{"id":911,"date":"2009-05-21T04:12:46","date_gmt":"2009-05-21T03:12:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=911"},"modified":"2009-05-21T07:26:16","modified_gmt":"2009-05-21T06:26:16","slug":"armutsatlas-effekthascherei-ist-der-sache-nicht-dienlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=911","title":{"rendered":"Armutsatlas: Effekthascherei ist der Sache nicht dienlich"},"content":{"rendered":"<p>Niemand aus der Fachwelt bestreitet, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten Ernst zu nehmende Armuts- und Verteilungsprobleme entwickelt haben. Insbesondere w\u00e4chst aus verschiedenen Gr\u00fcnden die Zahl der Haushalte, die nicht aus eigener Kraft ein Einkommen erzielen k\u00f6nnen, welches \u00fcber dem sozio-kulturellen Existenzminimum liegt. Experten wissen indes auch, dass dies in der Regel auf sozial Faktoren zur\u00fcck zu f\u00fchren ist, wie vor allem das Zerbrechen von Familien und Ehen und damit verbundene Einschr\u00e4nkungen in der F\u00e4higkeit, einer Vollzeitbesch\u00e4ftigung nachzugehen sowie mangelnde Integration von Menschen mit Migrationshintergund; und schlie\u00dflich strukturelle Arbeitslosigkeit. Richtig ist aber auch, dass sich seit einigen Jahren eine Schere zwischen den hochqualifizierten Fachkr\u00e4ften einerseits und den gering qualifizierten Arbeitnehmern auftut. Bisher allerdings sorgt diese Schere eher f\u00fcr einen rasanten Anstieg der Einkommen der Hochqualifizierten und nicht f\u00fcr ein Absinken der gering Qualifizierten unter das Sozialhilfeniveau \u2013 so ist es zumindest in Deutschland. Aber sicher: Die Entwicklung verdient beobachtet und ernsthaft diskutiert zu werden. Niemand kann an einer sozialen Desintegration unserer Gesellschaft interessiert sein. Schon gar nicht kann es gew\u00fcnscht sein, dass ein Teil der Bev\u00f6lkerung sich nicht mehr ern\u00e4hren oder auch \u201enur\u201c am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gerade in diesem Sinne aber erfordert die Diskussion der dahinter liegenden Probleme eine angemessene intellektuelle Aufrichtigkeit. Genau diese aber l\u00e4sst der k\u00fcrzlich mit viel Pomp in die \u00d6ffentlichkeit geleitete Armutsatlas des Deutschen Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) leider missen \u2013 und das kann der Sache sicher nicht dienlich sein. Das zentrale Kennzeichen des Armutsatlas ist: Auf den ersten Blick wirkt seine Methodik v\u00f6llig einleuchtend und unangreifbar, weil scheinbar objektiv wie die Messung von Strom und Spannung in der Physik. Damit entfalten die Ergebnisse auch eine Schockwirkung, dessen moralischer Ladung sich kaum einer entziehen kann. Darin allerdings liegt das zentrale Problem dieses Armutsatlas: Er t\u00e4uscht eine inhaltsstarke Objektivit\u00e4t vor, die aufr\u00fctteln muss, und doch ist er leider v\u00f6llig sinn- und inhaltsleer. Abseits von Populismus kann er zur Diskussion um die Lage der Armen und Verlierer dieser Gesellschaft genau nichts aussagen, und zu einer Verbesserung ihrer Lage kann er wegen seiner Sinn- und Inhaltsleere ebenfalls nichts beitragen. Warum nicht?<\/p>\n<p>Der Armutsatlas greift in scheinbar objektiver \u00dcbereinstimmung mit internationalen Usancen die Schwelle der Armutsgef\u00e4hrdung von 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens auf, berechnet diesen Durchschnitt f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland insgesamt und misst nun auf der Ebene der Bundesl\u00e4nder, wie viel Prozent der dortigen Bev\u00f6lkerung unterhalb von 60 % des bundesdeutschen Durchschnittseinkommens liegen. Nat\u00fcrlich liegen die so ermittelten Anteile der Bev\u00f6lkerung in Ostdeutschland deutlich \u00fcber dem Bundesdurchschnitt und diese wiederum \u00fcber dem Durchschnitt im Westen. Genauer sind es 19,5 Prozent in Ostdeutschland, 14,3 Prozent in Gesamtdeutschland und 12,9 Prozent im Westen. Ostdeutschland scheint also (auch) in Fragen der Armut der Verlierer der Wiedervereinigung zu sein. Das belegt der Armutsatlas mit scheinbar eherner Objektivit\u00e4t. Und ganz allgemein scheint sich die Armutssituation in Deutschland dramatisch zu versch\u00e4rfen und ein Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft zu drohen, wie DPWV-Pr\u00e4sident Schneider sinngem\u00e4\u00df verlauten lie\u00df. Aber langsam: Welche Informationen stecken denn wirklich in den Zahlen des Armutsatlas, die wir nicht vorher auch schon hatten? Die schlichte Antwort lautet: Gar keine, denn im Grunde ist der Atlas nur ein Spiegelbild der Durchschnittseinkommen in den Bundesl\u00e4ndern und hat mit einer Beschreibung der Armutssituation in Deutschland praktisch nichts zu tun.<\/p>\n<p>Ostdeutschland ist vor zwei Jahrzehnten mit einem Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen von weit unter 50 Prozent des Westens der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Inzwischen liegt der Prozentsatz \u2013 je nach Methodik \u2013 bei 70 bis 80 Prozent, damit aber nach wie vor deutlich unterhalb von 100 Prozent. Daraus folgt: Bei sonst gleicher Einkommensverteilung innerhalb der Bundesl\u00e4nder m\u00fcssen die neuen Bundesl\u00e4nder nach den Gesetzen der Arithmetik einen h\u00f6heren Anteil von Personen aufweisen, deren Einkommen unterhalb von 60 Prozent der bundesdeutschen Durchschnittseinkommens liegt. Daher beinhaltet der Armutsatlas \u00fcberhaupt keine Information. Um sich die Absurdit\u00e4t der ganzen \u00dcbung einmal vor Augen zu halten, mag man sich vorstellen, es h\u00e4tte 1990 keine Wiedervereinigung gegeben und die DDR h\u00e4tte sich \u2013 \u00e4hnlich wie Tschechien \u2013 als eigenst\u00e4ndiger Staat demokratisiert und zur Marktwirtschaft transformiert. Nehmen wir weiterhin an, alles w\u00e4re soweit gut gelaufen und das Land h\u00e4tte sich gut entwickelt. Dann l\u00e4ge das Durchschnittseinkommen in Ostdeutschland heute wohl nicht bei 70 bis 80 Prozent, sondern bei h\u00f6chstens 50 Prozent Westdeutschlands, wiederum \u00e4hnlich wie in Tschechien. Unter diesen Bedingungen w\u00e4re die Schwelle zur Armutsgefahr in Prozent des Westeinkommens zu berechnen als 50 Prozent des westlichen Durchschnitts, multipliziert mit 60 Prozent f\u00fcr die Armutsgefahr \u2013 das w\u00e4ren 30 Prozent des westdeutschen Durchschnittseinkommens. Mit anderen Worten: Jeder Ostdeutsche, dessen Einkommen unter 30 Prozent des westdeutschen Durchschnitts rutschte, w\u00fcrde in die Zone der Armutsgefahr geraten. Wenn wir die Armutsgefahr dagegen nach der DPWV-Philosophie berechnen, dann m\u00fcssen wir den gewichteten Durchschnitt der Einkommen aus West- und Ostdeutschland heranziehen, und der liegt deutlich \u00fcber 90 Prozent des westlichen Durchschnitts. So berechnet sich denn die Armutsgef\u00e4hrdungsschwelle im Osten als 60 Prozent x 90 Prozent, also als 52 Prozent des Westeinkommens. Armutsgef\u00e4hrdet ist demnach jeder Ostdeutsche, dessen Einkommen unter 52 Prozent des Westeinkommens liegt.<\/p>\n<p>Fassen wir zusammen: W\u00e4re Ostdeutschland selbstst\u00e4ndig geblieben, dann w\u00e4ren dort aller Voraussicht nach sowohl die durchschnittlichen als auch die unteren Einkommen deutlich geringer als jetzt. Damit ginge es den Ostdeutschen mit Sicherheit heute schlechter, und zwar den Durchschnittsverdienern ebenso wie den unteren Einkommensbeziehern. Dennoch dreht der DPWV aus seinen Daten eine Verliererposition Ostdeutschlands, denn der nach seiner Berechnung von Armut gef\u00e4hrdete Anteil der Bev\u00f6lkerung in Ostdeutschland ist viel h\u00f6her, als er es ohne Wiedervereinigung w\u00e4re. Zugleich w\u00e4re \u00fcbrigens dieser Anteil im Westen h\u00f6her als jetzt, weil die Armutsgefahr dort n\u00e4mlich unterhalb von 60 Prozent des durchschnittlichen Westeinkommens anfinge und nicht unterhalb von 60 Prozent des gewichteten Mittels aus Ost- und Westeinkommen. Das w\u00e4re gut f\u00fcr den DPWV gewesen, sofern er sich denn auf die alte Bundesrepublik beschr\u00e4nkt h\u00e4tte. Denn dann h\u00e4tte er zwar keine schockierenden Daten f\u00fcr den Osten pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen, daf\u00fcr aber schockierende Daten f\u00fcr den Westen. Mit einer Beschreibung von Realit\u00e4t hat das alles freilich nichts zu tun.<\/p>\n<p>H\u00e4tte sich der DPWV umgekehrt wirklich f\u00fcr die Beschreibung der Realit\u00e4t interessiert und w\u00e4re er insoweit mit der erforderlichen Redlichkeit an die Problematik herangegangen, dann h\u00e4tte er die hinter der Norm von 60 Prozent des Durchschnittseinkommens eigentlich steckende Frage gestellt. Und die lautet: Wie viel Prozent der Bev\u00f6lkerung l\u00e4uft Gefahr, \u00fcber die materiellen Existenzsicherung hinaus nicht mehr angemessen am sozio-kulturellen Leben in dem jeweiligen Umfeld seiner Region teilnehmen zu k\u00f6nnen? Um dieser Frage nachzugehen, h\u00e4tten sich als Ma\u00dfstab die Durchschnittseinkommen der jeweiligen Bundesl\u00e4nder angeboten. Davon h\u00e4tte der DPWV dann 60 Prozent nehmen und den Anteil jener berechnen k\u00f6nnen, die in dem jeweiligen Bundesland unterhalb dieser Schwelle liegen. Auf diese Weise h\u00e4tte er zutage f\u00f6rdern und zur Diskussion stellen k\u00f6nnen, wo und in welchem Ausma\u00df der Schuh wirklich dr\u00fcckt. Der Nachteil dieses Verfahrens liegt freilich auf der Hand: Damit h\u00e4tte man keine Effekthascherei betreiben k\u00f6nnen. Man w\u00e4re vielmehr Gefahr gelaufen, bestenfalls von anspruchsvolleren Printmedien zur Kenntnis genommen zu werden. Regionale Zeitungen und erst Recht Boulevard-Bl\u00e4tter h\u00e4tten davon wohl nicht einmal Notiz genommen, von Radio und Fernsehen ganz zu schweigen. So hingegen d\u00fcrfte dem Armutsatlas wohl ein Ehrenplatz bei \u201eHart aber fair\u201c sicher sein.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemand aus der Fachwelt bestreitet, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten Ernst zu nehmende Armuts- und Verteilungsprobleme entwickelt haben. 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