{"id":8225,"date":"2012-01-11T00:01:18","date_gmt":"2012-01-10T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8225"},"modified":"2012-01-10T18:32:09","modified_gmt":"2012-01-10T17:32:09","slug":"die-globale-geldpolitische-umverteilungskette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8225","title":{"rendered":"Die globale geldpolitische Umverteilungskette"},"content":{"rendered":"<p>Trotz global aufgeblasener Zentralbankbilanzen, der Konvergenz der Leitzinsen in den gro\u00dfen Industriel\u00e4ndern gegen Null und \u2013 vor allem bei den Deutschen \u2013 steigender Sorge um die W\u00e4hrung werden die Inflationsgefahren weithin als gering angesehen. Die Europ\u00e4ische Zentralbank habe ihr Mandat der Preisstabilit\u00e4t klar erf\u00fcllt, so der Neujahrsgru\u00df von Zentralbankpr\u00e4sident Draghi. Der Euro gilt sogar als eine stabilere W\u00e4hrung als die Deutsche Mark. Dies w\u00fcrde bedeuten, dass die der Inflation nachgesagten Verteilungswirkungen \u2013 z.B. von Schuldnern zu Gl\u00e4ubigern oder von Haushalten zum Staat \u2013 nicht zu bef\u00fcrchten sind. Dem steht ein schwer greifbares Misstrauen der B\u00fcrger hinsichtlich offiziell gemessener Inflation, W\u00e4hrungsstabilit\u00e4t und Verteilungsgerechtigkeit gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Irritationen hinsichtlich der Wertaufbewahrungsfunktion der W\u00e4hrung und offensichtlicher Verteilungsungerechtigkeit trotz Preisstabilit\u00e4t sind der Tatsache geschuldet, dass die Umverteilungswirkungen der fortschreitenden globalen geldpolitischen Expansion den Umweg \u00fcber die Finanzm\u00e4rkte nehmen. Als Katalysatoren dienen durch niedrige Zinsen befeuerte Boom-und-Krisen-Zyklen auf internationalen Finanzm\u00e4rkten. Es sind vier Dimensionen der Umverteilung zu erkennen.<\/p>\n<p>Die erste Dimension ist innerhalb der Finanzinstitute zwischen Prinzipalen (Anteilseignern) und Agenten (Management) zu beobachten. In von niedrigen Zinsen angeheizten Boomphasen auf den Finanzm\u00e4rkten werden immense Spekulationsgewinne durch das Management in Form von hohen selbstgenehmigten Zuwendungen (Boni) abgesch\u00f6pft. In den nach den \u00dcbertreibungen unvermeidlichen Krisen werden hohe Spekulationsverluste in Form von abgeschmolzenem Eigenkapital und fallenden Aktienkursen den Anteilseignern angelastet. Reicht das Eigenkapital nicht aus, um die Verluste zu decken, oder ist wie bei den Landesbanken der Staat der Eigent\u00fcmer der Finanzinstitute, dann werden die Kosten der hohen Zuwendungen sowie der Fehlspekulationen auf den Steuerzahler \u00fcberw\u00e4lzt. Der obere linke Quadrant der Abbildung zeigt, dass seit Januar 2000 die L\u00f6hne im Finanzsektor um ca. 40% gestiegen sind, w\u00e4hrend die Aktienkurse der Finanzinstitute etwa im gleichem Ma\u00df gefallen sind.<\/p>\n<p>Die zweite Dimension der Umverteilung bezieht sich auf die starke Divergenz der Lohntrends zwischen Finanzsektor und anderen Bereichen der Volkswirtschaft. Die nach dem Wiedervereinigungsboom einsetzende Lohnausterit\u00e4t in \u00f6ffentlichem und privatem Sektor wurde von steigendem \u201eAngstsparen\u201c der Haushalte begleitet, das die Spekulationsfreude und Lohnerh\u00f6hungen der Finanzinstitute beg\u00fcnstigte. In der Krise werden die (drohenden) Verluste der Banken durch Bankenrekapitalisierung, steigende Staatsverschuldung sowie expansive Geldpolitik aufgefangen. Die \u00f6ffentlichen Rettungsma\u00dfnahmen minimieren Lohneinschnitte im Finanzsektor. Die Lasten in Form von zuk\u00fcnftigen Steuererh\u00f6hungen, Ausgabenk\u00fcrzungen, Lohneinschnitten und\/oder Inflation werden auf deutsche B\u00fcrger, Sparer und Steuerzahler \u00fcbertragen. Der rechte obere Quadrant zeigt die deutliche Lohndivergenz zwischen Finanzsektor und Industrie in Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/umv.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Umverteilungswirkung\" src=\"\/wordpress\/bilder\/umv.png\" alt=\"Umverteilungswirkung\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die dritte Dimension der Umverteilung ist europ\u00e4isch. Seit der Jahrtausendwende exportierte der deutsche Finanzsektor die steigenden Ersparnisse der deutschen Haushalte in EU-Peripheriel\u00e4nder wie Griechenland, Spanien, Portugal, Irland sowie via \u00d6sterreich nach Mittel- und Osteuropa. Dort wurden nicht renditetr\u00e4chtige Investitionen finanziert, sondern steigender Konsum, spekulative \u00dcbertreibungen auf Immobilien- und Aktienm\u00e4rkten sowie gro\u00dfz\u00fcgige Lohnerh\u00f6hungen. Griechische, irische oder osteurop\u00e4ische L\u00f6hne stiegen auf der Grundlage von Kapitalimporten deutlich schneller als die deutschen L\u00f6hne. Der linke untere Quadrant zeigt die drastische Lohnsteigerungsdivergenz zwischen Deutschland und Griechenland seit der Jahrtausendwende.<\/p>\n<p>Zwar wurden die deutschen Kapitalexporte an die europ\u00e4ische Peripherie zun\u00e4chst als Kredite angesehen, die in Zukunft das deutsche Konsumniveau erh\u00f6hen werden. Doch im Verlauf der seit 2008 einsetzenden Krisenwelle werden vom Ausfall bedrohte internationale Forderungen des deutschen Bankensektors \u00fcber EU- oder IWF-gef\u00fchrte Rettungsprogramme, TARGET2-Salden-Divergenzen bzw. unkonventionelle Operationen der Europ\u00e4ischen Zentralbank in implizite Transfers umgewandelt. Der deutsche Sparer und Steuerzahler wird sich deshalb wohl dauerhaft auf Lohnausterit\u00e4t bzw. steigende Steuer- und Inflationslasten einstellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zwischen den USA und Deutschland lief die Umverteilung vor allem w\u00e4hrend der US-Hypothekenmarktkrise, als die Anlagen deutscher Finanzinstitute und Haushalte in hoch-bewertete US-Hypothekenmarktpapiere bzw. Lehmann-Zertifikate pl\u00f6tzlich wertlos wurden. Eine gr\u00f6\u00dfere und systematischere Umverteilung ist jedoch zwischen den USA und den L\u00e4ndern au\u00dferhalb Europas zu beobachten, die aufgrund der Dominanz des Dollars im Weltw\u00e4hrungssystem den Wechselkurs an den Dollar gebunden halten (4. Dimension der Umverteilung).<\/p>\n<p>Zinssenkungen der Federal Reserve erlauben den Haushalten und der Regierung der USA eine Ausweitung von Verschuldung und Konsum, was das Leistungsbilanzdefizit und die Nettokapitalimporte des Landes steigen l\u00e4sst. Ebenso kommt der Dollar unter Abwertungsdruck, was die L\u00e4nder an der Peripherie des Weltdollarstandards veranlasst, Dollar zu kaufen. Unabh\u00e4ngig von der konkreten Ausgestaltung des Wechselkursregimes sind seit 2000 die Dollarreserven der Zentralbanken in Ostasien, Lateinamerika und den \u00f6lexportierenden Staaten drastisch gestiegen. Im Gegensatz zu Europa wird nun von Arm zu Reich umverteilt. Zum einen fallen die Seignioragegewinne der Geldmengenexpansion in der Dollarperipherie den USA zu. Zum anderen werden durch weitere Geldmengenexpansion der Federal Reserve die Dollarreserven der Peripheriel\u00e4nder durch importierte Inflation (bei festen Wechselkursen) oder durch Aufwertung der Inlandsw\u00e4hrung (bei flexiblen Wechselkursen) entwertet. Der Umverteilungsprozess zwischen den USA und der Dollar-Peripherie ist robust, weil kein Finanzsektor zwischen den Forderungen der ostasiatischen Zentralbanken und den Verbindlichkeiten der USA liegt.<\/p>\n<p>Beispielsweise verf\u00fcgt China \u00fcber Devisenreserven in H\u00f6he von 3200 Milliarden Dollar, die von der besch\u00e4ftigungsintensiven und deshalb subventionierten Exportindustrie erwirtschaftet wurden. Diese Reserven m\u00fcssen \u00fcberwiegend im Dollar-Finanzmarkt angelegt werden. Denn jede Konvertierung von Teilen des Dollarauslandsverm\u00f6gens z.B. in Euro f\u00fchrt \u00fcber Yuan-Aufwertung gegen\u00fcber dem Dollar zu Verlust von Wettbewerbsf\u00e4higkeit der chinesischen Industrie und zur Entwertung der noch nicht konvertierten Verm\u00f6gensanteile. Die subventionierten Exporte tragen zu einer Umverteilung von chinesischen zu US-amerikanischen Haushalten bei. Ebenso profitiert der US-Finanzsektor, der die chinesischen K\u00e4ufe von US-Staatsanleihen abwickelt. Durch jede geldpolitische Expansion der Federal Reserve und durch die mit politischen Druck erzwungene Aufwertung des Yuan werden immense Verm\u00f6genswerte von der Peoples Bank of China auf die US-Regierung \u00fcbertragen. Der rechte untere Quadrant der Abbildung zeigt, wie seit der Jahrtausendwende der absolute Abstand zwischen den Pro-Kopf-Einkommen in den USA und China deutlich gewachsen, statt wie vielleicht erwartet, geschrumpft ist.<\/p>\n<p>Der selektive Blick auf die von den Finanzm\u00e4rkten getragene globale geldpolitische Umverteilungskette zeigt, dass vor allem die B\u00fcrger in den gro\u00dfen Weltsparnationen wie Deutschland und China Opfer drastischer geldpolitischer Expansion und Umverteilungsprozesse sind. Es profitieren die L\u00e4nder mit negativer Leistungsbilanz, wobei die Leistungsbilanzungleichgewichte durch die expansiven Geldpolitiken der Zentralbanken vergr\u00f6\u00dfert werden. Die Diskussion \u00fcber W\u00e4hrungsstabilit\u00e4t und Umverteilung sollte deshalb jenseits des vom Zentralbankpr\u00e4sidenten Draghi vorgegebenen Rahmens statistisch gemessener Konsumentenpreisinflation gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hinweis<\/strong><\/p>\n<p>Dipl.-Vw. Raphael Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t Leipzig.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz global aufgeblasener Zentralbankbilanzen, der Konvergenz der Leitzinsen in den gro\u00dfen Industriel\u00e4ndern gegen Null und \u2013 vor allem bei den Deutschen \u2013 steigender Sorge um &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8225\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie globale geldpolitische Umverteilungskette\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":117,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,33,12,4],"tags":[196,128],"class_list":["post-8225","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-makrooekonomisches","category-monetares","category-soziales","tag-geldpolitik","tag-umverteilung"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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