{"id":9405,"date":"2012-06-14T00:01:09","date_gmt":"2012-06-13T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9405"},"modified":"2012-06-13T21:13:16","modified_gmt":"2012-06-13T20:13:16","slug":"wie-okonomistisch-ist-die-mainstream-okonomik-wirklicheine-antwort-auf-ulrich-thielemann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9405","title":{"rendered":"Wie &#8222;\u00f6konomistisch&#8220; ist die Mainstream-\u00d6konomik wirklich?<br\/><small>Eine Antwort auf Ulrich Thielemann<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Ulrich Thielemann hat auf <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9219\">meinen Beitrag<\/a> zu seinem Memorandum <em><a href=\"http:\/\/www.mem-wirtschaftsethik.de\/memorandum-2012\/das-memorandum\/\">F\u00fcr eine Erneuerung der \u00d6konomie<\/a><\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.mem-wirtschaftsethik.de\/memorandum-2012\/repliken\/wirtschaftliche-freiheit\/\">prompte Replik<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Meine Antwort darauf hat, gerade an den zeitlichen Ma\u00dfst\u00e4ben des Internet gemessen, str\u00e4flich lange auf sich warten lassen \u2013 daf\u00fcr bitte ich um Entschuldigung. Ich glaube, da\u00df es sinnvoll ist, die methodische und die praktische Ebene getrennt zu diskutieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Zun\u00e4chst zur Methode<\/strong>. Thielemann betont nochmals eine Art von versteckter Normativit\u00e4t in der \u00d6konomik. Der Vorwurf besteht darin, da\u00df wir, wenn wir zum Beispiel von Rationalit\u00e4t sprechen, damit gleichzeitig ein bestimmtes, als rational geltendes Handel rechtfertigen. Das mag auf den ersten Blick so scheinen. Immerhin schwingt beim umgangssprachlichen Gebrauch von Begriffen wie &#8222;Rationalit\u00e4t&#8220; oder auch &#8222;Effizienz&#8220; die positive Bewertung meist automatisch mit. Tats\u00e4chlich ist das aber gerade beim Rationalit\u00e4tsbegriff nicht so.<\/p>\n<p>Wenn wir theoretisch von individuell rationalem Verhalten sprechen, dann meinen wir damit vor allem: unter den gegebenen Umst\u00e4nden von eigenn\u00fctzig motivierten Menschen zu erwartendes Verhalten. Es geht um den Versuch der Prognose und der Erkl\u00e4rung, nicht aber um Rechtfertigung. Ein v\u00f6llig triviales Beispiel: Jemand fragt mich, wie sich die Steuerhinterziehung entwickeln wird, wenn ein Bundesland die Zahl seiner Steuerfahnder halbiert. Darauf antworte ich, da\u00df individuell rationale Steuerzahler nun mit einer geringeren Kontrollwahrscheinlichkeit rechnen und wohl deutlich mehr Steuern hinterziehen werden. Oder noch k\u00fcrzer k\u00f6nnte ich sagen: In dieser Situation w\u00e4re es individuell rational, mehr Steuern zu hinterziehen!<\/p>\n<p>Aber das ist eine Prognose, ausgehend von einer bestimmten, f\u00fcr empirisch zutreffend gehaltenen Vermutung dar\u00fcber, wie sich Menschen im Durchschnitt verhalten, n\u00e4mlich erstens eher eigenn\u00fctzig und zweitens die Restriktionen ihrer Entscheidungssituation ber\u00fccksichtigend. Ich sage also, da\u00df der Anstieg der Steuerhinterziehung unter diesen Bedingungen erwartbar ist, aber nicht, da\u00df er gut ist. Wahrscheinlich k\u00f6nnen wir uns unter normalen Umst\u00e4nden, wenn Steuerzahlungen nicht gerade ein tyrannisches Regime finanzieren, schnell darauf einigen, da\u00df Steuerhinterziehung gesellschaftlich unerw\u00fcnscht ist. Dieses normative Urteil kommt aber nicht von mir als \u00d6konom, es mu\u00df aus einer gesellschaftlichen Diskussion heraus kommen. Und dann kann ich, ganz instrumentell, vielleicht ein paar Ratschl\u00e4ge geben, wie man Rahmenbedingungen individueller Entscheidungen so \u00e4ndert, da\u00df am Ende etwas weniger Steuerhinterziehung resultiert.<\/p>\n<p>Nun nehmen wir stattdessen einmal an, die Zahl der Steuerfahnder w\u00fcrde halbiert, das w\u00fcrde auch klar kommuniziert, jeder w\u00fc\u00dfte davon, aber das Ausma\u00df der Steuerhinterziehung w\u00fcrde sich nicht \u00e4ndern. Jetzt stehe ich mit meiner kleinen \u00f6konomischen Theorie scheinbar dumm da und sollte die Annahme des individuellen Rationalverhaltens wohl schnell aufgeben, oder? Nicht unbedingt; hier kommt die forschungsleitende Rolle der Rationalit\u00e4tsannahme ins Spiel. W\u00fcrde ich einfach sagen, da\u00df die Steuerzahler eben nicht rational sind und wohl zu dumm zu merken, da\u00df sie jetzt kaum noch kontrolliert werden, dann w\u00e4re der Erkenntnisgewinn ziemlich klein. Ich k\u00f6nnte aber auch die Rationalit\u00e4tsannahme beibehalten und mich auf die Suche nach Dingen in den Randbedingungen individuellen Verhaltens machen, die ich bisher vielleicht \u00fcbersehen habe, die aber f\u00fcr die fehlende Zunahme der Steuerhinterziehung verantwortlich sein k\u00f6nnten. Dinge wie soziale Normen, oder auch ein rational von individuellen Routinen anstatt st\u00e4ndigem Maximieren geleitetes Handeln.<\/p>\n<p>Schon stehe ich im weiten Feld der verhaltens\u00f6konomisch orientierten Finanzwissenschaft, die zwar im gro\u00dfen und ganzen diesen forschungsleitenden Kern der Rationalit\u00e4tsannahme beibeh\u00e4lt, aber ansonsten ein breites Spektrum ganz verschiedener Forschungsans\u00e4tze verfolgt, die sich die Optimalsteuerrechner vergangener Jahrzehnte wohl kaum vorstellen konnten. Aber es ist gerade diese forschungsleitende Rationalit\u00e4tsannahme, die die Forscher von naheliegenden, aber trivialen Erkl\u00e4rungen abh\u00e4lt und die sie stattdessen zwingt, eine Vielzahl verschiedene, interessantere und komplexere Ans\u00e4tze zu verfolgen.<\/p>\n<p>Ich denke man sieht, da\u00df es hier tats\u00e4chlich \u00fcberhaupt nicht darum geht, individuelles Verhalten zu rechtfertigen, indem man es rational nennt. Da\u00df ein Verhalten rational ist, entbindet mich \u00fcberhaupt nicht davon, mir Gedanken dar\u00fcber zu machen, ob es auch w\u00fcnschenswert ist. Es ist gut, wenn sich die Wirtschaftsethik mit dieser Frage besch\u00e4ftigt und wenn sie auch Verfahren sucht, mit denen Gesellschaften sich dar\u00fcber klar werden k\u00f6nnen, welches Verhalten sie w\u00fcnschenswert finden. Aber der n\u00e4chste Schritt w\u00fcrde dann wieder darin bestehen m\u00fcssen, Institutionen so zu gestalten, da\u00df dieses w\u00fcnschenswerte Verhalten m\u00f6glichst auch individuell rational ist.<\/p>\n<p>Damit d\u00fcrfte aber auch klar sein, da\u00df der Vorwurf Thielemanns fehlgeht, \u00d6konomen w\u00fcrden eine bestimmte Art von Erfolgsrationalit\u00e4t oder strategischem Handeln normativ rechtfertigen. Man denke nur an das klassische Externalit\u00e4tenproblem: Es geht doch gerade darum, einen Konflikt zwischen individuell und gesellschaftlich rationalem Verhalten aufzuzeigen. Oder allgemein: Konflikte zwischen verschiedenen Formen der Rationalit\u00e4t zu identifizieren, die gleichzeitig f\u00fcr sich Geltung beanspruchen.<\/p>\n<p><strong>Und damit kommen wir zur wissenschaftlichen Praxis.<\/strong> Ich stimme dem von Thielemann angef\u00fchrten Zitat von Joseph Stiglitz, der behauptet, wir \u00d6konomen seien Cheerleader der freien Marktwirtschaft, ausdr\u00fccklich nicht zu. Es ist zwar vermutlich so, da\u00df der durchschnittliche \u00d6konom die Funktionsweise des Preismechanismus insgesamt positiver beurteilt als der durchschnittliche B\u00fcrger (ich denke, darauf wollte Friedrich Breyer, der in diesem Zusammenhang ebenfalls von Thielemann zitiert wird, heraus). Das liegt vielleicht einfach daran, da\u00df \u00d6konomen sich damit l\u00e4nger und gr\u00fcndlicher besch\u00e4ftigt haben. Schl\u00e4gt man allerdings ein typisches, wohlfahrts\u00f6konomisch gepr\u00e4gtes Lehrbuch der Wirtschaftspolitik auf, so wird man mit einer nicht enden wollenden Liste m\u00f6glicher Marktversagenstatbest\u00e4nde konfrontiert, sowie mit Vorschl\u00e4gen, wie eine f\u00e4hige und wohlwollende Regierung diese korrigieren k\u00f6nnte. Der Vorwurf der blinden Marktgl\u00e4ubigkeit an den Mainstream der Volkswirtschaftslehre basiert auf Klischees und Vorurteilen schlecht informierter Kritiker \u2013 oder solcher, die absichtlich etwas flunkern, damit sie ihr neuestes Buch mit einem knackigeren Klappentext bei der Occupy-Bewegung besser verkaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im ersten Kommentar hatte ich Ulrich Thielemann ja schon einmal gefragt, ob er an einer aktuellen Ausgabe des American Economic Review die methodische Gleichschaltung und die Marktgl\u00e4ubigkeit der \u00d6konomen demonstieren k\u00f6nnte. Leider ist er nicht weiter darauf eingegangen. Ich sehe jedenfalls beim besten Willen in keinem der gro\u00dfen Journals das \u00fcberwiegen, was Thielemann als <em>\u00f6konomistische \u00d6konomik<\/em> beschreibt. Wenn jemand eine wissenschaftliche Disziplin grundlegend ver\u00e4ndern will, dann steht er, so meine ich, in einer Bringschuld zu zeigen, da\u00df es das \u00dcbel, welches er behauptet, auch wirklich gibt. Leider sehe ich hier aber nur Behauptungen, w\u00e4hrend die Inhalte der gro\u00dfen Journals ein ganz anderes Bild abgeben. Von anderen, hoch angesehenen und ausdr\u00fccklich heterodoxe Beitr\u00e4ge ermunternden Zeitschriften wie etwa dem <em>Journal of Economic Behaviour and Organization<\/em> gar nicht zu reden.<\/p>\n<p>Niemand bestreitet, da\u00df es in der Volkswirtschaftslehre wie in allen anderen Disziplinen schwierig ist, mit ganz neuen Ans\u00e4tzen gleich in die besten Zeitschriften zu kommen. Das liegt schon in der Natur des <em>peer review<\/em>, das eine nat\u00fcrliche H\u00fcrde f\u00fcr Neues ist, aber in allen Wissenschaften zum Publikationsverfahren geh\u00f6rt und kaum zu ersetzen ist. Oder m\u00f6chte Thielemann es durch ein anderes Verfahren ersetzen? Wenn ja, durch welches? Wie auch immer: Die Erfahrung zeigt, da\u00df neue Ans\u00e4tze auch diese H\u00fcrde nehmen k\u00f6nnen \u2013 die experimentelle Wirtschaftsforschung, die Verhaltens\u00f6konomik oder die Neue Politische \u00d6konomie sind Beispiele daf\u00fcr. Wieso schaffen es andere Ans\u00e4tze nicht? Liegt es wirklich an einer wissenschaftlichen Kartellbildung? K\u00f6nnte es auch an diesen Ans\u00e4tzen selbst liegen? Ist <em>peer review<\/em> in der \u00d6konomik wirklich mit gr\u00f6\u00dferen Problemen behaftet als in anderen Disziplinen? Und wieso? Es sind diese praktischen Fragen, bei denen die Butter aufs Brot m\u00fc\u00dfte, zu denen das Memorandum und seine Autoren wenig sagen. Aber welchen Wert hat eine Anklageschrift ohne Beweisf\u00fchrung?<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Thielemann hat auf meinen Beitrag zu seinem Memorandum F\u00fcr eine Erneuerung der \u00d6konomie eine prompte Replik ver\u00f6ffentlicht. 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