{"id":9801,"date":"2012-08-07T00:01:05","date_gmt":"2012-08-06T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9801"},"modified":"2022-08-17T07:14:25","modified_gmt":"2022-08-17T06:14:25","slug":"die-entdeckung-der-okonomiewarum-die-feuilletons-sich-fur-wirtschaft-interessieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9801","title":{"rendered":"Die Entdeckung der \u00d6konomie<br\/><small>Warum die Feuilletons sich f\u00fcr Wirtschaft interessieren<\/small>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorbemerkung:<\/strong> Die Feuilletons haben die \u00d6konomie nicht erst in der Finanz- und Staatsschuldenkrise entdeckt. Die Feuilletons waren immer schon (einerlei in welcher Zeitung, auch in der FAZ) tendenziell links, nahmen Kapitalismuskritik (aber nicht: Kapitalismusaffirmation) als Teil ihres Gesch\u00e4ftsmodell, waren im Zweifel eher staatsnah, aber weniger marktfreundlich und f\u00fchlten sich als Anw\u00e4lte des guten, wahren und sch\u00f6nen Lebens gegen die K\u00e4lte und Ungerechtigkeit der Wirtschaftswelt. Das Feuilleton hat zwar einerseits Respekt vor der Welt der Wirtschaft (weil es meint, diese sei schwer verst\u00e4ndlich, es sich aber auch relativ wenig um das Verst\u00e4ndnis bem\u00fcht), f\u00fchlt sich ihr aber zugleich stilistisch, \u00e4sthetisch und philosophisch \u00fcberlegen. Einzige Ausnahm war m.W. die Zeit der New Economy in den Neunzigerjahren. Damals kauften auch Kulturredakteure Aktien von Pixelpark und Lion Bioscience und waren ein wenig vers\u00f6hnt mit dem Kapitalismus, weil er die Chance, reich zu werden nun auf einmal verband mit dem Gef\u00fchl, Avantgarde zu sein. Anyway: Das Verh\u00e4ltnis zwischen Wirtschaftsteil und Feuilleton befand sich immer in einer produktiven Spannung (auch und gerade in der FAZ) und befriedigt damit nicht nur die Streitlust der Redaktion, sondern zudem unterschiedliche Lesergruppen und \u2013bed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Warum hat die professionelle \u00d6konomie in den Massenmedien an Kredit verloren?<\/strong><\/p>\n<p>Hatte sie je viel Kredit? Und hat sie ihn verspielt? Ich sehe drei Aspekte:<\/p>\n<p>&#8211; die \u00d6konomie hat lange Zeit zu wenig getan, den Eindruck zu korrigieren, sie sei vor allem eine <strong>prophetisch-prognostische Wissenschaft<\/strong>. Breite Aufmerksamkeit finden und fanden die \u201eWeisen\u201c und die Wirtschaftsforschungsinstitute, die sagen, wo es k\u00fcnftig lang geht mit BIP, Arbeitsmarkt etc. Als dann niemand die Finanzkrise hat kommen sehen (au\u00dfer Herrn Roubini nat\u00fcrlich) lie\u00df sich der \u00d6konomie vorwerfen, sie habe, gemessen am prophetischen Versprechen, versagt. Dass Deirdre McCloskey und andere den prophetischen Anspruch fr\u00fch schon ironisiert haben (\u201eif economists are so smart, why ain&#8217;t they rich?\u201c) wurde nicht zur Kenntnis genommen. Dass \u00d6konomen nach Ausbruch der Finanzkrise sich pl\u00f6tzlich auf McCloskeys Satz zur\u00fcck zogen, wurde ihnen dann, nicht ganz zu unrecht, als billige Ausrede \u00fcbel genommen. Freilich: Dass \u00d6konomen die Euro- und Staatsschuldenkrise einigerma\u00dfen pr\u00e4zise vorher gesagt haben (von Starbatty \u00fcber Feldstein bis Krugman e tutti quanti) zeigt, dass sie irgendwie doch prognostische F\u00e4higkeiten haben, wenn sie dar\u00fcber nachdenken, welche politischen Folgen \u00f6konomische Fehlanreize haben.<\/p>\n<p>&#8211; die \u00d6konomie hat es nicht verstanden, den <strong>Unterschied zwischen \u201epro market\u201c und \u201epro business\u201c <\/strong>deutlich zu machen und das \u201eEntmachtungsverfahren\u201c des Marktes als freiheitsgenerierendes Programm zu pr\u00e4sentieren (vgl. Rajan\/Zingales: Saving Capitalism from the Capitalists und nat\u00fcrlich die ganze Freiburger Schule, insb. Franz B\u00f6hm). \u201eWirtschaft\u201c ist im Deutschen zweideutig: der Begriff meint die \u00d6konomie als Reflexionswissenschaft und er meint die Wirtschaftswelt, wie sie etwa im Firmenteil der Zeitungen vorkommt. Das Publikum (auch das gebildete) h\u00e4lt die \u00d6konomie f\u00fcr Business-Affirmation. Deshalb st\u00f6\u00dft die These von Alberto Alesina, \u201ethat the left should love liberalism\u201c, hierzulande auf kopfsch\u00fcttelndes Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>&#8211; die herrschende \u00d6konomie hat sich in <strong>dogmenhistorischer Selbstvergessenheit<\/strong> nach ihrer enzyklop\u00e4disch sch\u00e4dlichen Trennung aus der Staatswissenschaft von der Moralphilosophie verabschiedet. Bei Adam Smith und seinesgleichen war das bekanntlich noch anders. Wer sich aber vom moralischen Anspruch verabschiedet, muss sich nicht wundern, wenn andere in diese Marktl\u00fccke sto\u00dfen und ihre Produkte und Erkenntnisse gegen die \u00d6konomie wenden (und daf\u00fcr viel Beifall erhalten). Weil die \u00d6konomie die Frage nach dem \u201eguten Leben\u201c als un- oder vorwissenschaftlich qualifizierte und ihre Beantwortung auf ewig suspendierte, muss sie einigerma\u00dfen hilflos zur Kenntnis nehmen, dass andere Wissenschaften der \u00d6konomie die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr das gute Leben nicht nur absprechen, sondern nachzuweisen suchen, ihre Inhalte seien dem guten Leben sogar abtr\u00e4glich (BIP gegen Gl\u00fcck, das Bed\u00fcrfnis nach Leisure etc.).<\/p>\n<p><strong>2. Wie reagieren die Medien?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie\u201c Medien reagieren eigentlich ganz vern\u00fcnftig. Meine Kollegin Lisa Nienhaus z.B. hat zur Finanzkrise ein sehr ruhig argumentierendes Buch geschrieben (\u201eDie Blindg\u00e4nger. Warum die \u00d6konomen auch k\u00fcnftige Krisen nicht erkennen werden\u201c. Frankfurt 2009), wo sie zeigt, warum \u00d6konomen unf\u00e4hig oder unwillig waren, die den M\u00e4rkten inh\u00e4renten Instabilit\u00e4ten zu erkennen und sie auch das Erpressungspotential der sogenannten \u201eSystemrelevanten\u201c nicht sahen. Medien berichten auch weiterhin ausf\u00fchrlich \u00fcber alles, was \u00d6konomen zu den aktuellen Krisen zu sagen haben (man muss nur den Namen Hans-Werner Sinn googeln). Weil aber \u00d6konomen gottlob stets dreiarmig und nicht einm\u00fctig sind, kommen auch deren unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen stets zur Darstellung. Intellektuell gesehen ist diese Krise eine wahre Lust \u2013 und gute Zeitungen sorgen in allen ihren B\u00fcchern daf\u00fcr, dass die Debatte mit ihren jeweils st\u00e4rksten Argumenten auch an den Leser kommt.<\/p>\n<p>Allerdings hat die \u00d6konomie zunehmend Konkurrenz bekommen von anderen Wissenschaften, die ihr den Monopolanspruch zur Erkl\u00e4rung von M\u00e4rkten streitig machen. Ich nenne beispielhaft nur Jens Beckert und Wolfgang Streeck zur Soziologie und Polit\u00f6konomie des Sp\u00e4tkapitalismus, Joseph Vogl zur (literaturwissenschaftlichen) Fiktionalit\u00e4t von M\u00e4rkten oder\u00c2\u00a0 David Graeber zur anthropologischen Gr\u00fcndung von Schulden und Kredit. Diese Themen werden von den Medien breit rezipiert. Wenn \u00d6konomen darauf reagieren mit dem beleidigten Argument, dies sei alles keine \u201erichtige\u201c Theorie, dann riecht eine solche moralisierende Haltung nach Neid, wie Thomas Ehrmann und Aloys Prinz (FAZ vom 16. Mai) vermuten. Von Ehrmann\/Prinz stammt auch eine listige Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens der neuen feuilletonistischen \u00d6konomik: Dort werde eine Nachfrage nach \u201emoralisch einwandfreien Erkl\u00e4rungen und Bewertungen des Zeitgeschehens\u201c befriedigt (\u201econceptual consumption\u201c), die vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten zunehme (Sinnstiftung im Chaos, Suche nach Schuldigen etc.). Im Sinne meines Hinweises auf die moralphilosophische Abstinenz der \u00d6konomie (s.o.) w\u00e4re es f\u00fcr die \u00d6konomie angebracht und an der Zeit, die Eindimensionalit\u00e4t der neuen Kapitalismuskritik zu hinterfragen. Dazu m\u00fcsste sie sich aber kundig auf die philosophische Ebene begeben. Skidelsky\/Skidelsky (How much is enough? London 2012) tun das aus keynesianischer Sicht (\u201eeconomic possibilities for our grandchildren\u201c\u009d). Ein liberaler, nicht-paternalistischer Entwurf auf der H\u00f6he der Zeit steht aus. Nicht nur die Wirtschaftsteile, auch die Feuilletons der Zeitungen w\u00fcrden ihn gerne und bereitwillig debattieren. Ein Lichtblick zum Schluss: \u00d6konomen haben in der Krise die Wirtschafts- und Ideengeschichte (wieder)entdeckt: http:\/\/faz-community.faz.net\/blogs\/fazit\/archive\/2012\/07\/28\/clio-rettet-uns.aspx<\/p>\n<p><em>(Der Text fu\u00dft auf einem Papier, vorgelegt zur Tagung \u201e<\/em><em>\u00d6konomie im Lichte von Kulturwissenschaften\/ Literatur\/ Feuilleton\u201c von Joachim Starbatty und J\u00fcrgen Wertheimer vom 27. bis 29. Juli in Isny. F\u00fcr kritisch-konstruktive Kommentare danke ich Patrick Bernau und Gerald Braunberger)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Die Feuilletons haben die \u00d6konomie nicht erst in der Finanz- und Staatsschuldenkrise entdeckt. 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