{"id":9325,"date":"2012-06-02T14:03:36","date_gmt":"2012-06-02T13:03:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9325"},"modified":"2012-07-08T05:16:49","modified_gmt":"2012-07-08T04:16:49","slug":"buchermarktheilmannrurup-fette-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9325","title":{"rendered":"<small>B\u00fccherMarkt<\/small><br\/>Heilmann\/R\u00fcrup: Fette Jahre"},"content":{"rendered":"<p>Ob wir uns Fu\u00dfball-Europameister 2012 nennen d\u00fcrfen, wissen wir sp\u00e4testens am 1. Juli, nachdem in Kiew das Finale abgepfiffen worden ist. G\u00e4nzlich \u00fcberraschend k\u00e4me der Titel trotz der holprigen Vorbereitung nicht. Die Wettquote f\u00fcr einen deutschen EM-Titel ist bei den meisten Anbietern hinter Spanien die zweitniedrigste. Eine bedeutend h\u00f6here R\u00fcckzahlung w\u00fcrde eine \u2013 hypothetische \u2013 Wette auf Deutschland als wohlhabendste Nation im Jahr 2030 einbringen. Dass wir f\u00fcr das Resultat geschlagene 18 Jahre warten m\u00fcssten, w\u00fcrde die Bereitschaft f\u00fcr eine Wette allerdings empfindlich verringern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eFette Jahre\u201c lautet der Titel des Buches von Dirk Heilmann, Chef\u00f6konom des Handelsblattes, und Bert R\u00fcrup, Vorstandsmitglied seines eigenen Beratungsunternehmens und von 2000 bis 2009 im Rat der Wirtschaftsweisen. Es soll einen Kontrapunkt zu den vielen Schlechte-Stimmung-Werken im Handel setzen. Diese lassen allzu oft kein gutes Haar an der politischen und \u00f6konomischen Zukunft unseres Landes, sowieso nicht Europas und auch nicht immer Amerikas und Asiens. Schenkt man Heilmann und R\u00fcrup Glauben, soll zumindest bei uns vieles anders kommen. Deshalb sind die Zukunfts-Berechnungen f\u00fcr die Botschaft ihres Buches auch so wichtig. Deutschland w\u00e4re demnach beim BIP pro Kopf 2030 Weltmeister. 59.000 US-Dollar soll dieser Wohlstandsindikator in 18 Jahren hierzulande betragen. Damit l\u00e4ge er knapp vor den USA (58.600 USD) und Japans (55.500 USD), deutlicher vor dem BIP pro Kopf Russlands (24.700 USD) und Chinas (13.900 USD). Bis die Prognose verifiziert ist, wird es unz\u00e4hlige neue B\u00fccher, neue Berechnungen und neuen Ballast in Deutschland und der Welt geben. Vielleicht heimsen wir bis dahin f\u00fcnf Europameister- und f\u00fcnf Weltmeister-Titel im Fu\u00dfball ein. Wer wei\u00df das schon?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das zweite Wirtschaftswunder<\/strong><\/p>\n<p>Dem tiefen Blick in die Glaskugel zum Trotz lohnt es sich, das in diesem Jahr erschienene Buch in die Hand zu nehmen. Denn Heilmann und R\u00fcrup pr\u00e4sentieren nicht nur Zahlen zu 14 ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern \u2013 von Indonesien bis zur T\u00fcrkei \u2013, sondern f\u00fcttern diese Zahlen auch mit qualitativen Argumenten. Deutschland steht dabei meist im Mittelpunkt. Die Entwicklung des \u201ekranken Mann Europas\u201c (Economist) zu einer der \u201ebegehrtesten Wirtschaftsstandorte der Welt\u201c (Heilmann\/R\u00fcrup) bezeichnen die Autoren als zweites Wirtschaftswunder. Sie tun es nicht ohne kleine und gro\u00dfe Seitenhiebe zu f\u00fchrenden Vordenkern unseres Landes. Die Spitze in Richtung des fr\u00fcheren Finanzministers Steinbr\u00fcck, der das Vorwort geschrieben hat, ist eher harmlos:<\/p>\n<p>\u201eBereits Ende des ersten Quartals 2011 und nicht \u2013 wie Steinbr\u00fcck noch Mitte 2010 vorausgesagt hatte \u2013 fr\u00fchestens 2012\/13 hatten Produktionsniveau und Kapazit\u00e4tsauslastung wieder das Vorkrisenniveau vom Fr\u00fchjahr 2008 erreicht (S. 10).\u201c<\/p>\n<p>Die wichtigsten Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufschwung sind f\u00fcr Heilmann und R\u00fcrup die Verschlankung deutscher Unternehmen, die gute Zusammenarbeit der Tarifparteien und die technologische Kompetenz des industriellen Sektors, aber auch die Politik mit ihren \u00fcberzeugenden Krisenreaktionen 2008\/09 und zuvor der Umsetzung der Agenda 2010. Dem gewichtigsten Argument f\u00fcr das Wiederaufleben der deutschen Wirtschaft wird schlie\u00dflich ein eigenes Kapitel gewidmet. Es lautet: Deutschland als Gewinner der Globalisierung. Auch wenn darin viele Auswirkungen der Globalisierung in aller Ausf\u00fchrlichkeit als alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen pr\u00e4sentiert werden, findet sich doch der eine oder andere bedenkenwerte Ansatz, darunter der sogenannte S\u00fcd-S\u00fcd-Handel:<\/p>\n<p>\u201eDie Kooperation und wirtschaftliche Verflechtung unter den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas nimmt zu. [\u2026] Das ist auch eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass viele aufstrebende Wirtschaftsnationen die j\u00fcngste Wirtschaftskrise so gut \u00fcberstanden haben: Sie konnten den Ausfall von Kunden in den etablierten Wirtschaftsnationen zum Teil durch verst\u00e4rkte Verk\u00e4ufe an die neuen Mittelschichten im S\u00fcden kompensieren. (S. 65)\u201c<\/p>\n<p>Etwas aufgelockert wird das Kapitel zudem durch informative Graphiken. Eine zeigt recht deutlich, dass Deutschland seinen prozentualen Anteil am Welt-BIP seit 1950 bei immerhin konstant mehr als f\u00fcnf Prozent halten konnte. F\u00fcr einen Demokraten harte Kost ist das Unterkapitel zur Konkurrenz der Entwicklungsmodelle. Dass der Kapitalismus westlicher Pr\u00e4gung Konkurrenz bekommen hat, steht au\u00dfer Frage. Dass aber auch die Weltbank bzw. der IWF einer \u201eneuen strukturellen \u00d6konomie\u201c mit einer gew\u00fcnschten Industriepolitik bzw. einer gesteuerten Akkumulation von Devisenreserven und Kapitalverkehrskontrollen in Teilen offen gegen\u00fcber zu stehen scheinen, ruft auch bei den beiden Autoren Unmut hervor. Wie auch immer, der Lauf der Dinge l\u00e4sst sich wohl nicht aufhalten und Deutschland bleibt zumindest der Trost, dass es als Ganzes sicher nicht zu den Verlierern der Globalisierung z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Denn die Spezialisierung scheint geradezu musterg\u00fcltig funktioniert zu haben. So hat Deutschland ein Offshoring betrieben ohne selbst auszubluten. Der Anteil der Industrie am BIP liegt seit Jahren konstant bei 30 Prozent, w\u00e4hrend er etwa in Japan (28%), Gro\u00dfbritannien (24%), den USA (22%) und Frankreich (20%) deutlich zur\u00fcckgegangen ist. Die forschungsintensiven T\u00e4tigkeiten werden zudem weiter bei uns durchgef\u00fchrt. Das hat auch eine k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.398664.de\/12-18-1.pdf\" target=\"blank\">Untersuchung des DIW<\/a> gezeigt. Eine Erkl\u00e4rung liefert eine von Heilmann und R\u00fcr\u00fcp zitierte Studie, wonach Unternehmen, die sich dem versch\u00e4rften Wettbewerb von China-Exporten ausgesetzt sehen, hernach mehr Patente anmelden, mehr FuE betreiben und mehr in moderne Informationstechnologie investieren als andere.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>F\u00fcnf Herausforderungen f\u00fcr Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>Die an das Globalisierungskapitel anschlie\u00dfenden L\u00e4nderberichte sollen der Aufgalopp zur eingangs erw\u00e4hnten 2030-Prognose sein, wirken aber eher wie ein Fremdk\u00f6rper. Nach der Weltmeister-Botschaft widmen sich die Autoren f\u00fcnf Herausforderungen f\u00fcr Deutschland. Die erste hat einen geradezu idealistischen Touch. Demnach sollen alle B\u00fcrger an den Ertr\u00e4gen der Globalisierung teilhaben. Dass dem derzeit nicht so ist, wird an der, gemessen am Gini-Koeffizient, wachsenden Ungleichheit von Einkommen und Verm\u00f6gen festgemacht, obgleich der Staat heute genauso viel umverteilt wie 1984. Die Autoren f\u00fchren auch die gestiegene Zahl der Armutsgef\u00e4hrdeten auf. Deshalb wird die These aufgestellt, dass in einer globalisierten Welt ein Anstieg von Wachstum und Wohlstand mit wachsender Ungleichheit erkauft werden. Man k\u00f6nnte es aber auch ehrlicher ausdr\u00fccken: Eine Verringerung der Ungleichheit hat seinen Preis. Geeignete Mittel f\u00fcr das Gleichheitsziel \u2013 hier herrscht unter \u00d6konomen meist Konsens \u2013 sind eine Erh\u00f6hung der Einkommensmobilit\u00e4t und eine Verringerung der Besch\u00e4ftigungsschwelle des Wachstums. Als Reformvorschl\u00e4ge fordern R\u00fcr\u00fcp und Heilmann einen Mindestlohn, neue Zuverdienst-Regeln f\u00fcr Empf\u00e4nger von Arbeitslosengeld II und ein Ende der Minijobs als Nebenjobs.<\/p>\n<p>Die zweite Herausforderung umfasst im Wesentlichen die demographische Entwicklung mit allen ihren Auswirkungen auf die Sozialversicherungssysteme und den Arbeitsmarkt. Der Altenquotient wird in den n\u00e4chsten 30 Jahren \u2013 anders als das BIP pro Kopf in den n\u00e4chsten 18 Jahren \u2013 so sicher emporsteigen wie allabendlich der Mond. Daraus haben und werden sich zuk\u00fcnftig enorme Tragf\u00e4higkeitsl\u00fccken aufbauen, die sogenannten impliziten Schulden. Die Autoren halten das blo\u00dfe Addieren zu den expliziten Schulden, wie es gerne praktiziert wird, zwar f\u00fcr \u201eintellektuell nicht redlich\u201c, da diese unverbrieft sind und daher durch Reformen abgebaut werden k\u00f6nnen. Das \u00e4ndere aber nichts daran, dass die impliziten Schulden eher heute als morgen angegangen werden sollten. Die gesetzliche Rentenversicherung sehen die Autoren f\u00fcr die n\u00e4chsten 10 Jahre reformiert. Ab 2030 wird man allerdings nicht um h\u00f6here Steuerzusch\u00fcsse und eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters herumkommen. Statt der derzeit diskutierten Zuschussrente s\u00e4hen Heilmann und R\u00fcrup lieber die Anrechnungsmodalit\u00e4ten bei der Grundsicherung im Alter modifiziert und f\u00fcr alle durch Sparen erworbenen Alterseinkommen einen Freibetrag. Bei der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung sehen die Autoren dagegen schwarz, auch wenn zumindest im ersten Fall der Anstieg der Ausgaben ged\u00e4mpft werden konnte:<\/p>\n<p>\u201eDie Einnahmeseite des \u00fcber Zwangsabgaben finanzierten Teils unseres Gesundheitssystems hat sich als weitgehend reformresistent erwiesen. Und daran wird sich auch erst einmal wenig \u00e4ndern (S. 194).\u201c<\/p>\n<p>Erfolgsversprechender sind da schon Reformen am Arbeitsmarkt. Das demographische Gespenst l\u00e4sst sich nach Meinung der Autoren am besten \u00fcber die Familien- und Bildungspolitik, weniger \u00fcber die Zuwanderung packen. Das soll zum einen \u00fcber eine Erh\u00f6hung der Frauen-Erwerbst\u00e4tigkeit und zum anderen \u00fcber eine Verringerung der Schulabbrecher-Quoten passieren. An beidem wird seit l\u00e4ngerem herumgedokert \u2013 insbesondere bei der Bildung mit wenig Erfolg. Doch viel mehr als ein kostenloses und verpflichtendes Kindergartenjahr vor der Schule findet sich auch bei Heilmann und R\u00fcr\u00fcp nicht. Innovativer ist das Realsplitting, das die Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen weiter steigern soll:<\/p>\n<p>\u201eDabei w\u00fcrden die Ehegatten individuell besteuert, aber der besserverdienende Partner k\u00f6nnte \u2013 wie dies bei Scheidungen der Fall ist \u2013 Transferleistungen an den schlechter verdienenden steuermindernd als Sonderausgaben absetzen, w\u00e4hrend die tats\u00e4chlichen oder fiktiven Unterhaltsleistungen im Gegenzug das steuerpflichtige Einkommen des empfangenden Partners erh\u00f6ht w\u00fcrden (S. 207).\u201c<\/p>\n<p>Die Herausforderungen Nummer drei und vier beziehen sich auf nachhaltig solide deutsche Staatsfinanzen und eine verbesserte internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Wirtschaft. Zur Erreichung der beiden Ziele kommt man um die Steuerstruktur nicht herum. Im ersten Fall fordern Heilmann und R\u00fcr\u00fcp eine Abschaffung der Ausnahmetatbest\u00e4nde, angefangen bei den erm\u00e4\u00dfigten Mehrwertsteuers\u00e4tzen bis hin zur Befreiung energieintensiver Unternehmen von der Energiesteuer. Wenn schon Steuererh\u00f6hungen, dann sollten die Substanzsteuern heraufgesetzt werden. Erbschafts-, Verm\u00f6gens- und Grundsteuern seien in Deutschland weit unterdurchschnittlich, hei\u00dft es in dem Buch.<\/p>\n<p>Im zweiten Fall \u2013 der verbesserten internationalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit \u2013 schlagen die Autoren eine steuerliche FuE-F\u00f6rderung vor. Demnach sollen alle in Deutschland ans\u00e4ssigen Unternehmen einen bestimmten Prozentsatz ihrer Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen als Gutschrift von ihrer Steuerschuld abziehen d\u00fcrfen. Dadurch soll der Verdrossenheit bei der aufw\u00e4ndigen Bewerbung um staatliche FuE-F\u00f6rderprogramme entgegengewirkt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die leidige E-Frage<\/strong><\/p>\n<p>Nunja, die f\u00fcnfte Herausforderung soll nicht vorenthalten werden: Den Euro retten und die europ\u00e4ische Integration vorantreiben. Die Vorschl\u00e4ge sind interessant, deren Analyse ist jedoch eine moderne Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme. Denn selbst die Prognosen vor der Fu\u00dfball-Europameisterschaft haben eine l\u00e4ngere Halbwertszeit als politische Absichtserkl\u00e4rungen in der E-Frage.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/3fb51b99f1ac4a53800b012029260cb8\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob wir uns Fu\u00dfball-Europameister 2012 nennen d\u00fcrfen, wissen wir sp\u00e4testens am 1. Juli, nachdem in Kiew das Finale abgepfiffen worden ist. 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