{"id":7208,"date":"2011-10-07T06:26:09","date_gmt":"2011-10-07T05:26:09","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7208"},"modified":"2011-10-09T13:01:40","modified_gmt":"2011-10-09T12:01:40","slug":"jutta-urpilainen-und-der-euro-vier-szenarien-zur-zukunft-der-wahrungsunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7208","title":{"rendered":"Jutta Urpilainen und der EURO <br><small>Vier Szenarien zur Zukunft der W\u00e4hrungsunion<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Die Krise in der Euro-Zone wandelt sich zusehends von der Krise einzelner \u00fcberschuldeter L\u00e4nder zu einer Krise der W\u00e4hrungsunion selbst. Hinter den L\u00e4nderkrisen stehen letztlich \u00fcberzogene Anspr\u00fcche, die \u00fcber die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit hinausgehen. Dabei waren es in Griechenland und Portugal die Einkommensanspr\u00fcche der B\u00fcrger, die sich in rasch steigenden L\u00f6hnen und ausufernden staatlichen Wohltaten niederschlugen. In Irland war es die Illusion, der Staat k\u00f6nne seinen \u00fcberdimensionierten, in die Schieflage geratenen Finanzsektor ohne schmerzliche Strukturanpassung durch die Krise bringen. Bisher haben die Euro-Retter mit Ma\u00dfnahmen reagiert, die es den Krisenl\u00e4ndern erleichtern, ihre Schuldenberge zu tragen. Diese Rettungspakete sind es, die aus den L\u00e4nderkrisen eine W\u00e4hrungskrise machen.<\/p>\n<p>Wie wird es weitergehen? Wenn man die absehbare Entwicklung konsequent bis zum Ende durchdekliniert, f\u00e4llt die Antwort gar nicht so schwer. Denn die systemimmanenten Ursachen der Krise sind hinreichend <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3762\">analysiert<\/a>, die Aussichtslosigkeit der Sanierung der griechischen (und portugiesischen) Staatsfinanzen ist vielfach <a href=\"http:\/\/www.ifw-kiel.de\/wirtschaftspolitik\/politikberatung\/pdf\/fuenf-prozent\">belegt<\/a> und die Verhaltensmuster der politischen Akteure lassen sich t\u00e4glich neu studieren \u2013 alles Weitere l\u00e4sst sich deduktiv ableiten. Dabei sollen die folgenden vier Szenarien helfen, von denen sich am Ende nur eines als tragf\u00e4hig erweisen wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Weiter so \u2013 mehr davon<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuelle Politik ist gepr\u00e4gt von der Vorstellung, die Krise sei letztlich Ergebnis \u00fcbernerv\u00f6ser Finanzm\u00e4rkte, die von kurzsichtigen und interessengeleiteten Ratingagenturen sowie von irrationalen und gierigen Finanzinvestoren dominiert w\u00fcrden. Es komme deshalb vorrangig darauf an, die Krise durchzustehen und sich hin\u00fcberzuretten in eine Zeit, in der sich die Finanzm\u00e4rkte wieder beruhigt haben werden. Nicht Probleme l\u00f6sen, sondern Zeit kaufen lautet die Devise. Zwar wird den Krisenstaaten ein strenges Sparprogramm verordnet, aber die Durchsetzung erfolgt nur z\u00f6gerlich und dient eher der innenpolitischen Beruhigung in den Geberl\u00e4ndern als der Krisenbew\u00e4ltigung in den Empf\u00e4ngerl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das unter diesem Szenario bevorzugte Verhaltensmuster lautet, m\u00f6glichst gro\u00dfe Rettungsschirme aufzuspannen und diese notfalls weiter aufzustocken, falls sie sich im Nachhinein als zu klein erweisen sollten. Flankiert werden die Rettungsschirme von Aufk\u00e4ufen dubioser Staatsanleihen durch die EZB, durch ausufernde Target-Kredite im Zentralbanksystem und k\u00fcnftig vielleicht auch durch die Ausgabe von Euro-Bonds.<\/p>\n<p>Diese Politik muss scheitern, weil sie die Ursachen der Krise verkennt und weil sie unzureichende Anreize f\u00fcr die ma\u00dfgeblichen Akteure setzt: Die um ihre Wiederwahl f\u00fcrchtenden Politiker in den Krisenl\u00e4ndern haben in diesem Szenario allen Grund, eisernen Sparwillen nur vorzut\u00e4uschen und daf\u00fcr zu sorgen, dass der eigenen Bev\u00f6lkerung m\u00f6glichst wenig Anpassungsschmerzen zugef\u00fcgt werden. Und die Investoren k\u00f6nnen weiter darauf vertrauen, dass die von ihnen erworbenen Staatsanleihen nur ein minimales Ausfallrisiko bergen, da die Rettungsschirme es im Zweifel schon richten werden.<\/p>\n<p>Das Szenario ist nicht tragf\u00e4hig, denn es impliziert st\u00e4ndig steigende Staatsschulden in den Krisenl\u00e4ndern. Daran w\u00fcrde auch eine \u201egeordnete\u201c Insolvenz der Krisenl\u00e4nder, worunter ein moderater Schuldenschnitt mit Verbleib in der W\u00e4hrungsunion gemeint sein d\u00fcrfte, nichts Wesentliches \u00e4ndern. Denn auch damit w\u00fcrde letztlich nur Zeit gekauft, da die Ursachen der st\u00e4ndig steigenden Neuverschuldung nicht beseitigt w\u00e4ren. Die Rettungsschirme f\u00fcr diese L\u00e4nder werden damit zu F\u00e4ssern ohne Boden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde es f\u00fcr weitere L\u00e4nder attraktiv werden, sich auf die Rettungsschirme zu verlassen und die Konsolidierung der Staatsfinanzen auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Immer mehr L\u00e4nder w\u00fcrden von der Geber- auf die Nehmerseite der Rettungsschirme wechseln, bis schlie\u00dflich auch die Bonit\u00e4t der wenigen verbleibenden Geberl\u00e4nder in Mitleidenschaft gezogen w\u00fcrde und s\u00e4mtliche Rettungsschirme in sich zusammenfielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Anreizeffiziente Umschuldung<\/strong><\/p>\n<p>Aus rein \u00f6konomischer Sicht w\u00e4re es durchaus m\u00f6glich, all die in dem obigen Szenario beschriebenen Fehler zu vermeiden und die W\u00e4hrungsunion dauerhaft auf ein solides Fundament zu stellen. Das Grundprinzip m\u00fcsste lauten, Handlung und Haf\u00c2\u00actung zusammenfallen zu lassen und den Griff in fremde Taschen zur Finanzierung der eigenen Schulden zu verwehren. Die dazu n\u00f6tige Strategie enth\u00e4lt vier Kernelemente (ausf\u00fchrlicher <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=6292\">hier<\/a>):<\/p>\n<ul>\n<li>An <em>allererster<\/em> Stelle steht die Regulierung des Finanzsektors. Solange systemrelevante Banken damit drohen k\u00f6nnen, durch ihre Insolvenz ganze Volkswirtschaften zu destabilisieren, werden alle Haftungsregeln zwischen Regierungen und Staaten ins Leere laufen. N\u00f6tig ist ein spezielles Insolvenzrecht f\u00fcr Banken, das es erlaubt, die systemrelevanten Teile unter staatliche Kontrolle zu bringen und die \u00fcbrigen Teile Konkurs gehen zu lassen<\/li>\n<li>Das <em>zweite<\/em> Kernelement sind die Zinssignale an den Kapitalm\u00e4rkten, die Entfaltungsspiel-aum ben\u00f6tigen, um \u00dcberschuldungsprobleme einzelner L\u00e4nder fr\u00fchzeitig anzeigen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Das <em>dritte <\/em>Kernelement stellt die Schaffung geeigneter Instrumente zur Umschuldung dar. Hier liegt zun\u00e4chst einmal keine Aufgabe der europ\u00e4ischen Wirtschaftspolitik, sondern eine Aufgabe f\u00fcr die unmittelbar involvierten Schuldner, denn diese haben ein vitales Interesse daran, ihre gew\u00e4hrten Kredite zur\u00fcckgezahlt zu bekommen. Jene L\u00e4nder, die eine massive Umschuldung in Anspruch nehmen, w\u00e4ren allerdings auf viele Jahre vom Kapitalmarkt abgeschnitten. Die Gemeinschaft der Euro-Retter wird als Garantiegeber einspringen m\u00fcssen, wenn ein Absturz der Krisenl\u00e4nder ins Bodenlose vermieden werden soll. Eine M\u00f6glichkeit daf\u00fcr w\u00e4re, ihre Staatsanleihen unter voller Beteiligung der privaten Investoren zun\u00e4chst stark abzuwerten und sie dann als Euro-Bonds von den Eurol\u00e4ndern insgesamt garantieren zu lassen.<\/li>\n<li>Die gemeinschaftliche Bereitstellung von Euro-Bonds stellt nat\u00fcrlich eine Verletzung des Prinzips der Einheit von Handlung und Haftung dar. Deshalb wird als viertes Kernelement ein Sanktionsmechanismus ben\u00f6tigt f\u00fcr jene L\u00e4nder, die diese Garantien in Anspruch nehmen. Kein gutes Modell daf\u00fcr sind die Strafzahlungen, wie sie im Maastrichter Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt vorgesehen sind; denn sie d\u00fcrften ins Leere laufen gegen\u00fcber L\u00e4ndern, denen ohnehin schon das Geld ausgegangen ist. Weitaus wirksamer w\u00e4re die tempor\u00e4re Abtretung der Haushaltssouver\u00e4nit\u00e4t der Schuldenl\u00e4nder an die Garantiel\u00e4nder. Hilfreich daf\u00fcr k\u00f6nnten die Vorgabe verbindlicher Fiskalregeln und die Einrichtung unabh\u00e4ngiger Schuldenkommissionen f\u00fcr die \u00dcberwachung dieser Regeln sein.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bei Befolgung dieser Rezeptur haben alle Akteure einen Anreiz, die Schuldenkrise zu bek\u00e4mpfen und k\u00fcnftige Schuldenkrisen zu vermeiden: Die Banken m\u00fcssen zwar einen Schuldenschnitt hinnehmen, k\u00f6nnen dann aber auf gemeinschaftlich garantierte Euro-Bonds zur\u00fcckgreifen. Und sie werden k\u00fcnftig bei ihrer Kreditvergabe st\u00e4rker auf die Solvenz der Schuldner schauen als bisher. Die Krisenl\u00e4nder erhalten wieder eine realistische Perspektive, zumindest auf l\u00e4ngere Sicht ihre fiskalische Handlungsf\u00e4higkeit zur\u00fcckzugewinnen. Und die Garantiel\u00e4nder schlie\u00dflich, an deren Anreizstrukturen derzeit niemand denkt, k\u00f6nnen die W\u00e4hrungsunion vor dem Zusammenbrechen bewahren, ohne daf\u00fcr in F\u00e4sser ohne Boden einzahlen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Diskussion wird insbesondere gegen den in diesem Szenario enthaltenen Schuldenschnitt eine Reihe von Einw\u00e4nden vorgebracht, die allerdings wenig \u00fcberzeugend sind.<\/p>\n<ul>\n<li><em>Erstens<\/em> sei Griechenland dann vom Kapitalmarkt abgeschnitten und bek\u00e4me keine neuen Kredite mehr. Tats\u00e4chlich ist das heute schon der Fall, wie sich an den exorbitanten Spreads zeigt.<\/li>\n<li><em>Zweitens<\/em> w\u00fcrden die Gesch\u00e4ftsbanken in Deutschland, Frankreich und anderswo ins Wanken geraten, wenn sie ihre griechischen Staatspapiere um die H\u00e4lfte oder mehr abschreiben m\u00fcssten. Tats\u00e4chlich haben die allermeisten Banken l\u00e4ngst entsprechende Wertberichtigungen vorgenommen.<\/li>\n<li><em>Drittens<\/em> w\u00e4ren die griechischen Banken einem massiven Schuldenschnitt nicht gewachsen. Dies trifft sicher zu, aber die Stabilisierung notleidender griechischer Banken d\u00fcrfte deutlich weniger Rettungsmittel erfordern als die Stabilisierung des gesamten griechischen Staatshaushalts.<\/li>\n<li><em>Viertens<\/em> werde es zu Domino-Effekten in anderen Euro-L\u00e4ndern kommen. Fraglich ist aber, ob diese Effekte tats\u00e4chlich ausgepr\u00e4gter w\u00e4ren als beim <em>Weiter so mehr davon-Szenario<\/em>. Dort w\u00e4re auf l\u00e4ngere Sicht erst recht mit einem \u00dcbergreifen der Krise auf andere L\u00e4nder zu rechnen, und zwar zum einen wegen der schwindenden Hoffnung, alle Krisenl\u00e4nder k\u00f6nnten nach gleichem Muster gerettet werden, und zum anderen wegen der zu erwartenden \u00dcberschuldung \u00fcberstrapazierter Geberl\u00e4nder.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn es dagegen gel\u00e4nge, nach Ma\u00dfgabe des <em>Szenarios der anreizeffizienten Umschuldung<\/em> die W\u00e4hrungsunion insgesamt auf ein solides Fundament zu stellen, k\u00f6nnte sich die Nervosit\u00e4t an den Finanzm\u00e4rkten auf Dauer legen, so dass nur noch solche L\u00e4nder um ihre Kreditw\u00fcrdigkeit an den Kapitalm\u00e4rkten f\u00fcrchten m\u00fcssten, die tats\u00e4chlich \u00fcberschuldet sind.<\/p>\n<p>Die Einw\u00e4nde gegen den Schuldenschnitt sind es also nicht, die gegen das Szenario der anreizeffizienten Umschuldung sprechen. Die Fallstricke liegen vielmehr auf der politischen Ebene. Dies beginnt bereits bei dem ersten der genannten Kernelemente \u2013 der Insolvenzordnung f\u00fcr systemrelevante Banken. Auf dem H\u00f6hepunkt der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite war der Reformeifer gro\u00df, doch geschehen ist so gut wie nichts. Die Chancen, in diesem Bereich substantiell voranzukommen, sind vielleicht schon vorbei. Zumindest sind keine allzu gro\u00dfen Bestrebungen mehr erkennbar, den systemischen Banken durch ad\u00e4quate Regulierungen ihr politisches Erpressungspotential zu nehmen.<\/p>\n<p>Unter die R\u00e4der der Politik k\u00f6nnte auch die Idee anreizeffizienter Euro-Bonds geraten. W\u00fcrden sie \u2013 wie derzeit \u2013 diskutiert \u2013die nationalen Staatsanleihen der Krisenl\u00e4nder ohne jeden Schuldenschnitt im Verh\u00e4ltnis 1:1 ersetzen, w\u00e4ren s\u00e4mtliche Anreizstrukturen zerst\u00f6rt. Das <em>Szenario der anreizeffizienten Umschuldung<\/em> w\u00fcrde damit unweigerlich zum <em>Weiter so mehr davon-Szenario<\/em> mutieren.<\/p>\n<p>Die dritte politische H\u00fcrde liegt bei der fiskalischen \u00dcberwachung der Krisenl\u00e4nder. Es ist schwer vorstellbar, wie die daf\u00fcr n\u00f6tigen Eingriffe in die nationale Souver\u00e4nit\u00e4t praktikabel umgesetzt werden sollen. Damit die Haushaltssanierung nicht nur versprochen, sondern tats\u00e4chlich vollzogen wird, m\u00fcssten die Geberl\u00e4nder mit Nachdruck die Befolgung der Regeln einfordern. Wie sich an den aktuellen Debatten zeigt, ist es politisch alles andere als opportun, als einziges unter den Geberl\u00e4ndern den Hardliner zu spielen und auf strenge Haushaltsdisziplin zu pochen. Die \u00fcbrigen Geberl\u00e4nder werden dies als bequeme Einladung zum Schwarze-Peter-Spiel ausnutzen und damit den Schuldenl\u00e4ndern alle M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen, sich vor der Haushaltskonsolidierung zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Aus diesem Blickwinkel heraus erscheint das <em>Szenario der anreizeffizienten Umschuldung<\/em> als ebenso wenig tragf\u00e4hig wie das <em>Weiter so mehr davon-Szenario<\/em>, allerdings aus politischen und nicht aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Neu-Drachme<\/strong><\/p>\n<p>Immer vernehmlicher werden die Stimmen, die einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone fordern \u2013 sei es freiwillig oder auf Druck der anderen Euro-L\u00e4nder. Der Haken dabei ist aber, dass sich kaum einer die M\u00fche macht, dieses Szenario wirklich in allen praktischen Konsequenzen auszuleuchten. Entscheidend sind die folgenden Punkte:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine W\u00e4hrungsumstellung \u00fcber Nacht ohne \u00f6ffentliche Vorank\u00fcndigung ist in einer Demokratie nicht m\u00f6glich.<\/li>\n<li>Wenn vorangek\u00fcndigt wird, dass die in Griechenland gehaltenen Bankkonten in K\u00fcrze zwangsweise von Euro auf Neu-Drachmen umgestellt werden, wird jeder seine Euros retten wollen und unter die Matratze oder ins Ausland schaffen, um drohende Abwertungsverluste zu vermeiden. Das bedeutet einen Bankrun, dem zumindest die griechischen Banken nicht gewachsen sein werden. In Ans\u00e4tzen hat ein solcher Run bereits begonnen, aber er hat bislang keine panikartigen Z\u00fcge angenommen, wie es bei einer W\u00e4hrungsumstellung zu erwarten w\u00e4re.<\/li>\n<li>In dieser \u00dcbergangsphase k\u00e4me das gesamte Geld- und Kreditwesen Griechenlands zum Erliegen. Es w\u00fcrde keine \u00dcberweisung mehr funktionieren, Geh\u00e4lter und Renten k\u00f6nnten nicht mehr ausgezahlt werden, Lieferantenrechnungen blieben offen, und die gesamte Wirtschaft w\u00fcrde vor\u00fcbergehend in die Tauschwirtschaft mit Zigarettenw\u00e4hrung zur\u00fcckfallen. Die griechische Realwirtschaft w\u00fcrde ins Bodenlose st\u00fcrzen.<\/li>\n<li>Vermieden werden k\u00f6nnte der Zusammenbruch des Geldwesens vielleicht, wenn aus anderen L\u00e4ndern so viel Bargeld nach Griechenland geschafft w\u00fcrde, dass jedem Auszahlungswunsch der B\u00fcrger entsprochen werden k\u00f6nnte. Allein schon die logistische Herausforderung derartiger Geldtransporte w\u00e4re erheblich. Hinzu kommt, dass wohl kaum ein Euro-Land bereit w\u00e4re, Euro-Noten in derartigem Umfang bereitzustellen, wenn in K\u00fcrze ohnehin die Neu-Drachme eingef\u00fchrt w\u00fcrde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch im Szenario der Neu-Drachme w\u00e4re ein kr\u00e4ftiger Schuldenschnitt unvermeidbar. Denn die Staatseinnahmen w\u00fcrden jetzt in Neu-Drachmen anfallen, w\u00e4hrend die Staatsschulden zu einem gro\u00dfen Teil nach wie vor in Euro bedient werden m\u00fcssten. Da die Neu-Drachme von Anbeginn an unter starkem Abwertungsdruck st\u00fcnde, w\u00fcrde die Zinslast f\u00fcr den griechischen Staatshaushalt noch viel dr\u00fcckender als heute schon ausfallen. Die griechische Wirtschaft w\u00fcrde zwar infolge der W\u00e4hrungsabwertung auf den Weltm\u00e4rkten wieder wettbewerbsf\u00e4higer werden, aber der griechische Staatshaushalt w\u00e4re endg\u00fcltig zerr\u00fcttet.<\/p>\n<p>Fazit: Es war wohl ein Fehler, Griechenland \u00fcberhaupt in die Euro-Zone aufzunehmen &#8211; zum Nachteil nicht nur f\u00fcr die Euro-Zone insgesamt, sondern auch f\u00fcr Griechenland selbst, das in die Schuldenfalle der W\u00e4hrungsunion getappt ist. Aber ist dieser Schritt ist nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, solange Griechenland nicht wieder aus eigener Kraft eine stabile Neu-Drachme garantieren kann. Der Hauptgrund daf\u00fcr ist der in der \u00dcbergangsphase zu erwartende Bankrun, der das gesamte Land ins Chaos st\u00fcrzen w\u00fcrde. Es ist erstaunlich, wie wenig diese einfachen \u00dcberlegungen in der politischen Debatte um die Zukunft der W\u00e4hrungsunion beachtet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Jutta-Urpilainen-Szenario<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausstieg aus der W\u00e4hrungsunion ist m\u00f6glich f\u00fcr die wirtschaftlich stabilen L\u00e4nder, da sie bei der Wiedereinf\u00fchrung ihrer nationalen W\u00e4hrungen keine massive Abwertung gegen\u00fcber dem Euro, sondern eher eine Aufwertung zu erwarten h\u00e4tten. Sie m\u00fcssten deshalb auch keinen Bankrun bef\u00fcrchten. F\u00fcr gro\u00dfe L\u00e4nder wie Deutschland ist ein solcher Schritt derzeit politisch schlichtweg nicht vorstellbar. F\u00fcr kleinere L\u00e4nder, deren Rolle im gesamten Prozess der europ\u00e4ischen Integration eher peripher ist, k\u00f6nnte sich die Situation aber anders darstellen.<\/p>\n<p>Ein erstes Signal in eine solche Richtung ging von der finnischen Finanzministerin Jutta Urpilainen aus. Sie forderte als Gegenleistung f\u00fcr die finnische Beteiligung an der Griechenland-Rettung ein Pfand, das verzinslich angelegt werden solle und dessen Gegenwert langfristig dem finnischen Beitrag zum Rettungsschirm des EFSF entsprechen w\u00fcrde. Als die griechische Regierung im August 2011 den Abschluss einer entsprechenden Vereinbarung f\u00fcr solch eine Kompensationszahlung vermeldete, kamen prompt entsprechende Forderungen aus anderen kleineren L\u00e4ndern \u2013 zun\u00e4chst aus \u00d6sterreich und dann aus den Niederlanden.<\/p>\n<p>W\u00fcrden alle EFSF-L\u00e4nder diesem Beispiel folgen, w\u00e4re das Konzept des Rettungsschirms nat\u00fcrlich ad absurdum gef\u00fchrt. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass der finnische Vorsto\u00df von Deutschland und anderen L\u00e4ndern als undurchf\u00fchrbar zur\u00fcckgewiesen wird. Die finnische Regierung wiederum l\u00e4sst sich nicht so leicht in die Schranken weisen, da sie sich an einen Parlamentsbeschluss gebunden f\u00fchlt, der ihr gar keine andere Wahl lasse. Wie dieser Streit ausgeht, ist derzeit schwer absehbar, aber es liegt durchaus im Bereich des M\u00f6glichen, dass Finnland sich unter dem innenpolitischen Druck seiner Euro-Gegner letztendlich zum Ausstieg aus der Euro-Zone entschlie\u00dfen wird. Eventuelle Bef\u00fcrchtungen, das Land werde damit zum Au\u00dfenseiter in der Europ\u00e4ischen Union, halten sich vermutlich schon deshalb in Grenzen, weil auch Schweden und D\u00e4nemark ihre eigene W\u00e4hrung haben, ohne wirtschaftlich isoliert zu sein.<\/p>\n<p>Mittlerweile zieht der Urpilainen-Vorsto\u00df weitere Kreise. In der Slowakei, wo es schon vorher Widerst\u00e4nde gegen die Beteiligung an den Hilfsma\u00dfnahmen f\u00fcr das deutlich reichere Irland gab, wird recht offen \u00fcber einen Euro-Ausstieg diskutiert. Und aus Polen, Tschechen, Ungarn, Bulgarien Rum\u00e4nien, Litauen und Lettland, die sich allesamt zu einem zuk\u00fcnftigen Euro-Beitritt verpflichtet haben, kommt immer deutlichere Kritik an der w\u00e4hrungspolitischen Hegemonie von Deutschland und Frankreich. \u201eWenn wir in das gemeinsame Haus einziehen sollen, wollen wir auch \u00fcber die Inneneinrichtung mitbestimmen k\u00f6nnen\u201c, hei\u00dft es dort. Im Umkehrschluss k\u00f6nnte das bedeuten, zu den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen eher auf einen Beitritt zur Euro-Zone verzichten zu wollen. Wenn es tats\u00e4chlich zu einem Austritt mehrerer kleinerer L\u00e4nder kommen sollte, w\u00fcrde sich irgendwann auch f\u00fcr Deutschland die Frage des Verbleibs in der W\u00e4hrungsunion neu stellen. Am Ende einer solchen Entwicklung w\u00fcrde der Euro dann nur noch in Griechenland und wenigen anderen \u00fcberschuldeten L\u00e4ndern gelten, w\u00e4hrend die stabileren L\u00e4nder wieder ihre eigenen W\u00e4hrungen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Aus gegenw\u00e4rtiger Sicht mag das Jutta-Urpilainen-Szenario als utopisch erscheinen. Es ist allerdings unter den vier hier vorgestellten Szenarien das einzig tragf\u00e4hige, da es in sich widerspruchsfrei ist und sowohl \u00f6konomisch als auch politisch umsetzbar w\u00e4re. Au\u00dferdem passt es zu der allgemeinen Erfahrung, nach der verkrustete Strukturen in aller Regel nicht aus ihrer Mitte, sondern von den R\u00e4ndern her zerbr\u00f6seln.<\/p>\n<p>Bei all diesen \u00dcberlegungen geht es nicht darum, auf normativer Ebene das W\u00fcnschenswerte zu beschreiben, sondern auf positiver Ebene das zu Erwartende. Es geht auch nicht um ein Szenario f\u00fcr die ganz nahe Zukunft, sondern um die l\u00e4ngerfristige Perspektive. Es spricht einiges daf\u00fcr, dass wir noch eine geraume Zeit im <em>Weiter so mehr davon-Szenario<\/em> verharren werden, bis sich das <em>Jutta-Urpilainen-Szenario<\/em> durchsetzen wird. Manchmal kommt die Zukunft allerdings schneller als gedacht.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Krise in der Euro-Zone wandelt sich zusehends von der Krise einzelner \u00fcberschuldeter L\u00e4nder zu einer Krise der W\u00e4hrungsunion selbst. 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