{"id":68,"date":"2007-08-19T05:53:26","date_gmt":"2007-08-19T04:53:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=68"},"modified":"2007-08-19T05:54:02","modified_gmt":"2007-08-19T04:54:02","slug":"wenn-relative-armut-mit-absoluter-armut-bekampft-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=68","title":{"rendered":"Wenn relative Armut mit absoluter Armut bek\u00e4mpft wird"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem Heiner Geissler verk\u00fcndet hatte, dass er Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac geworden ist, wurde er gefragt, ob er denn nicht sehe, dass ein Land wie China in der Folge seiner \u00d6ffnungspolitik spektakul\u00e4re Zugewinne an Einkommen und Wohlstand erzielt habe. Seine Antwort war, dass der Preis, den China daf\u00fcr zu zahlen habe, die Zugewinne nicht rechtfertigen k\u00f6nne. Dieser Preis besteht in der Ungleichverteilung des Einkommens, welche in der gleichen Zeit in China ebenfalls spektakul\u00e4r zugenommen hat. In der Tat beobachten \u00d6konomen seit etwa zwei Jahrzehnten eine st\u00e4rkere Ungleichverteilung der personellen Einkommen innerhalb sehr vieler L\u00e4nder. Vor allem die Lohneinkommen der h\u00f6her Qualifizierten sind deutlich schneller gestiegen als jene der gering Qualifizierten. Und was die \u00d6konomen dabei am meisten verwundert ist, dass dies nicht nur in den Industriel\u00e4ndern so ist, sondern auch in den Entwicklungsl\u00e4ndern. Die traditionelle Theorie der Au\u00dfenwirtschaft w\u00fcrde n\u00e4mlich voraussagen, dass es bei einer Zunahme des internationalen Handels gerade in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern zu einem relativen Anstieg der L\u00f6hne der gering Qualifizierten im Vergleich zu den h\u00f6her Qualifizierten kommt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber das Gegenteil wird beobachtet. Dies scheint Heiner Geisslers Sicht in zweierlei Hinsicht zu best\u00e4tigen: Erstens scheint die \u00f6konomische Theorie sich einmal mehr als das Spielzeug \u201eweltfremder Wolkenschieber\u201c neoliberaler Provenienz zu erweisen und zweitens scheint der in den letzten Jahrzehnten zu beobachtende Prozess der au\u00dfenwirtschaftlichen \u00d6ffnung, der Liberalisierung und Technisierung des Wirtschaftslebens zur weiteren Verarmung gerade jener zu f\u00fchren, welche ohnehin schon ein hartes Los gezogen haben. Wenn man die Analyse bis hierher treibt und nicht weiter, dann hat man offenbar Grund, Heiner Geissler Recht zu geben. Indes: Wer bereit ist, mehr \u00fcber die Realit\u00e4t zu erfahren, wird erkennen, dass diese Schl\u00fcsse voreilig sind und in die Irre f\u00fchren \u2013 mit m\u00f6glicherweise schlimmen Konsequenzen gerade f\u00fcr jene, als deren Anwalt sich Geissler ebenso wie seine Mitstreiter gern sehen.<\/p>\n<p>Richtig ist zun\u00e4chst, dass es \u00d6konomen schwer f\u00e4llt, die Entwicklung der relativen Einkommen mit den traditionellen Theorien der Au\u00dfenwirtschaft zu erkl\u00e4ren. Aber das wird die \u00f6konomische Analysemethode nicht obsolet werden lassen, wie manche glauben, sondern es wird die \u00f6konomischen Theorien verbessern und die Einsichten vertiefen, was ein ganz normaler Prozess des Wissensfortschritts ist. Richtig ist aber auch, dass die Bek\u00e4mpfung relativer Armut mit Hilfe des Wirtschaftswachstums schon bei einer konstanten Einkommensverteilung dem ber\u00fcchtigten Rennen von Hase und Igel gleicht. Denn immer wenn die Einkommen der Armen gestiegen sind, sind es jene der Reichen auch. Umso schlimmer wird es, wenn sich die Einkommensverteilung im Zuge eines Wachstumsprozesses auch noch zugunsten der Reichen verschiebt, wie dies in vielen aufholenden Entwicklungsl\u00e4ndern, vor allem in China der Fall ist. Denn dann vergr\u00f6\u00dfert sich die relative Armut in einem Prozess des aufholenden Wachstums wie in China in der Tat noch. Bevor man daraus aber wirtschaftspolitische Schl\u00fcsse zieht, sollte man einen Blick auf folgende Fakten werfen: Die Entwicklungsl\u00e4nder sind, was das Einkommen betrifft, in den letzten Jahrzehnten von den Industriel\u00e4ndern nicht etwa abgeh\u00e4ngt worden. Sie haben im Gegenteil deutlich aufgeholt. Und was wohl noch viel bedeutsamer ist: Die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben m\u00fcssen, hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht etwa zugenommen, sondern sie hat in bedeutendem Ma\u00dfe abgenommen. Dies gilt gerade f\u00fcr Menschen in L\u00e4ndern wie China, welche sich dem internationalen wirtschaftlichen Austausch ge\u00f6ffnet haben, welche ihre M\u00e4rkte liberalisiert haben und welche den technologischen Anschluss gesucht haben.<\/p>\n<p>Wie passt der R\u00fcckgang der absoluten Armut aber mit der Zunahme der relativen Armut zusammen, die wir innerhalb der L\u00e4nder beobachten und von welcher viele glauben, dass sie die armen Menschen in den armen L\u00e4ndern immer mehr in Hunger und Elend treibt? Ganz einfach: Der Prozess des Einkommenswachstums in einer Gesellschaft kann nicht v\u00f6llig gleichf\u00f6rmig ablaufen. Das ist in den alten Industriel\u00e4ndern nicht so gewesen, und es wird bei den nun aufholenden L\u00e4ndern auch nicht so sein k\u00f6nnen. Wenn in einem Land, in welchem zuvor Armut herrschte, ein Prozess des Einkommenswachstums einsetzt, dann wird dies nicht alle Menschen gleicherma\u00dfen und zur gleichen Zeit erfassen k\u00f6nnen. Gerade in einem gro\u00dfen und heterogenen Land wie China ist das aufholende Einkommenswachstum ein langwieriger Prozess, von dem die Menschen in den verschiedenen Regionen nur nach und nach profitieren. W\u00e4hrend dieses Prozesses wird in manchen Regionen schon die Schwelle zu bescheidenem Wohlstand erreicht, w\u00e4hrend andere Regionen noch kaum aufgeholt haben \u2013 und ja, es wird immer auch Personen geben, die in einem Reichtum leben, der auch nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Industriel\u00e4nder Atem beraubend ist, w\u00e4hrend sprichw\u00f6rtlich an der n\u00e4chsten Ecke noch Armut herrscht. Der dabei manchmal allzu offensiv zur Schau gestellte Luxus wirkt zweifellos oft unappetitlich. Gerade mit Blick auf das Schicksal der Armen ist es aber wichtig, die genauren Ursachen der Lage der Armen zu erkennen. Denn sonst greift man leicht zur falschen Therapie und verschlimmert die Situation wom\u00f6glich noch. Und zur Einsicht in die Ursachen der Problematik geh\u00f6rt auch dies: Die zunehmende Ungleichheit in den aufholenden Entwicklungsl\u00e4ndern entsteht in aller Regel nicht dadurch, dass die einen absolut reicher werden und die anderen absolut \u00e4rmer. Schon gar nicht entsteht sie dadurch, dass die einen in Armut verfallen, weil die anderen reicher werden. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass einige Personen und Regionen schneller zu Wohlstand gelangen als andere. Dadurch werden die einen absolut und relativ reicher, w\u00e4hrend die anderen relativ \u00e4rmer werden. Absolut gesehen m\u00fcssen diese letzteren aber keineswegs \u00e4rmer werden \u2013 und sie werden es in der Regel auch nicht. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall.<\/p>\n<p>Den Zuwachs der relativen Armut kann man grunds\u00e4tzlich dadurch bek\u00e4mpfen, dass man diejenigen Faktoren hemmt, welche erstens das allgemeine Einkommenswachstum antreiben, welche dabei aber zweitens die relative Armut erh\u00f6hen, weil einige Personen und Regionen schneller zu Wohlstand gelangen als andere. In der Konsequenz hie\u00dfe das aber: Besser es geht allen gleicherma\u00dfen schlecht als einigen gut und anderen (noch) nicht so gut. Will man einen solch absurden Schluss nicht ziehen, dann kann man alternativ nur noch einen Prozess gleichm\u00e4\u00dfigen Wachstums \u00fcber alle Regionen und Bev\u00f6lkerungsgruppen in einem Riesenreich wie China fordern. Genau das hat Heiner Geissler seinerzeit auch getan. Auf den Punkt gebracht lautet sein Petitum also: Entweder ein Prozess von \u00d6ffnung und Wachstum mit gleichm\u00e4\u00dfigem Einkommenswachstum oder kein solcher Prozess. Niemand bestreitet, dass diese Position von einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden getragen ist. Aber wie so oft sind auch hier gut und gut gemeint zwei unterschiedliche Dinge. Sicher, wer diese Dinge gleichsetzt, erspart sich kognitive Dissonanz und kann sich umso unbeschwerter dem erhabenen Gef\u00fchl hingeben, auf der Seite der Guten und Gerechten zu stehen. Das kann aber t\u00e4uschen. F\u00fcr jene, die sich da t\u00e4uschen, mag das nicht so schlimm sein. F\u00fcr jene, die die Selbstget\u00e4uschten zu sch\u00fctzen beanspruchen, kann es aber sehr wohl schlimm sein. Was ist n\u00e4mlich, wenn sich die Forderung nach einem gleichm\u00e4\u00dfigen Prozess des Einkommenswachstums aufholender Entwicklungsl\u00e4nder als ebenjene weltfremde Wolkenschieberei erweist, welche die Geisslers dieser Welt bei den (neoliberalen) \u00d6konomen nicht m\u00fcde werden zu diagnostizieren? Was, wenn ein Prozess des Einkommenswachstums nur in Verbindung mit einem Anstieg relativer \u2013 nicht hingegen absoluter \u2013 Armut zu haben ist, wof\u00fcr einiges spricht? Muss man dann einen Entwicklungsprozess wie in China und Indien unterbinden, weil der Preis daf\u00fcr einfach zu hoch ist? Herr Geissler und seine Attac-Mitstreiter sehen das so. Wenn sie ehrlich zu sich und anderen w\u00e4ren, m\u00fcssten sie aber hinzuf\u00fcgen, dass die Menschen dann im Namen der relativen Gleichheit absolut arm bleiben m\u00fcssen \u2013 gleicherma\u00dfen absolut arm freilich. Denn das genau w\u00e4re die Konsequenz, und f\u00fcr diese Konsequenz k\u00e4mpfen sie alle \u2013 ob ihnen das bewusst ist oder nicht.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Heiner Geissler verk\u00fcndet hatte, dass er Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac geworden ist, wurde er gefragt, ob er denn nicht sehe, dass ein Land &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=68\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWenn relative Armut mit absoluter Armut bek\u00e4mpft wird\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-68","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globales"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wenn relative Armut mit absoluter Armut bek\u00e4mpft wird - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=68\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wenn relative Armut mit absoluter Armut bek\u00e4mpft wird - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Nachdem Heiner Geissler verk\u00fcndet hatte, dass er Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac geworden ist, wurde er gefragt, ob er denn nicht sehe, dass ein Land &hellip; 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