{"id":9118,"date":"2012-04-25T13:41:56","date_gmt":"2012-04-25T12:41:56","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9118"},"modified":"2012-04-25T13:43:14","modified_gmt":"2012-04-25T12:43:14","slug":"muss-spanien-unter-den-rettungsschirm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9118","title":{"rendered":"Muss Spanien unter den Rettungsschirm?"},"content":{"rendered":"<p>Mitte April stiegen die Zinsen, die Spanien f\u00fcr zehnj\u00e4hrige Staatsanleihen zahlen muss, erstmals in diesem Jahr auf \u00fcber sechs Prozent und sofort begannen die Alarmglocken zu l\u00e4uten. Ein Zinsniveau von mehr als sechs Prozent wird \u2013 \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu zahlen \u2013 von vielen Finanzexperten als nicht tragf\u00e4hig angesehen und eine externe Finanzhilfe erwartet oder gefordert. Lassen sich f\u00fcr diese Einsch\u00e4tzung objektivierbare Gr\u00fcnde anf\u00fchren?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Betrachtet man die dynamische Version der staatlichen Budgetrestriktion, die Gleichung (1) zeigt, dann ergibt sich die Neuverschuldungsquote (<em>\u00ce\u201cb<\/em>) aus der Prim\u00e4rungleichgewichtsquote [Prim\u00e4rausgabenquote (<em>gP<\/em>) \u2013 Einnahmenquote (<em>t<\/em>)] und dem Produkt aus der Differenz zwischen dem durchschnittlichen Zinssatz (<em>z<\/em>) und dem nominalen Wirtschaftswachstum (<em>x<\/em>) sowie der Schuldenstandsquote am Ende der Vorperiode (<em>b<\/em>). Alle Quoten sind bezogen auf das nominale Bruttoinlandsprodukt. So lange die Neuverschuldungsquote (<em>\u00ce\u201cb<\/em>) einen positiven Wert aufweist, steigt die Schuldenstandsquote immer weiter an. Nur eine negative Neuverschuldungsquote f\u00fchrt zu einem R\u00fcckgang der Schuldenstandsquote.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/nquote2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Neuverschuldungsquote\" src=\"\/wordpress\/bilder\/nquote2.png\" alt=\"Neuverschuldungsquote\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Zahlt ein Land nun einen durchschnittlichen Zins (<em>z<\/em>) von 6 Prozent (oder mehr), dann h\u00e4ngt die Tragf\u00e4higkeit dieser Belastung ab vom Wirtschaftswachstum, der Schuldenstandsquote und der Prim\u00e4rungleichgewichtsquote. Die Zinsbelastung kann nur dann \u00fcberkompensiert werden und zu einem R\u00fcckgang der Neuverschuldungsquote f\u00fchren, wenn das nominale Wirtschaftswachstum gr\u00f6\u00dfer ausf\u00e4llt als der durchschnittliche Zinssatz, denn dann wird die zweite Klammer auf der rechten Seite von (1) negativ. Das bedeutet aber ein notwendiges nominales Wirtschaftswachstum von \u00fcber 6 Prozent. Ist auf der anderen Seite nur ein Wirtschaftswachstum von 3 Prozent gegeben, bei einer Schuldenstandsquote von 50 Prozent, dann steigt die Neuverschuldungsquote aufgrund dieser Einfl\u00fcsse um 1,5 Prozent. Doch auch dies lie\u00dfe sich wieder \u00fcberkompensieren, indem eine Prim\u00e4r\u00fcberschussquote zustande kommt (die erste Klammer wird dann negativ), die 1,5 Prozent \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p>Besonders problematisch wird die Situation allerdings dann, wenn die steigenden Zinss\u00e4tze mit einem negativen Wirtschaftswachstum einhergehen. Dann nimmt <em>(z \u2013 x)<\/em> einen immer h\u00f6heren Wert an, da beide Komponenten addiert werden, und es wird \u2013 abh\u00e4ngig von der Schuldenstandsquote \u2013 daher eine Prim\u00e4r\u00fcberschussquote von f\u00fcnf Prozent oder mehr notwendig, um die Schuldenstandsquote zu senken.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist allerdings zu beachten, dass der durchschnittliche Zins eines Landes (<em>z<\/em>), der sich aus dem gewichteten Durchschnitt der Zinss\u00e4tze bei den zur\u00fcckliegenden Kreditaufnahmen ergibt, durch aktuell steigende Zinsen nur in H\u00f6he des Anteils der neuen Kredittranche beeinflusst wird. Zahlt ein Land zum Beispiel einen durchschnittlichen Zinssatz von drei Prozent und muss f\u00fcr eine neue Tranche, die 10 Prozent der gesamten Verschuldung ausmacht, aufgrund steigender Zinsen sechs Prozent zahlen, dann erh\u00f6ht sich der durchschnittliche Zinssatz lediglich auf 3,3 Prozent. Erst wenn der Anteil der Staatsschuld, f\u00fcr den der h\u00f6here Zins zu zahlen ist, ein signifikantes Niveau erreicht, steigt auch die Zinsbelastung deutlich an.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich eine kritische Grenze von 6 Prozent f\u00fcr neu aufgenommene Kredite nicht zwangsl\u00e4ufig ableiten. Selbst ein durchschnittlicher Zinssatz von 6 Prozent kann tragf\u00e4hig sein, wenn die sonstigen Rahmenbedingungen der Verschuldung positiv sind, also ein entsprechend hohes Wirtschaftswachstum und\/oder eine hohe Prim\u00e4r\u00fcberschussquote vorliegen. Dies ist allerdings in der aktuellen europ\u00e4ischen Situation nicht der Fall. Die Probleml\u00e4nder wie etwa Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien sind in der Regel gekennzeichnet durch (hohe) Prim\u00e4rdefizite (Ausnahme: Italien) und ein geringes oder sogar negatives nominales Wirtschaftswachstum. Dies f\u00fchrt dazu, dass eine h\u00e4ufig bereits hohe Schuldenstandsquote immer weiter ansteigt und damit das Vertrauen in diese L\u00e4nder kontinuierlich sinkt.<\/p>\n<p>So wies Spanien 2011 eine Prim\u00e4rdefizitquote [positives Vorzeichen bei <em>(gP \u2013 t)<\/em>] von etwa 4,5 Prozent auf. Das durchschnittliche Zinsniveau (<em>z<\/em>) betrug 3,7 Prozent und das nominale Wirtschaftswachstum (voraussichtlich) 2,1 Prozent. Die Schuldenstandsquote belief sich Ende 2010 auf 61 Prozent. Daraus ergibt sich ein Anstieg der Schuldenstandsquote von etwa 5,5 Prozent im Jahre 2011. F\u00fcr 2012 wurde nun allerdings die (von der EU erwartete nominale) Wachstumsrate von +1,8 Prozent auf \u20130,7 Prozent korrigiert. Hierdurch steigt allerdings die Notwendigkeit, den Prim\u00e4r\u00fcberschuss (weiter) zu erh\u00f6hen, damit die Neuverschuldungsquote nicht noch schneller ansteigt und weiteres Vertrauen verloren geht. Um die Schuldenstandsquote auch nur zu stabilisieren (konstant zu halten) w\u00e4re 2012 bereits eine Prim\u00e4r\u00fc<strong>berschuss<\/strong>quote von etwa 3 Prozent notwendig \u2013 ein Wert, der bei einer durch die EU prognostizierten Prim\u00e4r<strong>defizit<\/strong>quote von 3,5 Prozent unerreichbar scheint. Vor diesem Hintergrund ist die Ank\u00fcndigung der spanischen Regierung zu sehen, im Jahre 2012 zus\u00e4tzlich 10 Mrd. Euro einsparen zu wollen, um das Prim\u00e4rdefizit weiter zu senken.<\/p>\n<p>Doch trotz dieser \u201ebedrohlichen\u201c Situation sollte man Spanien nicht ermuntern oder sogar \u201ezwingen\u201c, unter den europ\u00e4ischen Rettungsschirm zu fl\u00fcchten. Hierdurch w\u00fcrden n\u00e4mlich die Anreize zu Sparanstrengungen und strukturellen Ver\u00e4nderungen in Spanien wieder reduziert. Ziel einer marktm\u00e4\u00dfigen Kontrolle der Staatsverschuldung ist es doch gerade, dass steigende Zinsen die Verschuldung (automatisch) \u00fcber die steigenden Finanzierungskosten begrenzen. Spanien weist zudem eine vergleichsweise niedrige Schuldenstandsquote (SSQ) auf, die erst 2010 den Grenzwert (GW) des Stabilit\u00e4tspaktes von 60 Prozent \u00fcberschritten hat. Mit etwa 70 Prozent lag die Schuldenstandsquote Spaniens im Jahre 2011 sogar noch unter derjenigen Deutschlands. F\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre werden allerdings \u2013 wie Abbildung 1 zeigt \u2013 weiter steigende Werte erwartet. Da das bei den Prognosen zugrunde gelegte Wirtschaftswachstum wohl nicht erreicht wird, muss sogar mit h\u00f6heren Steigerungsraten gerechnet werden. So lange die Staatsschuldenquote aber unter 100 Prozent liegt, wird die negative Wirkung steigender Zinsen \u2013 wie (1) veranschaulicht \u2013 automatisch abgeschw\u00e4cht, da die zweite Klammer mit einem Wert von kleiner als eins multipliziert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/spaschuld2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Schulden Spanien\" src=\"\/wordpress\/bilder\/spaschuld2.png\" alt=\"Schulden Spanien\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Auch ein Ankauf von spanischen Staatsschuldtiteln durch die EZB h\u00e4tte keine nachhaltig positiven Effekte. Selbst wenn es gelingen w\u00fcrde, den Zinssatz f\u00fcr (neue) spanische Staatsanleihen auf diese Weise von 6 auf 5 Prozent zu reduzieren, h\u00e4tte das nur eine marginale Verbesserung der spanischen Verschuldungssituation zur Folge. Nur wenn Spanien seine Hausaufgaben macht und damit Vertrauen an den M\u00e4rkten gewinnt, wird das Land aus eigener Kraft seine fiskalischen Probleme \u00fcberwinden. Wichtiger als ein (leicht) sinkender Zins ist dabei allerdings ein durch entsprechende Strukturreformen induziertes Wirtschaftswachstum. Den Ansatzpunkt m\u00fcssen dabei die Ursachen der spanischen Krise bilden, in deren Mittelpunkt die 2007 geplatzte Immobilienblase steht. Bisher ist es aber nicht gelungen, die Immobilienpreise und L\u00f6hne hinreichend zu senken sowie den Umfang des Bausektors zu reduzieren, um dadurch Ressourcen f\u00fcr den Exportbereich freizusetzen (siehe <a href=\"http:\/\/www.voxeu.org\/index.php?q=node\/7876\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass eine Finanzierung Spaniens durch die EFSF oder den ESM erhebliche Mittel erfordern w\u00fcrde. Abbildung 2 zeigt, dass bis einschlie\u00dflich 2015 \u2013 unter Ber\u00fccksichtigung von Tilgungs- und Zinszahlungen \u2013 ein Finanzierungsbedarf von etwa 450 Mrd. Euro besteht, der bis 2021 auf nahezu 800 Mrd. Euro ansteigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/finspa2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Finanzierungsbedarf Spanien\" src=\"\/wordpress\/bilder\/finspa2.png\" alt=\"Finanzierungsbedarf Spanien\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen w\u00fcrde auch der neue permanente und finanziell auf insgesamt rund 800 Mrd. Euro aufgestockte Rettungsschirm (ESM) mit den noch nicht verplanten Mitteln in H\u00f6he von etwa 500 Mrd. Euro nur kurzfristig f\u00fcr Entlastung sorgen. Noch problematischer w\u00fcrde die Situation allerdings, wenn auch Italien die Hilfe der EU ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Dann w\u00fcrde bis einschlie\u00dflich 2015 ein zus\u00e4tzlicher Finanzierungsbedarf von etwa 1,1 und bis 2021 von 2,1 Bio. Euro anfallen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich folglich sagen: Spanien ist immer noch in der Lage, seine Probleme aus eigener Kraft zu l\u00f6sen und keineswegs zwangsweise auf den Rettungsschirm angewiesen \u2013 selbst dann, wenn die Zinss\u00e4tze f\u00fcr neue Staatskredite (vor\u00fcbergehend) \u00fcber 6 Prozent steigen. Nachhaltige Stabilisierungsbem\u00fchungen sollten jedoch auch die Zinss\u00e4tze wieder sinken lassen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte April stiegen die Zinsen, die Spanien f\u00fcr zehnj\u00e4hrige Staatsanleihen zahlen muss, erstmals in diesem Jahr auf \u00fcber sechs Prozent und sofort begannen die Alarmglocken &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9118\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMuss Spanien unter den Rettungsschirm?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":89,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,8,33,434],"tags":[147,213,742,769],"class_list":["post-9118","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-europaisches","category-makrooekonomisches","category-waehrungspolitisches","tag-euro","tag-rettungsschirm","tag-spanien","tag-staatsschuldenkrise"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Muss Spanien unter den Rettungsschirm? 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