{"id":81,"date":"2007-11-07T07:08:39","date_gmt":"2007-11-07T06:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=81"},"modified":"2007-11-07T07:08:39","modified_gmt":"2007-11-07T06:08:39","slug":"ist-eine-marktwirtschaftliche-ordnung-%e2%80%9enachhaltig%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=81","title":{"rendered":"Ist eine marktwirtschaftliche Ordnung \u201enachhaltig\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn in der ver\u00f6ffentlichten Meinung gegenw\u00e4rtig die Frage am \u201eR\u00fcckbau\u201c der Agenda 2010 beherrscht, l\u00e4sst sich das Jahr 2007 \u00fcber die gesamte Distanz betrachtet als das Jahr der internationalen Auseinandersetzung mit einer nachhaltigen Entwicklung unserer Welt und deren Ressourcen einordnen. Nicht nur der Friedensnobelpreis an Al Gore und die Positionierung der deutschen Bundeskanzlerin zeigen die Ver\u00e4nderung in der Bedeutungswahrnehmung der \u00d6ffentlichkeit. Sind Marktwirtschaften nachhaltig? Diese h\u00e4ufig diskutierte Frage und die in der (ver-)\u00f6ffentlichen Debatte sehr schnell einsetzenden normativen Schlussfolgerungen kn\u00fcpfen einerseits an verschiedenen Bewertungskonstruktionen gesellschaftlichen Wohlergehens an, setzen aber andererseits implizit einen jeweils immanenten Gerechtigkeitsbegriff voraus. Wie k\u00f6nnte eine \u00f6konomische Antwort auf diese Frage lauten? <small>[Einen sehr ausf\u00fchrlichen \u00dcberblick \u00fcber \u00f6konomische Zuordnungen der Begrifflichkeit von Nachhaltigkeit geben A. Endres und V. Radke, Indikatoren einer nachhaltigen Entwicklung. Elemente ihrer wirtschaftstheoretischen Fundierung, Berlin 1998.]<\/small><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die klassische wohlfahrtsorientierte Sichtweise der \u00d6konomie w\u00fcrde beispielsweise an der Maximierung der Gesamtwohlfahrt einer Gesellschaft ansetzen und obwohl die individuelle Sichtweise bei einer derartigen utilitaristischen Interpretation von Wohlfahrt au\u00dfer Acht bleibt, lie\u00dfe sich schlussfolgern, dass das Verteilungspotenzial bei Maximierung der Gesamtwohlfahrt am h\u00f6chsten w\u00e4re. Auch wenn dieser Annahme Rechnung getragen wird, so ist die Schlussfolgerung nicht zwingend, dass die Verteilungsspielr\u00e4ume auch genutzt werden k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich keine Antwort zu intertemporalen Aspekten von \u201eGerechtigkeit\u201c formulieren, die sehr h\u00e4ufig mit \u201eNachhaltigkeitsph\u00e4nomenen\u201c korrespondieren.<\/p>\n<p>Eine \u201enachhaltige\u201c Wirtschaft ist demnach von den Opportunit\u00e4tskostenbetrachtungen in der Zeit abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Ohne an dieser Stelle die Diskussion \u00fcber klassische \u00f6konomische Wohlfahrtsma\u00dfe wie etwa dem Pareto-Kriterium, das auch intertemporal eingesetzt werden kann, oder etwa dem Kaldor-Hicks-Kriterium aufgreifen zu wollen, gilt es doch, das grunds\u00e4tzliche normative Bewertungsproblem nochmals am Beispiel eines einfachen Gedankenexperiments zu problematisieren. Wie gemeinhin angenommen, h\u00e4ngt die Belastungs- oder Entlastung der Zukunft \u2013 interpretiert als Ma\u00df der Nachhaltigkeit im Sinne der M\u00f6glichkeit, zuk\u00fcnftiger Konsumenten ihre Pr\u00e4ferenzen realisieren zu k\u00f6nnen \u2013 von der Wahl der Gegenwartspr\u00e4ferenz der heute lebenden Nutzer ab. Diese Pr\u00e4ferenz l\u00e4sst in einem sozialen Diskontierungsfaktor messen. Gibt es daher eine Antwort f\u00fcr eine optimale, gar nachhaltige Diskontierung?<\/p>\n<p>Es gilt an dieser Stelle zun\u00e4chst zu unterscheiden, dass bei einer Betrachtung der Gegenwarts- und der Zukunftspr\u00e4ferenz streng zwischen dem Diskontierungsfaktor und dem Diskontierungssatz unterschieden werden muss. Gem\u00e4\u00df dem Beispiel von Pearce et. al. l\u00e4sst sich die Unterscheidung wie folgt treffen. <small>[Vgl. die sehr ausf\u00fchrliche Darstellung des intertemporalen Bewertungsproblems bei D. Pearce, B. Groom, C. Hepburn and P. Koundouri, Valuing the Future. Recent advantages in social discounting, in: World Economics Vol. 4 No. 2 (2003), pp. 121-141.]<\/small> Bei einem Diskontsatz von 4 % und einer angenommenen Zeitperiode von 50 Jahren kann nach der bekannten Diskontierungsformel<br \/>\n<img decoding=\"async\" width=\"80\" src=\"\/wordpress\/bilder\/oberender1.jpg\" \/><br \/>\n<small>(s=Diskontsatz, w=Diskontfaktor)<\/small><br \/>\nein Diskontierungsfaktor von 14 % angesetzt werden. Mit anderen Worten w\u00fcrde ein potenzieller Nutzer einen Gewinn oder einen Verlust in 50 Jahren mit 14 % des gegenw\u00e4rtigen Wertes bewerten. Da sich der Diskontfaktor invers zum Diskontsatz verh\u00e4lt, k\u00f6nnte die vordergr\u00fcndige Schlussfolgerung getroffen werden, ein nachhaltiger Diskontsatz m\u00fcsste demzufolge sehr niedrig, vielleicht sogar bei 0 % liegen. Diese Schlussfolgerung scheint nicht nur schon sehr unplausibel zu wirken, sondern zeigt auch das grunds\u00e4tzliche Problem des Diskontierungssatzes auf. Die Erl\u00e4uterung liegt auf der Hand:<\/p>\n<p>Je niedriger der Diskontierungssatz ist, der Grenzwert 0 % verdeutlicht dies im Extremwert, desto geringer spielt die Zeitperiode eine Rolle. Es ist aber h\u00f6chst unwahrscheinlich anzunehmen, dass die Gegenwartspr\u00e4ferenz mit der Zukunftspr\u00e4ferenz in 10 Jahren \u00fcbereinstimmt oder gar mit der Zukunftspr\u00e4ferenz in 1000 Jahren. Lassen sich daher \u00fcberhaupt normative Schlussfolgerungen f\u00fcr eine Diskontrate \u2013 und damit f\u00fcr eine Art \u201eNachhaltigkeitskonzept\u201c \u2013 ableiten?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gilt es festzuhalten, dass ein derartiges Konzept nur im Sinne eines interdependenten gesellschaftlichen Prozess eine Legitimierung finden kann. Welche Diskontierung ein einzelner Mensch bei seinen individuellen Zukunftspl\u00e4nen ansetzt, ist Ausdruck seiner individuellen Pr\u00e4ferenzsituation, die in einer Marktwirtschaft bewusst nicht Gegenstand der (wirtschafts-) politischen Debatte ist solange die Kosten- und Nutzenwerte (weitgehend) perfekt internalisierbar sind.<\/p>\n<p>\u00dcbertragen auf die intertemporale Betrachtung der Nachhaltigkeit l\u00e4sst sich somit festhalten, dass eine institutionelle Regel so geschaffen sein m\u00fcsste, dass der Nutzenverlust f\u00fcr k\u00fcnftige Nutzer durch die gegenw\u00e4rtige Nutzung entsprechend internalisiert w\u00fcrde, d. h. ein \u201eoptimales\u201c Diskontsatzniveau Ber\u00fccksichtigung finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mit diesem Beispiel der vollst\u00e4ndigen Internalisierung lie\u00dfe sich prima facie festhalten, dass ein Nachhaltigkeitsproblem internalisierbar w\u00e4re, es m\u00fcsste nur die entsprechende institutionelle Eigentumsordnung gegeben sein. Auch wenn derartige Schlussfolgerungen schon aus anderweitigen Gr\u00fcnden, beispielsweise der Problematik der Transaktionskosten bei der Durchsetzung von Verf\u00fcgungsrechten, nicht greifen k\u00f6nnen, wird die Auseinandersetzung noch heikler, wenn das Nachhaltigkeitsproblem auch durch eine institutionelle Regel nur teilperfekt ausgeglichen werden kann.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr eine teilperfekte Zuordnung m\u00f6gen Investitionsentscheidungen gelten, deren Nutzungs- und Kontrollrechte \u00fcber die Zeit kontingent variieren weil sie hoch kontextspezifisch sind. Traditionelle Beispiele m\u00f6gen Infrastrukturprojekte sein aber auch soziale Sicherungssysteme, wie Renten- oder Krankenversicherung, die neben dem intratemporalen bewusst intertemporale Aspekte zu ber\u00fccksichtigen haben.<\/p>\n<p>Eine \u00f6konomische Nachhaltigkeitsauseinandersetzung auf gesellschaftlicher Ebene kommt daher ohne Bezugnahme zu gesellschaftlichen Zielsetzungen nicht aus, die in der Logik des Diskontsatzes gesprochen, einen normativen Diskontsatz einfordern w\u00fcrden. Es bleibt aber grunds\u00e4tzlich zu ber\u00fccksichtigen, dass die Formulierungen, \u201edie \u00f6ffentliche Hand d\u00fcrfte nicht auf Kosten k\u00fcnftiger Generationen wirtschaften\u201c <small>[A. Glaser, Nachhaltige Entwicklung und Demokratie. Ein Verfassungsrechtsvergleich der politischen Systeme Deutschlands und der Schweiz, T\u00fcbingen 2006; hier S. 67.]<\/small> oder \u00e4hnliche Forderungen an ein \u00f6konomisch nachhaltiges Programm einer Wirtschaftsordnung immer zwei \u00f6konomische Betrachtungsperspektiven anspricht, die aber streng voneinander getrennt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Einerseits geht es darum, im Sinne von Ordnungsregeln \u201enachhaltige\u201c L\u00f6sungen f\u00fcr die Internalisierung \u00f6konomischer Handlungen zu finden. Andererseits konzentriert sich die zweite Betrachtungsebene dann auf die Fragestellung, inwiefern die Menschen als Handlungstr\u00e4ger auch tats\u00e4chlich bereit sind, einer Rahmenordnung zu folgen, die an Nachhaltigkeitskonzepten ausgelegt ist. Ist es nun gerade eine marktwirtschaftliche Ordnung, die helfen kann, nachhaltiges Denken zu implementieren?<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich festhalten, dass grunds\u00e4tzlich eine marktwirtschaftliche Ordnung f\u00e4hig ist, nachhaltig im Sinne der Interessenswahrung k\u00fcnftiger Akteure zu agieren. Es sind jedoch die Kosten zu ber\u00fccksichtigen, wenn nicht alle Mitglieder einer sozialen Gruppe die Regeln eines nachhaltigen Handelns ber\u00fccksichtigen. Vor diesem Hintergrund ist es im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung st\u00e4ndige Aufgabe, Sanktionsnormen zu entwickeln, die eine Koinzidenz von individueller und kollektiver Rationalit\u00e4t erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Probleme bei der Definition und Durchsetzung kollektiver G\u00fcter und Regulierungen \u2013 Nachhaltigkeit als Ziel ist eine Legitimation entsprechender kollektiver Arrangements \u2013 beruhen h\u00e4ufig darauf, dass zwischen den Zielen, die ein kollektives Handeln erforderlich machen, und den Restriktionen, also dem (fehlenden) empirischen Wissen dar\u00fcber, welche Faktoren und Zusammenh\u00e4nge die Grundlage der Probleme sind, kein systematischer theoretischer Bezug hergestellt wird. Insbesondere wenn die Abgrenzung einer \u201eNachhaltigkeit\u201c nicht eindeutig ist, besteht die Schwierigkeit zwischen dem normativen Ziel und einer positiven Wirkungsanalyse. Gerade letztgenannte Vorgehensweise ist aber zwingend erforderlich, Regeln zu entwickeln, die es erm\u00f6glichen, marktwirtschaftliche Austauschbeziehungen zu kanalisieren und zu ordnen.<\/p>\n<p>Eine marktwirtschaftliche Ordnung, die sich dem Konzept der Nachhaltigkeit verschreibt, in dem Sinne, Nutzeneinbu\u00dfen durch fehlerhafte Kosteninternalisierung zu vermeiden, steht vor der Problematik die normative Vorgabe mit den entsprechenden institutionellen Anreizsystemen zu verkn\u00fcpfen. Grunds\u00e4tzlich bestehen zwei L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<p>Nachhaltiges Handeln k\u00f6nnte an den Pr\u00e4ferenzen der Akteure oder an den Restriktionen ansetzen. Die Orientierung an den Pr\u00e4ferenzen w\u00e4re im Sinne eines \u201emoral suasion\u201c zu verstehen und w\u00fcrde gem\u00e4\u00df einer gesinnungsethischen Konzeption versuchen, Koordinationsprobleme innerhalb der Gesellschaft zu l\u00f6sen. Eine ordnungspolitische L\u00f6sung l\u00e4ge hingegen in der Gestaltung von institutionellen Rahmenbedingungen, die zu stabilen Interaktionen f\u00fchren kann, die aber auch durch eine vorausschauende Ordnungspolitik immer wieder \u00fcberpr\u00fcft werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gerade der Anpassungsprozess der Rahmenordnung setzt eine marktwirtschaftliche Ordnung immer wieder der Gefahr des Regulierungsopportunismus aus. Daher ist es auch eine Perspektive einer nachhaltigen Ordnungspolitik im Rahmen einer modernen Marktwirtschaft, die Entwicklungsbedingungen dezentraler L\u00f6sungsans\u00e4tze, die inh\u00e4rent f\u00fcr die marktwirtschaftliche Idee sind, nicht durch das Festzurren einheitlicher Vorgaben, auch unter dem Fokus der Nachhaltigkeit, \u00fcber Ma\u00dfen einzud\u00e4mmen. Die Ausgestaltung und Orientierung an einer Zielgr\u00f6\u00dfe \u201eNachhaltigkeit\u201c l\u00e4sst sich daher einerseits an einem einheitlichen Leistungsstandard festlegen oder kann einem wettbewerblichen Vergleich unterschiedlicher, dezentraler Ausgestaltungsvarianten folgen. Letztere M\u00f6glichkeit h\u00e4tte insbesondere dann den Vorteil, wenn die Fragen der inhaltlichen Konzeption der \u201eNachhaltigkeit\u201c nicht eindeutig bestimmbar sind. <small>[Ordnungs- und prozesspolitische Varianten stehen vor dem Dilemma, dass beide nur bedingt zur L\u00f6sung gesellschaftlicher Dilemmata-Situation geeignet sind. Nachhaltigkeit im Kontext eines definierten Politikfeldes, beispielsweise auf dem Feld der Sozialpolitik, lie\u00dfe sich daher als grunds\u00e4tzliches, einheitliches Ziel formulieren. Die Umsetzung dieses Ziels k\u00f6nnte jedoch in einem dezentralen Versuch unterschiedlicher Auspr\u00e4gungsvarianten erfolgen. Vgl. dazu G. Wegner, Wirtschaftspolitik zwischen Selbst- und Fremdsteuerung \u2013 ein neuer Ansatz, Baden-Baden 1996.]<\/small> Wichtig bleibt nur, dass Orientierungsgr\u00f6\u00dfen eingeschlagener Politikkonzepte f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Zeitraum f\u00fcr alle Beteiligten einer Wirtschaftsordnung antizipierbar sind. Dies gilt im Bereich der Umweltpolitik, aber auch in der Sozialpolitik.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn in der ver\u00f6ffentlichten Meinung gegenw\u00e4rtig die Frage am \u201eR\u00fcckbau\u201c der Agenda 2010 beherrscht, l\u00e4sst sich das Jahr 2007 \u00fcber die gesamte Distanz betrachtet &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=81\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eIst eine marktwirtschaftliche Ordnung \u201enachhaltig\u201c?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,4],"tags":[],"class_list":["post-81","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-soziales"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ist eine marktwirtschaftliche Ordnung \u201enachhaltig\u201c? 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