{"id":63,"date":"2007-07-28T05:29:25","date_gmt":"2007-07-28T04:29:25","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=63"},"modified":"2007-07-28T12:23:27","modified_gmt":"2007-07-28T11:23:27","slug":"umdenken-bei-der-inflationsmessung-das-geldmengenwachstum-bestimmt-die-geldentwertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=63","title":{"rendered":"Umdenken bei der Inflationsmessung: das Geldmengenwachstum bestimmt die Geldentwertung"},"content":{"rendered":"<p>Die Zentralbanken werden nicht m\u00fcde zu versichern, der Geldwert bleibe erhalten, wenn die Konsumentenpreise um nicht mehr als etwa 2 Prozent pro Jahr steigen. Doch Inflation anhand der Ver\u00e4nderung von Konsumentenpreisindices zu bemessen, ist tr\u00fcgerisch; und daher ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem zentralen Versprechen, dass die Notenbanken geben, geboten.<\/p>\n<p>Die Inflation kommt im \u201eneuen Gewand\u201c daher. Seit Mitte der 90er Jahre zeigt sie sich weniger in den Konsumg\u00fcterpreisen als vielmehr in den Preisen des Bestandsverm\u00f6gens (z. B. H\u00e4user, Grundst\u00fccke, Aktien und Rentenpapiere). Da aber \u201eVerm\u00f6genspreisinflation\u201c die Kaufkraft des Geldes genau so zerst\u00f6rt wie \u201eklassische\u201c Konsumg\u00fcterpreisinflation, ist die Frage: Kann das Beschr\u00e4nken der Geldpolitik auf das Stabilisieren der Konsumg\u00fcterpreise den Geldwert \u00fcberhaupt (noch) erhalten?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eine grunds\u00e4tzliche Diskussion der herrschenden Inflationsdefinition erscheint umso wichtiger, weil gerade Verm\u00f6genspreisinflation in besonders kostentr\u00e4chtigen Wirtschafts- und Finanzturbulenzen enden kann. Man bedenke nur, dass schwere Krisen \u2013 wie die Grosse Depression 1929\/1933 und die japanische Deflation zu Beginn der 90er Jahre \u2013 entstanden sind, obwohl die Konsumg\u00fcterpreisinflation gem\u00e4\u00dfigt war.<\/p>\n<p>Unter einer\u201eAnti-Inflationspolitik\u201c verstehen Zentralbanken heute eine Politik der \u201ePreisniveaustabilit\u00e4t\u201c. Das hei\u00dft, das Preisniveau der Volkswirtschaft \u2013 gemessen anhand eines Konsumentenpreisindexes \u2013 soll im Zeitablauf \u201enahezu\u201c unver\u00e4ndert bleiben. Ein solches \u201eIndexregime\u201c geht auf den US-\u00d6konomen Irving Fisher (1867 \u2013 1947) zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bevor Fishers Lehre sich verbreitete, wurde der Geldwert gegen\u00fcber Gold definiert. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde der internationale Goldstandard jedoch durch freiheitsfeindliche Regierungspolitiken beendet und wich dem Papiergeldstandard. Seither wird Inflation \u2013 verstanden als fortw\u00e4hrender Verlust der Kaufkraft des Geldes \u2013 als \u00c4nderung eines Preisindexes interpretiert.<\/p>\n<p>Fisher dachte an einen Preisindex, der repr\u00e4sentativ f\u00fcr das Preisniveau der Volkswirtschaft ist, also sowohl die Preise der Endprodukte wie auch die des bestehenden Verm\u00f6gens umfasst. Dass heute Preisniveaustabilit\u00e4t \u201everk\u00fcrzt\u201c mittels Konsumg\u00fcterpreisindizes definiert wird, hat vermutlich drei Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Erstens wird davon ausgegangen, dass Geldhalter (nur) G\u00fcter der laufenden Produktion erwerben wollen. Zweitens wird unterstellt, dass die Preise der Endproduktion die Preise aller \u00fcbrigen G\u00fcter quasi \u201ereflektieren\u201c. Drittens \u2013 und dies ist ein \u201etechnischer\u201c Grund \u2013 stehen die Preise der laufenden Produktion, aber meist nicht die der Verm\u00f6gensg\u00fcter schnell und verl\u00e4sslich zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Fishers Indexregime, wenngleich vom wissenschaftlichen \u201eMainstream\u201c einhellig akzeptiert, wird von der \u201e\u00d6sterreichischen Schule\u201c \u2013 als deren prominenteste Vertreter Ludwig von Mises (1881 \u2013 1973) und Friedrich August von Hayek (1899 \u2013 1992) zu nennen sind \u2013 seit ehedem abgelehnt.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie ist \u201estabiles Geld\u201c in einer Marktwirtschaft logisch unm\u00f6glich. Geld ist ein Tauschgut. Und wie f\u00fcr jedes Gut gilt auch f\u00fcr Geld: Es gibt keine \u201eauf ewig\u201c garantierte stabile Tauschrelation gegen\u00fcber anderen G\u00fctern, wie dies vom Indexregime suggeriert wird. Sich \u00e4ndernde Vorlieben der Menschen und wirtschaftlicher Fortschritt bewirken vielmehr Ver\u00e4nderungen der Tauschwerte der G\u00fcter, einschlie\u00dflich der des Geldes.<\/p>\n<p>Die \u00d6sterreicher setzen daher auch Inflation mit dem Ausweiten der Geldmenge gleich: Steigt die Geldmenge, sinkt der Grenznutzen des Geldes. Geldhalter tauschen dann Geld verst\u00e4rkt gegen G\u00fcter. Weil nun aber jede Geldeinheit im Tausch weniger G\u00fcter erbringt im Vergleich zur Situation vor der Geldmengenerh\u00f6hung, ist die Kaufkraft des Geldes gesunken.<\/p>\n<p>So gesehen verursachen nat\u00fcrlich alle Geldsysteme Inflation, weil sie alle mit einem Ausweiten der Geldmenge einhergehen \u2013 ein freier Goldstandard genau so wie staatliches Papiergeld. Allerdings, so die \u00d6sterreicher, ist das staatliche Papiergeld besonders inflationstr\u00e4chtig, weil hier die Geldmenge \u201emutwillig\u201c, d. h. ohne \u00f6konomischen Grund, ausgeweitet werden kann.<\/p>\n<p>Monetaristen greifen eine Kernbotschaft der \u00d6sterreicher auf: Inflation ist stets und \u00fcberall ein monet\u00e4res Ph\u00e4nomen. Auch f\u00fcr sie ist das Ausweiten der Geldmenge Ursache der Inflation, die Ver\u00e4nderung der Preise ist das Symptom der Geldmengenausweitung. Und da die staatlichen Notenbanken das Geldangebotsmonopol halten, sind es letztlich sie, die f\u00fcr Inflation haftbar zu machen sind.<\/p>\n<p>Man mag argumentieren, dass es langfristig keine Rolle spielt, ob die Geldpolitik sich an den Konsumentenpreisen oder an einem \u201ebreit definierten\u201c Preisindex, der neben Endverbrauchsg\u00fctern auch Bestandsverm\u00f6gen beinhaltet, orientiert: Der \u201eMechanismus der relativen Preise\u201c d\u00fcrfte sicherstellen, dass inflation\u00e4re Tendenzen bei einigen Produktpreisen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf alle anderen Preise durchschlagen.<\/p>\n<p>Allerdings vollzieht sich die Anpassung mit (langer) Zeitverz\u00f6gerung. Zwischenzeitlich stehen Notenbanken unter Handlungsdruck, der aus der laufenden Daten- und Konjunkturlage resultiert. So provoziert vor allem aktuell niedrige Konsumentenpreisinflation Rufe nach (noch) niedrigen Zinsen.<\/p>\n<p>Soll also dem Geldwertschwund unter dem herrschenden Indexregime entgegen getreten werden, empfiehlt sich eine Erg\u00e4nzung durch den Ausweis eines \u201ebreiten Indexes\u201c, der Endverbraucher- und Verm\u00f6genspreise umfasst. Gel\u00e4nge es der Geldpolitik, einen solchen Index mittel- bis langfristig stabil zu halten, w\u00fcrde der Kaufkraftverlust des Geldes zumindest in (engen) Grenzen gehalten.<\/p>\n<p>Alternativ k\u00f6nnte auch bei der Ursache der Inflation, also bei der Festlegung der akzeptablen Geldmengenausweitung, angesetzt werden. Und dies scheint aus \u00f6konomischer Sicht \u00fcberzeugend(er). Die Empfehlung von Milton Friedman (1912 \u2013 2006) lie\u00dfe sich so legitimieren. Er forderte, das Mandat der Notenbank solle auf das Ausweiten der Geldmenge mit einer konstanten, f\u00fcr alle vorab bekannten Rate beschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n<p>Ganz in diesem Sinne argumentierte auch Robert E. Lucas 1986: Er sagte, das Inflationsproblem sei gel\u00f6st. Man m\u00fcsse nur die Geldmengenwachstumsrate festlegen, die mit der als langfristig akzeptablen erscheinenden Inflation vereinbar ist. In der Tat: Wenn Inflation ihre Ursache in der Geldmengenausweitung hat, warum nicht gleich die Zentralbanken verpflichten, die Geldmengenexpansion in engen voraussehbaren Grenzen zu halten anstatt mit Preisindizes herumzuexperimentieren?<\/p>\n<p>Das \u00fcberaus starke Kredit- und Geldmengenwachstum in den gro\u00dfen westlichen W\u00e4hrungsr\u00e4umen in den letzten Jahren \u2013 mit Ausnahme Japans \u2013 gibt in jedem Falle Anlass zur (Inflations-)Sorge: Aus Sicht der \u00d6sterreichischen Schule etwa w\u00e4re die Schlussfolgerung, dass die tats\u00e4chliche Geldentwertungsrate weit h\u00f6her liegt, als dies die Ver\u00e4nderungsraten der Konsumentenpreisindices nahe legen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" width=\"400\" src=\"\/wordpress\/bilder\/polleita.jpg\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" width=\"400\" src=\"\/wordpress\/bilder\/polleitb.jpg\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zentralbanken werden nicht m\u00fcde zu versichern, der Geldwert bleibe erhalten, wenn die Konsumentenpreise um nicht mehr als etwa 2 Prozent pro Jahr steigen. 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