{"id":9461,"date":"2012-06-16T00:01:49","date_gmt":"2012-06-15T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9461"},"modified":"2012-08-09T05:54:28","modified_gmt":"2012-08-09T04:54:28","slug":"gastbeitragdie-eurokrise-aus-zukunftiger-retrospektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9461","title":{"rendered":"Die Eurokrise aus zuk\u00fcnftiger Retrospektive"},"content":{"rendered":"<p>Seit einer Reihe von Jahren haben Chronisten von Wirtschafts- und Finanzkrisen eine eigentlich beklagenswerte Hochkonjunktur. So wird der interessierte Leser immer wieder auf vergleichbare Muster hingewiesen, die beinahe an Bachs \u201eVariationen \u00fcber ein Thema\u201c erinnern, und sieht sich am Ende ein wenig erleichtert, denn \u00f6konomisch schlechte Zeiten erweisen sich zwanglos als keine Exklusivlast des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Andererseits zeigt jede Krise auch ihre idiosynkratischen Merkmale und so fragt man sich unwillk\u00fcrlich, was zuk\u00fcnftige Chronisten der heutigen Eurokrise als wichtigste Eigenheit dieser wirtschaftlich wie politisch verheerenden Entwicklung erfassen werden. Kandidaten daf\u00fcr gibt es wahrlich genug: Das trotz heftiger Kritik unverdrossene Durchziehen der Euro-Einf\u00fchrung, das alle Bedenken hintanstellende schnelle Wachstum der Eurozone bei gleichzeitig sehr gro\u00dfz\u00fcgiger Auslegung des Maastricht-Vertrags sowohl f\u00fcr bestehende als auch f\u00fcr neu in den erlauchten W\u00e4hrungsclub eintretende Mitglieder, die Beziehung zur Finanzkrise 2008\/09 \u2026 All dies erscheint durchaus nicht vernachl\u00e4ssigbar, d\u00fcrfte aber von einem weiteren Punkt aus der Sicht zuk\u00fcnftiger Retrospektive noch in den Schatten gestellt werden: Die v\u00f6llige Erosion der Sitten im Bereich wirtschaftlichen Handelns.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dass sich ein demokratisch konstituiertes Land in Friedenszeiten durch nachgewiesenen Betrug den Eintritt in eine W\u00e4hrungsunion sichert, ist schon stark; dass dies nach Bekanntwerden von dieser Union achselzuckend akzeptiert wird, macht sprachlos; dass diese Union dem Betr\u00fcger dar\u00fcber hinaus in wahnwitzigem Umfang hilft, die Basis des Betrugs zu verkraften und dabei die selbst auferlegten Regeln flagrant bricht, die Verleugnung eines wesentlichen Teils der Grundlagen stabiler wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Damit aber nicht genug: Nachdem multilateral ein pseudofreiwilliger Vergleich vereinbart worden ist, wird schnell eine \u201eCollective Action Clause\u201c nachtr\u00e4glich in Anleihebedingungen eingebaut, um diejenigen, die nicht \u201eunter Zwang freiwillig\u201c auf einen erheblichen Teil ihrer rechtlich unbestreitbaren Anspr\u00fcche verzichten, ganz ohne Umschweife einer faktischen Teilenteignung zu unterwerfen. Als dann die f\u00fcr einen \u201efreiwilligen\u201c Verzicht n\u00f6tige Quote erreicht wird, denkt man gar nicht daran, es dabei zu belassen, sondern zeigt unverhohlen, dass der unbedingte Schnitt ins Verm\u00f6gen aller Gl\u00e4ubiger die einzig intendierte Alternative war. Kronzeuge gef\u00e4llig? Nun, dann betrachte man nur einmal den damaligen griechischen Finanzminister Venizelos, der sich von den Medien zitieren lie\u00df, es sei &#8222;naiv&#8220; zu glauben, sein gesamtes investiertes Geld bei den nach griechischem Recht begebenen Papieren zur\u00fcckerhalten. Von da ist es nur noch ein Katzensprung bis zur von anderer Seite nachgeschobenen Begr\u00fcndung, dass dieses Vorgehen n\u00f6tig sei, um unsolidarischem Verhalten nicht zum Erfolg zu verhelfen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wird man unversehens an das ber\u00fchmte Bonmot von Carl F\u00fcrstenberg erinnert, Aktion\u00e4re seien dumm und frech. Dumm, weil sie ihr Geld anderen Leuten ohne ausreichende Kontrolle anvertrauen, und frech, weil sie Dividenden fordern, also f\u00fcr ihre Dummheit auch noch belohnt werden wollen. Jetzt sind es freilich nicht mehr die Aktion\u00e4re, die sich doch bitte m\u00f6glichst schweigsam von ihren h\u00f6chsten Angestellten auspl\u00fcndern lassen sollen, sondern Anleger, die dumm genug sind, ihr Geld in europ\u00e4ische (!) Staatsanleihen zu stecken, und dann noch so frech, um nicht zu sagen unversch\u00e4mt, auf der vereinbarten Bedienung ihrer Anspr\u00fcche zu beharren. Der Schuldturm ist Vergangenheit, der Gl\u00e4ubigerturm die Zukunft!<\/p>\n<p>Da wundert es schon gar nicht mehr, dass nach den Wahlen die gerade unterzeichneten Vertr\u00e4ge von neu ins Rampenlicht tretenden Parteien sofort wieder infrage gestellt und unverhohlene Drohungen in den Raum gestellt wurden, die bereits dramatisch reduzierten Schulden endg\u00fcltig nicht mehr zu bezahlen, wenn man den unbestreitbaren Interessen Griechenlands nicht weiter entgegen kommt. Man darf hoch darauf wetten, dass schon bald andernorts unbestreitbare Interessen als Begr\u00fcndung f\u00fcr die Verweigerung von Schuldendienst ins Feld gef\u00fchrt werden, wenn dieses Verhalten auch nur m\u00e4\u00dfigen, aber immerhin erkennbaren Erfolg zeigt.<\/p>\n<p>Um keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen zu lassen: Staatspleiten hat es beliebig viele gegeben und Versuche, eigenem Laster und Versagen einen moralischen Anstrich zu geben, ebenfalls. Die neue und f\u00fcr eine unbestimmte Zukunft bedenkliche Qualit\u00e4t besteht darin, dass eine demokratisch legitimierte Regierung dieses Verhalten offen zur Schau tr\u00e4gt und ihre nicht minder demokratisch legitimierten Partner in der Eurozone dies allenfalls als Randnotiz goutieren. Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die zahlenunterlegten Probleme der W\u00e4hrungsunion, deren Zehnerpotenzen eher an Astronomie als an \u00d6konomie erinnern, wird diese Erosion in ein ruin\u00f6ses Wechselspiel einm\u00fcnden: Einerseits w\u00fcrde im richtigen Leben niemand mit Leuten zusammenarbeiten, die sich wie die Repr\u00e4sentanten Griechenlands auff\u00fchren, andererseits kann von gemeinen B\u00fcrgern wohl nicht mehr Anstand und Moral erwartet werden als von h\u00f6chsten Staatsvertretern, noch dazu \u00f6ffentlich und von h\u00f6chstem Belang \u2026<\/p>\n<p>Momentan bleibt nur, die n\u00e4chsten Entwicklungen einschlie\u00dflich der unmittelbar bevorstehenden zweiten Wahl in Griechenland abzuwarten. Vielleicht setzt sich dort wie auch im Rest der Eurozone doch noch ein Rest an Verst\u00e4ndnis f\u00fcr elementare Notwendigkeiten einer wirtschaftlichen wie auch politischen Ordnung durch. Immerhin hat der oberste griechische Steuerfahnder j\u00fcngst Kritik der IWF-Chefin Lagarde an den Verh\u00e4ltnissen in seinem Land best\u00e4tigt. Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung und er ist nicht nur Griechenland sondern auch seinen europ\u00e4ischen Partnern zu w\u00fcnschen, denn versch\u00e4mtes Dulden ist im Ergebnis genauso verheerend wie unversch\u00e4mtes Handeln. Was die zuk\u00fcnftige Retrospektive angeht, bleibt freilich dennoch die gro\u00dfe Gefahr, dass die moralische Erosion als eigentliches Wesensmerkmal der Eurokrise in die Geschichte eingeht.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einer Reihe von Jahren haben Chronisten von Wirtschafts- und Finanzkrisen eine eigentlich beklagenswerte Hochkonjunktur. 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