{"id":7109,"date":"2011-10-03T07:54:22","date_gmt":"2011-10-03T06:54:22","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7109"},"modified":"2011-10-03T07:56:09","modified_gmt":"2011-10-03T06:56:09","slug":"hayek-und-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7109","title":{"rendered":"Hayek und Europa"},"content":{"rendered":"<p>Wie weit sollten die Zust\u00e4ndigkeiten der Europ\u00e4ischen Union reichen? Auf diese wichtige Frage hat <em>Friedrich A. v. Hayek<\/em> schon sehr fr\u00fch eine wegweisende Antwort gegeben:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eThere must be a power which can restrain the different nations from action harmful to their neighbours, a set of rules what a state may do, and an authority capable of enforcing these rules. The powers which such an authority would need are mainly of a negative kind, it must above all, be able to say \u201c\u02dcNo\u2019 to all sorts of restrictive measures\u2026 But this does not mean that a new super-state must be given powers which we have not learned to use intelligently even on a national scale, that an international authority ought to be given power to direct individual nations how to use their resources\u201c\u009d. (The Road to Serfdom, 1944, S. 231f.)<\/p>\n<p><!--more--><\/p><\/blockquote>\n<p>Was sind \u201cactions harmful to their neighbours\u201c\u009d? Dazu geh\u00f6ren zun\u00e4chst einmal die klassischen negativen externen Effekte \u2013 d.h. \u00dcbergriffe, die nicht \u00fcber den Markt wirken \u2013, im Extremfall Krieg, aber auch grenz\u00fcberschreitende Umweltbelastungen oder das Fischen in internationalen Gew\u00e4ssern. Hayeks Kriterium entspricht dem sogenannten \u201eklassischen Freiheitsziel\u201c des 18. Jahrhunderts, wie wir es zum Beispiel bei <em>Wilhelm von Humboldt<\/em> finden:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Staat enthalte sich aller Sorgfalt f\u00fcr den positiven Wohlstand der B\u00fcrger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen ausw\u00e4rtige Feinde notwendig ist \u2013 zu keinem anderen Endzwecke beschr\u00e4nke er ihre Freiheit\u201c.<br \/>\n(Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, 1792, S. 44)<\/p><\/blockquote>\n<p>Genau wie der Staat im Inneren lediglich die Aufgabe hat, den einzelnen B\u00fcrger vor \u00dcbergriffen anderer B\u00fcrger zu sch\u00fctzen, so soll die internationale Organisation den einzelnen Mitgliedstaat vor \u00dcbergriffen anderer Mitgliedstaaten bewahren. Damit \u00fcbertr\u00e4gt Hayek in geradezu genialer Weise das innerstaatliche Ordnungsprinzip auf die internationale Ordnung: sein Kriterium ist konsistent.<br \/>\nAus dem klassischen Freiheitsziel ergibt sich, dass der Staat das Eigentum sch\u00fctzen soll und nicht in die Vertragsfreiheit eingreifen darf. Auf die internationale Ebene \u00fcbertragen hei\u00dft dies, dass Handel und Kapitalverkehr nicht von den Staaten beschr\u00e4nkt werden d\u00fcrfen. Deshalb ist die internationale Organisation bei Hayek auch daf\u00fcr zust\u00e4ndig, \u201eto say ,No\u201c\u02dc to all sorts of restrictive measures\u201c.<br \/>\nGeh\u00f6ren zu den \u201eactions harmful to their neighbours\u201c auch die sogenannten \u201emarket spillovers\u201c, d.h. die internationalen Interdependenzen durch den Markt? Denn es kann ja sein, dass eine falsche Geldpolitik in einem Land \u2013 zum Beispiel die amerikanische in den Jahren 1929-32 oder 2003-04 \u2013 die anderen L\u00e4nder in Mitleidenschaft zieht. Auch auf diese Frage gibt Hayek eine konsistente Antwort:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eThere could be no more effective check against the abuse of money by the government than if people were free to refuse any money they distrusted and to prefer money in which they had confidence \u2026 Therefore, let us deprive governments (or their monetary authorities) of all power to protect their money against competition \u2026 I prefer the freeing of all dealings in money to any sort of monetary union also because the latter would demand an international monetary authority which I believe is neither practicable nor even desirable\u201c. (Choice in Currency, 1976, S. 18, 21).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Geldpolitik sollte also nicht in den Zust\u00e4ndigkeitsbereich der internationalen Organisation fallen. Auch im Geldwesen sollte es keine Marktzutrittsbeschr\u00e4nkungen geben. Die Produzenten von Geld \u2013 auch von Basisgeld \u2013 sollten vielmehr zueinander im Wettbewerb stehen. Die Interdependenz durch den Markt sorgt ja gerade f\u00fcr Effizienz.<br \/>\nWas bedeutet das f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union?<\/p>\n<ol>\n<li> Die Mitgliedstaaten sollten keine gemeinsame W\u00e4hrung und Zentralbank haben \u2013 es sei denn, eine W\u00e4hrung setzt sich im Wettbewerb durch, und der Marktzutritt bleibt frei.<\/li>\n<li> Auch die Interdependenz durch den Markt im Bereich der Staatsverschuldung ist kein hinreichender Grund, die Finanzpolitik zu vergemeinschaften.<\/li>\n<li> Die Europ\u00e4ische Union sollte ihren Mitgliedstaaten nicht vorschreiben \u201ehow to use their resources\u201c. Auch dies schlie\u00dft eine gemeinsame Finanzpolitik aus. Es ist au\u00dferdem unvereinbar mit einer europ\u00e4ischen Agrarpolitik, Industriepolitik, Strukturpolitik, Energiepolitik, Verkehrspolitik, Forschungspolitik und Regulierungen der Arbeits- und Finanzm\u00e4rkte.<\/li>\n<li> Hayek bejaht \u2013 ja, er fordert \u2013 den Gemeinsamen Markt. Allerdings w\u00e4re eine umfassendere als die nur europ\u00e4ische L\u00f6sung vorzuziehen.<\/li>\n<li> Hayek ist f\u00fcr eine internationale Umwelt- und Fischereipolitik. Aber auch hier ist die globale L\u00f6sung \u2013 das Kyoto-Protokoll der UNO \u2013 der europ\u00e4ischen \u00fcberlegen.<\/li>\n<li>Hayek bef\u00fcrwortet eine internationale Sicherheitspolitik. Da die Externalit\u00e4ten jedoch weit \u00fcber Europa hinausgehen, ist die NATO besser geeignet als die Sicherheitspolitik der EU.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Welche Gr\u00fcnde sprechen dagegen, \u00fcber Hayeks Kompetenzabgrenzung hinauszugehen?<\/p>\n<ol>\n<li>Die Pr\u00e4ferenzen der Menschen sind verschieden \u2013 nicht nur zwischen Individuen, sondern auch zwischen Gruppen von Menschen \u2013 den Mitgliedstaaten. Denn es gibt gro\u00dfe Unterschiede in den Pro-Kopf-Einkommen, der geographischen Lage und den gewachsenen Traditionen. Die Pr\u00e4ferenzunterschiede sprechen insbesondere gegen eine einheitliche Besteuerung, Binnenumweltpolitik, Agrarpolitik, Arbeitsmarktregulierung, Sozialpolitik und Geldpolitik. Der Versuch der Gleichmacherei f\u00fchrt zu Streit und ist Gift f\u00fcr die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.<\/li>\n<li>Der Wettbewerb zwischen den Staaten sch\u00fctzt die Freiheit des Einzelnen. Er bietet die M\u00f6glichkeit, sich staatlicher Unterdr\u00fcckung und konfiskatorischer Besteuerung zu ertr\u00e4glichen Kosten zu entziehen. Er erkl\u00e4rt, weshalb sich die Aufkl\u00e4rung, der wissenschaftlich-technische Fortschritt und die industrielle Revolution nicht in Gro\u00dfreichen wie China, Indien und im osmanischen Reich entwickelten, sondern im politisch fragmentierten Europa.<br \/>\nFazit: Die europ\u00e4ischen Zentralisierer von heute sind Totengr\u00e4ber der Freiheit.<\/li>\n<li>Der Wettbewerb zwischen Staaten st\u00e4rkt auch die demokratische Kontrolle \u2013 die Kontrolle der Politik durch die B\u00fcrger. Denn die Politik vor Ort ist leichter zu verstehen (besonders wenn Sprachenprobleme hinzukommen), und die B\u00fcrger k\u00f6nnen, indem sie die Politik ihrer Regierung mit der Politik in den Nachbarl\u00e4ndern vergleichen, die eigene Regierung besser beurteilen und, wenn n\u00f6tig, sanktionieren. Als erster hat dies Lord Acton \u2013 ein von Hayek hoch gesch\u00e4tzter Historiker \u2013 formuliert: \u201eIf the distribution of power among several parts of the state is the most efficient restraint of monarchy, the distribution of power among several states is the best check on democracy. By multiplying centres of government and discussion, it promotes the diffusion of political knowledge and the maintenance of healthy and independent opinion. It is the protectorate of minorities and the consecration of self-government\u201c\u009d (The History of Freedom in Antiquity, 1877, S. 21).<br \/>\nFazit: Die europ\u00e4ischen Zentralisierer schw\u00e4chen die demokratische Kontrolle.<\/li>\n<li>Der Wettbewerb zwischen Staaten ist \u2013 wie jeder Wettbewerb (Hayek) \u2013 ein Entdeckungsverfahren. Er beg\u00fcnstigt nicht nur die Verbreitung vorhandenen Wissens (Lord Acton), sondern auch die Schaffung neuen Wissens. Als Beispiel f\u00fcr politische Neuerungen, die zun\u00e4chst in einzelnen Staaten entwickelt worden sind und seitdem, weil sie erfolgreich waren, von immer mehr anderen nachgeahmt werden, sind die Unabh\u00e4ngigkeit der Zentralbank, die Schuldenbremse, die Wettbewerbspolitik und die direkte Demokratie zu nennen. Fazit: Die europ\u00e4ischen Zentralisierer behindern die politische Innovation.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das konstruktivistische Europakonzept f\u00fchrt in die Sackgasse.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie weit sollten die Zust\u00e4ndigkeiten der Europ\u00e4ischen Union reichen? Auf diese wichtige Frage hat Friedrich A. v. 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