{"id":8664,"date":"2012-03-08T06:37:53","date_gmt":"2012-03-08T05:37:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8664"},"modified":"2012-03-08T06:38:17","modified_gmt":"2012-03-08T05:38:17","slug":"ungarns-krise-aus-ordnungspolitischer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8664","title":{"rendered":"Ungarns Krise aus ordnungspolitischer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p>Von meiner Heimat Bulgarien aus erschien Ungarn bis vor wenigen Jahren als ein echtes Musterl\u00e4ndle. Das Land sonnte sich im Nimbus seiner Geschichte als dezidiert mitteleurop\u00e4isches Land, welches mit Ost- oder gar S\u00fcdosteuropa kaum etwas gemein hat und auch nichts zu tun haben will. Wirtschaftlich lief es nach au\u00dfen hin auch gut, zog doch das Land Direktinvestitionen in gro\u00dfem Umfang an, was den Gro\u00dfraum Budapest zu einer wohlhabenden Region machte. Seit einiger Zeit steht das Land aber pl\u00f6tzlich am Pranger. Wie kann man diese Wandlung als in Deutschland lebender Ordnungs\u00f6konom, der selbst aus einem Transformationsland kommt, zu verstehen versuchen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Ordnungs\u00f6konomik bietet sich als theoretische Brille in der Tat an, birgt sie doch gegen\u00fcber neoklassischen Analysen einen entscheidenden Vorteil: Sie bettet die wirtschaftliche Entwicklung in den Zusammenhang der \u00fcbrigen sozialen Teilordnungen ein und erlaubt daher einen breiteren kontextualen Blick. Die Interdependenz der Ordnungen ist im Falle Ungarns ein unverzichtbares Analysemittel, stellt sich doch die momentane vertrackte Situation im Land keineswegs als rein \u00f6konomische Krise dar.<\/p>\n<p>Sucht man nach der Urquelle der heutigen Schwierigkeiten, so w\u00e4re eine erste Hypothese, dass der Transformationsweg des Landes unter dem Motto des Gradualismus ein m\u00f6glicher Problemfall ist. Anders als viele andere MOE-L\u00e4nder hat Ungarn die Schocktherapie gemieden und stets versucht, die Unw\u00e4gbarkeiten der Transformation m\u00f6glichst abzufedern und nicht zu \u00fcberst\u00fcrzen. Die Konsequenz dieses Weges ist ein \u00fcber die letzten Jahrzehnte entstandener Wohlfahrtsstaat, der in der Region ziemlich einmalig ist. Der sich ausdehnende Staat hat zu dem Symptom gef\u00fchrt, welches in der momentanen Krise am schmerzvollsten ist: der Explosion der Staatsschulden. Vergleicht man die Entwicklung Ungarns in den letzten Jahren mit derjenigen in den anderen Visegrad-L\u00e4ndern, so zeigt sich klar, dass Ungarn sehr deutlich \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse gelebt hat. W\u00e4hrend die Schuldenst\u00e4nde in Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik im Bereich zwischen 30 und 50% des BIP schwanken, haben Ungarns Schulden inzwischen die 80%-Marke \u00fcberschritten (in meiner Heimat hat man \u00fcbrigens die Schulden von knapp 70% im Jahr 2001 auf ca. 15% im Jahr 2011 reduziert). Daran sind zwei Punkte bemerkenswert. Erstens ist das \u00fcber die vergangenen zehn Jahre eine unheimliche Dynamik, betrug der Schuldenstand im Jahr 2001 noch etwas \u00fcber 50%. Zweitens haben sich diese Schulden paradoxerweise in Zeiten sehr ansehnlichen Wirtschaftswachstums aufget\u00fcrmt: Das Wachstum des BIP betrug bis zur Krise \u00fcber mehrere Jahre hinweg im Durchschnitt solide 4% pro Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/svo.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Staatsverschuldung\" src=\"\/wordpress\/bilder\/svo.png\" alt=\"Staatsverschuldung\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Diese Problematik, welche im Moment in der Gestalt einer akuten Schuldenkrise zu erheblichen Friktionen zwischen Ungarn, der EU und dem IWF f\u00fchrt, ist ein geradezu ideales Beispiel f\u00fcr eklatantes Politik- und Demokratieversagen. Die Regierungen der letzten Jahre haben systematisch die Illusion erzeugt, dass die Dividende des EU-Beitrittes \u00fcber alle internen Schwierigkeiten des Landes hinweghelfen wird. Die durchwachsene Qualit\u00e4t der politischen Institutionen zeigt sich momentan besonders drastisch in den Eskapaden der Regierung Orb\u00c3\u00a1n, welche sich vor der gesamten europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit diskreditiert hat. Die Regierung nutzt die Krise, um ihre Macht mit aller Gewalt zu verfestigen und viele unbequeme Checks and Balances, vor allem bei der Unabh\u00e4ngigkeit von Medien, Justiz und Notenbank, deutlich zu beschneiden. Das ist aber vielleicht nur die Spitze des Eisbergs, welche durch die Hemmungslosigkeit der momentanen Regierung die zugrundeliegenden Probleme f\u00fcr Au\u00dfenstehende deutlich gemacht hat. Wenn man sich die institutionellen Indikatoren Ungarns \u00fcber die letzten Jahre anschaut, so nimmt das Land weder beim Index der wirtschaftlichen Freiheit der Heritage Foundation, noch beim Index der politischen Freiheit von Freedom House, noch beim Corruption Perception Index von Transparency International Spitzenpl\u00e4tze ein. Interessant ist auch der Blick in die Teilindices zur wirtschaftlichen Freiheit der Heritage Foundation: Ohne sich im Index insgesamt \u00fcber die letzten Jahre wesentlich verschlechtert zu haben, hat sich das Land etwa beim Teilindex der betrieblichen Freiheit im Vergleich zu seinen MOE-Konkurrenten durchaus verbessert, hat aber im Teilindex zur Auswirkung der Staatsausgaben auf die wirtschaftliche Freiheit sowie im Index zur Korruptionsbek\u00e4mpfung gegen\u00fcber den Konkurrenten deutlich an Boden verloren. Der Staat in seinem langj\u00e4hrigen fiskalischen Gebaren ist das ausl\u00f6sende Moment der momentanen Krise, wobei sie inzwischen zunehmend auf die rechtsstaatlichen Fundamente der liberalen Ordnung \u00fcbergreift. Viele westliche Kommentatoren sind j\u00fcngst geneigt, etwas voreilig von den Sch\u00f6nwetterdemokratien in Mittel- und Osteuropa zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/swf.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Staatsausgaben\" src=\"\/wordpress\/bilder\/swf.png\" alt=\"Staatsausgaben\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kbwf.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Korruptionsbek\u00e4mpfung\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kbwf.png\" alt=\"Korruptionsbek\u00e4mpfung\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es ist immer unbescheiden, aus der Au\u00dfenperspektive Ratschl\u00e4ge an ein fremdes Land zu erteilen. Auf zwei Empfehlungen will ich aber, vor allem in meiner Eigenschaft als Osteurop\u00e4er, nicht verzichten. Erstens m\u00f6chte ich vor der momentanen Hysterie um die Regierung Orb\u00c3\u00a1n warnen. Es erinnert mich an die EU-weiten Reaktionen auf die erste Regierung Sch\u00fcssel-Haider, welche in \u00d6sterreich zun\u00e4chst eher zu einer St\u00e4rkung der FP\u00d6 gef\u00fchrt haben. Es ist richtig, dass Orb\u00c3\u00a1n in seinen Allmachtphantasien sehr viel Kapital zerschlagen hat und auch gef\u00e4hrlich ist. Eine Isolation des Landes und die schrille moralische Entr\u00fcstung der EU-\u00d6ffentlichkeit sind nach meiner Auffassung aber verfehlt. In Ungarn werden, auch durch die rechtsradikale Jobbik-Partei getrieben, EU-kritische Stimmen laut, die es wirklich ernstzunehmen gilt, gibt es die doch in so gut wie allen MOE-L\u00e4ndern. Stattdessen, und das ist mein zweiter Punkt im Sinne eines positiven Programms, gilt es den ungarischen B\u00fcrgern deutlich zu machen, dass ihr Staat und ihre \u00d6konomie auf allen Feldern der Wirtschaftspolitik dringend einer ordnungspolitischen Erneuerung bed\u00fcrfen. Die wilden Jahre der Transformation sind \u00fcberall vorbei, und den S\u00fcnden, die man in ihrem Lauf im jeweiligen Land begangen hat, gilt es nun in die Augen zu schauen. Statt auf die EU, den IWF und die Kapitalm\u00e4rkte zu schimpfen oder gar die eigenen ethnischen Minderheiten als S\u00fcndenb\u00f6cke an den Pranger zu stellen, sollte Ungarn &#8211; wie alle anderen MOE-L\u00e4nder auch &#8211; seine Energie auf die Wiederherstellung der eigenen Wettbewerbsf\u00e4higkeit richten. Die zentralen Hebel liegen in der Steuer- und Sozialpolitik, wobei offensichtlich ist, dass Ungarn nicht umhin kommen wird, seine \u00f6ffentlichen Finanzen schnellstm\u00f6glich in Ordnung zu bringen. Das Problem auf der Einnahmenseite ist, dass die Steuers\u00e4tze in vielen Nachbarl\u00e4ndern niedriger sind und anders in Ungarn nicht progressiv, sondern durch eine Flattax charakterisiert sind. Auf der Ausgabenseite ist der Wohlfahrtsstaat die entscheidende Baustelle, so dass &#8211; gerade im Hinblick auf die gravierende demographische Situation des Landes &#8211; ein weiterer \u00dcbergang weg vom Umlage- hin zum kapitalgedeckten System in der Rente unumg\u00e4nglich ist. Die Regierung Orb\u00c3\u00a1n vergeudet momentan mit ihren Machtphantasien wertvolle Zeit und verspielt das restliche Vertrauen der Kapitalm\u00e4rkte, statt die Weichen auf den notwendigen schmerzvollen Reformkurs zu stellen und dadurch Glaubw\u00fcrdigkeit zur\u00fcckzugewinnen. Gerade in der Rentenpolitik hat es durch kurzfristig orientierte populistische Ma\u00dfnahmen die bisherigen Ans\u00e4tze einer Kapitaldeckung eher gef\u00e4hrdet als gest\u00e4rkt. Auch ihre \u00dcbergriffe auf die Unabh\u00e4ngigkeit der Zentralbank, die inzwischen etwas abgeebbt sind, gehen in die falsche Richtung.<\/p>\n<p>Die Probleme Ungarns sind nicht die gleichen wie in S\u00fcdeuropa, da aber die gesamte EU vor gewaltigen Herausforderungen steht, kann und muss man in den Bew\u00e4ltigungsstrategien der einzelnen nationalen Schuldenkrisen voneinander lernen. Nicht der erhobene moralische Zeigefinder, sondern ein lebendiger ordnungspolitischer Diskurs w\u00e4re dringend vonn\u00f6ten.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von meiner Heimat Bulgarien aus erschien Ungarn bis vor wenigen Jahren als ein echtes Musterl\u00e4ndle. 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