{"id":7627,"date":"2011-11-18T00:01:27","date_gmt":"2011-11-17T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7627"},"modified":"2017-02-28T07:03:56","modified_gmt":"2017-02-28T06:03:56","slug":"gastbeitragwirtschaftspolitik-im-ausnahmezustand-finanz-markte-verruckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7627","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag<\/small><br>Wirtschaftspolitik im Ausnahmezustand, Finanzm\u00e4rkte spielen verr\u00fcckt"},"content":{"rendered":"<p>Seit die Schuldenkrise in Europa Ende 2009 offen ausgebrochen ist, kennen Regierungen und Notenbanken keine Tabus mehr. Die Liste der beklagenswerten Verfehlungen ist lang. Wort- und Vertragsbr\u00fcche haben Konjunktur. Die Wirtschaftspolitik befindet sich in beklagenswertem Ausnahmezustand. Ob Bruch des Bailout-Verbotes, Staatsfinanzierung durch die EZB, Bestandsschutz f\u00fcr Gro\u00dfbanken oder die Erpressbarkeit durch Finanzindustrie und Pleitestaaten \u2013 die ordnungspolitische Seele wird \u00fcber alle Ma\u00dfen strapaziert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Ursachen der Schuldenkrise sind vielf\u00e4ltig und wurden in diesem Blog vollkommen zu Recht stark kritisiert. Viele Dinge haben ihren Platz in der Entstehungsgeschichte der Staatsschuldenkrise: Da gibt es seit Jahrzehnten eine Schuldenpolitik, mit der eine Wohlstandsillusion aufgebaut wurde. Da waren die faulen Assets der Banken, die im Zuge der Krise zu erheblichen Teilen in die B\u00fccher der Staaten transferiert wurden. Aber da ist auch noch immer \u2013 insbesondere in den USA \u2013 der Versuch, strukturelle Probleme durch Konjunkturprogramme zu kurieren. Es bleiben erhebliche Zweifel, ob die erforderliche Bereitschaft zur grunds\u00e4tzlichen Korrektur der Fehler, die in die Krise gef\u00fchrt haben, vorhanden ist. Daher liegt es nahe, bei der Haushaltssanierung k\u00fcnftig weniger auf gute Absichten und politische Versprechen zu setzen, sondern den Finanzm\u00e4rkten mehr Verantwortung zu \u00fcbertragen. Tats\u00e4chlich zeigt sich derzeit in Europa, dass unter dem Druck der M\u00e4rkte in den Krisenl\u00e4ndern Entscheidungen getroffen werden, die vorher kaum denkbar waren. Um es mit der Terminologie des Stabilit\u00e4tspaktes zu sagen: Der korrektive Arm der M\u00e4rkte ist intakt. Aber wie steht es um den pr\u00e4ventiven Arm?<\/p>\n<p>\u00d6konomen hatten auf das Konzept effizienter M\u00e4rkte gesetzt und erwartet, dass unsolide Finanzpolitik von den Kapitalmarktakteuren abgestraft wird. Steigende Risikopr\u00e4mien \u2013 so war die Erwartung \u2013 w\u00fcrden die ausgabefreudigen Politiker zu mehr Disziplin zwingen und aufziehende Schuldenkrisen damit im Keim ersticken. Diese Erwartung wurde bitter entt\u00e4uscht. Zwar ist die disziplinierende Wirkung von Finanzm\u00e4rkten nicht grunds\u00e4tzlich in Frage zu stellen, aber es ist in hohem Ma\u00dfe fraglich, ob die Wirtschaftspolitiker fr\u00fchzeitig und in der richtigen Dosierung das erforderliche Feedback von den M\u00e4rkten bekommen.<\/p>\n<p>Wo waren im Vorfeld der Krise die Risikoaufschl\u00e4ge, die das Risiko eines Zahlungsausfalls bei griechischen Staatsanleihen halbwegs korrekt abbilden? Sie waren faktisch nicht vorhanden. Und das zu einer Zeit, als der Schuldenstand die Marke von 100% des BIP l\u00e4ngst \u00fcberschritten hatte und als die \u2013 heute massiv beklagte \u2013 griechische Mentalit\u00e4t beim Umgang mit Statistiken l\u00e4ngst bekannt war. Wo waren die Warnsignale der M\u00e4rkte f\u00fcr den Schuldenstand Italiens und den Politikstil Berlusconis? Die Warnungen kamen erst, als das Kind bereits im Brunnen lag. Und nun gehen die Finanzm\u00e4rkte mit den betreffenden L\u00e4ndern just zu dem Zeitpunkt besonders hart ins Gericht, in dem seit Langem dringend erforderliche wirtschaftspolitische Reformen (wie z.B. Ausgabenk\u00fcrzungen, Anhebung Renteneintrittsalter) angesto\u00dfen werden. Versch\u00e4rft wird die Situation von Ratingagenturen, die in der Sache zwar richtige Herabstufungen vornehmen, die aber nicht erkl\u00e4ren, dass sie damit insbesondere die eigenen Vers\u00e4umnisse der Vergangenheit korrigieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/spread.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Zinsspread\" src=\"\/wordpress\/bilder\/spread.png\" alt=\"Zinsspread\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Doch nicht nur in Europa fielen und fallen die Urteile der M\u00e4rkte schief aus. Wo sind die Risikopr\u00e4mien, die das amerikanische Schuldeninferno gei\u00dfeln? Wo wird bei der Zinsentwicklung zum Ausdruck gebracht, dass der Schuldenweltmeister Japan wohl kaum noch als \u201esicherer Hafen\u201c gelten kann? Und sind Deutschlands Staatsfinanzen tats\u00e4chlich \u00fcber jeden Zweifel erhaben, wie es die Niedrigstzinsen \u00fcber das gesamte Laufzeitenspektrum suggerieren? Ein Schuldenstand von rund 80% des BIP in Kombination mit den absehbaren (auch demographischen) Lasten sollte nachdenklich stimmen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es Argumente, mit denen all diese Merkw\u00fcrdigkeiten prinzipiell erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. So wird seit einiger Zeit das Argument herumgereicht, Risikoaufschl\u00e4ge in der Eurozone habe es vor Ausbruch der Krise nicht gegeben, weil die M\u00e4rkte korrekt antizipiert h\u00e4tten, dass das Bailout-Verbot im Ernstfall missachtet w\u00fcrde. Diese These wirkt jedoch nachtr\u00e4glich konstruiert, denn warum sind dann die Risikoaufschl\u00e4ge gerade in dem Moment in die H\u00f6he geschossen, als der Bailout zur Realit\u00e4t wurde? Da passt etwas nicht zusammen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die USA und f\u00fcr Japan kann argumentiert werden, dass die Preise auf den Anleihem\u00e4rkten von den Notenbanken manipuliert werden. Tats\u00e4chlich sind sie das, und dennoch finden Japan und die USA selbst zu diesen manipulierten Konditionen K\u00e4ufer f\u00fcr ihre Staatsanleihen. Offenkundig nehmen die K\u00e4ufer das Gefahrenpotential in diesen L\u00e4ndern nicht angemessen wahr. Sogar die EZB greift durch ihre Anleihek\u00e4ufe in die freie Preisbildung ein. Daraus ergibt sich ganz nebenbei die Erkenntnis, dass auch die Kontrolle der Wirtschaftspolitik durch die Finanzm\u00e4rkte nicht hieb- und stichfest ist \u2013 und zwar unabh\u00e4ngig von der Frage, ob M\u00e4rkte \u00fcbertreiben oder nicht. Genau wie der Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt au\u00dfer Kraft gesetzt wurde, als eine Sanktionierung der Fiskals\u00fcnder dringend n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, k\u00f6nnen (willk\u00fcrliche) Eingriffe der Notenbanken dem Sanktionsmechanismus der Finanzm\u00e4rkte den Boden entziehen.<\/p>\n<p>Dass M\u00e4rkte \u00fcbertreiben, ist sp\u00e4testens seit Robert Shillers \u201eIrrational Exuberance\u201c eine Binsenweisheit. Ungereimtheiten der Kapitalm\u00e4rkte werden bewusster wahrgenommen. Aktien-, Immobilien- und Rohstoffblasen best\u00e4tigen Shillers These immer wieder. Daumenregeln, Herdentrieb und eine Reihe psychologischer Faktoren k\u00f6nnen zu Irrationalit\u00e4ten an den Finanzm\u00e4rkten f\u00fchren. Damit aber nicht genug. \u00dcbertreibungen werden regelm\u00e4\u00dfig auch durch individuell rationales Verhalten der Finanzmarktakteure verst\u00e4rkt. Im Sinne der traditionellen Theorie werden Abweichungen vom fundamental gerechtfertigten Wert eines Wertpapiers rasch abgebaut, weil die Akteure auf diese Weise Gewinne mitnehmen k\u00f6nnen. In der Praxis wird aber nicht nur auf den fundamentalen Wert geschaut, vielmehr spielen Erwartungen \u00fcber das Verhalten der \u00fcbrigen Marktteilnehmer eine wichtige Rolle. Wird erwartet, dass eine Blase noch gr\u00f6\u00dfer wird, dann bleiben die Akteure im Markt investiert und versuchen, erst kurz vor dem Platzen der Blase zu verkaufen. Da diese Strategie dem Einzelnen, nicht aber allen gleichzeitig gelingen kann, sind B\u00f6rsenturbulenzen vorprogrammiert. Aus der Charttechnik abgeleitete B\u00f6rsenweisheiten wie \u201eThe trend is your friend\u201c oder \u201eGreife nie in ein fallendes Messer\u201c verst\u00e4rken die Neigung, nicht sofort zu handeln, wenn Kurs\u00fcbertreibungen identifiziert sind.<\/p>\n<p>Destabilisierend wirken auch bestimmte Anreizstrukturen im Finanzsektor: Wer Erfolge auf Monats- oder Quartalsbasis vorweisen muss, kann sich kaum gegen den Markt stellen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Portfoliomanager, der die IT-Blase um die Jahrtausendwende rechtzeitig als Blase erkannt und den Markt gemieden hat, der hat zwar im Nachhinein Recht gehabt, aber daf\u00fcr wegen zwischenzeitlich verheerender Underperformance sehr wahrscheinlich keinen Arbeitsplatz mehr. Es weht ein Hauch von Gefangenen-Dilemma.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Schuldenkrise. Gem\u00e4\u00df dem Konzept der informationseffizienten Finanzm\u00e4rkte ist es nur schwer vorstellbar, dass die Zinsen f\u00fcr Staatsanleihen aus Italien, Spanien &amp; Co. momentan zu hoch sind. W\u00e4re die Lage in diesen L\u00e4ndern besser, als es in den Risikopr\u00e4mien zum Ausdruck kommt, dann w\u00fcrden sich ja leicht Investoren finden, die Staatsanleihen mit Kusshand in ihre Depots nehmen. Dass dies nicht so ist, d\u00fcrfte \u2013 neben den bereits beschriebenen Aspekten \u2013 im aktuellen Umfeld daran liegen, dass Anleihen der Krisenl\u00e4nder kategorisch gemieden werden. Welcher Finanzprofi m\u00f6chte sich nach den schmerzlichen Erfahrungen der letzten Jahre erneut die Finger verbrennen und seinen Kunden im Schadenfall Rechenschaft ablegen m\u00fcssen? An ausgiebiger Berichterstattung durch die Medien \u00fcber die \u2013 tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen \u2013 Probleme der Krisenl\u00e4nder hat es jedenfalls nicht gemangelt. Die Anleihen sind deshalb einfach zu hei\u00df.<\/p>\n<p>Auch im Finanzsektor gibt es Mode-Erscheinungen. Ich erinnere noch genau, wie gering das Interesse am Thema Staatsverschuldung in den Jahren 2000 bis 2005 war. Damals war der Finanzsektor berauscht von den M\u00f6glichkeiten der Globalisierung, vom Turbowachstum der Weltwirtschaft. Der Hinweis auf Fehlentwicklungen bei den \u00f6ffentlichen Finanzen hat abseits der \u00fcberschaubaren Gruppe der Bankvolkswirte bestenfalls f\u00fcr Achselzucken gesorgt. Und heute, wo das Schuldenthema in Mode ist, wird hinter jeder Ecke der Weltuntergang vermutet. Wo bleibt das Augenma\u00df?<\/p>\n<p>Dies alles w\u00e4re nicht so schlimm, wenn die Weltwirtschaft seit 2008 nicht permanent am Abgrund st\u00e4nde und jede \u00dcbertreibung bzw. jede sich selbsterf\u00fcllende Prophezeiung zum wirtschaftlichen Totalschaden f\u00fchren kann. Es ist momentan nicht die Zeit, in der \u201etrial and error\u201c ein brauchbares Verfahren darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Finanzm\u00e4rkte haben sich beim \u201eManagement\u201c der Schuldenkrise erneut nicht von ihrer besten Seite gezeigt. Effizient verarbeitet wurden an den Finanzm\u00e4rkten zuletzt eher Emotionen als Informationen. F\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der Schuldenkrise bedeutet dies, dass es zwei Gro\u00dfbaustellen gibt: Eine politische Baustelle, weil die Politik das Schuldendesaster ma\u00dfgeblich zu verantworten hat und beim Versuch, die Krise einzud\u00e4mmen, durch Wort-, Vertrags- und Vertrauensbr\u00fcche einen Scherbenhaufen hinterlassen hat. Zudem gibt es eine Finanzmarkt-Baustelle, weil die M\u00e4rkte ihrer Fr\u00fchwarn- und Disziplinierungsfunktion nicht ordentlich nachgekommen sind und nun durch \u00fcbertriebene Reaktionen Panik ausl\u00f6sen, die in sich selbsterf\u00fcllenden Prophezeiungen enden k\u00f6nnen. Die alte B\u00f6rsenweisheit \u201eDer Markt hat immer Recht\u201c geh\u00f6rt jedenfalls in die Mottenkiste.<\/p>\n<p>Es gibt keinen K\u00f6nigsweg f\u00fcr die Kontrolle der \u00f6ffentlichen Finanzen. Weder der Staat noch die M\u00e4rkte haben in der Vergangenheit \u00fcberzeugende Ergebnisse geliefert. Deshalb wird in diesen Monaten fieberhaft nach neuen Wegen gesucht. Manches hat vor\u00fcbergehenden Charakter, manches soll dauerhaft etabliert werden. Als (vermeintliche) Auswege werden u.a. Eurobonds, eine \u201eEurop\u00e4ische Wirtschaftsregierung\u201c oder die EZB gehandelt. Nicht alles klingt sympathisch, nicht alles erfolgversprechend. Und ein Problem wird dabei kaum adressiert: Dass prinzipiell gute Ideen nur dann auch gute Ergebnisse liefern, wenn Regeln wieder eingehalten werden. In Politik und Wirtschaft Verl\u00e4sslichkeit wieder herzustellen ist deshalb die eigentlich Aufgabe, wenn es um die nachhaltige \u00dcberwindung der Schuldenkrise geht. Bis dahin wird vermutlich immer wieder die EZB einspringen, wenn Panik an den M\u00e4rkten zu stoppen ist.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: J\u00f6rn Quitzau hat j\u00fcngst zusammen mit Norbert Walter das Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Wer-soll-das-bezahlen-Wirtschaftskrise\/dp\/362902291X\">Wer soll das bezahlen? Antworten auf die globale Wirtschaftskrise&#8220;<\/a> verfasst. Er betreibt den Blog <a href=\"http:\/\/www.fussball-oekonomie.de\/\">&#8222;Fu\u00dfball\u00f6konomie&#8220;.<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit die Schuldenkrise in Europa Ende 2009 offen ausgebrochen ist, kennen Regierungen und Notenbanken keine Tabus mehr. Die Liste der beklagenswerten Verfehlungen ist lang. 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