{"id":9688,"date":"2012-07-12T00:01:33","date_gmt":"2012-07-11T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9688"},"modified":"2012-07-12T05:39:27","modified_gmt":"2012-07-12T04:39:27","slug":"was-bringt-die-leitzinssenkung-der-ezb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9688","title":{"rendered":"Was bringt die Leitzinssenkung der EZB?"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Donnerstag (5. Juli 2012) senkte die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen auf ein historisch niedriges Niveau. Der Hauptrefinanzierungssatz wurde um 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 Prozent gesenkt. In gleichem Ausma\u00df sanken auch der Spitzenrefinanzierungssatz auf 1,50 Prozent und der Zinssatz, den Banken f\u00fcr Einlagen bei der EZB erhalten, auf 0 Prozent. Begr\u00fcndet wurden diese Ma\u00dfnahmen von EZB-Pr\u00e4sident Mario Draghi mit einer Eintr\u00fcbung der konjunkturellen Erwartungen f\u00fcr die Eurozone bei einem gleichzeitig nachlassenden Preisdruck. Eine verbesserte konjunkturelle Situation k\u00e4me dabei insbesondere den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenl\u00e4ndern zugute, f\u00fcr die im zweiten Halbjahr 2012 negative Wachstumsraten von bis zu f\u00fcnf Prozent (Griechenland) erwartet werden. Durch ein h\u00f6heres Wirtschaftswachstum k\u00f6nnten sie sowohl ihre Besch\u00e4ftigungsprobleme als auch ihre Verschuldungssituation verbessern, da die entsprechenden Schuldenquoten auf das (nominale) Bruttoinlandsprodukt bezogen werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Welche Wirkungen sind nun von diesen Ma\u00dfnahmen zu erwarten? In konjunktureller Hinsicht bestehen erhebliche Zweifel, ob die Leitzinssenkung um 0,25 Prozentpunkte expansive Impulse auszul\u00f6sen vermag. Als Reaktion auf den weitgehenden Zusammenbruch des Interbankenmarktes ging die EZB bereits im Herbst 2008 dazu \u00fcber, ihre Offenmarktoperationen in Form von Mengentendern bei voller Zuteilung und nicht mehr als Zinstender durchzuf\u00fchren. Dies hat zur Konsequenz, dass sich die Banken in jedem beliebigen Umfang zu dem jeweils geltenden Leitzins \u2013 nun also zu 0,75 Prozent \u2013 bei der EZB refinanzieren k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus reduzierte die EZB die Anforderungen an diejenigen Wertpapiere, die von den Banken als Sicherheit im Zusammenhang mit der Refinanzierung bei ihr hinterlegt werden m\u00fcssen, im Laufe der (Krisen-)Zeit drastisch. Seit dem 23. Juni 2009 wurden erstmals Offenmarktoperationen mit einer Laufzeit von einem Jahr durchgef\u00fchrt. Diese Entwicklung hin zu l\u00e4ngeren Laufzeiten fand ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt in zwei Tranchen (\u201eDicke Berta\u201c), in deren Rahmen den Banken am 22. Dezember 2011 Refinanzierungsmittel in H\u00f6he von 489 Mrd. Euro und am 1. M\u00e4rz 2012 in H\u00f6he von 530 Mrd. Euro f\u00fcr die Dauer von nunmehr drei Jahren bereitgestellt wurden. All diese Ma\u00dfnahmen machen deutlich, dass es gegenw\u00e4rtig keineswegs an Liquidit\u00e4t im Bankenbereich mangelt. Die Leitzinssenkung f\u00fchrt lediglich dazu, dass die ohnehin reichlich vorhandene und im Prinzip unlimitierte Liquidit\u00e4t \u201enur\u201c noch etwas billiger geworden ist. In Einzelf\u00e4llen mag dies denjenigen Banken nutzen, die insbesondere in den Krisenl\u00e4ndern auf eine Refinanzierung durch die (nationalen) Notenbanken oder die EZB angewiesen sind.<\/p>\n<p>Ob eine Leitzinssenkung um 0,25 Prozentpunkte (bei bereits niedrigem Leitzinsniveau) in der gegenw\u00e4rtigen Situation allerdings, selbst wenn sie vollst\u00e4ndig an die Kreditm\u00e4rkte weitergegeben wird, zu erh\u00f6hten Investitionen f\u00fchren, ist h\u00f6chst zweifelhaft, da die gegenw\u00e4rtigen Probleme eher nachfrage- und weniger angebotsbedingt erscheinen. Ausschlaggebend f\u00fcr die schwache Kreditnachfrage sind insbesondere schlechte Ertragserwartungen \u2013 ausgel\u00f6st durch ein politisches Kurieren an den Symptomen der Staatsschuldenkrise, ohne gleichzeitig oder stattdessen die Ursachen selbst zu bek\u00e4mpfen. Indiz daf\u00fcr mag auch die Reaktion der Aktienm\u00e4rkte und des Eurokurses gegen\u00fcber dem US-Dollar bilden. In beiden F\u00e4llen sanken die Kurse nach der Verk\u00fcndung der neuen Ma\u00dfnahmen deutlich. Die von EZB-Pr\u00e4sident Draghi unter anderem erhoffte positive Beeinflussung der Erwartungen privater Wirtschaftssubjekte erscheint vor diesem Hintergrund ebenfalls unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass mit Hilfe der Geldpolitik bestenfalls vor\u00fcbergehende reale Strohfeuereffekte ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. L\u00e4ngerfristig wird sich eine expansive Geldpolitik hingegen \u00fcberwiegend in einem Anstieg der Inflationsrate niederschlagen.<\/p>\n<p>Auch der Hinweis darauf, dass durch die Senkung des Einlagenzinses auf 0 Prozent die Einlagen bei der EZB unattraktiver w\u00fcrden, ist wenig \u00fcberzeugend. Grund f\u00fcr die Einlagen bei der EZB sind wohl weniger die zu erzielenden Zinsen, die auch bisher mit 0,25 Prozent bereits sehr niedrig lagen, sondern das mangelnde Vertrauen in andere Banken und damit die Funktion der EZB als \u201esicherer Hafen\u201c. Es ist also der Sicherheitsaspekt, der gegenw\u00e4rtig dazu f\u00fchrt, dass der geringe Zinsertrag \u00fcberkompensiert wird und \u2013 wie Abbildung 1 zeigt \u2013 die Bankeinlagen bei der EZB in der j\u00fcngsten Vergangenheit auf \u00fcber 800 Mrd. Euro ansteigen lie\u00df. Diese Einlagenh\u00f6he ist mehr als doppelt so hoch als nach der Lehman-Pleite im September 2008 und zu Beginn der Staatsschuldenkrise 2010. Hierdurch werden die tiefe Verunsicherung im Bankenbereich und die Zerr\u00fcttung des Interbankenmarktes deutlich, denen sicherlich nicht durch eine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte begegnet werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/einl_ezb\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Einlagen bei der EZB\" src=\"\/wordpress\/bilder\/einl_ezb\" alt=\"Einlagen bei der EZB\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Den erhofften positiven Wirkungen einer expansiven Geldpolitik stehen auf der anderen Seite aber auch neue Probleme und Gefahren gegen\u00fcber. So hat die \u201eFlutung\u201c der Geldm\u00e4rkte zu historisch niedrigen Zinsen dazu gef\u00fchrt, dass gerade von s\u00fcdeurop\u00e4ischen Banken in erheblichem Umfang h\u00f6her verzinste heimische Staatsanleihen gekauft wurden. Damit steigt aber auch die Gefahr, dass eine solch expansive Geldpolitik die Anpassungsprozesse und den notwendigen Strukturwandel sowohl im realwirtschaftlichen als auch im Banken-Bereich noch weiter verz\u00f6gert oder sogar zum Aufbau neuer Ungleichgewichte und Blasen beitr\u00e4gt. Auf diese Problematik hat in der j\u00fcngsten Vergangenheit auch die <a href=\"http:\/\/www.bis.org\/publ\/arpdf\/ar2012e.htm\">Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich<\/a> (BIZ) hingewiesen.<\/p>\n<p>Die Zinssenkung wirkt dar\u00fcber hinaus auch im internationalen Bereich und damit auf den Wechselkurs des Euros gegen\u00fcber Drittl\u00e4ndern. F\u00fchrt dies zu einer Abwertung des Euros, wird man diese Entwicklung sicherlich billigend in Kauf nehmen, da es zu einer h\u00f6heren Auslandsnachfrage nach europ\u00e4ischen Produkten kommen k\u00f6nnte. Ferner kann aber auch ein zus\u00e4tzlicher Anreiz entstehen, Anlagen in der Schweiz vorzunehmen. Dies wird es aber f\u00fcr die Schweizerische Nationalbank noch schwieriger machen, ihre Wechselkursuntergrenze von 1,20 Franken f\u00fcr den Euro zu verteidigen. Bereits im Mai 2012 stiegen ihre W\u00e4hrungsreserven (interventionsbedingt) im Gegenwert von etwa 70 Mrd. Franken und im Juni nochmals im Gegenwert von weiteren rund 60 Mrd. Franken. Die j\u00fcngste Leitzinssenkung der EZB k\u00f6nnte diesen Druck nun noch weiter verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Sinken die Leitzinsen auf oder nahe null Prozent, so bedarf es alternativer geldpolitischer Ma\u00dfnahmen, die man h\u00e4ufig unter dem Begriff der \u201equantitativen Lockerung\u201c zusammenfasst. Da die Wirkungen einer solchen Geldpolitik jedoch weitgehend unbekannt sind, schlugen namhafte \u00d6konomen wie Willem Buiter und Gregory Mankiw als Alternative negative Leitzinsen vor. F\u00fcr einen Kredit bei der Notenbank \u00fcber 100 Geldeinheiten m\u00fcsste die Bank dann \u2013 etwa bei einem Leitzins von minus f\u00fcnf Prozent \u2013 nur noch 95 Geldeinheiten zur\u00fcckzahlen. Diese spezielle Variante der traditionellen Geldpolitik w\u00fcrde zwar auf der einen Seite dazu f\u00fchren, dass die Kreditzinsen entsprechend weit fallen und damit realwirtschaftliche Investitionen m\u00f6glicherweise lohnender w\u00fcrden. Auf der anderen Seite w\u00fcrde aber auch der Sparzins negativ werden und damit jeder Anreiz erlahmen, Geld bei der Bank anzulegen. Letztlich st\u00fcnden keine Geldbetr\u00e4ge mehr zur Verf\u00fcgung, die die Bank wiederum an Unternehmen und Haushalte ausleihen k\u00f6nnte. Diese Entwicklung versuchen Buiter und Mankiw durch verschiedene Varianten von \u201eStrafsteuern\u201c auf Bargeldhaltung zu verhindern. Eine Variante \u2013 das sogenannte Schwundgeld \u2013 geht auf den deutschen \u00d6konomen Silvio Gesell zur\u00fcck. Dabei verliert das Bargeld in bestimmten zeitlichen Abst\u00e4nden einen immer gr\u00f6\u00dferen Teil seines Wertes. Vorgeschlagen wurde diese Ma\u00dfnahme von Gesell, um die Umlauf-geschwindigkeit des Geldes und damit die Nachfrage in der Wirtschaft anzukurbeln. Diese Variante kommt heute bereits zum Teil bei inoffiziellem Parallelgeld etwa in Form von Regionalw\u00e4hrungen zum Einsatz (vgl. dazu R\u00f6sl 2005). Andere Auspr\u00e4gungen einer solchen Strafsteuer w\u00e4ren etwa ein \u201eWechselkurs\u201c (ungleich eins) zwischen Bar- und Buchgeld oder eine zuf\u00e4llige Bargeldvernichtung, indem Geldscheine mit einer bestimmten Endnummer f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt werden. All diese Vorschl\u00e4ge sind zwar theoretisch denkbar, lassen sich aber wohl kaum im Rahmen der praktischen Geldpolitik umsetzen.<\/p>\n<p>Sowohl die (weitere) Leitzinssenkung als auch die \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgige Bereitstellung von Liquidit\u00e4t erh\u00f6hen ferner das l\u00e4ngerfristige Inflationspotential f\u00fcr die Eurozone. Gegenw\u00e4rtig sinkende Inflationsraten stehen dieser Einsch\u00e4tzung nicht entgegen, da die Geldpolitik typischerweise erst mit erheblichen zeitlichen Verz\u00f6gerungen wirkt. Die inflation\u00e4ren Gefahren einer solchen Politik m\u00f6gen bei traditionellen Offenmarktoperationen vermeintlich geringer sein, da die in der Regel kurzfristig (f\u00fcr einen Monat) bereitgestellte Liquidit\u00e4t im Falle des Aufschwungs m\u00f6glicherweise schneller wieder vom Markt genommen werden kann. Dies ist aber bei Offenmarktoperationen mit einer Laufzeit von drei Jahren, die mittlerweile einen Anteil von etwa 55 Prozent an der Geldbasis der Eurozone umfassen, deutlich schwieriger. Dar\u00fcber hinaus steht zu bef\u00fcrchten, dass die EZB und andere Notenbanken in der Aufschwungphase sehr lange warten werden, bis man die geldpolitischen Z\u00fcgel wieder anzieht \u2013 denn keine der beteiligten Notenbanken wird sich vorwerfen lassen wollen, den Aufschwung fr\u00fchzeitig wieder abgew\u00fcrgt zu haben. Abschlie\u00dfend scheint ferner bedenkenswert, dass die EZB die gegenw\u00e4rtige Krise mit genau derjenigen (expansiven) Geldpolitik zu bek\u00e4mpfen versucht, die zumindest teilweise eine Ursache f\u00fcr den Ausbruch der urspr\u00fcnglichen Finanzkrise darstellte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>R\u00f6sl, Gerhard (2005): Regionalw\u00e4hrungen in Deutschland, in: <em>Wirtschaftsdienst<\/em>, 85. Jahrgang, 2005, S. 182-190.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Donnerstag (5. Juli 2012) senkte die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen auf ein historisch niedriges Niveau. 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