{"id":7094,"date":"2011-09-19T10:01:45","date_gmt":"2011-09-19T09:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7094"},"modified":"2011-09-19T10:01:45","modified_gmt":"2011-09-19T09:01:45","slug":"europas-falsche-freunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7094","title":{"rendered":"Europas falsche Freunde"},"content":{"rendered":"<p>Nichts ist alternativlos. Es gibt in der aktuellen Situation und mit  einem kurz- bis mittelfristigen Zeithorizont verschiedene Wege, mit der  europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise umzugehen. Einer dieser Wege setzt  voraus, die Zahlungsunf\u00e4higkeit Griechenlands hinzunehmen und die  Gl\u00e4ubiger Griechenlands die entsprechenden Abschreibungen vornehmen zu  lassen. Gef\u00e4hrdet dies systemrelevante Banken, dann ist eine  Rekapitalisierung der Banken vorzunehmen. Ein anderer Weg ist die  Etablierung einer Transferunion. Dieser kann auf verschiedenen Pfaden  begangen werden, sei es verborgen durch einen Aufkauf von Staatsanleihen  durch die EZB, oder etwas offener durch den Aufbau finanzpolitischer  Transfermechanismen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In unseren politischen Eliten und in einigen Redaktionen sogenannter  Qualit\u00e4tszeitungen scheint der Weg in die Transferunion derzeit klar  favorisiert zu werden. Exemplarisch f\u00fcr diese Haltung steht ein j\u00fcngerer  <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/fdp-und-csu-in-der-euro-krise-da-wuenscht-man-sich-stoiber-zurueck-1.1144373\" target=\"_blank\">Kommentar des wieder einmal jedes Ma\u00df verlierenden Heribert Prantl in der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a>,  der Zweifel an der Transferunion gleich pauschal f\u00fcr politisch unseri\u00f6s  h\u00e4lt. Sein Kommentar enth\u00e4lt zwar kein einziges \u00f6konomisches Argument,  neigt in seiner schon klischeehaften Zentralisierungseuphorie aber  stellenweise erkennbar ins satirische Genre, wenn auch vermutlich  ungewollt. Andere Vertreter dieses Fachs werfen Kritikern des Weges in  die Transferunion gar ein angebliches Spiel mit dem Rechtspopulismus  vor. Damit wird die Diskussion endg\u00fcltig rationalen Argumenten entzogen  und auf der Ebene von Ideologie und Propaganda gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>N\u00fcchtern betrachtet kann man sich zwei Dinge fragen: Was ist Europa?  Und was ist in der aktuellen Lage gut f\u00fcr Europa? Als Antwort auf die  erste Frage h\u00f6rt man nicht selten, Europa sei der Euro, ohne Euro gebe  es also kein Europa. Das ist nat\u00fcrlich falsch, denn Europa ist  wesentlich mehr. Es ist eine Freihandelszone, es ist der Schengenraum,  es ist bei aller Verschiedenheit letztendlich doch auch eine kulturelle  Gemeinschaft. Die Behauptung, ein friedliches und wohlintegriertes  Europa k\u00f6nne es ohne Euro nicht mehr geben ist einfach schlechte  politische Rhetorik, aber mehr auch nicht. Aber auch die Drohung mit  einem Ende des Euro f\u00fcr den Fall eines griechischen Defaults ist nur  dies: schlechte politische Rhetorik. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, da\u00df es  f\u00fcr Griechenland und vielleicht auch f\u00fcr Portugal besser w\u00e4re,  au\u00dferhalb der Eurozone, mit einer eigenen W\u00e4hrungs- und Zinspolitik ihre  Wettbewerbsf\u00e4higkeit wieder herzustellen. Aber auch eine an der  Peripherie leicht geschrumpfte Eurozone bliebe immer noch ein gro\u00dfes  europ\u00e4isches Projekt   mit der Perspektive zum sp\u00e4teren Wiedereintritt  der aktuell betroffenen L\u00e4nder, bei dann neu gewonnener  Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Andere finanzpolitische Probleml\u00e4nder wie Italien,  Irland und wohl auch Spanien sind von ihrer wirtschaftlichen Basis her  ohnehin stabil genug um in der Eurozone zu verbleiben.<\/p>\n<p>Die Behauptung, ein griechischer Default gef\u00e4hrde die Integration  Europas entbehrt also jeder Grundlage. Dieser erste der beiden oben  beschriebenen Wege w\u00e4re au\u00dferdem relativ transparent, er w\u00e4re durchaus  auch gerecht   diejenigen, die bisher Risikopr\u00e4mien auf griechische  Anleihen kassiert haben, m\u00fc\u00dften nun eben Abschreibungen hinnehmen. Und  er w\u00e4re sicherlich auch g\u00fcnstiger, denn die Rekapitalisierung  gef\u00e4hrdeter Banken ist weniger aufw\u00e4ndig als die Rettung von Staaten.  Zudem w\u00fcrden die Staaten, die den Banken neues Kapital zuschie\u00dfen <a href=\"http:\/\/www.voxeu.org\/index.php?q=node\/6923\" target=\"_blank\">Anteilseigner dieser Banken<\/a>, k\u00f6nnten also mittelfristig diese Anteile (erfahrungsgem\u00e4\u00df meist mit Gewinn) wieder ver\u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Der zweite Weg, der in die Transferunion, ist dagegen hoch  problematisch. Einerseits ist er, wie wir gesehen haben, keineswegs  notwendig um das Projekt der europ\u00e4ischen Integration zu retten. Diese  Behauptung ist nur vorgeschoben; nicht umsonst wird sie meist zwar  lautstark vorgetragen, aber praktisch nie mit weiteren Sachargumenten  unterf\u00fcttert. Andererseits ist dieser Weg aber auch intransparent,  besonders dann, wenn er abseits aller demokratischen Kontrollinstanzen  und gegen alle Regeln \u00fcber den Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB  gegangen wird. Aber auch permanente finanzpolitische Transfermechanismen  leiden darunter, da\u00df sie bestenfalls schwach demokratisch kontrolliert  sind. Viel weiter vom Souver\u00e4n entfernt als der Gouverneursrat des ESM  kann ein politisches Entscheidungsgremium fast nicht mehr sein. Auch die  <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,786906,00.html\" target=\"_blank\">verfassungsrechtlichen  Bedenken gegen\u00fcber einer weiteren Zentralisierung der Wirtschafts- und  Finanzpolitik sind nicht mehr zu \u00fcberh\u00f6ren<\/a>.<\/p>\n<p>Dazu kommen weitere Probleme. Die Erfahrung mit intergouvernmentalen  Transferzahlungen   von Mecklenburg bis zum Mezzogiorno   deutet bisher  nicht darauf hin, da\u00df diese helfen, die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der  empfangenden Regionen deutlich zu verbessern. Ausnahmen wie etwa Bayern  sind Nadeln in gro\u00dfen Heuhaufen. Griechenland w\u00e4re h\u00f6chst wahrscheinlich  ein ewiger Transferempf\u00e4nger, ganz sicher aber ein sehr langfristiger  Transferempf\u00e4nger. Anders gesagt: Der Weg in die Transferunion schafft  Verpflichtungen f\u00fcr Generationen. Auch dar\u00fcber mu\u00df man sich klar sein.<\/p>\n<p>Dann aber kommen erst die eigentlichen politischen Schwierigkeiten. Wie <a href=\"..\/?p=6898\" target=\"_blank\">schon einmal hier diskutiert<\/a>,  impliziert eine Transferunion unabh\u00e4ngig von ihrer konkreten  Ausgestaltung die Notwendigkeit zur b\u00fcrokratisch-hierarchischen  Kontrolle der Finanzpolitik der Empf\u00e4ngerstaaten. Das aber schafft  politische Spannungen innerhalb Europas. Schon jetzt sind deutsche  Politiker in Griechenland noch unbeliebter als in Deutschland selbst, da  sie als S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr die dortige Sparpolitik dienen. In einer auf  Ewigkeit angelegten Transferunion wird es sich kaum verhindern lassen,  da\u00df solche Spannungen chronisch werden. Au\u00dferdem gibt es Beispiele wie  Italien mit seiner bis ins letzte Jahrzehnt hinein stark  sezessionistisch orientierten Lege Nord, die zeigen, da\u00df es selbst  innerhalb eines Nationalstaates zu starken separatistschen Str\u00f6mungen  kommen kann wenn die Geberregionen sich ausgebeutet f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Breite empirische Evidenz zeigt dar\u00fcber hinaus, da\u00df ganz generell  Menschen umso weniger zur Zahlung von Transfers bereit sind, je weniger  sie sich kulturell oder geographisch mit den Empf\u00e4ngern dieser Transfers  verbunden f\u00fchlen. Dies gilt selbst in relativ kleinen Staaten wie  Belgien mit seinen unterschiedlichen Sprachregionen. Nach allen  aktuellen demoskopischen Meinungsbildern trifft dies aber auch und  gerade auf Europa zu: Es gibt in der Bev\u00f6lkerung der potentiellen  Geberl\u00e4nder keine Zustimmung zum Projekt der Transferunion. Wer dieses  Vorhaben dennoch vorantreibt, der mu\u00df sich dar\u00fcber klar sein, da\u00df er  gerade damit den Samen zuk\u00fcnftiger politischer Spannungen bis hin zum  offenen Separatismus in der Europ\u00e4ischen Union s\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Freunde des Elitenprojektes einer   demokratisch nicht  legitimierten   weiteren Zentralisierung politischer Kompetenzen in  Europa bis hin zu einer Transferunion sind falsche Freunde Europas. Die  nicht sehr \u00fcberzeugende Rhetorik der Denkverbote wird beim  interessierten B\u00fcrger letztendlich vor allem den Zweifel am  Elitenprojekt wecken, der Weg zur Transferunion wird mit einer nicht  geringen Wahrscheinlichkeit in politische Konflikte hineinf\u00fchren, die  dann mittel- und langfristig das europ\u00e4ische Integrationsprojekt erst  wirklich gef\u00e4hrden. Es mag paradox klingen, aber eine kurzftistig zu  \u00fcbereifrige europ\u00e4ische Zentralisierung gef\u00e4hrdet langfristig den Erfolg  der europ\u00e4ischen Integration. Der erste Weg, also das Zulassen der  formalen Insolvenz \u00f6konomisch l\u00e4ngst insolventer Staaten, w\u00fcrde hingegen  ex post und mit etwas Abstand wohl nur als kurzer Umweg zum ansonsten  im gro\u00dfen und ganzen intakten, integrierten Europa wahrgenommen werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/webmail.uni-wuerzburg.de\/imp\/themes\/graphics\/spacer_red.png\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts ist alternativlos. Es gibt in der aktuellen Situation und mit einem kurz- bis mittelfristigen Zeithorizont verschiedene Wege, mit der europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise umzugehen. 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