{"id":9251,"date":"2012-05-17T00:01:10","date_gmt":"2012-05-16T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9251"},"modified":"2022-05-01T10:21:23","modified_gmt":"2022-05-01T09:21:23","slug":"ordnungsrufdie-politik-der-etwas-hoheren-inflation-ist-ein-wirtschaftlich-und-politisch-gefahrlicher-weg-der-nicht-beschritten-werden-darf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9251","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungsruf<\/font><br\/>Die Politik der \u201eetwas h\u00f6heren\u201c Inflation ist ein wirtschaftlich und politisch gef\u00e4hrlicher Irrweg, der nicht beschritten werden darf."},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eWer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet.\u201c<\/em><br \/>\n(Otmar Emminger)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><em>\u201eInflation ist wie Zahnpasta: Ist sie einmal aus der Tube, bekommt man sie nur schwer wieder hinein.\u201c<\/em><br \/>\n(Karl Otto P\u00f6hl)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Druck aus Politik-, Unternehmens- und Bankenkreisen auf die Deutsche Bundesbank, eine \u201eetwas h\u00f6here\u201c Inflation im Zuge der Euro-Schuldenkrise zuzulassen, nimmt international und zunehmend auch national deutlich zu. Bundesbankchef Weidmann wurde in der Bild Zeitung gar eine Zustimmung zu inflation\u00e4rer Politik in den Mund gelegt, nachdem sein Pressesprecher deutsche Inflationsraten oberhalb des EWU-Durchschnitts als unvermeidlich bezeichnet hatte.<sup>[1]<\/sup> Weidmann selbst stellte zwar klar, dass diese \u00c4u\u00dferung missinterpretiert worden sei und er unver\u00e4ndert f\u00fcr eine strikt stabilit\u00e4tsorientierte Politik stehe. Doch vonseiten der Bundesregierung erh\u00e4lt er mit dieser anti-inflation\u00e4ren Haltung l\u00e4ngst keine \u00f6ffentliche R\u00fcckendeckung mehr. Offenbar sieht man dort nicht zuf\u00e4llig eher passiv auf die zunehmend in die Isolation geratende Bundesbank und lieb\u00e4ugelt stattdessen immer offener mit einer Erh\u00f6hung der Geldentwertungsrate. Doch dies ist ein Spiel mit dem Feuer, vor dem nicht eindringlich genug gewarnt werden kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine Umverteilung durch Inflation f\u00fchrt zu schweren St\u00f6rungen im Wirtschafts- und Finanzsektor<\/strong><\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrworter einer Geldpolitik der \u201eetwas h\u00f6heren\u201c Inflation \u2013 also von bisher zwei auf vier oder gar sechs Prozent \u2013 sind der Meinung, auf diese Weise k\u00f6nnte die dr\u00fcckende reale Schuldenlast der Staaten und Banken im Euroraum schmerzlos reduziert werden. Doch so einfach ist die Sache nicht.<\/p>\n<p>Inflation kann die reale Staatsschuldenlast n\u00e4mlich nur dann dr\u00fccken, wenn die Verlierer einer solchen Politik \u2013 vor allem Arbeitnehmer, Bezieher von Sozialleistungen und Rentner \u2013 sich nicht rechtzeitig anpassen. Letzteres setzt aber voraus, dass diese Gruppen von der Inflation \u00fcberrascht werden und von daher ihre nominalen Einkommen nicht mit der steigenden Inflationsrate ebenfalls erh\u00f6hen k\u00f6nnen. Gelingt dem Staat eine solche \u00dcberraschungsinflation, so sinkt in der Tat die Schuldenlast. Doch die Arbeitnehmer, Rentner und Transferempf\u00e4nger erleiden zugleich einen empfindlichen Verlust ihrer realen Kaufkraft. Gelingt dem Staat ein solcher Coup hingegen nicht, so verpufft der ganze Entlastungseffekt, wenn man von der steigenden realen Steuerlast durch die kalte Progression absieht. Im Ergebnis aber werden die Inflationserwartungen aus ihrer Verankerung gerissen, und dies l\u00f6st regelm\u00e4\u00dfig folgenreiche Lohn-Preis-Spiralen aus, welche nur unter hohen volkswirtschaftlichen Kosten wieder zu stoppen sind.<\/p>\n<p>Doch selbst ohne Lohn-Preis-Spiralen entstehen durch inflation\u00e4re Politik Kosten. Das Heruntermanipulieren des Zinssatzes suggeriert Investoren f\u00e4lschlicherweise, Kapital sei nicht knapp. Dies f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu Fehlallokationen in der Realwirtschaft: Vom \u201eBauboom\u201c angefangen bis hin zum Erhalt von eigentlich nicht mehr rentablen Banken- und Unternehmensmodellen werden Strukturen geschaffen oder erhalten, welche auf Dauer nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig sind. Die Offenlegung dieser Fehler ist letztlich unvermeidbar und wird in einer noch gr\u00f6\u00dferen Krise als der aktuellen enden.<\/p>\n<p>Im Ergebnis wird der Weg \u00fcber die \u201eetwas h\u00f6here\u201c Inflation mehr Probleme im Wirtschafts- und Finanzgeschehen schaffen als l\u00f6sen. Da die Sp\u00e4tfolgen regelm\u00e4\u00dfig nur schwer und nur mit hohen Kosten wieder einzufangen sind, gilt f\u00fcr eine inflation\u00e4re Geldpolitik: \u201eWehret den Anf\u00e4ngen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Versuch, die Wettbewerbsposition der deutschen Industrie zu schw\u00e4chen, um Deutschlands Au\u00dfenhandels\u00fcbersch\u00fcsse zu senken, ist kontraproduktiv<\/strong><\/p>\n<p>Die Geldpolitik der \u201eetwas h\u00f6heren\u201c Inflation resultiert nicht zuletzt aus der Forderung, die deutschen Au\u00dfenhandels\u00fcbersch\u00fcsse, vor allem gegen\u00fcber dem restlichen Euroraum, m\u00fcssten durch eine h\u00f6here deutsche Inflation abgebaut werden.<\/p>\n<p>Denn steigen die L\u00f6hne in Deutschland st\u00e4rker als in den Handelspartnerl\u00e4ndern, so die Argumentation, dann nimmt die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit deutscher G\u00fcter im Au\u00dfenhandel ab. Es wird weniger exportiert und mehr importiert, und die deutschen Handels\u00fcbersch\u00fcsse sinken. Um steigende L\u00f6hne und Preise in Deutschland zu erreichen, \u201eermuntert\u201c die Politik die Tarifparteien, relativ hohe Lohnabschl\u00fcsse zu vereinbaren.<\/p>\n<p>Aber all dies ist sch\u00e4dlich. Wenngleich zutrifft, dass die Krisenl\u00e4nder ihre preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit nur \u00fcber Kosten- und damit Preissenkungen im Vergleich zum Ausland wiedererlangen k\u00f6nnen, so f\u00fchrt der Weg \u00fcber einen bewusst initiierten Inflationsprozess, der die Kosten- und Preisdynamik in Deutschland anheizt, in die Irre. Denn ist der Inflationsgeist erst einmal aus der Flasche und werden die dann f\u00e4lligen Zweitrundeneffekte wirksam, dann ist die W\u00e4hrung schnell gef\u00e4hrdet, aber f\u00fcr die Reduktion der realen Schuldenlast wird nichts gewonnen sein.<\/p>\n<p>Damit aber nicht genug. Eine asymmetrische Anpassung zu Lasten Deutschlands schw\u00e4cht die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit der gesamten Euro-Zone. Die Gefahr ist gro\u00df, dass die aktuellen Probleme auch auf L\u00e4nder \u00fcbertragen werden, die sich gegenw\u00e4rtig noch in einer tragf\u00e4higen (Verschuldungs-)Situation befinden. Damit ist aber niemand geholfen. Die Schwachen werden nicht st\u00e4rker, wenn die Starken geschw\u00e4cht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Antwort auf die Euro-Schuldenkrise lautet: Strukturreformen, weitere Schuldenschnitte und die R\u00fcckkehr zu einer stabilit\u00e4tsorientierten Geldpolitik<\/strong><\/p>\n<p>Um der Staatsschuldenkrise und ihren konjunkturellen Folgen wirksam zu begegnen, muss den M\u00e4rkten das Vertrauen in eine stabilit\u00e4tsorientierte Politik zur\u00fcckgegeben werden. Hierzu gilt:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Staatshaushalte sind konsequent zu sanieren.<\/li>\n<li>Banken, deren Gesch\u00e4ftsmodelle nicht mehr tragf\u00e4hig sind, m\u00fcssen f\u00fcr die eigenen Fehler zur Verantwortung herangezogen werden.<\/li>\n<li>Staaten, die unter normalen Marktbedingungen nicht mehr in der Lage oder willens sind, ihre Schulden zur\u00fcckzuzahlen oder zu refinanzieren, sind einem geordneten Insolvenzverfahren zu unterwerfen, dessen Regeln z\u00fcgig erarbeitet und verabschiedet werden m\u00fcssen.<\/li>\n<li>Die EZB-Geldpolitik muss zur\u00fcckkehren zu ihren urspr\u00fcnglichen Aufgaben; keinesfalls darf sie weiterhin zur Finanzierung von Staatsschulden missbraucht werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Versuch, die aktuellen Probleme durch mehr Inflation zu l\u00f6sen, wird dagegen keines der grundlegenden Probleme l\u00f6sen, die Wirtschaft aber zunehmend belasten. Letztlich wird dann nicht mehr nur die W\u00e4hrungsunion gef\u00e4hrdet, sondern der gesamte europ\u00e4ische Einigungsprozess. Dem sollte man sich mit aller Kraft entgegenstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Autoren<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Dr. Thomas Apolte, Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster<\/p>\n<p>Prof. Dr. Norbert Berthold, Julius-Maximilians-Universit\u00e4t W\u00fcrzburg<\/p>\n<p>Prof. Dr. Rolf Caesar, Universit\u00e4t Hohenheim<\/p>\n<p>Prof. Dr. Frank Daumann, Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena<\/p>\n<p>Prof. Dr. Mathias Erlei, Technische Universit\u00e4t Clausthal<\/p>\n<p>Prof. Dr. Michael Gr\u00f6mling, Institut der deutschen Wirtschaft<\/p>\n<p>Prof. Dr. Henning Klodt, Institut f\u00fcr Weltwirtschaft Kiel<\/p>\n<p>Prof. Dr. Stefan Kolev, Wests\u00e4chsische Hochschule Zwickau<\/p>\n<p>Prof. Dr. Michael Neumann, Jade Hochschule Wilhelmshaven<\/p>\n<p>Prof. Dr. Thorsten Polleit, Chef\u00f6konom der Degussa Goldhandel GmbH<\/p>\n<p>Prof. Dr. Wolf Sch\u00e4fer, Universit\u00e4t der Bundeswehr Hamburg<\/p>\n<p>Prof. Dr. Gunther Schnabl, Universit\u00e4t Leipzig<\/p>\n<p>PD Dr. Jan Schnellenbach, Walter-Eucken Institut Freiburg<\/p>\n<p>Prof. Dr. Dieter Smeets, Heinrich-Heine-Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf<\/p>\n<p>Prof. Dr. Theresia Theurl, Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b6ef66f4e38247a8a56d82a3436bf050\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fu\u00dfnote<\/strong><\/p>\n<p><!-- fnXXX begin --><br \/>\n<a href=\"#fnXXXt\" name=\"fnXXXf\"><\/a> [1] In der Bild-Zeitung vom 11. Mai 2012 wird Weidmann mit den Worten zitiert: \u201eDas Stabilit\u00e4tsziel lautet knapp zwei Prozent f\u00fcr den Euroraum. Deutschland lag viele Jahre unter dem Durchschnitt. Angesichts unserer guten Wirtschaftsentwicklung und der niedrigen Arbeitslosigkeit k\u00f6nnten wir nun zeitweise <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/inflation\/inflation-kehrt-zurueck-wo-ist-mein-geld-noch-sicher-24098842.bild.htmlhttp:\/\/\">\u00fcber dem Durchschnitt liegen<\/a>\u201c.\u00c2\u00a0 Siehe hierzu auch \u201eBundesbank nimmt h\u00f6here Inflation in Kauf\u201c in: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/inflation-bundesbank-erlaubt-hoehere-teuerung-loehne-sollen-steigen-a-832358.html\">Der Spiegel<\/a> vom 10. Mai 2012.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet.\u201c (Otmar Emminger) \u201eInflation ist wie Zahnpasta: Ist sie einmal aus der Tube, bekommt man sie nur &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9251\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Ordnungsruf<\/font><br \/>Die Politik der \u201eetwas h\u00f6heren\u201c Inflation ist ein wirtschaftlich und politisch gef\u00e4hrlicher Irrweg, der nicht beschritten werden darf.\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":30916,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,33,12,434],"tags":[819,556,549,147,121,141],"class_list":["post-9251","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europaisches","category-makrooekonomisches","category-monetares","category-waehrungspolitisches","tag-aufruf","tag-berthold","tag-bundesbank","tag-euro","tag-ezb","tag-inflation"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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