{"id":8306,"date":"2012-02-17T00:01:21","date_gmt":"2012-02-16T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8306"},"modified":"2023-08-08T14:54:34","modified_gmt":"2023-08-08T13:54:34","slug":"blogdialogeuropa-und-euro-sind-unterschiedliche-dingeprof-dr-kai-konrad-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8306","title":{"rendered":"<small>BlogDialog<\/small><\/br>\u201eEuropa und Euro sind unterschiedliche Dinge&#8220;<\/br><small>Prof. Dr. Kai Konrad im Interview<\/small>"},"content":{"rendered":"<p><em>Herr Professor Konrad, die europ\u00e4ische Staatsschuldenkrise beherrscht seit Monaten die europ\u00e4ische Politik. Das erste Hilfspaket f\u00fcr Griechenland wurde im Mai 2010 beschlossen. Warum sind so viele Monate vergangen, ehe die Politik die M\u00e4rkte zumindest etwas beruhigen konnte?<\/em><\/p>\n<p><strong>Kai Konrad:<\/strong> Die europ\u00e4ische Staatsschuldenkrise ist nicht in erster Linie ein psychologisches Problem der M\u00e4rkte, die man einfach \u201eberuhigen\u201c kann. Die Krise ist das Ergebnis von Entwicklungen die seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten im Gang sind.<br \/>\n<em><br \/>\nWas ist denn falsch gelaufen?<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Konrad:<\/strong> Die Finanzpolitik in der Eurozone war nicht nachhaltig. Hinzu kommen erhebliche makro\u00f6konomische Ungleichgewichte in der Eurozone. Und schlie\u00dflich offenbarte sich auch ein Systemfehler: Das Prinzip, wonach die Einzelstaaten in ihren Entscheidungen weitgehend autonom sind und zugleich die Verantwortung f\u00fcr ihr Finanzgebaren selbst tragen, war nicht glaubw\u00fcrdig verankert. Das zeigte sich im Mai 2010, als gegen das Prinzip der Eigenverantwortung der Staaten einfach versto\u00dfen wurde. Seither zeichnet sich in Europa zunehmend eine gemeinschaftliche Verantwortung f\u00fcr die Staatsschulden ab. Das ist eine sehr gef\u00e4hrliche Entwicklung. Angesichts dieser Problemlage kann man nicht erwarten, dass gro\u00dfe Rettungsschirme diese Bedenken einfach aus der Welt schaffen. Das hat die Politik leider bis heute nur teilweise verarbeitet.<\/p>\n<p><em>Kritiker behaupten, dass die Politik nach wie vor nur an den Symptomen kuriert, aber keine nachhaltige Therapie f\u00fcr den Patienten Europa auf die Beine stellt. Haben die Dauern\u00f6rgler recht oder werden die Beschl\u00fcsse vom Oktober und Dezember 2011 das letzte Ma\u00dfnahmenpaket gewesen sein?<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nKonrad:<\/strong> Wir sehen in der Tat einen Krisengipfel nach dem anderen und eine lange Folge von Beschl\u00fcssen. Mit diesen Beschl\u00fcssen hat sich die Politik in der Regel jeweils nur ein wenig mehr Zeit erkauft. Dabei werden die Wirkungen immer gr\u00f6\u00dferer Rettungsschirme und immer weiter reichender Ank\u00fcndigungen in Hinblick auf eine Reform der Finanzverfassung in Europa immer kurzlebiger. Die Beschl\u00fcsse der Krisengipfel im Oktober 2011 und Dezember 2011 hatten Halbwertszeiten von nur wenigen Tagen. Die Wirkung war dahin, noch bevor die Beschl\u00fcsse auch nur in allen ihren Bestandteilen ausformuliert werden konnten.<\/p>\n<p><em>Was unterscheidet den Euroraum nach den Gipfelbeschl\u00fcssen und Rettungspaketen noch von einer Transferunion?<\/em><\/p>\n<p><strong>Konrad: <\/strong>Das ist eine gute Frage. Es gibt f\u00fcr Europas Finanzverfassung eigentlich nur zwei Regime, von denen man wenigstens theoretisch erwarten kann, dass sie zu stabilen Staatsfinanzen in Europa f\u00fchren. Das eine Regime verlagert die Kompetenzen f\u00fcr Staatsverschuldung und f\u00fcr die staatliche Haushaltspolitik praktisch vollst\u00e4ndig auf die europ\u00e4ische Ebene. In diesem Regime haftet Europa oder die Eurozone auch gemeinschaftlich f\u00fcr die Staatsschulden aller Mitglieder. Und vermutlich gibt es in diesem Regime zwischenstaatliche Finanztransfers, die das derzeitige Ausma\u00df von Finanztransfers innerhalb der EU in erheblichem Umfang \u00fcbersteigen. Ich nenne diese Situation \u201edas franz\u00f6sische Modell\u201c, weil es letztlich die Konzeption der Finanzverfassung Frankreichs einfach auf die europ\u00e4ische Ebene verlagert.<\/p>\n<p><em>Die Konstruktion eines einheitlichen Wirtschafts- und W\u00e4hrungsraumes im urspr\u00fcnglichen Sinne war so sicher nicht gedacht. Wie sieht das zweite stabile Modell aus?<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nKonrad:<\/strong> Die Alternative hierzu ist ein System, wie es die V\u00e4ter des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakts eigentlich vor Augen hatten: ein System, in dem jeder Eurostaat \u00fcber seinen Haushalt und seine Schulden allein entscheidet, in dem er f\u00fcr die Konsequenzen seiner Politik aber allein verantwortlich ist. Ich glaube, dass dieses System dem \u201efranz\u00f6sischen Modell\u201c \u00fcberlegen ist. Leider bewegt sich die europ\u00e4ische Politik aber in Richtung auf das \u201efranz\u00f6sische Modell\u201c.<\/p>\n<p><em>Frankreich z\u00e4hlt zu den erfolgreicheren europ\u00e4ischen Staaten. Warum soll sein Modell nicht gut f\u00fcr Europa sein?<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nKonrad: <\/strong>Ich glaube, dass ein europ\u00e4ischer Zentralstaat nach franz\u00f6sischem Muster nicht funktioniert. Die Abgabe von Haushaltskompetenzen an eine europ\u00e4ische Regierung in Verbindung mit hohen Ausgleichszahlungen zwischen den Staaten und mit einer gemeinsamen Schuldenverwaltung w\u00fcrde innerhalb der EU zu politischen Spannungen f\u00fchren, die so gro\u00df sind, dass nicht nur der Euro, sondern die ganze Europ\u00e4ische Union daran zerbrechen w\u00fcrde. Aber auch wirtschaftlich w\u00fcrde ein solches System nicht funktionieren. Es w\u00fcrde einer europ\u00e4ischen Regierung nicht gelingen, die Einzelstaaten wirklich zu disziplinieren. Wie schwierig das ist, sehen wir ja selbst innerhalb Deutschlands. Nicht einmal hier gelingt es, die seit \u00fcber 20 Jahren aus dem Ruder laufenden Haushalte des Saarlands oder Bremens in den Griff zu bekommen. Wenn sich solche Probleme nicht einmal innerhalb Deutschlands l\u00f6sen lassen, was k\u00f6nnen wir dann von einer Europ\u00e4ischen Kommission erwarten, die versucht, gewisse Peripheriestaaten Europas wirklich zu kontrollieren?<\/p>\n<p><em><br \/>\nIst die R\u00fcckkehr zu einer st\u00e4rkeren Betonung von nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht schon verbaut?<\/em><\/p>\n<p>Konrad: Es stimmt, der Zug ist jetzt bald zwei Jahre in die falsche Richtung gefahren und die Zeit wird knapp. Es ist f\u00fcr die Politik auch nicht leicht einzugestehen, dass Fehler dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung gemacht wurden. Deshalb bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass die europ\u00e4ische Politik sich zu einem solchen Richtungsschwenk aufrafft.<br \/>\n<em><br \/>\nIst es Europa und seine gemeinsame W\u00e4hrung wert, dass man sie mit H\u00e4nden und Hebeln rettet?<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nKonrad:<\/strong> Das ist eine ganz zentrale Frage. Europa und der Euro, das sind zwei v\u00f6llig unterschiedliche Dinge. Und das ger\u00e4t derzeit v\u00f6llig aus dem Blick. Was wir momentan beobachten, ist der Versuch, den Euro um jeden Preis zu retten. Wir \u00fcbersehen, dass die Europ\u00e4ische Union viel gr\u00f6\u00dfere Errungenschaften zu bieten hat, als ein gemeinsames Zahlungsmittel. Der Versuch, den Euro zu retten, kann leicht damit enden, dass nicht nur die Eurozone, sondern die Europ\u00e4ische Union zerbricht. Die Eurorettung ist deshalb ein sehr gef\u00e4hrliches Spiel, und der Preis daf\u00fcr ist zu hoch.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte <strong>J\u00f6rg Rieger<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Die Langfassung des Interviews k\u00f6nnen Sie in der Fachzeitschrift <a href=\"http:\/\/vahlen.becksche.de\/zneu\/vahlen\/zeitschriften.asp?zeitschrift=WiSt\">WiSt (01\/2012)<\/a> nachlesen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/7c5677c172444d8f8f1c990ba649ac63\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Professor Konrad, die europ\u00e4ische Staatsschuldenkrise beherrscht seit Monaten die europ\u00e4ische Politik. Das erste Hilfspaket f\u00fcr Griechenland wurde im Mai 2010 beschlossen. 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