{"id":9722,"date":"2012-07-18T00:01:44","date_gmt":"2012-07-17T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9722"},"modified":"2012-07-18T19:12:55","modified_gmt":"2012-07-18T18:12:55","slug":"junge-ordnungsokonomikmehr-wettbewerb-auf-dem-ratingmarktmogliche-hindernisse-und-wirkungen-auf-die-ratingqualitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9722","title":{"rendered":"<small>Junge Ordnungs\u00f6konomik<\/small><br>Mehr Wettbewerb auf dem Ratingmarkt<br><small>M\u00f6gliche Hindernisse und Wirkungen auf die Ratingqualit\u00e4t<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Die Ratingagenturen werden seit der Finanzmarktkrise 2007\/08 sowie in der aktuellen europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise stark kritisiert. Daher werden Ma\u00dfnahmen gefordert, die einerseits den Einfluss der Agenturen auf den internationalen Finanzm\u00e4rkten reduzieren sollen. Andererseits sollen Vorkehrungen getroffen werden, die zu einer Steigerung der Ratingqualit\u00e4t f\u00fchren. Eine sowohl in der \u00d6ffentlichkeit und in der Politik als auch in der Wissenschaft diskutierte Ma\u00dfnahme betrifft die Steigerung des Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt. Begr\u00fcndet wird dies zum einen durch die beschr\u00e4nkt oligopolistische Marktstruktur mit den dominanten Ratingagenturen Moody\u00c2\u00b4s, S&amp;P und Fitch. Zum anderen wird konstatiert, dass ein mangelnder Wettbewerb unter den etablierten Ratingagenturen die Wirkung der Reputation auf die Ratingqualit\u00e4t einschr\u00e4nkt. Allerdings unterbleibt in der aktuellen Diskussion eine kritische Analyse, inwiefern ein erfolgreicher Markteintritt einer neuen Ratingagentur \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Zudem wird die Wirkung einer Wettbewerbsintensivierung auf die Qualit\u00e4t eines Ratings nur ungen\u00fcgend betrachtet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Markteintrittsbarrieren neuer Ratingagenturen<\/strong><\/p>\n<p>Zur erfolgreichen Etablierung einer neuen Ratingagentur m\u00fcssen die Eintrittsbarrieren auf dem Ratingmarkt \u00fcberwunden werden. Diese werden sowohl durch die Spezifika des Ratingmarktes und der Ratingerstellung als auch durch politische Vorgaben hinsichtlich der Nutzung von Ratings bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Reputation als Signaling-Instrument<\/em><\/p>\n<p>Die Ratingqualit\u00e4t ist f\u00fcr einen Ratingnutzer erst ex post beobachtbar. Durch diese Gegebenheit kann ein Rating als ein Vetrauens- bzw. Erfahrungsgut charakterisiert werden. Folglich erh\u00f6ht sich durch das Erstellen einer konstant guten Ratingqualit\u00e4t die Reputation einer Ratingagentur. Diese stellt f\u00fcr die Ratingagentur ein Signal zur Bereitstellung von richtigen und glaubw\u00fcrdigen Bonit\u00e4tseinsch\u00e4tzungen dar. Da allerdings der Aufbau der Reputation eine langj\u00e4hrige und h\u00e4ufige Ratingerstellung voraussetzt, wird darin ein \u201eEarly-Mover-Advantage\u201c der bereits etablierten Ratingagenturen Moody\u00c2\u00b4s, S&amp;P und Fitch gesehen. Infolgedessen f\u00fchrt die Bedeutung der Reputation auf dem Ratingmarkt zu einer erheblichen Markteintrittsbarriere. Das \u00dcberwinden dieser Markteintrittsbarriere stellt f\u00fcr eine neue Ratingagentur eine gro\u00dfe Herausforderung dar. Allerdings kann durch die Bereitstellung von unbeauftragten Ratings der Aufbau von Reputation erm\u00f6glicht werden. Daf\u00fcr muss die neue Ratingagentur jedoch mit gen\u00fcgend Startkapital ausgestattet sein. Die Schwierigkeit der Beschaffung von ausreichend Kapital zeigt sich anhand der Probleme bei der angek\u00fcndigten Gr\u00fcndung einer Ratingagentur durch Roland Berger. Da Privatinvestoren nur unzureichend zur Investition in eine private Ratingagentur bereit sind, stellt sich die Frage nach alternativen Finanzierungsm\u00f6glichkeiten. Eine staatliche Beteiligung an einer Ratingagentur ist mit der Gefahr verbunden, dass dadurch besonders im Hinblick auf die Bewertung von Staatsanleihen Interessenkonflikte auftreten k\u00f6nnen. Dies w\u00fcrde wiederum dem Aufbau von Reputation entgegenwirken und somit einen effektiven Markteintritt erschweren bzw. verhindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Netzwerkeffekte und Wechselkosten<\/em><\/p>\n<p>Neben der Bedeutung der Reputation f\u00fcr einen erfolgreichen Markteintritt haben die Netzwerkeffekte einen Einfluss auf die Markstruktur. Begr\u00fcndet wird dies durch die von Investoren pr\u00e4ferierte Konsistenz sowie Vergleichbarkeit der Bonit\u00e4tseinsch\u00e4tzung. Zus\u00e4tzlich erh\u00f6ht sich der Nutzen der Anleger mit steigender Anzahl und Verbreitung von Ratings einer Agentur. Da das Erreichen einer weiten Ratingverbreitung mit hohen Kosten verbunden ist, stellen diese Netzwerkeffekte \u201eSunk-Costs\u201c dar. Verst\u00e4rkt wird die Bedeutung der Netzwerkeffekte f\u00fcr einen erfolgreichen Markteintritt durch hohe Wechselkosten der Investoren bei einer m\u00f6glichen Abkehr von einer etablierten Ratingagentur. So stellt ein Rating f\u00fcr einen Investor einen Kreditrisikostandard dar. Ein Wechsel von diesem Standard f\u00fchrt auf Seiten der Investoren zu Wechselkosten in Form einer Qualit\u00e4tsunsicherheit der neuen Ratingagentur. Da bereits etablierte Ratingagenturen unbeauftragte Ratings mit der Zielsetzung einer vollst\u00e4ndigen Marktabdeckung erstellen, ist fragw\u00fcrdig, inwiefern ein erfolgreicher Markteintritt einer Ratingagentur aufgrund der ausgepr\u00e4gten Netzwerkeffekte der etablierten Agenturen m\u00f6glich ist. Selbst durch das kostenintensive Erstellen von unbeauftragten Ratings d\u00fcrfte diese Eintrittsbarriere nicht \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Lernkurveneffekt<\/em><\/p>\n<p>Eine weitere Markteintrittsbarriere f\u00fcr neue Ratingagenturen wird auf Lernkurveneffekte bei der Ratingerstellung zur\u00fcckgef\u00fchrt. Aufgrund langj\u00e4hriger Erfahrungen bei der Bonit\u00e4tsbeurteilung konnten die bereits etablierten Ratingagenturen die Effizienz ihres Ratingsystems stetig erh\u00f6hen. Diese laufende Verbesserung der Ratingqualit\u00e4t resultiert schlussendlich in einer Reputationssteigerung, wodurch die Eintrittsbarriere neuer Ratingagenturen wiederum erh\u00f6ht wird. Diese lernkurvenbedingte Erh\u00f6hung der Reputation ist folglich an die Qualit\u00e4t und Erfahrung von Ratinganalysten gebunden. Durch die Akquirierung von erfahrenen Ratinganalysten kann diese Markteintrittsbarriere somit \u00fcberwunden werden. Allerdings muss beachtet werden, dass Ratingagenturen mit der Finanzindustrie um erfahrene Analysten konkurrieren. Dies d\u00fcrfte die Gewinnung von qualitativ hochwertigen Ratinganalysten erschweren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Regulatorische Einbettung von Ratings<\/em><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu diesen marktendogenen Eintrittsbarrieren wird die Struktur des Ratingmarktes durch die Etablierung einer ratingbasierten Finanzmarktregulierung exogen beeinflusst. Durch das Erf\u00fcllen gewisser Kriterien f\u00fcr bankaufsichtsrechtliche und regulatorische Zwecke durch die Ratingagenturen wird die Marktzugangsbarriere f\u00fcr neue Agenturen erh\u00f6ht. Zwar wird die Eigenverantwortlichkeit der Bonit\u00e4tseinsch\u00e4tzung von Banken durch Basel III betont, jedoch wird die Eigenkapitalunterlegung von Banken und Sparkassen weiterhin an die Bonit\u00e4tseinsch\u00e4tzung von Ratingagenturen gekoppelt. Auch die Anerkennungspflicht der Agenturen bleibt erhalten. Infolgedessen besteht die regulierungsbedingte Markteintrittsbarriere weiterhin. Da der Ratingmarkt allerdings bereits vor der Implementierung einer ratingbasierten Finanzmarktregulierung stark konzentriert war, d\u00fcrfte die Einbettung der Ratings in die Finanzmarktregulierung die Marktstruktur lediglich verfestigt haben. Zus\u00e4tzlich konnte selbst eine Steigerung der zu regulatorischen Zwecken zugelassenen Ratingagenturen den Wettbewerb nicht intensivieren.<\/p>\n<p>Zur \u00dcberwindung dieser Markteintrittsbarriere wird die M\u00f6glichkeit einer gesetzlich vorgeschriebenen Ber\u00fccksichtigung der Ratings einer neuen Agentur bei der Eigenkapitalunterlegung von Banken und Sparkassen diskutiert. Von einer solchen Ma\u00dfnahme ist jedoch abzuraten. Zwar werden dadurch die Bonit\u00e4tseinsch\u00e4tzungen dieser Agentur ber\u00fccksichtigt, allerdings basiert dies nicht auf der Ratingqualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eZwei-Rating-Norm\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine weitere H\u00fcrde zu einem erfolgreichen Markteintritt einer neuen Ratingagentur kann neben der regulatorischen Einbettung von Ratings auf die Entwicklung einer \u201eZwei-Rating-Norm\u201c zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Urs\u00e4chlich hierf\u00fcr sind neben aufsichtsrechtlichen Bestimmungen auch Richtlinien sowie Handelsgebr\u00e4uche der Investoren. So muss bspw. eine Fremdkapitalemission in den USA \u00fcber mindestens zwei Ratings verf\u00fcgen. Da bereits etablierte Agenturen aufgrund ihrer langj\u00e4hrigen Erfahrung und der damit einhergehenden Reputation zur Bonit\u00e4tsbewertung herangezogen werden, wird dadurch wiederum der Markteintritt neuer Agenturen erschwert.<\/p>\n<p>Aufgrund des Einflusses der dargelegten Spezifika des Ratingmarktes ist zu erwarten, dass die Implementierung einer neuen Ratingagentur mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. So deutet ein Blick auf die aktuelle Anzahl der Ratingagenturen (130-150) bereits darauf hin, dass die Etablierung eines Gegenwichts zu den Agenturen Moody\u00c2\u00b4s, S&amp;P und Fitch nicht ohne weiteres m\u00f6glich bzw. notwendig ist. F\u00fcr einen erfolgreichen Markteintritt einer neuen Ratingagentur d\u00fcrfte allerdings eine umfangreiche Kapitalbasis unabdingbar sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wettbewerb und Ratingqualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Wenngleich die Markteintrittsbarrieren einem erfolgreichen Markteintritt einer neuen Ratingagentur gegen\u00fcberstehen, besteht das \u00fcbergeordnete Ziel einer Wettbewerbsintensivierung in einer Erh\u00f6hung der Ratingqualit\u00e4t. Zwar wird diese Zielsetzung anhand der st\u00e4rkeren disziplinierenden Wirkung der Reputation in einem Wettbewerbsmarkt theoretisch korrekt abgeleitet (die Reputationstheorie basiert auf der Annahme eines Wettbewerbsmarktes). Allerdings werden m\u00f6gliche Faktoren, die einer Erh\u00f6hung der Ratingqualit\u00e4t durch steigenden Wettbewerb auf dem Ratingmarkt entgegenstehen, meist nicht beachtet. So wird gerade in einer oligopolistischen Marktstruktur die M\u00f6glichkeit der Erstellung von objektiven Ratings gesehen. Begr\u00fcndung findet dies in einer geringen Abh\u00e4ngigkeit der Agenturen von einzelnen Emittenten &#8211; selbst bei der Verg\u00fctung der Ratings durch die Emittenten. Stattdessen besteht bei zunehmender Konkurrenz die Gefahr des \u201eRating-Shoppings\u201c, indem die Emittenten jene Agentur zur Bonit\u00e4tsbewertung beauftragen, welche die besten Ratings f\u00fcr den Kapitalnehmer erstellt. Infolgedessen erh\u00f6ht sich das Risiko eines \u201eRace-to-the-Bottom\u201c, wenn sich mit zunehmender Konkurrenz auf dem Ratingmarkt ein Wettbewerb um das f\u00fcr den Emittenten beste Rating ergibt. Best\u00e4tigung findet diese Argumentation durch empirische Arbeiten: Einerseits weist ein monopolistischer Ratingmarkt eine h\u00f6here Effizienz als ein duopolistischer Markt auf. Dies wird auf das steigende Risiko des \u201eRating-Shoppings\u201c mit einer zunehmenden Anzahl von Ratingagenturen begr\u00fcndet (Bolton, O.\/ Freixas, X.\/ Shapiro, J. (2009): The Credit Ratings Game. In: NBER Working Paper Series, Nr. 14712). Andererseits wurde anhand der Analyse des Markteintritts der Ratingagentur Fitch sowohl eine Verschlechterung der Ratingqualit\u00e4t als auch eine Verringerung der Korrelation zwischen Ausfallwahrscheinlichkeit eines Finanztitels und des Ratings nachgewiesen (Vgl. Becker, B.\/ Milbourn, T. (2011): How did Increased Competition Affect Credit Ratings? In: Journal of Financial Economics, Jg. 101, H. 3, S. 493-514). Auch im Hinblick auf die Schw\u00e4chen der Ratings f\u00fcr strukturierte Finanzprodukte wird der aktuellen Wettbewerbssituation lediglich eine verst\u00e4rkende Rolle beigemessen. Vielmehr kann die geringe Ratingqualit\u00e4t auf die Komplexit\u00e4t dieser Finanzprodukte zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Folglich kann die geforderte Zielsetzung einer Wettbewerbsintensivierung nicht nur theoretisch in Frage gestellt werden: Die Empirie gibt deutliche Hinweise, dass politische Ma\u00dfnahmen zur Steigerung des Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt nicht automatisch in einer Steigerung der Ratingqualit\u00e4t resultieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Kein un\u00fcberlegter Aktionismus<\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund der ausgepr\u00e4gten Markteintrittsbarrieren sind durch die Etablierung einer neuen Ratingagentur erhebliche Kosten zu erwarten. Da aufgrund einer m\u00f6glichen Qualit\u00e4tsverschlechterung der Ratings durch einen zunehmenden Wettbewerb selbst die Steigerung des gesellschaftlichen Nutzens fragw\u00fcrdig ist, sind die politischen Ma\u00dfnahmen zur Wettbewerbssteigerung eher kritisch einzusch\u00e4tzen. Hingegen sollte eine Verringerung der regulierungsbedingten Nachfrage nach Ratings verfolgt werden. Dadurch wird einerseits die Wirkung der Reputation als Disziplinierungsmechanismus zur Erstellung qualitativ hochwertiger Ratings gest\u00e4rkt. Andererseits impliziert diese Ma\u00dfnahme einen Abbau der aufsichtsrechtlich bedingten Markteintrittsbarriere.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><em>Theurl, T.\/ Sch\u00e4tzle, D.<\/em> (2012): Reformvorschl\u00e4ge f\u00fcr Ratingagenturen: Eine Analyse von Anreizen, Interessen und Restriktionen. In: <em>M\u00fcller, C.\/ Trosky, F.\/ Weber, M.<\/em>(Hrsg.)(2012): \u00d6konomik als allgemeine Theorie menschlichen Verhaltens. Grundlagen und Anwendung. Schriften zu Ordnungsfragen der Wirtschaft. Band 94, S. 101 \u2013 130.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ratingagenturen werden seit der Finanzmarktkrise 2007\/08 sowie in der aktuellen europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise stark kritisiert. 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