{"id":6099,"date":"2011-05-06T00:01:24","date_gmt":"2011-05-05T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=6099"},"modified":"2011-05-08T07:48:55","modified_gmt":"2011-05-08T06:48:55","slug":"liberale-klassik-zehn-gruende-david-hume-zu-lesenaus-anlass-des-300-geburtstages","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=6099","title":{"rendered":"Liberale Klassik: Zehn Gr\u00fcnde, David Hume zu lesen<br\/><small>Aus Anlass des 300. Geburtstages<\/small>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ideen- und Dogmengeschichte gilt in Politik und \u00d6konomie als unschick. Da muss man sich nicht wundern, dass selbst die \u201eliberale\u201c FDP chronisch an \u201eargumentativer Materialerm\u00fcdung\u201c leidet und die Wirtschaftswissenschaften, weil geschichtsvergessen, Krisen gegen\u00fcber hilflos ist. Der 300. Geburtstag des schottischen Moralphilosophen David Hume (geboren am 7. Mai 1711 in Edinburgh) gibt Anlass, an das Erbe des klassischen Liberalismus zu erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p>Hier kommt ein unsystematischer Versuch der Aneignung aus aktuellem Anlass:<\/p>\n<p><strong>1. Menschenbild<\/strong>: Am Ursprung des liberalen Denkens der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung steht nicht der Homo Oeconomicus. Die Vernunft ist f\u00fcr Hume \u201eSklavin der Leidenschaften\u201c. Freude, Schmerz, Kummer, Liebe, Hass, Wehmut, Stolz und Gier sind allesamt menschliche Affekte und Passionen, die es positiv zu w\u00fcrdigen gilt. Gef\u00fchle \u00e4hneln einem \u201eSaiteninstrument, bei dem die Schwingungen nach jedem Strich noch eine Zeitlang fortfahren, ihren Klang zu erzeugen\u201c. Die Einbildungskraft ist \u201eschnell und beweglich, Gef\u00fchle indes sind \u201elangsam und beharrlich\u201c. Von Natur aus ist der Mensch unheilbar schwach (\u201eein sehr bewegliches Wesen\u201c), in Bezug auf Politik gar verdorben. Aber er ist zugleich auch um st\u00e4ndige Besserung bem\u00fcht. Auch Kant, den Hume bekanntlich aus seinem \u201edogmatischen Schlummer\u201c befreit hat, ist der Ansicht, der Mensch sei aus \u201ekrummem Holz\u201c und daraus k\u00f6nne \u201enichts Gerades gezimmert werden\u201c. Auch vom methodischen Individualismus, den man herk\u00f6mmlich dem Liberalismus unterschiebt, bleibt bei Hume nicht viel \u00fcbrig. Vielmehr sind die Menschen soziale Wesen, \u201eunf\u00e4hig sich selbst zu gen\u00fcgen\u201c: \u201eDeshalb ist nat\u00fcrlicherweise Gesellschaft so erfreulich.\u201c Pers\u00f6nlich unterscheidet sich Hume darin von seinem guten Freund in Edinburgh, Adam Smith, der in viel gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe ein Eigenbr\u00f6tler war als Hume. Schlie\u00dflich wendet sich Hume (wie viele seiner Zeitgenossen) auch gegen die Idee Mandevilles, wonach der reine Egoismus der Einzelnen am Ende in den Wohlstand aller umschl\u00e4gt. Hume jedenfalls kann nicht f\u00fcr das Rationalit\u00e4tskonzept der Neoklassik vereinnahmt werden.<\/p>\n<p><strong>2. Sympathie<\/strong>: Wie Adam Smith in der \u201eTheory of Moral Sentiments\u201c legt auch Hume gro\u00dfen Wert auf die F\u00e4higkeit der Menschen, sich in die Gef\u00fchle seiner Mitmenschen hineinzuversetzen. Sympathie ist die Gabe der Lebewesen, sich zueinander wie Spiegel zu verhalten (das ist fast schon die Moderne Theorie der Spiegelneuronen), sich in die Seelenlage anderer \u201eeinzustimmen\u201c. Wer immer auf die Idee kam, den Liberalismus als \u201eherzlos\u201c zu stigmatisieren, auf Hume kann er sich jedenfalls nicht berufen.<\/p>\n<p><strong>3. Skepsis<\/strong>: \u201eBleib n\u00fcchtern und vergiss nicht skeptisch zu sein\u201c, so lautet das Motto Humes, das sich, nimmt man es aufrichtig, auch gegen jedwede, also auch die eigene Neigung des Liberalismus zu Orthodoxie und Dogmatismus richten muss. Die Kehrseite der Skepsis ist die Anerkennung des Anderen und der anderen Position als achtenswert, die Ahnung, dass auch der Gegner, sofern intellektuell ernst zu nehmen, nie nur ganz falsch liegen kann. Skepsis ist zugleich das Instrument der Vernunft, das sich gegen alle autorit\u00e4re Bevormundung richtet (und nat\u00fcrlich gegen jeden religi\u00f6sen oder staatlichen Paternalismus).<\/p>\n<p><strong>4. Empirie<\/strong>: Hume fordert einen \u201eGeist der Genauigkeit\u201c, die als einzig wahren Ma\u00dfstab die Erfahrung zul\u00e4sst: wer diesem Ansatz folgt, h\u00f6rt auf, einfach nur zu glauben, was ihm erz\u00e4hlt wird. Der empirische Grundansatz f\u00fchrt bei Hume zu einer Kritik von Raum und Zeit wie auch von Kausalit\u00e4t: Was wir als Ursache und Wirkung bezeichnen ist in Wirklichkeit nichts anderes als die konsekutive Aufeinanderfolge von Ereignissen.<\/p>\n<p><strong>5. Freihandel<\/strong>: \u201eBeginning with David Hume and Adam Smith, the emphasis of free trade has been not just one of the postulates but the very heart or essence of economic liberalism.\u201c\u009d (John Tumlir). Der Pfiff an Humes Theorie freier M\u00e4rkte ist zun\u00e4chst ihre \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber dem Merkantilismus, der davon ausging, dass ein Land nur auf Kosten eines anderen gedeihen k\u00f6nne. Dieser Theorie h\u00e4ngen bis heute viele an, zuletzt Barack Obama, der den Wahlspruch ausgegeben hat, America \u201ecan outcompete any other nation\u201c. Wahr ist das Gegenteil: Von offenen M\u00e4rkten profitieren immer alle. Deswegen will Hume \u2013 \u201enicht nur als Mensch, sondern als Britisches Subjekt\u201c f\u00fcr\u00c2\u00a0 den florierenden Handel von Deutschland, Italien, Spanien \u201eund selbst Frankreich\u201c beten. Der Schutz der heimischen M\u00e4rkte ist hingegen in Wirklichkeit gar kein Schutz: \u201eF\u00fcr den Fall, dass eine Ware in einem K\u00f6nigreich zum Haupterzeugnis erkl\u00e4rt wird, lautet meine Antwort, dass dieses K\u00f6nigreich wahrscheinlich besondere und nat\u00fcrliche Vorteile bei der Erzeugung dieser Ware hat. Verlieren sie trotz dieser Vorteile eine Manufaktur, so sollten sie ihre eigene Faulheit oder schlechte Regierung und nicht den Flei\u00df ihrer Nachbarn daf\u00fcr verantwortlich machen\u201c (\u201e\u00dcber Argwohn im Handel\u201c). Schlie\u00dflich aber ist Hume der Meinung, dass auch einseitige Handelsliberalisierung jenen n\u00fctzt, die ihre M\u00e4rkte \u00f6ffnen und denen schadet, die vermeintlich sich sch\u00fctzen. Die oft geh\u00f6rte Behauptung, liberale M\u00e4rkte (oder auch Freihandelsverhandlungen) m\u00fcssten auf Reziprozit\u00e4t beruhen, ist eine Schutzbehauptung: Hume singt das hohe Lied auf den Unilateralismus im Handel. Und im \u00fcbrigen hat der Freihandel viele \u201eunintended consequences\u201c: Wer handelt, f\u00fchrt keine Kriege, denn dann verl\u00f6re er ja seine Handelspartner und seinen Gewinn.<\/p>\n<p><strong>6. Unternehmer<\/strong>:\u00c2\u00a0 Vier Triebe motivieren den Gesch\u00e4ftsmann (Unternehmer, H\u00e4ndler) zu seinem Tun; sie muss er stets in Harmonie bringen: das Streben nach Aktivit\u00e4t, nach Vergn\u00fcgen, nach Ruhe und nach Gewinn. Aktivit\u00e4t macht die Menschen zufriedener als Faulheit. Humes Theorie der Handelskapitalisten (merchant capitalist) nimmt Schumpeters Idee des kreativen Abenteurers vorweg: Der \u201espirit of industry\u201c motiviert zum Unternehmertum. Reichtum und Luxus, die Aneignung seines Gewinns, ist den Menschen durchaus erlaubt. Nur wenn sie es mit dem Luxus \u00fcbertreiben (Hume pl\u00e4diert immer f\u00fcr Ma\u00df und Mitte), dann wird es gef\u00e4hrlich: \u201eLuxus ist die Quelle vieler \u00dcbel, wenn er ausschweifend wird, doch ist er Faulheit und M\u00fc\u00dfiggang grunds\u00e4tzlich vorzuziehen, die ihn gemeinhin ersetzen w\u00fcrden, und die f\u00fcr Privatpersonen und das Gemeinwesen weit sch\u00e4dlicher w\u00e4ren.\u201c(\u00dcber Verfeinerung in den K\u00fcnsten).<\/p>\n<p><strong>7. Staatstheorie<\/strong>: Anders als die beliebten Theorien von Hobbes und Locke h\u00e4lt Hume nichts von einer naturrechtlichen Vertragstheorie des Staates. Historisch realistischer geht er davon aus, der Staat sei \u201eurspr\u00fcnglich entweder durch Usurpation oder Eroberung oder beides entstanden, jedoch stets ohne Vorspiegelung einer freien Zustimmung oder freiwilligen Unterwerfung\u201c (\u00dcber den urspr\u00fcnglichen Vertrag). Willk\u00fcr und Gewalt, nicht freie Vertr\u00e4ge stehen somit am Ursprung des Staates. Wer so argumentiert kann viel staatkritischer sein als die Vertragstheoretiker. Hume ist der Vorl\u00e4ufer von Nozick und Olson. Locke und Hobbes sind die Vorl\u00e4ufer von Rawls.<\/p>\n<p><strong>8. Staatsschulden<\/strong>: H\u00e4tten Europas Politiker Hume gelesen, h\u00e4tten sie den Euro nie einf\u00fchren d\u00fcrfen. Und h\u00e4tten sie es doch gemacht, dann h\u00e4tten sie \u2013 nach abermaliger Lekt\u00fcre \u2013 die \u00fcberschuldeten Staaten nie herauspauken d\u00fcrfen. Aber zugleich h\u00e4tte ihnen Hume auch die polit\u00f6konomische Legitimation zum Schuldenmachen geliefert: \u201eEin Minister ist stark versucht, eine solche Methode anzuwenden, denn sie erm\u00f6glicht ihm, w\u00e4hrend seiner Regierung eine gute Figur zu machen, ohne die Menschen mit Steuern zu \u00fcberlasten oder sofort Aufschreie gegen seine Person hervorzurufen. Die Praxis der Verschuldung wird daher in jeder Regierung fast unfehlbar missbraucht. Es k\u00f6nnte kaum unkl\u00fcger sein, einem verschwenderischen Sohn Kredit bei jeder Bank in London zu gew\u00e4hren, als einen Staatsmann zu erm\u00e4chtigen, in dieser Art Wechsel auf die Nachwelt auszustellen.\u201c (\u00dcber Staatskredit)<\/p>\n<p><strong>9. Ideealismus und Kapitalismus<\/strong>: Dass die Ideen von Hume und Smith zu den Gr\u00fcndungsdokumenten des klassischen Liberalismus wurden, hat, wenn man so will, materialistische Wurzeln. Gerade weil die beiden Schotten Mitte des 18. Jahrhunderts die wirtschaftlich emanzipierteste Region der damaligen Welt beobachteten, konnten sie zu Theoretikern des menschlichen Fortschritts und Wohlstands werden. Sie entdeckten das nat\u00fcrliche Bed\u00fcrfnis der Menschen, ihr eigenen Los und das ihrer Familien und Staaten zu verbessern. Die beginnende Industrialisierung in England und der Handel Schottlands (Glasgow war einer der wichtigsten Welthandelszentren) waren der Keimraum f\u00fcr den Wirtschaftsliberalismus, wie umgekehrt die liberalen Ideen den realen Kapitalismus erst in Fahrt brachten. Das hat dann bis 1914 gehalten.<\/p>\n<p><strong>10. Utopie<\/strong>: Innerhalb der politischen und \u00f6konomischen Essays nimmt die Abhandlung \u00fcber die \u201eIdee einer vollkommenen Republik\u201c eine Sonderstellung ein. Es ist Humes Entwurf einer politischen Utopie, eines perfekten Gemeinwesens. Das Ideal f\u00fcr ihn ist eine Republik, die f\u00f6derative Dezentralisierung und institutionelle Ausbalancierung von Macht mit offenen M\u00e4rkten verbindet. Alle gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten \u00fcben ihr politisches Amt ehrenamtlich aus, was eine schlechte Professionalisierung verhindert und das Principal-Agent-Problem minimiert.\u00c2\u00a0 Man muss sich Humes Utopie als eine Mischung aus liberaler Schweiz und konservativer R\u00e4terepublik vorstellen. Als B\u00fcrger z\u00e4hlen und w\u00e4hlen nur die Besitzb\u00fcrger. Darum ist es nach Hume unwahrscheinlich, \u201edass im Ganzen etwas anderes als Vernunft vorherrschen wird\u201c.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong>:<br \/>\nDavid Hume: Eine Untersuchung \u00fcber den menschlichen Verstand.<br \/>\n(liegt in vielen Ausgaben vor, auch deutsch\/englisch). Das Hauptwerk<br \/>\nDavid Hume: Politische und \u00f6konomische Essays. Zwei B\u00e4nde. Verlag Felix Meiner 1988 (mit vorz\u00fcglicher Einleitung von Udo Bermbach)<br \/>\nHeinz D. Kurz: Von der Natur des Menschen und der kommerziellen Gesellschaft. In: FAZ vom 15. April 2011. Seite 12 (Die Ordnung der Wirtschaft)<br \/>\nGerhard Streminger: David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. C.H. Beck M\u00fcnchen 2011.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ideen- und Dogmengeschichte gilt in Politik und \u00d6konomie als unschick. Da muss man sich nicht wundern, dass selbst die \u201eliberale\u201c FDP chronisch an \u201eargumentativer Materialerm\u00fcdung\u201c &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=6099\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLiberale Klassik: Zehn Gr\u00fcnde, David Hume zu lesen<br \/><small>Aus Anlass des 300. 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