{"id":7278,"date":"2011-10-31T00:01:26","date_gmt":"2011-10-30T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7278"},"modified":"2011-10-31T06:36:18","modified_gmt":"2011-10-31T05:36:18","slug":"gastbeitragarbeitskraftemobilitat-in-der-eurozone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7278","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag<\/small><br>Arbeitskr\u00e4ftemobilit\u00e4t in der Eurozone"},"content":{"rendered":"<p>Zu den wesentlichen Symptomen der Krisenlagen im Eurogebiet geh\u00f6rt das Auseinanderlaufen der Trends an den Arbeitsm\u00e4rkten. In den stark verschuldeten GIPS-L\u00e4ndern, also den s\u00fcdlichen Staaten und Irland, ist die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren rasant gestiegen. So verzeichnet Spanien aktuell mit 21,2% (August 2011, Eurostat) sowie auch f\u00fcr das Jahr 2010 (mit 20%) die weitaus h\u00f6chste Arbeitslosenquote in der EU. Auch in Portugal, Irland und Griechenland liegen die Quoten (mit zuletzt 12,3%, 14,6% und 16,7%) auf \u00fcberdurchschnittlich hohem Niveau. Im Gegensatz dazu befinden sich die Arbeitsm\u00e4rkte in anderen Teilen des Eurogebietes in besserer Verfassung. Neben \u00d6sterreich und den Niederlanden gilt das vor allem auch f\u00fcr Deutschland. Hier ist die Arbeitslosigkeit in den letzten beiden Jahren sogar gesunken und befindet sich derzeit (August 6,0%) auf dem tiefsten Stand seit 1991. In einigen Branchen herrscht sogar Mangel an Fachkr\u00e4ften.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In dieser Lage k\u00f6nnte die Mobilit\u00e4t von Arbeitskr\u00e4ften als Ausgleichsventil dienen. Eine Abwanderung aus der Peripherie k\u00f6nnte den dort von der Anpassungskrise betroffenen Personen andernorts neue Besch\u00e4ftigungsperspektiven er\u00f6ffnen, die in ihrer Heimat auf absehbare Zeit nur schwer zu finden sein werden. Gerade im Eurogebiet w\u00e4re Binnenwanderung hilfreich, weil hier flexible Wechselkurse als Instrument zum Ausgleich unterschiedlicher Pfade preislicher Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Volkswirtschaften fehlen und zudem die Arbeitsm\u00e4rkte weithin, insbesondere auch in Spanien und Griechenland, stark reguliert und wenig flexibel sind.<\/p>\n<p>Freilich gilt die Wanderungsbereitschaft von Arbeitskr\u00e4ften zumindest innerhalb der etablierten EU-Mitgliedsl\u00e4nder als gering. Die gro\u00dfen Unterschiede bei den nationalen Arbeitslosenraten scheinen dies zu best\u00e4tigen. Bei n\u00e4herer Betrachtung erkennt man jedoch, dass sich die Wanderungsmuster durchaus bereits ver\u00e4ndern. Bislang gilt das zwar vor allem f\u00fcr Wanderungen zwischen dem Eurogebiet und den mittelosteurop\u00e4ischen EU-Mitgliedsl\u00e4ndern sowie Drittstaaten. Aber auch bei der Binnenwanderung im Eurogebiet zeichnet sich mehr Bewegung ab.<\/p>\n<p>Vor allem in Spanien und Irland haben die Wanderungsstr\u00f6me bereits reagiert. Beide L\u00e4nder waren in den Vorkrisenjahren ausgesprochene Magnete f\u00fcr Arbeitskr\u00e4fte vor allem aus Nicht-EU-L\u00e4ndern und aus Mittelosteuropa. Der Zustrom machte Spanien w\u00e4hrend dieser Zeit zum zweitgr\u00f6\u00dften Einwanderungsland in der OECD nach den USA. Und Irland erlebte relativ zur Bev\u00f6lkerung die h\u00f6chste Zuwanderung in Europa. Dies reflektiert die damals hohe wirtschaftliche Dynamik in der Peripherie des Eurogebietes. Die GIPS-L\u00e4nder profitierten in den Jahren vor und nach Gr\u00fcndung der W\u00e4hrungsunion bzw. ihrem Beitritt zu der Union von niedrigen Zinsen und hohen Kapitalzufl\u00fcssen. Der dadurch beg\u00fcnstigte Boom vor allem in arbeitsintensiven Branchen, wie dem Baugewerbe, dem Tourismus und anderen Dienstleistungssparten, sorgte f\u00fcr lebhafte Arbeitsnachfrage.<\/p>\n<p>Mit dem j\u00e4hen Ende dieses Booms im Gefolge der j\u00fcngsten Krisen und dem steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit hat die Peripherie f\u00fcr Wanderungswillige offenkundig viel Attraktivit\u00e4t verloren. Die Nettozuwanderung ist eingebrochen. Seit 2008 wandern deutlich mehr Menschen aus als zuvor, w\u00e4hrend die Zahl der Zuz\u00fcge tief gefallen ist. In Spanien etwa sank der Zuwanderungs\u00fcberschuss von gut 700.000 im Jahr 2007 auf nur noch 63.000 im vergangenen Jahr. In Irland war der Wanderungssaldo 2009 erstmals seit 1995 wieder negativ. In Portugal und Griechenland waren die Auswirkungen weniger stark ausgepr\u00e4gt, aber ebenfalls existent.<\/p>\n<p>Die Trendwende weg von den vormals hohen Wanderungs\u00fcbersch\u00fcssen nimmt in der Peripherie zumindest begrenzt Druck von den Arbeitsm\u00e4rkten. Ohne diese Reaktion w\u00e4ren die Ungleichgewichte dort noch gr\u00f6\u00dfer. Nach einer vereinfachten Modellrechnung (u.a. wird angenommen, dass alle Erwerbspersonen, die ohne die Trendwende zus\u00e4tzlich an den M\u00e4rkten w\u00e4ren, arbeitslos sind) l\u00e4ge die Arbeitslosenquote 2010 in Irland sch\u00e4tzungsweise um 3,5%-Punkte (bzw. 26%) und in Spanien um 1,7%-Punkte (8%) h\u00f6her.<\/p>\n<p>Angesichts der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und der weiterhin prek\u00e4ren Lage gerade in arbeitsintensiven Branchen d\u00fcrften die j\u00fcngsten Trends verst\u00e4rkter Ab- und verminderter Zuwanderung anhalten. Dabei ist es durchaus wahrscheinlich, dass mit zunehmender Dauer der schwierigen und wohl langwierigen Anpassungsphase in den GIPS-L\u00e4ndern zunehmend auch B\u00fcrger dieser L\u00e4nder abwandern. Darauf deuten etwa Berichte von Arbeitsmarktbeh\u00f6rden und Umfrageergebnisse hin.<\/p>\n<p>Vor allem junge Gutqualifizierte stellen in der EU ein gro\u00dfes Potential f\u00fcr Binnenwanderungen von Arbeitskr\u00e4ften dar. Denn gerade die Jugendarbeitslosigkeit ist in der Euro-Peripherie gravierend. Dabei haben junge Menschen dort inzwischen im Durchschnitt h\u00f6here Bildungsabschl\u00fcsse erreicht als jede fr\u00fchere Generation. Sie verf\u00fcgen \u00fcber bessere Fremdsprachenkenntnisse und mehr Auslandserfahrung. Arbeit im Ausland bietet vielen Jungen daher Berufs- und Weiterbildungschancen, die sie in der Heimat zumindest tempor\u00e4r nicht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Doch wohin zieht es europ\u00e4ische Arbeitskr\u00e4fte? Deutschland galt in den letzten Jahren als nicht besonders attraktiv f\u00fcr qualifizierte Zuwanderer. Steuern und Abgaben sind hierzulande h\u00f6her als in beliebten Ziell\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien, USA, Kanada und Australien. Das Lohnniveau ist deutlich geringer und b\u00fcrokratische H\u00fcrden sind oft noch hoch. Die 60 reglementierten Berufe vom Altenpfleger bis zum Zweiradmechaniker, in denen Abschl\u00fcsse durch eine Beh\u00f6rde oder einen Berufsverband anerkannt werden m\u00fcssen, sind nur hier ein Beispiel. Die gr\u00f6\u00dfte Barriere bildet aber die Sprache.<\/p>\n<p>Dessen ungeachtet d\u00fcrfte Deutschland angesichts der zumindest derzeit noch robusten Lage am Arbeitsmarkt und weniger g\u00fcnstigen Aussichten in anderen beliebten Ziell\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien f\u00fcr Zuwanderer aus der Euro-Peripherie wieder interessanter werden. Besondere Chancen bestehen in Deutschland f\u00fcr qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte. Berechnungen der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit zufolge scheiden bereits in diesem Jahrzehnt hierzulande 1,3 Millionen Akademiker altersbedingt aus dem Erwerbsleben aus. In der n\u00e4chsten Dekade werden es weitere 1,8 Millionen sein. Hinzu kommt ein Mehrbedarf an Qualifizierten infolge des anhaltenden Strukturwandels hin zur Hightech- und Wissensgesellschaft. Vor allem Ingenieure, IT-Spezialisten und \u00c4rzte, aber auch soziale Dienstleister wie Pflegepersonal werden schon heute gesucht und d\u00fcrften auch l\u00e4ngerfristig stark gefragt bleiben.<\/p>\n<p>Diese Fakten sollten sich auch in der deutschen Wanderungsbilanz niederschlagen. Tats\u00e4chlich gibt es bereits einen entsprechenden Bruch j\u00fcngerer Trends. W\u00e4hrend 2007 und 2008 zusammen 68.600 Personen mehr aus Deutschland abwanderten als zuzogen, meldet das Statistische Bundesamt f\u00fcr das vergangene Jahr erstmals seit 2003 wieder einen deutlichen Wanderungs\u00fcberschuss von rund 130.000 Personen. Mit 1,6 Menschen pro Tausend der Bev\u00f6lkerung wanderten aber immer noch kaum mehr Menschen ein als in den Krisenl\u00e4ndern Spanien (1,4) und Griechenland (1,3).<\/p>\n<p>Stehen wir, wie in der Zeit des sprichw\u00f6rtlichen deutschen \u201eWirtschaftswunders\u201c, vor einem erneuten hunderttausendfachen Zuzug aus S\u00fcdeuropa? Wohl eher nicht, wenn man g\u00e4ngige Erkl\u00e4rungsvariable wie Lohndifferenzen und Unterschiede in den Arbeitslosenquoten zugrunde legt. Jedenfalls deuten Projektionen auf Basis einer entsprechenden Regressionsanalyse auf eine positive, wenngleich eher moderate Entwicklung der Zuwanderung hin. Demnach k\u00f6nnten in den kommenden Jahren vor allem Griechen, aber auch Iren und Spanier verst\u00e4rkt nach Deutschland zuwandern. In Anbetracht des zunehmenden Fachkr\u00e4ftemangels w\u00e4ren f\u00fcr die deutsche Wirtschaft positive Impulse von einer steigenden Zuwanderung qualifizierter Arbeitskr\u00e4fte zu erwarten.<\/p>\n<p>Gerade das Problem fehlender Fachkr\u00e4fte kann Binnenwanderung im Euroraum aber nur begrenzt l\u00f6sen, zumal gut qualifizierter Nachwuchs demographisch bedingt mittelfristig in ganz Europa knapp wird. Deswegen bedarf es schon heute dringend einer Verbesserung der Bildungs- und Besch\u00e4ftigungschancen sowie verbesserter Zuwanderungsbedingungen f\u00fcr Fachkr\u00e4fte aus Drittl\u00e4ndern, um den Standort Deutschland f\u00fcr Unternehmen wie f\u00fcr Fachkr\u00e4fte nachhaltig attraktiv zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong>\u00c2\u00a0 Dieter Br\u00e4uninger und Christine Majowski: <a href=\"http:\/\/www.dbresearch.de\/PROD\/DBR_INTERNET_DE-PROD\/PROD0000000000276668\/Arbeitskr%C3%A4ftemobilit%C3%A4t+in+der+Eurozone.pdf\">Arbeitskr\u00e4ftemobilit\u00e4t in der Eurozone.<\/a> EU-Monitor 85. Frankfurt 2011<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Die Ko-Autorin Christine Majowski ist Studierende im Masterstudium VWL an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den wesentlichen Symptomen der Krisenlagen im Eurogebiet geh\u00f6rt das Auseinanderlaufen der Trends an den Arbeitsm\u00e4rkten. 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