionalism\u201c geh\u00f6rte im allgemein europ\u00e4ische-aufgekl\u00e4rten Weltbild auch der Verweis auf die \u2013 scheinbar merkw\u00fcrdig irrationale &#8211; Vielfalt seiner kirchlichen Denominationen: allen demokratischen und kapitalistischen Erfolgen zum Trotz. Jetzt dreht sich die Beweislast: Gezeigt werden muss, warum Europa gottlos und die Kirchen leer sind, w\u00e4hrend der Rest der Welt daran festh\u00e4lt, dass es gut und n\u00fctzlich sein kann, sein Leben auf das \u201eGanz andere\u201c (Gott) zu bauen.<\/p>\n<p>Das ist, gewiss nicht ohne \u00dcberraschung, die Stunde der \u00d6konomen. Denn die unterschiedliche Intensit\u00e4t des religi\u00f6sen Lebens rund um den Globus und die Frage, warum sich die Europ\u00e4er (abgesehen von wenigen Ausnahmen) gegen Religion und Glauben entschieden haben, h\u00e4ngt mit der unterschiedlichen institutionellen Verfasstheit der jeweiligen religi\u00f6sen M\u00e4rkte zusammen. Oder, um die im Folgenden ausf\u00fchrlich zu beschreibende Katze aus dem Sack zu lassen: Je offener und wettbewerblicher eine Gesellschaft religi\u00f6sen Angeboten ihren Raum l\u00e4sst, die religi\u00f6se Nachfrage der B\u00fcrger zu befriedigen, umso dynamischer wird das religi\u00f6se Leben ausfallen.<\/p>\n<p>Doch ist es \u00fcberhaupt statthaft Religion als einen Markt zu beschreiben? \u201eWarum nicht?\u201c, h\u00e4tte bereits Adam Smith (1723 bis 1790) geantwortet. Anders als der ihm sonst nahe stehende Aufkl\u00e4rer David Hume (1711 bis 1776), der Religion als Lebensl\u00fcge der Ungebildeten und Abergl\u00e4ubischen beschriebt, nahm Smith die religi\u00f6sen Pr\u00e4ferenzen der Menschen ernst, die er nicht hinterfragen oder abwerten wollte. Smith hat sich durchgesetzt: Religion bleibt ein Zentrum menschlicher Kultur und Zivilisation \u00fcber die Kontinente und \u00fcber die Jahrhunderte hinweg. M\u00f6gen die religi\u00f6sen Themen, die den Menschen wichtig sind, im kulturellen und historischen Wechsel sich wandeln, \u00fcber ihren Wahrheits- oder Illusionscharakter zu urteilen steht weder der \u00d6konomie noch der Philosophie zu. Die einen glauben an einen pers\u00f6nlichen Gott, die anderen nicht. Die einen glauben an ein Leben nach dem Tod, die anderen nicht. Vieles ist m\u00f6glich. Was eine Theorie religi\u00f6ser M\u00e4rkte hingegen zwingend erforschen muss ist die Frage, welche \u00f6konomischen Bedingungen Vielfalt und Dynamik des Religi\u00f6sen bef\u00f6rdern und welche sie unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr eine \u00f6konomische Analyse der Religion ist freilich, dass religi\u00f6ses Verhalten rationales Verhalten ist. Das werden viele bestreiten, gilt doch gerade Religion als das Andere der Vernunft, als ihr Gegensatz, gerichtet auf Transzendenz und Suprarationalit\u00e4t. Wer so argumentiert, verwechselt freilich die Rationalit\u00e4t religi\u00f6ser Praxis und religi\u00f6sen Glaubens mit der m\u00f6glichen Irrationalit\u00e4t religi\u00f6ser Gehalte. Es mag, um ein extremes Beispiel zu nehmen, den meisten Menschen ziemlich verr\u00fcckt vorkommen, dass islamische Selbstmordattent\u00e4ter ihr Leben und das vieler anderer mit ihrem Terror zerst\u00f6ren. Die Harvard-Politologin Louise Richardson hat indessen j\u00fcngst gezeigt, dass Selbstmordbomber ziemlich rationale Menschen sind, die pr\u00e4zise Kosten-Nutzen-Erw\u00e4gungen treffen nicht nur f\u00fcr den richtigen Zeitpunkt des Anschlags und die erw\u00fcnschten maximalen Effekte, sondern auch f\u00fcr ihr eigenes Leben und ihr als sicher erhofften Leben nach dem Tod: Ein Leben im Paradies (und positiv r\u00fcckwirkende Effekte hinsichtlich Status und Einkommen der Hinterbliebenen) ist auf ihrer Nutzenfunktion offenbar dem Leben im allt\u00e4glichen Elend \u00fcberleben. Mit anderen Worten: Auch der religi\u00f6se Markt kann und muss, nicht anders als alle anderen M\u00e4rkte, hinsichtlich seiner Nutzen stiftenden Effekte untersucht werden. <small>[Vgl. Louise Richardson: Was Terroristen wollen. Frankfurt 2007. Bahnbrechende Arbeit f\u00fcr die Theorie und Geschichte religi\u00f6ser M\u00e4rkte leisten Robert B. Ekelund, Robert F. H\u00c3\u00a9bert und Robert T. Tollison (Ed.): The Marketplace of Christianity. MIT-Press 2006.]<\/small><\/p>\n<p>Es war ebenfalls Adam Smith, der bemerkt hat, dass, Wettbewerb auch zwischen den Religionen das Gesch\u00e4ft belebt und die Qualit\u00e4t des Angebots sch\u00e4rft. Religionen sind f\u00fcr die \u00d6konomen nichts anderes als Unternehmen, welche die religi\u00f6se Nachfrage befriedigen. Zutreffend schreibt Damian Thompson, Ex-Chefredakteur des in London herausgegebenen Catholic Herald: \u201eDer Papst ist CEO (nicht Chairman!) des katholischen Weltkonzerns. Er hat zwei Ziele: Er muss daf\u00fcr sorgen, dass Management und Dienstleistungen der Kirche der Marke ,katholisch\u2019 gehorchen. Und er muss die Qualit\u00e4t der wichtigsten kirchlichen Dienstleistung, der Liturgie der Eucharistie, st\u00e4ndig verbessern.\u201c So gesehen ist vergangene Woche es ein kluger Schachzug von Papst Benedikt XVI. gewesen, jetzt die lateinische Liturgie wieder zuzulassen und damit binnenkatholischen Wettbewerb zu erm\u00f6glichen. Klug war es gewiss auch, diesen Wettbewerb durch direktdemokratische Elemente steuern zu lassen. Eine \u201estabile Gruppe\u201c von katholischen Christen kann k\u00fcnftig einen f\u00fcr den tridentinischen Ritus \u201egeeigneten\u201c Priester verlangen und sich damit von den anderen absetzen. Direktdemokratische Prozesse st\u00e4rken nicht nur Loyalit\u00e4ten, sie sorgen auch auf effiziente Weise daf\u00fcr, dass Anbieter und Nachfrager zusammen kommen. Steigt jetzt die Nachfrage nach tridentinischen Messen, wird es bald auch mehr geeignete Priester geben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Wettbewerb das Gesch\u00e4ft belebt, erlahmt die Religion, wenn der Wettbewerb fehlt. Es ist die Tragik des Christentums (beileibe nicht jeder Religion), dass ihm diese triviale Wahrheit nicht immer bekannt war. Wie jedes Unternehmen strebt n\u00e4mlich auch das Christentum nach einer Monopolstellung. Das sichert vermeintlich auf immer die Nachfrage und bietet die M\u00f6glichkeit, ziemlich ungeniert die Preise (Anforderungen an religi\u00f6se Praxis, moralisches Leben und theologisch-intellektuelle Glaubenszumutungen) festzusetzen. Zumindest \u00fcber einige Jahrhunderte des Mittelalters war das Christentum diesem Ziel schon einmal recht nahe gekommen. Dem Wohlstand der Menschen hat das eher geschadet, verglichen mit dem kulturellen und wirtschaftlichen Reichtum, den der Polytheismus des r\u00f6mischen Reiches erm\u00f6glichte. Die Freiheit der Christenmenschen hat das christliche Mittelalter ebenfalls unterdr\u00fcckt. Nur f\u00fcr die Payoffs der klerikalen Machthaber ist das Spiel damals nicht schlecht gelaufen.<\/p>\n<p>Doch es kam wie es kommen musste. Im Laufe der Jahrhunderte erlosch das religi\u00f6se Feuer. So gesehen, war die Reformation nicht Fluch, sondern Segen. Aus Sicht Luthers, Calvins oder Zwinglis glich das fr\u00fche 16. Jahrhundert einem Monopolisten, dem jegliche Kreativit\u00e4t abhanden gekommen war. W\u00e4hren im Mittelalter Bettel- oder Predigerorden die herrschende Kirche unter Wettbewerbsdruck brachten, freilich vom Monopolisten rasch \u00fcbernommen wurden, hat der Protestantismus den christlichen Wettbewerb dauerhaft etabliert. Tats\u00e4chlich entspricht die gegenreformatorische Antwort der katholischen Kirche der typischen Reaktion jedes Ex-Monopolisten, der von einem Wettbewerber herausgefordert wird: Er wird sein eigenes Profil sch\u00e4rfen und besser werden. \u201eProduktdifferenzierung im Gewande doktrinaler und organisatorischer Innovation\u201c, nennt das der amerikanische \u00d6konom Robert Ekelund. Die Reformation war f\u00fcr die Katholiken heilsam. Luther hat paradox gesprochen, die Zukunft des Papsttums gesichert. Der Anspruch auf absolute Wahrheit, den der Katholizismus bis heute erhebt, kann kaum lebendiger gehalten werden als durch einen protestantischen Wettbewerber, der allein durch seine Existenz diesen Anspruch bestreitet \u2013 als \u201esein bleibender Stachel\u201c (Papst Benedikt XVI.).<\/p>\n<p>Bis heute dominiert in Deutschland das Duopol der beiden gro\u00dfen Kirchen. Doch statt Wettbewerb zwischen ihnen herrscht \u00d6kumene. \u00d6kumene ist &#8211; \u00f6konomisch gesehen &#8211; nichts anderes als das Kartell zweier Gebietsmonopolisten, die sich ihre Reviere nicht streitig machen und ihre Preise absprechen. Die Kosten (Kirchensteuern) f\u00fcr beide religi\u00f6sen Dienstleister gleichen sich. Weder Preis- noch Qualit\u00e4tsdifferenzierung ist gewollt. Kein Wunder, dass die Menschen hierzulande den religi\u00f6sen Markt gar nicht als einen Markt wahrnehmen, in dem sie gem\u00e4\u00df ihrer Pr\u00e4ferenzen leben und gem\u00e4\u00df ihrer Freiheit sich entscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Man kann noch weiter gehen: Das deutsche Staatskirchenrecht hat den privaten religi\u00f6sen Markt zum Erl\u00f6schen gebracht und aus den christlichen Angebot ein \u00f6ffentliches Gut gemacht. Die christlichen Kirchen haben sich dem s\u00e4kularen (Sozial)staat aufs engste angeschmiegt (vgl. meinen Blog vom 30. April 2007, <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=35\">\u201eSozialstaatsillusion\u201c<\/a>), weil sie sich in seiner N\u00e4he die gr\u00f6\u00dfte institutionelle Dauer und Absicherung ihrer Macht versprachen. W\u00e4hrend Tr\u00e4gheit die Gefahr des europ\u00e4ischen Staatskirchentums ist. W\u00e4hrend die protestantische Kirche \u2013 Dialektik der Emanzipation \u2013 bereits im 16. Jahrhundert sich an die Territorialstaaten angeschmiegt hat, um von dort Unterst\u00fctzung gegen die Papstkirche zu bekommen, hat die katholische Kirche erst in der Nazizeit den Erhalt relativer Freiheit durch bindende Vertr\u00e4ge mit dem Staat erkauft. Es k\u00f6nnte sein, dass die Steuerfinanzierung der deutschen Kirchen ein wichtiger Erkl\u00e4rungsgrund f\u00fcr den Niedergang der christlichen Kirchen in Deutschland ist. Denn die Gemeindemitglieder wissen nicht, was sie f\u00fcr ihr Geld bekommen. Sie treten dann entweder aus, oder aber \u2013 da sie ja ohnehin zahlen m\u00fcssen \u2013 nehmen am Gemeindeleben nicht teil. Zugleich bleiben die Kirchen in chronischer Finanznot; denn auch aus Anbietersicht muss der Service nicht auf die Einnahmen Bezug nehmen, sondern soll \u201eobjektiven\u201c Vorgaben \u00fcber die Aufgaben der Kirche gehorchen. Kein Wunder, dass die Not der Kirchen jener Krise \u00e4hnelt, in welcher sich seit Jahren die ebenfalls monopolistisch verfassten Systeme der Altersvorsorge oder Gesundheitssicherung befinden. Allemal sind die Funktion\u00e4re der Meinung, Glaube oder Gesundheit seien G\u00fcter, die sich dem Markt entz\u00f6gen. Dabei werden sie nur Opfer der Gesetze staatlich gesicherter Monopole oder Duopole, die, weil dem Wettbewerb entzogen, ihren schleichenden Niedergang kaum verhindern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Rechnung ist aufgegangen, blo\u00df die Kunden haben nicht mitgemacht: Sie haben sich massenhaft zur\u00fcckgezogen. Oder anders gesprochen: Die meisten Deutschen sind zur modernen S\u00e4kularit\u00e4t konvertiert. S\u00e4kularit\u00e4t ist nichts anderes als die areligi\u00f6se Alternative, welche die Deutschen (und fast alle anderen Europ\u00e4er) gew\u00e4hlt haben angesichts des Erlahmens der christlichen Kirchen. Dani\u00c3\u00a8le Hervieu-L\u00c3\u00a9ger hat gezeigt, dass \u201eder Pilger\u201c und \u201eder Konvertit\u201c prominente Formen religi\u00f6ser Suche in Europa sind. <small>[Dani\u00c3\u00a8le Hervieu-L\u00c3\u00a9ger: Le P\u00c3\u00a9lerin et le converti: la religion en mouvement. Paris 1999.]<\/small> Das \u00fcberrascht wenig in einer Zeit, in der alle Welt auf dem Jacobsweg nach Santiago de Compostela wandert und das Aussteigerbuch von Hape Kerkeling (\u201eIch bin dann mal weg\u201c) wochenlang auf Platz Eins der Bestenlisten steht. Das \u00fcberrascht auch wenig gerade in Europa. wo seit dem Protestantismus die Konversion als Exit-M\u00f6glichkeit bekannt ist. Im S\u00e4kularisationsprozess, sagt Jos\u00c3\u00a9 Casanova, steckt ein Moment von Konversion, insofern es um eine Konversion zur Modernit\u00e4t geht, um den Willen, ein moderner, aufgekl\u00e4rter Europ\u00e4er zu sein. Man blickt mit Verachtung auf jene, die immer noch oder schon wieder religi\u00f6s sind. Wie im 16. Jahrhundert schon einmal konvertieren heute viele Europ\u00e4er: diesmal zum S\u00e4kularismus. Zumeist sind bereits die Eltern konvertiert.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Europa gottlos wurde, w\u00e4hrend im Rest der Welt die Religionen bl\u00fchen. Wo die religi\u00f6sen Anbieter selbst ihre Dienstleistungen dem Markt entziehen, brauchen sie sich nicht zu wundern, dass die Nachfrage ausbleibt. In Amerika ist das anders. Dort sind Pluralismus und Vitalit\u00e4t der Religion f\u00fcr niemanden \u00fcbersehbar. <small>[Hans Joas: Die religi\u00f6se Lage in den USA. In: Joas (Anm.1), 358 bis 375.]<\/small> Kein Wunder, liegt doch der entscheidende Unterschied zwischen USA und Europa darin, dass Amerika seit dem 18. Jahrhundert kein staatlich gest\u00fctztes religi\u00f6ses Territorialmonopol kannte, w\u00e4hrend f\u00fcr Europa seit Beendigung der postreformatorischen B\u00fcrgerkriege genau dieses charakteristisch ist. Verzicht auf das Territorialmonopol, schreibt der Soziologe Hans Joas, erm\u00f6glicht Pluralismus. Ohne die staatliche St\u00fctzung kann der freie Religionswettbewerb seine pluralen Kr\u00e4fte entfalten.<\/p>\n<p>Der Markt funktioniert in Amerika mehr denn je. Es gibt f\u00fcr jeden etwas. Wo ein deutsches Dorf eine oder allenfalls zwei Kirchen hat, sind amerikanische Vorst\u00e4dte geradezu verclustert mit Kirchen, Moscheen und Betstuben. Die Immigration hat den Markt in den vergangenen Jahren sogar noch betr\u00e4chtlich erweitert. Jetzt sind es nicht nur christliche Konfessionen, die sich in der amerikanischen Gesellschaft tummeln, sondern auch asiatische oder orientalische Bekenntnisse. \u201eGod needs no passport\u201c, hei\u00dft die Devise offener Religionsm\u00e4rkte. <small>[Robert Wuthnow: America and the Challenges of Religious Diversity. Princeton 2005.]<\/small> Der Marktzutritt ist \u00e4u\u00dferst leicht. Neugr\u00fcndungen (\u201eEntrepreneurship\u201c) werden allerorten gef\u00f6rdert. Davon zeugen die vielen Erweckungsbewegungen, die st\u00e4ndig auf sich aufmerksam machen. Amerikanische Kirchen haben auch keine Scheu, sich die neuesten Werbetechniken und Medien f\u00fcr ihre Zwecke zunutze zu machen. Es ist kein Zufall, schreibt Hans Joas, dass von den erfolgreich sich ausbreitenden neuen Religionen (Mormonen etc) in der Welt die meisten in den USA im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Als oberfl\u00e4chlich und marktangepasst kann man das nur denunzieren um den Preis des rechthaberischen R\u00fcckzugs in die Nische.<\/p>\n<p>Was daraus f\u00fcr Europa und Deutschland folgt, ist leicht zu einzusehen. Es ist wie immer: Wo offene M\u00e4rkte sind, herrschen beste Bedingungen f\u00fcr Nachfrager und Anbieter. Das ist auf dem Markt f\u00fcr Religion nicht anders. Wer religi\u00f6sen Wettbewerb will, muss die deutschen Kirchen freilich allererst aus der Umklammerung des Staates befreien, sie allerdings, was nicht leicht ist, vorher davon \u00fcberzeugen, dass dies zu ihrem Gewinn und nicht zu ihrem Schaden sein wird. Denn die \u00c4ngste sind gro\u00df, bedeutet das auch das Ende staatlicher Privilegien, staatlicher Besoldung, staatlicher Steuerfinanzierung etc f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Konfessionen. K\u00fcnftig m\u00fcsste der Marktzutritt f\u00fcr alle Anbieter gleichen Bedingungen gehorchen. Kirchen k\u00f6nnen dann unterschiedliche Preise f\u00fcr kirchliche Leistungen nehmen, am besten nicht konfessionseinheitlich, sondern dezentral von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Wer das christliche Leben in Deutschland beleben will, m\u00fcsste nicht \u00f6kumenisch auf Verwischung aller Unterscheide von Glauben und religi\u00f6ser Praxis hinarbeiten, sondern kontroverstheologisch die Differenzen sch\u00e4rfen. Es w\u00fcrden beide Konfessionen profitieren. Mehr noch: Kirchen, die sich nicht \u00fcber Steuern, sondern \u00fcber freiwillige Beitr\u00e4ge ihrer Mitglieder finanzieren, sind gezwungen, Preise und Leistungen in ein angemessenes Verh\u00e4ltnis zu bringen. Nur wenn deutlich wird, was der Gl\u00e4ubige f\u00fcr sein Geld bekommt, wird er seiner Gemeinde treu bleiben und nicht zur Konkurrenz wechseln.<\/p>\n<p>Ob die Deutschen und Europ\u00e4er dann wieder in Scharen zu den Kirchen zur\u00fcckkommen, ist von vornherein nicht zu sagen. Das ist ihre Sache. Es k\u00f6nnte sein, dass sie in der Zwischenzeit gen\u00fcgend andere \u201es\u00e4kulare\u201c Orte gefunden haben, die ihren ihre religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnisse befriedigen. Es k\u00f6nnte aber auch sein, dass in Europa dereinst wieder ein religi\u00f6ses Leben bl\u00fcht und auch Christen Marktanteile zur\u00fcck erobern werden. Denn immerhin haben sie \u201eProdukte\u201c anzubieten, die zweitausend Jahre alt sind.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Religion lebt. Und S\u00e4kularisierung ist eine Illusion. 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