{"id":5869,"date":"2011-04-19T00:01:03","date_gmt":"2011-04-18T23:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5869"},"modified":"2011-04-18T16:16:45","modified_gmt":"2011-04-18T15:16:45","slug":"sollten-sich-junge-berufssportler-pflichtversichern-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5869","title":{"rendered":"Sollten sich junge Berufssportler pflichtversichern m\u00fcssen?"},"content":{"rendered":"<p>Erst vor kurzem schlug die Spielergewerkschaft der Vereinigung f\u00fcr Vertragsfu\u00dfballer (VdV) Alarm. Laut neuesten Erkenntnissen w\u00fcrden nur zehn Prozent der Profi-Fu\u00dfballer f\u00fcr ihr Karriereende Vorsorge treffen, jeder Vierte w\u00fcrde nach dem Ende der aktiven Laufbahn sogar vor dem Nichts stehen (siehe auch Daumann &amp; R\u00f6mmelt 2009).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Obwohl alle jungen Sportler, die darauf hoffen, den Sprung in den professionellen Sport zu schaffen, wissen, dass auch ihr Karriereende irgendwann bevorsteht, bildet sich kaum ein junger Sportler f\u00fcr diesen Lebensabschnitt aus. Dabei kann das Karriereende gerade im Profisport als unvorhersehbar gelten und auch den noch jungen Sportler verletzungsbedingt treffen. Ein prominentes Beispiel in diesem Zusammenhang ist Thomas Brdaric: 2006 zog sich der damals 31-J\u00e4hrige w\u00e4hrend eines Bundesligaspiels eine Verletzung am Knie zu, die ihn dazu zwang, seine Karriere zu beenden. Im Gegensatz zu vielen anderen Profis hatte er sich allerdings gegen Berufsunf\u00e4higkeit versichert und bekam aufgrund seines, durch die Verletzung eintretenden Karriereendes, rund 1,5 Millionen Euro Pr\u00e4mie ausgezahlt.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund dr\u00e4ngt sich aus ordnungs\u00f6konomischer Sicht die Fragestellung auf, ob die Einf\u00fchrung einer Pflichtversicherung gegen den pl\u00f6tzlichen verletzungsbedingten Eintritt des Karriereendes notwendig w\u00e4re. Auch in diesem Zusammenhang sollte eine verpflichtende Versicherung gegen das Risiko, den Schritt in das Profi-Gesch\u00e4ft nicht zu schaffen, diskutiert werden. Letzterer Fall l\u00e4sst sich dabei in gewisser Weise als das direkte Eintreten des Karriereendes betrachten.<\/p>\n<p>Unter einer Pflichtversicherung ist eine Versicherung zu verstehen, zu deren Abschluss eine gesetzliche Verpflichtung besteht. Diese gesetzliche Verpflichtung kann mit einem Kontrahierungszwang auf Seiten der Versicherungen einhergehen, die damit gezwungen werden, jeden Versicherungsantrag nachzukommen. In einer derartigen Konstellation wird die Vertragsfreiheit sowohl auf der Seite der Versicherer als auch auf der Seite der Versicherungsnehmer eingeschr\u00e4nkt: Der Versicherungsnehmer ist verpflichtet, die Versicherung abzuschlie\u00dfen, der Versicherer hingegen ist verpflichtet, den Antrag des Versicherungsstellers anzunehmen.<\/p>\n<p>Um zu kl\u00e4ren, ob sich eine Pflichtversicherung f\u00fcr junge Berufssportler einerseits gegen das hohe Verletzungsrisiko und das damit einhergehende Karriereende und andererseits gegen die Ungewissheit, ob der Sprung in den professionellen Bereich wirklich gelingt, begr\u00fcnden l\u00e4sst, soll zun\u00e4chst allgemein kurz umrissen werden, wie sich dieser Eingriff ins Marktgeschehen rechtfertigen l\u00e4sst. Dies ist notwendig, da ein durch die Versicherungspflicht entstehender Kontrahierungszwang die Vertragsfreiheit beeinflusst und sich aus \u00f6konomischer Sicht unter den Bedingungen eines idealen Marktes effizienzmindernd auswirken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im Wesentlichen werden drei Argumente angef\u00fchrt, die eine staatliche Intervention rechtfertigen sollen:<\/p>\n<ol>\n<li> Zum einen werden Individuen eine freiwillige Versicherung unterlassen, wenn sie ihr eigenes Risiko f\u00fcr den zu versichernden Schadensfall als sehr gering einsch\u00e4tzen. Tritt der Schadensfall dennoch auf, wird dies zu einer Belastung der sozialen Sicherungssysteme f\u00fchren, da dem Nichtversicherten Hilfe im Ernstfall nicht untersagt werden kann, obwohl dieser sehr gut f\u00fcr sich selbst h\u00e4tte Vorsorge treffen k\u00f6nnen. Eine Pflichtversicherung kann bez\u00fcglich dieser hier vorliegenden moral hazard-Problematik Abhilfe schaffen.<\/li>\n<li> Zum anderen k\u00f6nnte eine schlagartige mit hoher Wahrscheinlichkeit auftretende Entwertung von aufgebautem Humankapital im Krankheits- oder Unfallfall eine weitere Begr\u00fcndung darstellen.<\/li>\n<li> Ist es Individuen in einer fr\u00fchen Lebensphase nicht m\u00f6glich, auf Informationen \u00fcber wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg zugreifen zu k\u00f6nnen \u2013 die Rendite der get\u00e4tigten Investitionen in Humankapital ist f\u00fcr diese Individuen also nicht absch\u00e4tzbar \u2013, k\u00f6nnte auch dies die Pflicht zu Versicherung legitimieren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zuvorderst soll nun gepr\u00fcft werden, ob bei jungen Berufssportlern die o. g. Argumente zutreffen. Dazu soll zun\u00e4chst gekl\u00e4rt werden, was man unter dem Begriff des Humankapitals im Sportbereich versteht. Unter dem Begriff \u201eHumankapital\u201c werden die F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten sowie dabei insbesondere das technische und taktische Verm\u00f6gen eines Sportlers subsumiert. Es wird im Prozess der Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrungssammlung (wie z.B. Eins\u00e4tze in der Bundesliga sie darstellen) erworben. Die Ausbildung von Humankapital im Sportbereich ist demnach eine h\u00f6chst spezifische Investition, da sich die F\u00e4higkeiten des jungen Sportlers meist nur auf die Aus\u00fcbung einer einzigen Sportart beschr\u00e4nken. Auch die Verletzungsgefahr und die dadurch resultierende vollst\u00e4ndige Entwertung des vorhandenen Humankapitals sind in diesem Bereich so hoch wie in beinahe keinem anderen. Ein weiteres hohes Verlustrisiko im Sportbereich resultiert zudem daraus, dass dem Sportler der Sprung in das Profigesch\u00e4ft unter Umst\u00e4nden nicht gelingt. Auch dieser Fall entspricht einer vollst\u00e4ndigen Entwertung des Humankapitals. Da die Berufschancen im Sportsektor als au\u00dfergew\u00f6hnlich gering anzunehmen sind, ist diese Gefahr als sehr gro\u00df einzusch\u00e4tzen. Insofern scheint ein Gro\u00dfteil der Argumente f\u00fcr die Einf\u00fchrung einer Pflichtversicherung gegeben zu sein. Junge Sportler sch\u00e4tzen dennoch vielmals das Risiko als gering ein. Die Badische Zeitung vom 03.02.2011 berichtet zudem, dass oftmals auch Eltern den Part der Absicherung nicht \u00fcbernehmen, da auch diese zu \u00fcberzeugt vom Talent ihres Spr\u00f6sslings sind. Der Schritt zu einer Versicherung unterbleibt folglich bei den meisten jungen Sportlern. Die unterlassene Versicherung f\u00e4llt im Schadensfall dann auf das gesamte System des Sozialstaats zur\u00fcck und belastet diesen.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der ordnungs\u00f6konomischen Prinzipien Walter Euckens (2008) erweisen sich jedoch das zweite und das dritte Argument als nicht haltbar. Insbesondere unter dem Ma\u00dfstab der Einheit von Handlung und Haftung ist davon auszugehen, dass die mit der Bildung und Entwertung des Humankapitals auftretenden Probleme den Akteuren bekannt sein m\u00fcssen bzw. diese sich entsprechende Kenntnisse zu verschaffen h\u00e4tten und auf dieser Grundlage angemessen auf das identifizierte Risiko zu reagieren haben. Einziges aus ordnungs\u00f6konomischer Sicht haltbares Argument scheint hier das Auftreten von politisch induzierten externen Effekten bei fehlender Versicherung auf die sozialen Sicherungssysteme zu sein (erstes Argument). K\u00f6nnen diese F\u00e4lle nicht unmittelbar bei der Inanspruchnahme der sozialen Sicherungssysteme etwa durch Ausschluss oder durch Leistungseinschr\u00e4nkungen gel\u00f6st werden, l\u00e4sst sich damit eine Versicherungspflicht begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Durch diese Versicherungspflicht w\u00fcrde die aufgezeigte moral hazard-Problematik beseitigt werden. Zudem w\u00fcrde damit zugleich der Nebeneffekt erzielt, dass das Potential an jungen Sportlern besser ausgesch\u00f6pft wird, da Anreize f\u00fcr risikoaversere junge Sportler gesetzt werden, eine Laufbahn als Profisportler einzuschlagen.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Daumann, F., R\u00f6mmelt, B. (2009), Die Vorbereitung semiprofessioneller Fu\u00dfballspieler auf das Karriere-Ende, in Kremer, H.-G. (Hrsg.), Jenaer Beitr\u00e4ge zum Sport, Heft 14, Jena, S.12 &#8211; 18.<br \/>\nEucken, W. (2008), Grunds\u00e4tze der Wirtschaftspolitik, Nachdruck der 7. Aufl., T\u00fcbingen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst vor kurzem schlug die Spielergewerkschaft der Vereinigung f\u00fcr Vertragsfu\u00dfballer (VdV) Alarm. 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