{"id":6112,"date":"2011-05-11T14:59:01","date_gmt":"2011-05-11T13:59:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=6112"},"modified":"2011-05-11T14:59:01","modified_gmt":"2011-05-11T13:59:01","slug":"amerika-schafft-sich-auch-ab-oder-doch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=6112","title":{"rendered":"Amerika schafft sich auch ab \u2013 oder doch nicht?"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich erschien in der Arbeitspapierreihe des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) <a href=\"http:\/\/ftp.iza.org\/dp5495.pdf\" target=\"_blank\">ein Papier von James Heckman<\/a>, das \u00e4u\u00dferst lesenswert ist. Es geht um die sp\u00e4ten Nachwirkungen der Rassendiskriminierung in den USA, die immer noch relevant zu sein scheinen, auch Jahrzehnte nach den Erfolgen der B\u00fcrgerrechtsbewegung. In den rohen Einkommensdaten zeigen sich solche Nachwirkungen m\u00f6glicherweise in den deutlich geringeren L\u00f6hnen, die schwarze Amerikaner oder solche mit lateinamerikanischer Herkunft relativ zu wei\u00dfen Amerikanern verdienen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit einem Mythos, der in Diskussionen \u00fcber dieses Thema immer wieder auftaucht, r\u00e4umt Heckman schnell auf: Durch genetische Vererbung \u00fcbertragene Defizite an relevanten Eigenschaften (wie etwa Intelligenz) k\u00f6nnen nicht als Ursache f\u00fcr unterschiedliche Einkommen angef\u00fchrt werden. Hier bezieht sich Heckman auf neueste biologische und neurowissenschaftliche Forschungen, die zeigen, dass es generell falsch w\u00e4re, eine einfache Kausalit\u00e4t von den Genen zur individuellen Ausstattung mit F\u00e4higkeiten und Eigenschaften zu unterstellten. Vielmehr haben auch Umweltbedingungen und individuelle Erfahrungen einen Einfluss auf die Auspr\u00e4gung von Chromosomen. Im Klartext: In die genetische Ausstattung eines Menschen pr\u00e4gt es sich ein, wenn er in einer ung\u00fcnstigen Umgebung aufw\u00e4chst, in der beispielsweise seine F\u00e4higkeiten nicht gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist aber auch die Hypothese skeptisch zu beurteilen, nach der die stabilen Unterschiede der Einkommen etwas mit einer fortbestehenden Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt zu tun haben. So zeigt Heckman, dass sich die Vorzeichen der Einkommensunterschiede teils sogar umkehren, wenn man f\u00fcr die F\u00e4higkeiten (gemessen in landesweit standardisierten Schulabgangstests) korrigiert. Dann verdienen Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft sogar mehr als wei\u00dfe Amerikaner mit gleichen Testresultaten. Gleiches gilt f\u00fcr Frauen afrikanischer Herkunft; lediglich M\u00e4nner afrikanischer Herkunft verdienen weiterhin im Durchschnitt sechs Prozent weniger als Wei\u00dfe mit gleichen Testergebnissen.<\/p>\n<p>Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass akademische F\u00f6rderma\u00dfnahmen durchaus wirken. Angeh\u00f6rige von Minderheiten haben eine um etwa 15 Prozentpunkte h\u00f6here Wahrscheinlichkeit auf ein College zu gehen als wei\u00dfe Amerikaner mit gleichen Testresultaten. Auch wenn es sicherlich noch erhebliche Reste von Rassendiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt in den USA gibt \u2013 die Einkommensunterschiede in den Rohdaten scheinen doch zu einem erheblichen Teil durch Unterschiede in den individuellen F\u00e4higkeiten begr\u00fcndet zu sein.<\/p>\n<p>Was ist hier also los? Heckmans Antwort ist so einfach wie plausibel. Erstens: Nochmals sollte ganz deutlich gesagt werden, dass die genetische Vererbung individueller F\u00e4higkeiten nicht wichtig ist. Zweitens: Die Tatsache, dass man in der \u00f6ffentlichen Diskussion auch in den USA entlang ethnischer Abgrenzungen diskutiert ist nicht zwingend. Es ist nur eine Konvention, Menschen so zu kategorisieren. Drittens: Es liegt eben eigentlich kein Problem einzelner ethnischer Gruppen vor, sondern ein Problem unterprivilegierter sozialer Schichten. Viertens: Das Problem um das es geht ist eine gesellschaftliche Vererbung ung\u00fcnstiger sozialer Umst\u00e4nde. Wer in schwierigen, ung\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen aufw\u00e4chst \u2013 und das v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von ethnischer Herkunft \u2013 wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die n\u00f6tigen F\u00e4higkeiten erwerben, die f\u00fcr das sp\u00e4tere Berufsleben wichtig sind. Die sp\u00e4ten Nachwirkungen der Rassendiskriminierung existieren also deshalb fort, weil die ung\u00fcnstigen sozialen Umst\u00e4nde mit hoher Wahrscheinlichkeit vererbt werden, in die Familien vor Generationen durch eben diese Diskriminierung gest\u00fcrzt wurden.<\/p>\n<p>Diese Punkte scheinen mir auch vor dem Hintergrund immer noch schwelender deutscher Diskussionen wichtig zu sein. Es spricht eigentlich nichts daf\u00fcr, dass die Probleme hier wesentlich anders gelagert sind. Die gesellschaftliche Vererbung ung\u00fcnstiger gesellschaftlicher Startbedingungen und ihrer Folgen hat zun\u00e4chst einmal nichts mit der Frage zu tun, ob die betroffene Familie vor zwei Generationen zugewandert ist, oder ob sie bereits seit der Varusschlacht im Teutoburger Wald lebt.<\/p>\n<p>Die Politikempfehlungen, die aus dieser Diagnose folgen, sind weniger klar. Ein wesentliches Problem ist, dass Heckman deutlich zeigt, wie wichtig der richtige Zeitpunkt f\u00fcr unterst\u00fctzende Eingriffe ist. Aber hier wird es unerfreulich. Wird jemand eingeschult, dann ist das Kind im gro\u00dfen und ganzen bereits in den Brunnen gefallen. Trotz vieler Experimente mit schulischen F\u00f6rderprogrammen zeigen sich dann zwischen Sch\u00fclern, deren Eltern unterschiedliche Bildungsabschl\u00fcsse haben, sehr robuste Unterschiede in den messbaren F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>Wenn F\u00f6rderung gut und effizient funktionieren soll, dann muss sie vorher einsetzen. An dieser Stelle bef\u00e4llt jeden dem Paternalismus g\u00e4nzlich abholden \u00d6konomen ein mulmiges Gef\u00fchl im Bauch. Denn auf einen begrenzten Paternalismus laufen Heckmans Vorschl\u00e4ge hinaus: \u00d6ffentlich (oder auch philanthropisch) finanzierte Sozialprogramme sollten in Familien mit ung\u00fcnstigen sozialen Startbedingungen so fr\u00fch wie m\u00f6glich unterst\u00fctzend intervenieren. Es ist aber f\u00fcr jeden mit politisch-\u00f6konomischen Argumenten vertrauten Leser offensichtlich, dass es viele gute Gr\u00fcnde f\u00fcr Skepsis gibt, wenn B\u00fcrokraten ein Mandat zur Einmischung in famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse gegeben werden soll.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite w\u00e4ren solche Programme m\u00f6glicherweise der gangbarste Weg zur F\u00f6rderung sozialer Mobilit\u00e4t, die gerade auch aus einer an der Fairness des Ordnungsrahmens interessierten, ordnungs\u00f6konomischen Sicht nicht unwichtig ist. Ganz pragmatisch stellt sich auch die Frage, ob fr\u00fche F\u00f6rderung nicht effizienter ist als lebenslange Transferzahlungen. Wie so oft haben wir es hier also mit der Notwendigkeit einer pragmatischen Abw\u00e4gung zu tun. Vom Resultat, zu dem man bei dieser Abw\u00e4gung kommen mag, bleibt aber die Diagnose unber\u00fchrt: Es scheint wenig plausibel und sinnvoll zu sein, ein allgemeines Problem gesellschaftlicher Startbedingungen als spezifisches Problem von Zuwanderern zu diskutieren.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich erschien in der Arbeitspapierreihe des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) ein Papier von James Heckman, das \u00e4u\u00dferst lesenswert ist. 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