{"id":8127,"date":"2012-01-04T00:01:33","date_gmt":"2012-01-03T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8127"},"modified":"2012-01-04T08:41:30","modified_gmt":"2012-01-04T07:41:30","slug":"2012-als-internationales-jahr-der-genossenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8127","title":{"rendered":"2012 als Internationales Jahr der Genossenschaften"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">2012 wurde\u00c2\u00a0 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Mit dieser\u00c2\u00a0 Aktion will die UNO auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften sowie auf ihre besonderen Merkmale aufmerksam machen. Dies legt die Frage nahe, was die deutsche Bev\u00f6lkerung eigentlich \u00fcber Genossenschaften wei\u00df, wie sie diese einsch\u00e4tzt und was sie wissen sollte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Genossenschaftliche \u00d6konomie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">800 Millionen Menschen sind weltweit Mitglieder in Genossenschaften, sind also deren Eigent\u00fcmer. In Deutschland existieren etwa 7500 Genossenschaften und zwar iunterschiedlichsten Branchen. Im Vordergrund stehen\u00c2\u00a0 das Bankwesen, die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, die Landwirtschaft und das Gewerbe. Gro\u00dfe gewachsenen Gruppen und Netzwerke mit langer Tradition bestehen neben kleinen, oft noch jungen Unternehmen. J\u00e4hrlich entstehen inzwischen wieder etwa 200 neue Genossenschaften, w\u00e4hrend vorher \u00fcber viele Jahre ein R\u00fcckgang der Anzahl\u00c2\u00a0 genossenschaftlicher Unternehmen zu konstatieren war. Die Neugr\u00fcndungen erfolgen heute in expandierenden und zukunftsorientierten Wirtschaftszweigen. Dies sind neben anderen vor allem die Branchen der Organisation pers\u00f6nlicher und unternehmensnaher Dienstleistungen (z.B. Gesundheitswirtschaft, Energiebranche, beratende Berufe) sowie das Handwerk. Die genossenschaftliche Wirtschaft in Deutschland besch\u00e4ftigt mehr als 800 000 Mitarbeiter und wird von 20 Millionen Mitgliedern getragen. Diese Zahl entspricht einem Vierfachen der Aktion\u00e4re in Deutschland. Die genossenschaftliche Wertsch\u00f6pfung stellt einen betr\u00e4chtlichen Anteil der gesamten Wertsch\u00f6pfung der deutschen Wirtschaft dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Marketingstrategie?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie soll vor diesem Hintergrund ein Internationales Jahr der Genossenschaften eingesch\u00e4tzt werden? Nicht nur die Anzahl der Neugr\u00fcndungen, sondern auch das Interesse an Genossenschaften ist zuletzt im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise stark angestiegen. Die Merkmale der genossenschaftlichen Governance sind umso st\u00e4rker in den Vordergrund getreten, je mehr das Verhalten anderer Unternehmen kritisiert wurde, freilich meist ohne sich dessen bewusst zu sein oder zu wessen, dass es sich bei den geforderten Merkmalen um die Besonderheiten von Genossenschaften handelt.\u00c2\u00a0 Ben\u00f6tigen Genossenschaften daher die Hervorhebung durch die UNO und den damit einhergehenden Gewinn an Publizit\u00e4t? Handelt es sich um eine wohl\u00fcberlegte und erfolgversprechende Marketingstrategie?\u00c2\u00a0 Einerseits k\u00f6nnen Genossenschaften selbstbewusst auf eine erfolgreiche Tradition blicken und aktuell die genannten positiven Perspektiven nutzen. Andererseits ist davon auszugehen, dass Genossenschaften unter einem Informations- und unter einem Imagedefizit leiden. Davon wurde zumindest bisher ausgegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Strukturelle Informationsdefizite<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind vor allem Menschen, die sich in einem genossenschaftlichen Umfeld bewegen, die die Besonderheiten \u2013 sowohl die Vor- als auch die Nachteile \u2013 der genossenschaftlichen Governance kennen. Es kann also ein gro\u00dffl\u00e4chiges Informationsdefizit vermutet werden. Zudem scheint es, dass Genossenschaften als nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df eingesch\u00e4tzt werden, deren Eignung bestenfalls f\u00fcr Nischenaktivit\u00e4ten und losgel\u00f6st von wirtschaftlichem Erfolgsstreben zugestanden wird. Es liegt also nahe, zus\u00e4tzlich von einem Imagedefizit auszugehen. Es sind diese strukturellen Defizite, die zu einer positiven Einsch\u00e4tzung eines solchen Internationalen Jahres f\u00fchren sollten. Ein solches ist geeignet, fundamentale Informationsasymmetrien abzubauen. Dabei ist von vorneherein eine realistische Einsch\u00e4tzung notwendig. Genossenschaftsromantik ist keinesfalls angebracht. Die Governancemerkmale von Genossenschaften zeichnen diese auch heute noch als \u00fcberlegene Organisationsformen aus, dies gilt jedoch nicht generell und nicht f\u00fcr beliebige Zielsetzungen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Genossenschaftliche Kooperationsrente<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist nicht der Platz die einzelnen Elemente der genossenschaftliche Governance darzustellen und zu analysieren. Dies kann in meinem <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5839\">Beitrag<\/a> vom 7. April 2011 (Genossenschaftlicher MemberValue als sympathischer ShareholderValue) nachgelesen werden. Es soll in der gebotenen K\u00fcrze nur an einzelne Merkmale erinnert werden. Was sollte man \u00fcber Genossenschaften wissen? Genossenschaften sind eine kooperative Organisationsform, durch eine besonders institutionalisierte Zusammenarbeit soll eine Kooperationsrente erzielt werden. Wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten werden also m\u00f6glich, die sonst unterbleiben w\u00fcrden. Dies zieht vielf\u00e4ltige Wirkungen nach sich: Wertsch\u00f6pfung, Wettbewerb, Arbeitspl\u00e4tze, Standorteffekte etc.\u00c2\u00a0 Bei diesen handelt es sich um gesamtwirtschaftliche Effekte, die oft als origin\u00e4re Zielsetzungen genossenschaftlicher Unternehmen missinterpretiert werden. Solche \u201esozialen Wirkungen\u201c, die ex post durchaus als ein Ergebnis sozialer Verantwortung interpretiert werden k\u00f6nnen, stellen sehr willkommene Nebeneffekte der genossenschaftlichen Zusammenarbeit dar. Sie sind jedoch f\u00fcr diese nicht konstituierend.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Realwirtschaftliche Verankerung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn die einzelwirtschaftliche und ausschlie\u00dfliche Zielsetzung der Partner ist die Schaffung eines MemberValues, also von Werten f\u00fcr die Eigent\u00fcmer, die sonst nicht entstehen w\u00fcrden. Dies wird so auch im ersten Paragraphen des deutschen Genossenschaftsgesetzes \u2013 wenn dort auch in der Diktion der genossenschaftlichen Gr\u00fcndungsv\u00e4ter \u2013 festgeschrieben. Die Eigent\u00fcmer \u2013 Mitglieder oder Kooperationspartner\u00c2\u00a0 \u2013 arbeiten in einem eigens f\u00fcr die Kooperation gegr\u00fcndeten Unternehmen \u2013 also einem Joint Venture namens Genossenschaft \u2013 zusammen und verf\u00fcgen f\u00fcr ihre strategischen Entscheidungen jeweils \u00fcber eine Stimme. Somit gilt eine besondere Form der Eigent\u00fcmerkontrolle, die sich zus\u00e4tzlich dadurch auszeichnet, dass die Eigent\u00fcmer auch die Nutzer der durch das gemeinsame Unternehmen organisierten oder produzierten Leistungen sind. Der MemberValue flie\u00dft den Eigent\u00fcmern daher \u00fcber die direkten Konditionen der Leistungen, \u00fcber die institutionellen Investitionen in die Kooperation (einem Optionsnutzen) und \u00fcber die Verzinsung des eingesetzten Kapitals zu. Die Werte f\u00fcr die Eigent\u00fcmer entstehen also durch Transaktionen mit diesen und \u00fcber mehrere Wege und nicht durch Gesch\u00e4fte mit Dritten, was zu einer Konsistenz der Anreize f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten der genossenschaftlichen Akteure f\u00fchrt. Nicht anonyme Investoren pr\u00e4gen strategische und operative Entscheidungen, sondern die eigenen realen Interessen. Genossenschaften sind realwirtschaftlich verankert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Regionale Verankerung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genossenschaftsanteile sind nicht handelbar, so dass es nicht zu feindlichen \u00dcbernahmen von Genossenschaften kommen kann. Ihre meist regional ausgerichteten Aktivit\u00e4ten erm\u00f6glichen Genossenschaften gleichzeitig die Informations- und Anreizvorteile einer kleinr\u00e4umigen Verankerung und die Kosten-, Existenz- und Wettbewerbsvorteile wirtschaftlicher Gr\u00f6\u00dfe, die durch die Zusammenarbeit entsteht. Es ist also nicht \u00fcberraschend, dass das genossenschaftliche Organisationsmodell gerade im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise wieder Aufmerksamkeit erlangte. Und dies hat nicht nur damit zu tun, dass die deutschen Genossenschaftsbanken im Dezember 2011 von Standard\u00c2\u00a0 &amp; Poor\u2019s in ihrem Rating hinaufgestuft wurden, w\u00e4hrend andere Banken herabgestuft wurden.\u00c2\u00a0 Eine weitere Facette, die Aufmerksamkeit erlangt, ist, dass die Genossenschaftsbanken seit mehreren Quartalen und vor dem Hintergrund einer bef\u00fcrchteten Kreditklemme ihre Kreditvergabe deutlich \u00fcber den Markttrend erh\u00f6hen. Zus\u00e4tzlich sei daran erinnert, dass es die Genossenschaftsbanken waren, die ohne staatliche Unterst\u00fctzung durch die Finanzmarktkrise kamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Guter Informationsstand<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wei\u00df dies die deutsche Bev\u00f6lkerung und wei\u00df sie um die genossenschaftlichen Merkmale? Also: Was wei\u00df Deutschland \u00fcber Genossenschaften? Mit einer Antwort auf diese Fragenwurde in Vorbereitung auf das Internationale Jahr der Genossenschaften die GfK N\u00fcrnberg von der Forschungsgesellschaft f\u00fcr Genossenschaftswesen M\u00fcnster beauftragt. In dieser ersten repr\u00e4sentativen bundesweiten Erhebung traten interessante Ergebnisse zutage (Vgl. die Ergebnisse in <a href=\"http:\/\/www.wiwi.uni-muenster.de\/06\/nd\/index.php?id=107&amp;auswahl=295\">Theurl, Theresia und Wendler, Caroline<\/a> (2011): Was wei\u00df Deutschland \u00fcber Genossenschaften?, Shaker Verlag Aachen). Nur einige wenige Ergebnisse k\u00f6nnen hier angesprochen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie k\u00f6nnen dahingehend zusammengefasst werden, dass \u00fcberraschend viele Informationen vorhanden sind. Diese sind jedoch punktuell, breit gestreut und unterscheiden sich stark zwischen einzelnen Gruppen. Es bleibt also viel Raum f\u00fcr die Informationsaktivit\u00e4ten des Internationalen Jahrs der Genossenschaften. 83% der Bev\u00f6lkerung kennen den Begriff \u201eGenossenschaft\u201c und viele Menschen kennen wesentliche Merkmale und Zielsetzungen und sie k\u00f6nnen viele Beispiele f\u00fcr genossenschaftliche Unternehmen nennen. In der Bev\u00f6lkerung besonders bekannt ist\u00c2\u00a0 die Tatsache, dass genossenschaftliche Kooperationen \u201ezum Wohle ihrer Mitglieder handeln m\u00fcssen\u201c, also die MemberValue-Orientierung. Familien, Freunde und\/oder Bekannte sind die mit Abstand wichtigsten Informationsquellen f\u00fcr Informationen \u00fcber Genossenschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Positives Image<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sch\u00e4tzt Deutschland Genossenschaften ein? Grunds\u00e4tzlich positiv. \u00dcber 50% der Befragten bewerten sie als gut oder sehr gut. Dies gilt auch f\u00fcr viele der einzelnen Governance-Merkmale. So wird die MemberValue-Orientierung von Genossenschaften sogar von \u00fcber 80% der Bev\u00f6lkerung als gut oder sehr gut beurteilt. Als die wichtigsten Merkmale werden die folgenden gereiht: (1) MemberValue-Orientierung, (2) Sehr niedrige Insolvenzquote, (3) Freiwilligkeit der genossenschaftlichen Mitgliedschaft. Dass das Image der Genossenschaften insgesamt ein positives ist bringen Einstellungswerte an den Tag. Begr\u00fcndet wird dies unter anderem durch ihre eher langfristige Ausrichtung, ihre Kundenn\u00e4he, eine gewisse Bodenst\u00e4ndigkeit sowie durch Zuverl\u00e4ssigkeit. Es ist jedoch auch darauf hinzuweisen, dass in der Einsch\u00e4tzung der Befragten das Idealbild von Genossenschaften tendenziell noch ein besseres ist als ihr Realbild, wenngleich sich die Abweichungen in Grenzen halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Internationale Jahr f\u00fcr Genossenschaften kann vor dem Hintergrund der Ergebnisse der repr\u00e4sentativen Untersuchung des genossenschaftlichen Informations- uns Einstellungsstandes der deutschen Bev\u00f6lkerung sehr begr\u00fc\u00dft werden. So sollte auch ber\u00fccksichtigt werden, dass erstens die Befragten mehrheitlich der Meinung sind, dass mehr Informationen \u00fcber Genossenschaften verf\u00fcgbar sein sollten und dass zweitens \u00fcber ein Drittel der befragten Nichtmitglieder einer genossenschaftlichen Mitgliedschaft nicht abgeneigt ist. Auf der Grundlage eines Informationsstandes, der besser ist als erwartet, und einer Einsch\u00e4tzung, die deutlich positiver ist als bef\u00fcrchtet, k\u00f6nnen die Aktivit\u00e4ten des Internationalen Jahrs f\u00fcr Genossenschaften zu einem Gewinn f\u00fcr die Genossenschaften werden. Nicht au\u00dfer Acht gelassen werden sollte bei allen Aktivit\u00e4ten, dass jene Informationspolitik am nachhaltigsten sein d\u00fcrfte, die erfolgreiche Genossenschaften benennen und ihren Erfolg auf die genossenschaftlichen Governancemerkmale zur\u00fcckf\u00fchren kann.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2012 wurde\u00c2\u00a0 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen. 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